Der Neue Merker

CHEMNITZ: PHENTESILEA von Heinrich von Kleist

Chemnitz: „PENTHESILEA“ – 26. 3. 2017

 Kleists die Form der Gattung mit ungeheurem Anspruch, weshalb es Goethe nicht geheuer war, durchmessendes Trauerspiel ist nun nach 1945 erstmals wieder im hiesigen Schauspiel als begrüßenswerter Beleg anspruchsvoller Klassikpflege zu erleben. Obwohl zum besseren Verständnis der Handlung eine Stippvisite bei den alten Griechen keinesfalls von Schaden sein kann, setzt die Inszenierung von Johanna Schall solche Kenntnisse nicht als gegeben voraus, konzentriert sich vielmehr auf das Allgemeingültige der  Vorlage – das Scheitern bedingungslosen Liebesverlangens innerhalb einer mörderischen Umwelt. Dabei widersteht die Regisseurin konsequent der Versuchung, dem Werk ein modernistisches Gewand überzustülpen, bekennt sich zu des Dichters in Blankversen einherstürmendem Wort, dem sie nur hie und da behutsame Striche angedeihen lässt. Besonderes Augenmerk schenkt sie den Chefideologen der beiden gegnerischen Lager. Auf der einen Seite der windige, mit allen Wassern gewaschene Odysseus, der Achill, einem seiner besten Pferde im Stall, gern ein erotisches Intermezzo gönnt, sofern dies nicht seine Pläne stört. Im feindlichen Lager die Oberpriesterin der Diana, die auch nur das geringste Abweichen von der Staatsdoktrin aus freilich nachvollziehbaren Gründen unnachgiebig anprangert. Wenn Kleist ihr im Zusammenhang mit dem mörderischen Rasen Penthesileas menschliche Züge zugesteht,  verleiht er der Figur eindrucksvolle Größe. Odysseus hingegen ficht derlei weniger an. Gemeinsam mit Diomedes setzt er den auf der Bühne verbliebenen Amazonen das Messer an den Hals – ein Realpolitiker durch und durch. Die Brutalität dieses Schlusses geht über Kleist hinaus und bleibt ihm doch auf eigene Weise treu.

 Mit dem die Kleistsche Sprache bis auf den I-Punkt beispielgebend auskostenden  Dirk Glodde  und einer sprechtechnisch fulminanten Susanne Stein stehen der Regie zwei fabelhafte Protagonisten zur Verfügung,wobei Glodde den Odysseus als einen versierten Spieler anlegt, der letztlich dem Kontrahenten stets um einen Zug voraus ist. Selbst wenn er auf die berserkerhafte Kampfmaschine Achill verzichten muss, steht ihm mit willigen Gefolgsleuten wie dem dümmlichen Diomedes (Jan Gerrit Brüggemann) noch genügend Kanonenfutter zu Gebote. Für die Oberpriesterin der Diana setzte Susanne Stein erneut ihr außergewöhnliches darstellerisches Potential ein, das den schrillen Aufschrei ebenso umfasst wie ein sich in die Versteinerung zurückziehendes Verstummen. Die Penthesilea der Katka Kurze kommt allem anderen als einem sich burschikos aufführenden Flintenweibe gleich, deutet bereits bei ihrem ersten Auftritt die Zerbrechlichkeit ihres Wesens an und überwältigt im grandios gestalteten Schlussmonolog. Ihr zur Seite faszinierte die wiederum in allen Facetten ihres Spiels überzeugende Maria Schubert als getreue Prothoe – eine Künstlerin, die selbst im wortlosen Agieren den Zuschauer in ihren Bann zieht. Weniger dem gern geschönten Bild antiker Helden gleichend, gibt Stefan Migge einen Achill, dem die in ihm aufkeimende Liebe quasi die Sprache verschlägt, der in der Begegnung mit der von ihm besiegten Penthesilea Auftrumpfendes ausspart und zögerlich nach dem rechten Worte tastet.

 Horst Vogelgesang entwarf die sich klug auf Wesentliches konzentrierende, den Darstellern breite Entfaltungsmöglichkeiten gewährende Szene mit angedeutetem griechischen Säulenwerk. Die Militärisches nicht martialisch in den Vordergrund stellenden, gelegentlich leicht ironisierenden  (Diomedes) Kostüme hatte Jenny Schall beigesteuert.

  Joachim Weise

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