Der Neue Merker

CHEMNITZ: STRUWWELPETER mit den „Tiger Lillies“

Chemnitz: „STRUWWELPETER“ – 28. 9.2016

 

Zum Auftakt der Schauspielsaison hat Spartenchef Carsten Knödler den „Struwwelpeter“ der Londoner Band „The Tiger Lillies“ auf die Bühne geholt. Ob das Stück den Anforderungen eines Musicals entspricht, sei dahingestellt. Die Autoren haben es ohnehin als „Junk-Opera“ klassifiziert. Immerhin bietet die nach Heinrich Hoffmanns „lustigem Erziehungsbuch für die Untertanenschmiede“ (Gunnar Decker) entstandene Fassung prächtiges Futter für einen phantasiebegabten Regisseur und ein ihm begeistert folgendes Ensemble. An beidem mangelt es in Chemnitz nicht.

 In trauter Zusammenarbeit mit seinem Bühnenbilder Stefan Morgenstern  beschwört Knödler eine an Dracula, Frankenstein und die Addams-Family gemahnende Atmosphäre herauf. Selbst das berühmte „Händchen“ gibt sich die Ehre, und Edward mit den Scherenhänden lässt grüßen. Im gruseligen Ambiente eines Leichenackers feiern Hoffmanns Figuren fröhliche Urständ. Gemeinsam mit dem Dramaturgen René Schmidt legt der Schauspieldirektor eine Version vor, die aktuelle Anspielungen nicht ausspart, ohne dabei der Vorlage Gewalt anzutun. Dem nicht erst seit den „Monty Pythons“ berühmt-berüchtigten schwarzen Humor der Briten, eine intellektuelle Glanzleistung sondergleichen, wird dabei eine grandiose Reverenz erwiesen. Für das bestens aufgelegte Ensemble steigert sich die Aufführung nach einem etwas zögerlichen Beginn zu einem umwerfenden komödiantischen Fest, das allen Beteiligten die Möglichkeit einräumt, ihrem Affen Zucker zu geben. Wenn dabei weder die Akteure noch das Publikum über Magenverstimmungen zu klagen brauchen, ist dies dem Regisseur zu verdanken, der sorgsam darauf achtete, dass keinem der Mitwirkenden die Pferde durchgingen. Hier ward nicht nur darstellerisch, sondern auch gesanglich überaus Glaubwürdiges geleistet, ein Fakt, für den Steffan Claußner, dem musikalischen Leiter der Produktion, Anerkennung gebührt, der mit seinen drei Mitstreitern für den musikantischen Aufwind der Vorstellung sorgt. Und wenn sich darüber hinaus fast alle Protagonisten des Abends noch als versierte Instrumentalisten erweisen, dann ist des Jubels kein Ende. In diesem Zusammenhang möchte ich nur den einschlägig vorbelasteten Philipp von Schön-Angerer und den mit einem virtuosen Saxophon-Solo aufwartenden Andreas Manz-Kozár hervorheben. Den anderen Aktiven (Magda Decker, Ulrike Euen, Marko Bullack, Michel Diercks und Dominik Förtsch) sei ein dickes Pauschallob ausgesprochen. Wer sich einmal wirklich gut unterhalten möchte, dem lege ich ein Rendezvous mit diesem „Struwwelpeter“ ans Herz.

Joachim Weise

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