Der Neue Merker

„Classical Opera“: SCHWANDA DER DUDELSACKPFEIFFER / IRRELOHE

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Sony wird in der Reihe „Classical Opera“ im September weitere 10 Titel veröffentlichen, teils lang vergriffene Juwelen des überreichen Opern-Backkatalogs akustisch bestens aufbereitet:

Donizetti: Gemma di Vergy: Montserrat Caballe, Paul Plishka, Luis Lima, Louis Quilico, Schola Cantorum, Opera Orchestra of New York, Eve Queler

Donzetti: Lucia di Lammermoor: Lily Pons, Richard Tucker, Frank Guarrera, Norman Scott, Thomas Hayward, Thelma Votipka, James McCracken, Metropolitan Opera Orchestra, Fausto Cleva

Mozart: Der Schauspieldirektor: Reri Grist, Judith Raskin, Richard Lewis, Sherrill Milnes, Leo McKern, English Chamber Orchestra, Andre Previn

Orff: Catulli Carmina: Janice Harsanyi, Richard Kness, Temple Universitiy Chorus, Philadelphia Orchestra, Eugene Ormandy

Puccini: Il Tabarro: Leontyne Price, Placido Domingo, Sherrill Milnes, John Alldis Choir, New Philharmonia Orchestra, Erich Leinsdorf

Rossini: Tancredi: Marilyn Horne, Lella Cuberli, Ernesto Palacio, Nicola Zaccaria, Bernadette Manca di Nissa, Orchestra del Teatro La Fenice di Venezia, Ralf Weikert

Tschaikowsky: Pique Dame: Wieslaw Ochman, Stefka Evstatieva, Penka Dilova, Stefania Toczyska, Sofia Festival Orchestra, Emil Tchakarov

Verdi: Aida: Leontyne Price, Placido Domingo, Sherrill Milnes, Grace Bumbry, Ruggero Raimondi, Hans Sotin, John Alldis Choir, London Symphony Orchestra, Erich Leinsdorf

Ich habe mir zwei erstaunliche, höchst empfehlenswerte Raritäten angehört:

JAROMÍR WEINBERGER: SCHWANDA DER DUDELSACKPFEIFFER Sony 2 CDs

Popp, Jerusalem, Prey, Nimsgern, Killebrew, Münchner Rundfunkorchester, Wallberg

„Ein Musikus ist überall beliebt. Musik ist Freude. Freude wird bezahlt.“ Bandit Babinsky

Echte Volksopern gibt es nicht viele und schon gar nicht vom Format und der Qualität dieses Schwanda: 1927 am Nationaltheater in Prag uraufgeführt. Bis 1931 wurde die Oper über 2000 Mal aufgeführt und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auch an der Wiener Volksoper gab es eine beachtliche Produktion in den 80-er Jahren, in Dresden wurde die Premiere 2012 zum einem Trumpf (auch auf CD nachzuhören). Es wäre nun Zeit, diese aus rassischen Gründen der Kulturpolitik der Nazis zum Opfer gefallene geniale Oper wieder auf breiter Basis zu entdecken, Auch dank der hervorragenden Studioproduktion von CBS aus München, die Sony nun neu auflegt. 

Schwanda strotzt nur so vor lauter böhmisch-seliger Polkas und Furiants à la „Die Verkaufte Braut“, sie bietet höchste – seinem letzten Lehrer Reger in Leipzig zu verdankende – Kontrapunktkünste, einen spätromantischen Orchesterrausch wie sonst nur Korngold und Zemlinsky ihn glühen ließen, folkoristische Verve mit dem komplex-rhythmischen Raffinement eines Janacek und revuehaften Operettenschwung, wie man das nur in Wien, Berlin oder am Broadway für möglich gehalten hätte.  Dazu gesellen sich ein einzigartiger Reichtum an schöpferischer Inspiration, skurril-märchenhafte Genreszenen, rhetorischer Witz und teuflisch-diebisch augenzwinkerndes Schelmentum. Herz und Ohren gehen einem darob über.

Worum geht es? Wie Wagners Meistersinger und ihr Held Hans Sachs hatten auch die Spielleute Böhmens eine historische Entsprechung im 17. Jahrhundert in der Stadt Strakonice. Dort gab es den Wochenendmusikanten, Schwanda, der sonst seinen bäuerlichen Hof bestellte. Man nehme dazu ein junges Eheglück, einen Räuber wie Robin Hood, eine Königin Eisherz, einen gelangweilten Teufel und mische diese Zutaten zu einem surrealen Libretto (Milos Kares), von Max Brod genial ins Deutsche übertragen. 

Freilich geht es im Kern um die Magie von Musik, deren Kraft und Magie samt so manch unerwünschter Nebenwirkung: Da muss unser Schwanda schon mal seine ganze Kunst aufbieten, um dem Scharfrichter zu entgehen oder seine Cornemuse leidenschaftlich dudeln lassen, um der Hölle zu entkommen. Die Ouvertüre sowie die zwei Zwischenaktmusiken können es mit den besten Eingebungen von Dvorak und Smetana aufnehmen. Das wussten schon Dirigenten wie Reiner, Karajan, Mitropoulos, Kempe, Scherchen oder Ormandy, die alle die Polka oder Fuge für Schallplatte aufgenommen haben. 

Die Aufnahme aus der Konzerthalle des Bayerischen Rundfunks  aus 1979/1980 mit den Kräften des Chors des Bayerischen Rundfunks, einem bestens disponierten Münchner Rundfunkorchester unter der leidenschaftlichen Stabführung von Heinz Wallberg kann mit einer Traumbesetzung aufwarten: Hermann Prey gibt mit rotgoldenem Bariton einen Schwanda voller Kraft, Poesie und Überschwang, die brillante Lucia Popp seine Frau Dorota. Hat überhaupt irgend eine lyrische  Sopranistin schöner und exquisiter gesungen/geklungen als Frau Popp?  Siegfried Jerusalem, der damals für alle „Tenorwurzen“ (z.B. Goldmarks Königin von Saba) engagiert wurde, reüssiert als Edelgauner in Gamaschen mit intensivem Ausdruck und heldisch charakteristischem Timbre. An wenigen exponierten Stellen gerät er an seine Grenzen, wobei das in Anbetracht der überzeugenden Gesamtleistung völlig irrelevant ist. Die bayreuthgestählte Gwendolyn Killebrew (Waltraute unter Boulez) singt eine zuerst depressive, dann exotisch passionierte Königin, die zuerst den musikalischen Wunderheiler Schwanda heiraten will, als dann aber seine liebreizende Ehefrau Dorota auftaucht, die beiden mittels Axt ins Jenseits befördert haben will. Siegmund Nimsgern ist ein köstlich gelangweilter Chef der Höllenbewohner, eine dem Falschspiel verfallener Schuft der Sonderklasse mit schwarz-süffigem Bass.

Fazit: Eine Oper voller melodiösem Reichtum, grandios origineller Musik zwischen Tradition und Moderne. Eigentlich müsste dieses auch für Kinder bestens geeignete  Album bei Gemütskrankheiten aller Art von Ärzten verschrieben und den Krankenkassen bezahlt werden. Sicher gesünder als Medikamente und wahrscheinlich auch kostengünstiger.

FRANZ SCHREKER: IRRELOHE Sony 2 CDs

Pabst, Simic, DeVol, Randova, Pederson, Zednik, Wiener Symphoniker, Gülke

live Großer Musikvereinssaal Wien, 15.3.1989

Inspiriert auf einer Bahnfahrt von Dresden nach Nürnberg, als der Zug auf dem Bahnhof Irrenlohe der Stadt Schwandorf hielt, verfasste Schreker alsbald das gruselige an Edgar Allen Poe und E.T.A Hoffmann erinnernde Libretto innerhalb von drei Tagen: Ein fluchbeladenes Geschlecht, das der Verbindung eines verrückten Grafen mit einer Nixe (!) entstammt, ist dazu verdammt, in sexueller Entäußerung junge Bräute aus dem Dorf zu vergewaltigen. Dazu gibt es noch einen irren Hochzeitsspieler – Christobald – (herausragend als pyromanischer „Racheengel“ Heinz Zednik), der jedes Jahr gemäß dem Motto „Nur durch Feuer kann Frieden werden“ ordentlich zündelt. Einst wollte er Lola ehelichen, bevor diese entführt und entehrt wurde. Last and least kommt eine Eifersuchtsgeschichte rund um die Försterstochter Eva, die vom jungen Grafen Heinrich und dem Sohn der Schankwirtin Lola, Peter (Frucht der Vergewaltigung des alten Grafen, somit Heinrichs Halbbruder) gleichermaßen begehrt wird. Am Ende Hochzeit Evas mit Heinrich, Eifersucht, Zweikampf, Tod Peters, das Schloss Irrelohe brennt, Heinrich und Eva schreiten in den Morgen ihrer jungen Liebe. Da könnte man eigentlich schon aufhören und sagen: eine drittklassige abstruse „Sex and Crime“ Liebesgeschichte mit einer Art Happy End. Tja, wäre da nicht die schillernd irisierend glutvolle Musik; nicht zuletzt die drei Vorspiele und die Verwandlungsmusik im zweiten Akt reißen den Hörer mit. Gewaltig wie Elektra und Salome, mächtig beeindruckend wie Wagner. 1924 wurde die Oper unter der Leitung von Otto Klemperer in Köln uraufgeführt. 2004, 80 Jahre nach der Uraufführung, gab es eine Premiere an der Wiener Volksoper.

„Der sparsame Text gestattet die Dehnung des Wortes zum klingenden gesungenen Ton, sein vollständiges Verstummen gebiert das sprechende und selbstständig in das Drama eingreifende Orchester“, schrieb Schreker. In der Tat ist es eine sehr “symphonische” Oper, die nach großen dramatischen Stimmen verlangt. Dem Dirigenten Peter Gülke sei Dank, sorgt er doch mit den Wiener Symphonikern für einen differenzierten, transparenten und doch hochromantisch üppigen Klang. Das erlaubt dem sehr guten Ensemble, alle in vielen dramatischen Rollen erfahren, von deklamatorisch kraftvoll bis hochdramatisch ekstatisch zu singen. Am schwersten ist die Tenorpartie des Grafen Heinrich, die von Michael Pabst beeindruckend mit einer heldisch metallisch-hellen “Bacchus Stimme” gestaltet wird. Seine Eva ist bei Luana DeVol gut aufgehoben. Die amerikanische Sängerin, lange dem Ensemble der Oper Mannheim angehörig,  singt erstaunlich lyrisch, klingt angenehm frisch und jugendlich, vermag aber auch mit mächtigen Höhen zu faszinieren. Goran Simic kann als Förster drauflosorgeln, eine der schöntimbriertesten Baritonstimmen, Monte Pederson, ist in der Rolle des unglücklichen Peter eine Labsal. Eva Randova und Heinz Zednik belegen als Lola und Christobald einmal mehr ihre hohe Kunst und außerordentlichen Rang in der Interpretation fordernder Charakterrollen. 

Die Tonqualität ist gut, wenngleich nicht brillant. Irrlohe ist eine ideale Oper für Tonträger, ich denke dieses Stück ist wirklich kaum ohne gröbere Peinlichkeiten auf die Bühne zu bringen. Daher dieses Album anhören und die Musik genießen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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