Der Neue Merker

CHEMNITZ: PIQUE DAME. Nach 40 Jahren wieder in Chemnitz

Chemnitz: „PIQUE DAME“ – 12. 3.2017

 Reichlich vier Jahrzehnte mussten ins Land gehen, bis Tschaikowskis Meisterwerk erneut Einzug in den Spielplan der Chemnitzer Oper hielt. Für diese Repertoirebereicherung gebührt dem Hause Dank, Dank auch für den Verzicht auf ansonsten gern vorgenommene Striche (Auftritt der exerzierenden Kinder, Schäferspiel). Regisseurin Helen Malkowsky verknüpft Treue zum Original mit einer verallgemeinernden, gelegentlich verunsichernden Sicht, die Historisches nur in den Kostümen Henrikes Brombers aufleuchten lässt. Hermann Feuchter unterstützt dieses Anliegen mit einer teils kargen, andererseits die nicht unbedingt erforderliche Hydraulik nutzenden Szenographie, die bereits zu Beginn der Aufführung, als Hermann verzweifelt gegen verschlossene Türen anrennt, verdeutlicht, worauf es der Regie ankommt, nämlich das aussichtslose Aufbäumen eines Außenseiters wider gesellschaftliche Konventionen ins Bild zu setzen. Und wenn die Gräfin altersmäßig glatt als Schwester Lisas durchgehen könnte, soll dies wohl dem Trugbild entsprechen, dass sich Hermann nach der Erzählung Tomskis von ihr geformt hat, weshalb denn auch die „moskowitische Venus“ weniger aus Angst vor der Pistole Hermanns als vielmehr innerhalb eines von ihr provozierten Liebesspiels das sündige Leben aushaucht. Von einer „alten Hexe“ kann da beim besten Willen keine Rede sein. Ihr persönlicher Auftritt während des Kasernenbildes und zum Finale bleibt Geschmackssache, zumal sich zum Schluss der Oper mithin unweigerlich die Frage einstellt: Wird Hermann vom tödlichen Schuss Jeletzkis getroffen, vollbringt die Gräfin die mörderische Tat oder hat er sich im Gerangel mit der dubiosen Dame selbst erschossen? Da bietet das Original denn doch die plausiblere Lösung.

 Musikalisch fiel die Aufführung geschlossener aus, weil vorzügliche Solisten durch die Bank ihr Bestes gaben. Da präsentierte sich der russische Tenor Viktor Antipenko als jugendliches Ungestüm, dem die enormen Schwierigkeiten der Partie fast einem Kinderspiel gleichkamen. Hier musste man um keinen Ton zittern oder bangen. Allerdings erhebt sich die Frage, ob die Stimme auf die Dauer einem solch rigorosen Einsatz standhält. Die wenigen, eher verhaucht anmutenden Pianopassagen könnten erste Anzeichen einer sich anbahnenden Überforderung sein. Darstellerisch glaubte man dem Künstler die anfängliche Liebe zu Lisa ebenso wie den unaufhaltsamen Sturz in die Spielsucht. Auf dämonisch Zerrissenes legte er im Sinne der Regie weniger Wert. Mit einer beispielgebenden gesanglichen Leistung wartete Maraike Schröter (Lisa) auf, deren in allen Lagen ausgeglichener und klangschöner Sopran den Ansprüchen der Aufgabe vollauf gerecht wurde. Gemäß der eigenwilligen Anlage der Gräfin machte Tiina Penttinen „bella figura“ und imponierte mit der apart vorgetragenen Reminiszenz an Grétrys „Richard Löwenherz“. Erlesene Gesangskunst setzte Alexandra Sherman für ihre Polina ein, die Elegisches und Komödiantisches (Schäferspiel) gekonnt miteinander verwob. In letzterer Hinsicht bot Franziska Krötenheerdt (Prilepa) eine neuerliche Probe ihres gereiften Könnens. Dem Grafen Tomski verlieh Matthias Winter als väterlicher Freund Hermanns eine sehr persönliche Note und überzeugte in seinen beiden Soli als veritabler Bariton. Lyrischen Wohllaut brachte Andreas Beinhauer (Jeletzki) in die Aufführung ein. Einen spielfreudigen Tschekalinski gab André Riemer, dem der pastose Bass von Magnus Piontek (Surin) trefflich sekundierte.

 Stefan Bilz und Pietro Numico hatten die ihnen anvertrauten Chöre gediegen präpariert. Am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie erwies sich Michael Güttler als kundiger Anwalt der kostbaren Partitur, die er in all ihren Nuancen stilsicher auslotete. Und obschon eine expressivere Deutung denkbar wäre, ändert dies nichts an der Qualität des hier Geleisteten.

 Joachim Weise

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