Der Neue Merker

CHOPIN, CHOPIN, CHOPIN – Empfehlenswerte Neuerscheinungen

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CHOPIN, CHOPIN, CHOPIN – Empfehlenswerte Neuerscheinungen

Frédéric Chopin: VALSES – MARTIN IVANOV – spektakuläres Debüt GRAMOLA CD

Alles Walzer! Erstaunlich, wie ein junger Bulgare die 17 berühmten Walzer von Chopin im Grunde so unendlich tänzerisch angeht, als hätte er alle Zeit seines Lebens auf Wiener oder Pariser Bällen verbracht. Da stimmt alles: Seliger Schwung, Rubati, Sentiment, unmerkliches Innehalten und umso forscheres Drehen. Man höre nur den einleitenden Walzer in Es-Dur und schon ist der Hörer mitten in diesem verträumten musikalischen Universum gefangen. Natürlich weiss Ivanov um den Konzertcharakter, das Virtuose und Brillante, ja Weltumspannende dieser über die bloße Form des Tanzes weit hinausgehenden Stücke. Die unendliche Melancholie in der Valse in A-Moll, das Leichte, Spielerische und Unbeschwert-Träumerische des Walzers in F-Dur, das Perlend-Schwebende und doch Rasante im „Minutenwalzer“ in Des-Dur. Mit welch unfehlbarer Technik, welch hohem Musikantentum und traumwandlerischer Stringenz im Vortrag Martin Ivanov sich all diese Walzer angeeignet hat, ist atemberaubend. Da braucht sich der Hörer keine Sorgen um die richtigen inneren Proportionen oder die optimale Balance in den Tempi machen. Alles atmet, keine Sekunde kommt das Gefühl von Virtuosität und Kunstfertigkeit als Selbstzweck auf. Mit dem Pedal geht er sparsam um. Und dort, wo es allzu gefühlig werden könnte, wie etwa im „Abschiedswalzer“ in As-Dur, da spannt Ivanov einfach die Flügel auf und lässt diese Valse als Reminiszenz an ein Adieu golden aus der Ferne schimmern. Nicht nur die Franzosen werden diese CD lieben. Top!

Chopin: LES ÉTATS D‘ÂME, 24 Préludes OP. 28, Sonate Nr.  2, OP. 35 – JULIEN BROCAL, RUBICON CD – noch ein faszinierendes Tonträger-Debüt

Julien Brocal ist ein fantasievoller nachdenklicher Poet auf dem Flügel. Wie der begabte Südfranzose in den 1838/1839 entstandenen Kompositionen (die aufkeimende Beziehungen zu George Sand und der katastrophale Winter auf Mallorca waren hier im wahrsten Sinne des Wortes tonangebend) die Gemütslagen des Komponisten offenlegt, wie Brocal einen großen erzählerischen Bogen über die 24 großteils pianistischen Miniaturen der Préludes spannt, und dennoch jede wechselnde Stimmung, jeden Ausdruck überaus präzise trifft, zeugt von großer Intuition und lyrischem Sinn. Die leisen, feinen Töne, das gekonnte Wechselspiel zwischen Zurückhaltung und Loslassen bestimmen Brocals Vortrag, zudem das Introvertierte, Rätselhafte, bisweilen Verschämte. Keine Bange: Auch das Spontane, das Aufrauschend-Kochende und Leidenschaftlich-Wilde etwa in den Préludes 12, 14 oder 18, kommen nicht zu kurz. Insgesamt vermeint der Hörer jedoch einem intimen Gespräch zu lauschen. „Was wirklich bewegt, sind die versteckten Botschaften, die gehört, aber weder quantifiziert noch qualifiziert werden können“, meint der Pianist. Wie ein Goldschmied zieht Brocal die dramaturgischen Fäden auch hin zur Klaviersonate, wo er die pianistische Amplitude weiter ausschwingen lässt. 

Aber Julien Brocal ist ebenso ein Musiker, der sich Gedanken um gesellschaftliche Verantwortung macht. Gemeinsam mit der portugiesischen Pianistin Maria João Pires, mit der Brocal schon viele Konzerte gegeben hat, wurde das Partitura Project ins Leben gerufen. Es handelt sich um eine Bewegung, in der Künstler ihre Rolle und Verantwortung in ästhetischer, ethischer, sozialer pädagogischer oder spiritueller Hinsicht hinterfragen. Dass dürfte in einer Gesellschaft, wo viele Werte den Bach runter zugehen scheinen, ein besonders bemerkenswerter und wichtiger Ansatz zu sein. Auch Kunst lebt in keiner Blase.  

Chopin Legacy: KOTARO FUKUMA – 24 Préludes Op. 28, Sonate Nr. 3 h-moll, Op. 58 – ARS Production SACD 

Der in Berlin lebende Japaner Kotaro Fukuma will mit seinem neuen Album zwei Lebenszyklen verbinden: Der erste beginnt mit den 24 Préludes und endet mit der Berceuse, ein Stück, das für ihn wie ein Aufstieg in den Himmel klingt. Mit der Contredanse beginnt ein neuer Abschnitt, ein zweiter Zyklus, der mit dem Finalsatz der h-moll Sonate triumphal abschließt. Der sympathische Fukuma pflegt einen extrovertierten Stil, stellt das Dramatische und Widerstrebende der Musik Chopins in den Vordergrund, er scheut auch extreme dynamische Gegensätze nicht. In seiner Interpretation der Préludes kommt der experimentelle Charakter dieser Musik sehr gut zum Tragen.  Chopin hatte ja Bachs Wohltemperiertes Klavier zum Vorbild genommen und Stücke in allen Dur- und Molltonarten geschrieben. Kotaro Fukumo, der in seinem Ansatz wohl distanzierter und nüchterner als sein Kollege Julien Brocal wirkt, gelingt beispielhaft, die stilbildende Komponente dieser vollendeten Musik auf avantgardistische Komponisten wie Skrjabin, Szymanowski oder Debussy verständlich und hörbar zu machen. 

Die Bandbreite des Ansatzes und der pianistischen Mittel bei Fukuma ist stupend. Die Berceuse in Des-Dur, Op. 57 beginnt beispielsweise mechanisch wie eine Spieluhr, um ganz romantisch auszuklingen. Am beeindruckendsten gelingt Fukuma die Sonate Nr. 3 in h-moll, wo er Strukturen in aller Tiefe offenlegt und vielleicht auch mit manchen Hörgewohnheiten bricht. Mit der vorliegenden CD, seiner zehnten übrigens, die auch sein Debüt beim engagierten Label ARS Productions markiert, sollte auch eine Japan Tournee promotet werden, wo Fukuma die h-moll auf das Programm setzte. Auch Fukuma ist ein ernsthafter Künstler, der eine wichtige Botschaft bereit hält: „Die wichtigste Aufgabe eines Künstlers sehe ich heute darin, Menschen Hoffnung fürs Leben zu geben. Es gibt so viel Stress, Terror, Angst, Sorge aber auch Isolation in dieser Welt. Musik kann Menschen versammeln. Sie ist der schnellste Kommunikationsweg zwischen Herzen. Daran glaube ich, egal ob ich im Konzert spiele oder eine CD aufnehme.“ Ein wunderbares Statement, dem wir uns vollinhaltlich anschließend wollen!

Dr. Ingobert Waltenberger

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