Der Neue Merker

Christiane LIBOR: „Das Mädchen mit dem frühen Berufswunsch“.

Christiane Libor, das Mädchen mit dem frühen Berufswunsch

Interview am 17.6.2016 in Wien (Online-Merker-Galerie)

Christiane Libor, gebürtige Berlinerin, wurde nicht gerade in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Für die Eltern (der Vater war Graphiker, die Mutter Krankenschwester) war aber Fritz Wunderlich das Maß der künstlerischen Dinge – und so landete zu allen passenden Gelegegenheiten eine Scheibe des so früh verstorbenen Jahrhunderttenors auf dem Plattenteller der Familie Libor. Tochter Christiane war davon derart fasziniert, dass sie sich bereits im Alter von fünf Jahren entschloss, Sängerin zu werden. Nun sind Berufswünsche in diesem zarten Alter in den meisten Fällen nicht ernst zu nehmen, umso bemerkenswerter ist es, wenn dieser Berufswunsch später doch realisiert wird. Die Brüder von Christiane Libor wurden  Handwerksmeister, wohl auch deshalb unterstützten die Eltern den doch sehr riskanten Berufswunsch ihrer Tochter. Heute ist Mutter Libor stolz auf ihre Tochter, kann es auch sein!


Christiane Libor vor dem Gespräch in der Galerie des Online-Merker. Copyright: Barbara Zeininger

Christiane Libor tritt mit einer erfrischenden „Erdigkeit“ auf. Sie akzeptiert den in Räumen des „Online-Merker „üblichen“ Sekt (auch wenn sie nur daran nippt), mit Leitungswassertrinkern tue ich mich immer etwas schwerer. Sie spricht auch ziemlich offen, kommt sogar von sich aus auf die Produktion zu sprechen, die ich im Gespräch aussparen wollte. Der „Festwochen-Fidelio“ im Theater an der Wien ist eine sehr umstrittene Produktion, bei der es die Sänger nicht leicht haben. Christiane Libor sagt jedoch kein böses Wort über den Regisseur Achim Freyer (im Gegenteil), obwohl sie sich auf Dmitri Tcherniakov schon gefreut hat.

Christiane Libor gingen hymnische Kritiken voraus, eben deshalb habe ich bereits zu Beginn der Wiener Probenarbeiten den Wunsch nach einem Interview deponiert. Stattgefunden hat es dann nach der zweiten Vorstellung. Die Kritiken in Wien waren durchwachsen (es waren aber auch sehr gute dabei, aber Wien ist eben ein „harter Boden“), die Sängerin nimmt jede Meinung der Rezensenten mit bemerkenswerter Gelassenheit hin. Nur so überlebt man in der Spitzenklasse, zu der ich sie als schon seit längerer Zeit zähle. Schließlich muss ich unzählige Kritiken aus aller Welt lesen, um meinen Lesern einen Überblick zu verschaffen. 2017 wird sie übrigens die „Isolde“ an der Bayerischen Staatsoper singen, in einem Haus, in dem Waltraud Meier in dieser Rolle  unauslöschliche Spuren hinterlassen hat. Diese Isolde wird wohl der nächste wichtige Schritt in der künstlerischen Laufbahn der Christiane Libor sein, auch wenn sie sich selbst damit nicht unter Druck setzen lassen will.


Christiane Libor: Mein erstes Ziel habe ich bereits erreicht, ich habe dort gesungen, wo ich unbedingt singen wollte. Was jetzt noch kommt ist Draufgabe. Copyright: Barbara Zeininger

Ich möchte die von Christiane Libor genannten Häuser nicht anführen, sonst fühlt sich ein Intendant womöglich „auf den Schlips getreten“ – aber da sind schon bedeutende Operhäuser dabei, auch in den USA (in Seattle sang sie Fidelio und Ariadne auf Naxos, ln Washington die Senta).

Christiane Libor entwickelte sich kontinuierlich vom lyrischen zum dramatischen Sopran. Ihr Gesangsstudium (Oper und Lied) absolvierte sie an der renommierten Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin bei Anneliese Fried. Bedeutende Gesangspädagogen haben sie maßgebend beeinflusst wie Dietrich Fischer-Dieskau, Júlia Várady und Brigitte Fassbaender. Sie nahm an Meisterkursen bei Edith Mathis, Peter Schreier, Hans Hotter sowie Josef Protschka teil. 1999 debütierte sie als Erste Dame in Die Zauberflöte an der Nationale Reisopera in Enschede und sang auch dort die Agathe in Der Freischütz. Es folgten Engagements an den Opernhäusern von Augsburg, Hamburg, Hannover, Innsbruck, Berlin, Nürnberg, Karlsruhe, Graz, Zürich, Paris, New York, Straßburg und anderen mehr.

Die erste große Chance bot ihr  Louwrens Langevoort mit seinem „reisenden Opernhaus“ in den Niederlanden (Erste Dame, Agathe). Dann kam rasch die Hamburgische Staatsoper, ein Haus, dem sie viel verdankt. Christiane Libor war nie in einem Hausensemble, wagte somit den riskanten Schritt auf den freien Markt, an dem manche schon gescheitert sind. Sie gilt in Insiderkreisen als absolut vertragstreu, hat schon lukrative Angebot ausgeschlagen, weil sie anderswo engagiert war.


In Leipzig hat Christiane Libor die letzte der Brünnhilden erarbeitet, sie „hat nun alle drei drauf!“. Copyright: Barbara Zeininger.

Auch in Österreich hat Christiane Libor schon oft und gerne gastiert (noch nicht an der Staatsoper, aber das kann ja noch werden), sie sang in ihren frühen Jahren an der Volksoper, Graz war mit der Tannhäuser-Elisabeth und auch der Venus (leider nicht an einem Abend) eine wichtige Station, Innsbruck (in Person von Brigitte Fassbaender) holte sie erstmals für Wagners „Liebesverbot“.Ddieses seltene Werk sang sie auch – wie „Die Feen“  in Leipzig.

Vor kurzem sang Christiane Libor in Leipzig eine umjubelte „Sieglinde“, eine Woche danach dann die bereits erwähnte „Götterdämmerung-Brünnhilde“, womit Leipzig zu einer ganz wichtigen Station in der Karriere von Christiane Libor wurde.  Die „Siegfried-Brünnhilde hat sie bisher nur in Stuttgart gesungen „Brünnhilden“, aber den „Ring“ hat sie nun voll „intus“. (Gutrune war sie zuvor schon in Paris) .

Was kommt? Über ungelegte Eier soll man nicht reden – also reden wir über gelegte: Die bereits erwähnte „Isolde“ in München steht 2017 an. Die Staatsoper Stuttgart hat für 2018 zur „Kundry“ in „Parsifal“ eingeladen. Sehr freut sie sich schon auf die Brünnhilde in der rekonstruierten Salzburger „Karajan-Walküre“ in Peking im nächsten Jahr.

Sie gibt aber auch bereits ihr Wissen an den Sängernachwuchs weiter. Die Musikhochschule in Karlsruhe zählt zu den besten in Deutschland und somit in ganz Europa). Dort hat Christiane Libor eine Professur inne, die sie einerseits mit viel Freude, allerdings auch mit einer gewissen Nachdenklichkeit erfüllt, wird doch dort über berufliche Schicksale junger Menschen befunden.

Christiane Libor ist gut ausgelastet und zufrieden mit dem bisher Erreichten. Aber sie ist noch zu jung, um sich mit damit zufrieden zu geben.

Rollenträume? Mittelfristig würde sie gerne „Tosca“ singen, aber als Deutsche hat sie da keinen leichten Stand. Später, bevor die Karriere dem Ende entgegen geht, würde sie gerne die „Färberin („Die Frau ohne Schatten“) und auch die „Elektra“ verkörpern.

Was die Häuser betrifft, an denen sie gerne singen würde, ist ihr zwar keine Bemerkung zu entlocken, aber es wäre aus meiner Sicht unnatürlich, wenn sie nicht von den Opernhäusern träumen würde, die ja doch auf dem Wunschzettel jedes Sängers stehen!

Das Gespräch mit Christiane Libor führte Anton Cupak am 17.6.2016 in der Galerie des Online-Merker!

 

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