Der Neue Merker

CHEMNITZ. DER BESUCH DER ALTEN DAME

Chemnitz: „DER BESUCH DER ALTEN DAME“ – 26. 10.2016

 60 Jahre nach ihrem Zürcher Debüt gibt sich Claire Zachanassian nun erstmals in Chemnitz die Ehre, eingeladen vom hiesigen Schauspielchef Carsten Knödler, der damit wiederum einen weiteren weißen Flecken von der Repertoirekarte des Hauses tilgt. Freilich muss einschränkend darauf verwiesen werden, dass  Prof. Carl Riha bereits 1973 jener alten Dame (natürlich in der Vertonung Gottfried von Einems) für volle drei Jahre Heimstatt im damaligen Karl-Marx-Stadt gewährte. Diese in ihrer realistischen Auffassung bis ins winzigste Detail stimmige Regiearbeit (auch ein Verdienst der Bühnenbildner Wolfgang Bellach und Ralf Winkler) habe ich viermal besucht und halte sie noch heute für die überzeugendste in der lange Reihe vorzüglicher Inszenierungen  dieses verdienstvollen Theatermannes. Der international geschätzte Tenor Erich Witte übernahm für einige Vorstellungen den Part des Bürgermeisters, und der in Bern geborene österreichische Komponist des Werkes fand nach einem Besuch der Aufführung begeisterte Worte des Dankes für die hier geleistete Arbeit.

 Im Gegensatz zu dem von Riha verfochtenen szenischen Realismus beschreitet Regisseur Malte Kreuzfeldt einen völlig konträren, höchst eigenwilligen, aber nicht minder überzeugenden Weg. Dabei dampft er die Personage der „Tragischen Komödie“ gehörig ein (die diversen Gatten der Milliardärin werden gestrichen, der Oberrichter Hofer und die geblendeten und kastrierten meineidigen Zeugen zu einer Figur – der skurrile Butler Christian Ruths –  vereint). Das fügt dem Original freilich keinen Schaden zu. Das Bühnenbild von Nikolaus Porz setzt auf Abstraktion, vertraut der Phantasie des Betrachters. Zu Beginn der Aufführung weist eine Modelleisenbahn auf den Bahnhof von Güllen hin. Dieses belustigende Detail (die Katastrophe hat noch nicht ihren Einzug gehalten) weicht mit dem Auftritt der Dame einer die Bühne dominierenden rechteckigen, mit Schlamm gefüllten Fläche. Wer mit der Dame sprechen will, muss diesen Schlamm passieren. Dabei beschmutzen sich alle – Claire Zachanassian mit ihrer unmoralischen Offerte und die Bürger eines  Gemeinwesens, die letztlich zu gemeinen Wesen korrumpiert werden. Hier bestimmt Claires Angebot die Nachfrage. Über den Preis sinnt anfangs keiner nach.

 Als „alte Dame“ hat Susanne Stein erneut eine ihren reichen darstellerischen Mitteln adäquate Aufgabe gefunden. Begegnete ich der Künstlerin erst neulich an der Seite der ihr ebenbürtigen Christine Gabsch in einer auf den Punkt gebrachten Deutung von Genets „Zofen“, so erwies sie sich auch in dieser völlig anders gearteten Rolle als eine der ausgewiesenen Protagonistinnen des Ensembles, wobei ihr die vorzügliche Maske (Anja Nickel) trefflich sekundierte. Eiskalt ihr mörderisches Ziel verfolgend, gestattet sie der Figur (hervorzuheben die superbe Sprechtechnik)  in den der Erinnerung verhafteten Begegnungen mit Ill durchaus warme, berührende Töne, berechnend (?) dazu angetan, beim Gegenüber trügerische Hoffnungen zu wecken.

 Wollte man der Inszenierung ein Motto voranstellen, wäre freilich weniger „Die Rache der Claire Zachanassian“ als vielmehr „Die Passion des Alfred Ill“ angemessen. Legt die Regie doch Wert darauf, ohne sich am Autor zu versündigen, zu zeigen, wie innerhalb einer korrupten Kommune ein ihr bis dato in seiner banalen Durchschnittlichkeit durchaus zugehöriges Mitglied menschlich zu sich findet, im Endeffekt den moralischen Sieg davonträgt. Andreas Manz-Kozár (Ill) glückt in dieser Beziehung Beachtliches. Anfangs ein alternder Provinz-Casanova im Westentaschenformat, der glaubt, die einst von ihm Gedemütigte mit billiger Anmache erneut zu ködern, zeigt er die bangen Momente aufkeimender Verunsicherung, umschlagend in kreatürliche Angst vor dem Unvermeidlichen, die schließlich einem neuen Bewusstsein seiner selbst weicht, mit  dem er sich (keinesfalls den ihn Bedrängenden) den letzten Dienst erweist.

 Aber auch das übrige Ensemble beeindruckt mit ausgefeiltem Einsatz. So der aus Gewissenspein dem Trunk verfallende Lehrer Stefan Schweningers, der an seinem Gott zweifelnde Pfarrer Markus Schoenens oder der dümmlich-brutale Polizist Martin Valdeigs. Und der aalglatte Bürgermeisters Jan Gerrit Brüggemanns lässt es an Vergleichen mit manch heutiger Politikprominenz wahrlich nicht mangeln. Wenn Brüggemann seinen vom Schlamm arg verunzierten Anzug dennoch so präsentieren kann, als hätte er ihn in einer Modeboutique erstanden, dann kommt dies einer Meisterleistung der Kostümbildnerin Katharina Beth gleich.

 Dürrenmatt liefert „keine universelle Weltanschauung als Gegenentwurf zur Gegenwart“ (Anna Bertram). Auch Malte Kreuzfeldts Inszenierung verweigert sich einem solchen Anspruch. Aber sie regt an, uns auf uns selbst zu besinnen.

 

 Joachim Weise

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