Der Neue Merker

CHEMNITZ: RINALDO. Neuinszenierung

Chemnitz: „RINALDO“ – 9. 4.2017

 Wieder einmal überraschte Generalintendant Christoph Dittrich das Publikum mit einem bis dato in Chemnitz noch nie zu sehenden Werk – Händels Londoner Operndebüt „Rinaldo“. Die  Frage, wem er die Inszenierung dieser Barockspezialität anvertrauen sollte, beantwortete der Theaterchef gleichfalls auf bestechende Art, indem er erneut Kobie van Rensburg verpflichtete, der 2014 das hiesige Haus mit einer wahrhafte Begeisterungsstürme auslösenden „Cenerentola“ im Sturm erobert hatte. Auch diesmal versicherte sich van Rensburg des Engagements seiner damaligen Mitstreiter Steven Koop (Bühne) und Kristopher Kempf (Kostüme). Glücklicherweise stand wieder Felix Bender am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie, dessen vor Champagnerlaune nur so sprühender Rossini wesentlich zum Erfolg der damaligen Inszenierung beigetragen hatte. Und auch diesmal bewährte sich die Philharmonie bei dieser so völlig anders gearteten Aufgabe mit einer Leistung sonder Fehl und Tadel, bot eine klanglich fein austarierte Leistung, die dank des Einsatzes von Theorbe, Erzlaute und Barockgitarre an apartem Reiz gewann. Bender erwies sich als der rechte Mann am rechten Ort, der das musikalische Geschehen zügig steuerte, ohne sich von den raffinierten szenischen Lösungen der drei zuvor genannten Herren aus dem Takt bringen zu lassen, Lösungen, bei denen (manchmal) fast zuviel des Guten dargereicht ward.

 Um dem etwas starren Schema der Barockoper (Primat der sich in endlosen Wiederholungen ergehenden  Arien, die die Handlung weniger vorantreiben als vielmehr die inneren Befindlichkeiten der jeweiligen Figuren breit ausmalen) wirkungsvoll zu begegnen, wollte der Regisseur den Feind jeglichen Theaters resolut austreiben – die Langeweile. Das ist ihm glänzend gelungen. Dabei wurde die Struktur des Originals keinesfalls willkürlich verändert, wird an der Handlung (Zeit der Kreuzzüge) nicht herumgedeutelt, der Versuchung widerstanden, das Libretto in Richtung heutiger Aktualitäten zu verbiegen. Während die Darsteller auf der kahl geräumten unteren Hälfte der Bühne agieren, läuft über ihnen eine Art Breitwandfilm ab, auf denen ihre Aktionen im Großformat an den entsprechenden Handlungsorten nachzuvollziehen sind. Da schwingt sich Argante auf einem fliegenden Teppich durch die Lüfte, erinnert ein weißer Hai an Steven Spielberg, tragen Armida und der weiße Magier mit mancherlei Tricks ihr Gefecht miteinander aus. Dies alles zeugt vom enormen technischen Können der hierfür Verantwortlichen, birgt allerdings die Gefahr der Verselbständigung in sich. Im Falle „Rinaldo“ wurde diese Gefahr jedoch fast ausnahmslos glücklich umschifft. Der diese Nachmittagsvorstellung quittierende frenetische Applaus sprach dafür Bände.

 Als Titelheld stellte sich der ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko vor, der der strapaziösen Aufgabe darstellerisch und gesanglich keinen Deut schuldig blieb. Von edler männlicher Ausstrahlung, entledigte er sich der atemberaubenden Koloraturen seines Parts bravourös, überzeugte aber zugleich mit lyrisch ausgekosteten Passagen. Mit der Armida Guibee Yangs trat  ihm ein furioser Widerpart entgegen. Dabei war eine Künstlerin zu erleben, die ihr gesangstechnisches  ABC gleichfalls vollauf aus dem FF abrufen kann und ihre vokalen Möglichkeiten (nicht nur in den Koloraturen) prächtig auszureizen vermag. Emotionale Wärme und eine Prise mächenhafter Koketterie brachte Katharina Boschmann für die Almirena ein, die  den eigentlichen, einer früheren Arbeit Händels entstammenden Hit der Oper „Lascia ch’io pianga“ innig berührend interpretierte. Einen wunderbar komischen weißen Magier steuerte Tiina Penttinen bei. Dem Argante verlieh Andreas Beinhauer markantes baritonales Profil, ein potenter Gegner der Kreuzritter, den die gelegentlichen ironischen Beimengungen der Regie keinesfalls über Gebühr denunzierten. Anna Harvey (Goffredo) und Jud Perry (Eustazio) komplettierten das Ensemble auf hohem Niveau. Ein Sonderlob sei an dieser Stelle noch der Maskenbildnerin Nadine Wagner ausgesprochen, die vor allem in Bezug auf die Hosenrollen Phantastisches geleistet hat.

 Joachim Weise

 

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