Der Neue Merker

CHEMNITZ: DER ROSENKAVALIER – etwas durchwachsen

Chemnitz: „DER ROSENKAVALIER“ – 8. 10.2017

Wien zu Beginn unseres Jahrtausends: Im ersten Gemeindebezirk lebt eine über Hundertjährige ihren Erinnerungen, hauptsächlich ihrer Leidenschaft für Octavian, einen minderjährigen Korpsführer einer völkischen Heimatorganisation und späteren Erfüllungsgehilfen des braunen Regimes. Im Schlafzimmer gedenkt sie der gemeinsamen Liebesnächte, die Bibliothek verwandelt sich in das mickrig ausfallende Palais Faninals, der Wohnraum schließlich in ein Wiener Beisl. Unentwegt durchstreift die Greisin ihr Domizil, und  dieses ständige Herumwuseln auf der Szene lenkt (infolge der darstellerischen Präsenz Isabell Wehs) doch beträchtlich vom eigentlichen Geschehen ab, wie überhaupt der gedankliche Ansatz des Regisseurs  u n d Bühnenbildners Paul Esterhazy, die Handlung zur Zeit der „Heimholung Österreichs ins Reich“ anzusiedeln, befremdet. Da die Inszenierung diesen Gedanken zudem nicht weiter verfolgt (sieht man von dem militärischen Outfit Octavians gegen Ende des 1. Aktes ab), erhebt sich desto dringlicher die Frage nach dem Warum. 

Hier hilft auch die im Programmheft zu lesende, „gefakte“ Nachricht der Wiener Presse vom 30. September 2017 (dem Datum der Chemnitzer Premiere) über das Ableben der Feldmarschallin nicht weiter. Freilich ist die „Zeit ein sonderbar Ding“, und was um 1750 noch extraordinär anmutete, schrumpft 1938 auf ein durchschnittliches Format. So geht die Marschallin allenfalls als ältere Schwester Octavians durch, die liebes- und lebenserfahrene Frau von Welt bleibt außen vor. Sophie (Kostüme: Ursula Renzenbrink) betritt als rechter Blaustrumpf die Szene, und Faninal wird einseitig als eine Art ständig katzbuckelnder Bürodiener eingeführt. Die Machenschaften des Intrigantenpaares Annina/Valzacchi verflüchtigen sich nahezu völlig in dem szenischen Wirrwarr,  bei dem vollkommen rätselhaft bleibt, wer zum Gefolge Rofranos, zu den Lerchenauern oder zum sonstigen Personal zählt. Ein weiterer beklagenswerter Umstand besteht in der über weite Strecken vorherrschenden Textunverständlichkeit, die ich keinesfalls den wenigen ausländischen Mitwirkenden anlasten möchte, noch der unter Felix Bender bestechend musizierenden Robert-Schumann-Philharmonie, die niemals der Versuchung erlag, die Sänger zu  übertönen.

Insgesamt beherrschte die Bühne demnach ein frohgemutes Treiben, von dem die Drehscheibe, einigermaßen sinnentleert, gleichermaßen nicht verschont ward. Immerhin imponierte beim genauen Hinschauen, mit welcher Akribie der Regisseur manches Detail in den Beziehungen der Figuren ausfeilte und dabei unermüdliche Kleinstarbeit leistete. Allerdings musste man schon ganz bewusst hinsehen. Einen hübschen Gag bildete die Anlage des Italienischen Sängers, den Waleri Georgiew als zwerchfellerschütternde Pavarotti-Knallcharge servierte, die Arie ohne Rücksicht auf Verluste in das Auditorium schmetternd. Und als dieser gute Mann im letzten Akt in das Beisl stürzt, um dem Wirt bei der Ankündigung der Feldmarschallin mit einem „C“ auszuhelfen, war der Jubel groß.

In gesanglicher Hinsicht sei ein gediegenes bis gutes Niveau konstatiert. Mit ihrem klangschönen, in allen Lagen ausgewogenen Sopran vermochte Maraike Schröter (Marschallin) ohne Abstriche für sich einzunehmen, eine Leistung, der die die Vorzüge ihres apart timbrierten Mezzos auskostenden Sylvia Rena Ziegler (Octavian) kaum nachstand. Das im 1. Akt marionettenhafte Gehabe als Mariandl sei der Regie angelastet.Tapfer wider ihre Kostümierung angehend, brachte sich Jelena Gorschunowa (Sophie) ein und berührte besonders im Terzett des letzten  Akt, wenngleich es ihr noch ein wenig an „silbriger Süße“ gebricht. Einen relativ eleganten, auf poltrige und billige Effekte verzichtenden Ochs führte Christian Sist  im auf die ländliche Herkunft der Figur verweisenden Janker vor und machte mithin einen Mangel an des Basses Grundgewalt wett. Ob der sich ständig eines Taschentuchs bedienende Klemens Sander (Faninal) einfach nur indisponiert gewesen ist oder sich  Anweisungen des Regisseurs beugen musste, erschloss sich mir nicht. Von den übrigen Mitwirkenden möchte ich wenigstens die mit einem voluminösem Mezzo aufwartende Alexandra Ionis (Annina) und Magnus Piontek als bassgewaltigen Polizeikommissar erwähnen.

Wie oben erwähnt, sorgte Felix Bender erneut für eine orchestrale Wiedergabe, die allein schon den Besuch der Aufführung lohnt. Da klang nichts verwischt und übertönt, wurden kammermusikalische Feinheiten bewusst herausgestellt, ohne den Blick auf das Ganze zu verlieren, geriet das Forte an keiner Stelle lärmig, so dass man gern Kurt Pahlens Worte vom „klanggewordenen Bild und bildgewordenem Klang“ bemühen mag.

Im Sinne der „political correctness“ darf selbstverständlich kein kleiner Mohr den Punkt auf das I setzen. Dafür wird einem gewissen Mohammed mit diebischem Begehr das Schlusswort erteilt.
Was soll’s?

 Joachim Weise

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