Der Neue Merker

Mozart in historischen und neuen Aufnahmen

4260Schreier 0809730513626

Peter Schreier Liederabend im Mozarteum live Salzburg 25.1.1978
belvedere CD

Serenaden KV 361 (Gran Partita) und KV 375
European Union Chamber Orchestra divine art CD –
erste vollständige Einspielung der Serenade KV 375

Mozart in historischen und neuen Aufnahmen 

1) Peter Schreier war ein begnadeter Mozart Interpret, nachzuhören anhand des in technisch herausragender Qualität publizierten Mitschnitts eines Konzerts aus dem Großen Saal der Stiftung Mozarteum vom 25.1.1978. Von den 30 erhaltenen Mozart Liedern singt Schreier immerhin 17 (plus zwei Zugaben) sowie die Kantate mit Klavierbegleitung „Die ihr des unermesslichen Weltalls Schöpfer ehrt“ KV 619. Das Programm bestand aus vier Gruppen von Liedern unterschiedlicher Größe. Peter Schreier bot das Liedschaffen Mozarts über die Stile und Schaffensperioden hinweg ganz und gar mit Saft und Schalk dar, die philantropischen Botschaft etwa im Freimaurerlied KV 468 „Die ihr einem neuen Grade“ in dem Mittelpunkt stellend.

Begleitet wurde er ganz vorzüglich von Erik Werba am Steinway Flügel, beim Lied „Komm, liebe Zither, komm“ KV 351 trug Margarete Gebhardt an der Mandoline den Tenor aus Dresden auf sanften Händen. Die Tempi sind insgesamt getragen, es mischen sich romantische Töne in die Interpretation, bisweilen kann Schreier auch den Opernsänger nicht verleugnen. 

Ein nostalgisches Album für Freunde emotionalen Liedgesangs, die Mozarts Lieder auch historisch vorwärtsgewandt hören wollen, also als Wegbereiter Schuberts, Schumanns oder Brahms begreifen und nicht die barocke Musikwelt in die Wiener Klassik projiziert haben wollen.

2) Die Bläserserenaden Mozarts KV 361, 375 werden auf dieser kurzweiligen und vor jugendlichem Elan strotzenden CD von MusikerInnen vieler Nationen des European Union Chamber Orchestras unter der Leitung des Dirigenten, Komponisten und Konzertpianisten Santiago Mantas gespielt. Unterhaltungsmusik vom Feinsten, soll Mozart die siebensätzige Gran Partita für seine Frau Costanze Weber als „Candlelight-Dinnermusik“ zum Hochzeitstag am 4.8.1782 geschrieben haben. Die fünfsätzige Serenade KV 375 erklingt in der Sextettversion, mit wiedereingefügtem zweitem Trio im vierten Satz. Für die leichteren Stunden des Seins eine vorzügliche gute Laune CD.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Alban Berg: WOZZECK

0730099039079

Alban Berg: WOZZECK
Houston Symphony, Hans Graf 

NAXOS 2 CDs

Roman Trekel und Anne Schwanewilms in tief berührenden Rollenporträts

„Man muss die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen…“ Georg Büchner

Der Oberösterreicher Hans Graf ist dem Houston Symphony von 2001 bis Mai 2013 vorgestanden, die längste Chefposition in der Geschichte des 1913 gegründeten texanischen Klangkörpers. Als vielleicht persönlichstes Abschiedsgeschenk hat sich der Maestro Bergs Wozzeck gewählt. Die Vorarbeiten begannen 2011, immerhin mussten 500.000 Dollar an Sponsorenmitteln zusätzlich aufgetrieben werden, um die Gagen der Sänger und die Extraproben bezahlen zu können. Graf bezeichnet Wozzeck als das größte musikdramatische Werk des 20. Jahrhunderts, die Musik changiert zwischen tonal, unerhörten Lyrismen und Atonalität, aber es geht zuvörderst um Humanität um Mitleid. In Grafs Ansatz mit dem bestens vorbereiteten Orchester ist genau dieses Sangliche, Fühlbare stets wichtiger als die nackte Struktur, als der demonstrative Verweis auf Modernität. In dieser Hinsicht ist Grafs neue Interpretation Böhm näher als diejenige von Boulez oder Abbado. Das menschlich, allzu menschliche Drama um Eifersucht und Tod an der sozial untersten Skala der Gesellschaft in 15 Szenen wird nun von Naxos auf Basis von zwei konzertanten Aufführungen am 1. und 2. März 2013 in der Jones Hall for the Performing Arts in Houston publiziert.

Das auch technisch vorzüglich aufgenommene Tondokument zeichnet sich neben den unglaublich fein ziselierten, aufwühlenden Orchesterzwischenspielen durch eine höchstlebendige Bühnenatmosphäre und zwei herausragende Interpreten als Wozzeck und Marie aus. Roman Trekel, der die Titelpartie der Oper u.a. schon an der Mailänder Scala und in Berlin verkörpert hat, ist ein eher introvertierter Titelheld, das „Kreatürliche“ weniger ausspielend als das stille Leiden des sich ins Schicksal Ergebenden. Anne Schwanewilms als Marie erstaunt durch ungewohnte Leidenschaftlichkeit, den Gesangslinien mit ihrem edlen Sopran eine schon fast belkanteske Note verleihend. Stupend! Für mich vielleicht ihr bislang eindringlichstes Rollenporträt auf Tonträgern. Als Hauptmann weiß Marc Molomot mit Autorität und Kopfstimme zu überzeugen, an der Aussprache des deutschen Textes könnte er noch arbeiten. Der kanadische Bariton Nathan Berg stattet den Doktor vokal mit der nötigen Härte und Kälte aus. Als Tambourmajor setzt Gordon Gietz die nötigen heldischen bis testosterongeladenen  Akzente. Robert McPherson als Andres, die legendäre Katherine Ciesinsky als Margret sowie Brenton Ryan als Narr tragen zu einer stimmungs- und elementar wirkungsvollen Aufführung bei. Die Chöre werden von Mitgliedern des Houston Grand Opera Children‘s Chorus und den Studenten und Alumni der Sheperd School of Music, Rice University, gesungen. 

Der vorliegende Wozzeck-Mitschnitt ist einer der interessantesten und auch von der Besetzung her musikalisch überzeugendsten auf Tonträgern, jedoch interpretatorische Extreme aussparend.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Dimitri Shostakovich: KLAVIERKONZERTE

0747313366675

Dimitri Shostakovich: KLAVIERKONZERTE
Boris Giltburg 

NAXOS CD

Genialer Giltburg und Vasily Petrenko samt Royal Liverpool Philharmonic Orchestra

Weltersteinspielung der Bearbeitung des achten Streichquartetts, arr. Giltburg

Erscheinungstermin: 13.1.2017

Jubiläumswürdig ist sie geworden, diese Einspielung nach gemeinsamen Konzerten. 2006 wurde Vasily Petrenko zum ersten Dirigenten des Royal Liverpool Philharmonie Orchestra ernannt, 2009 wurde er Chefdirigent. Der junge aus St. Petersburg stammende Dirigent, Schüler u.a. von Mariss Jansons, hat ein goldenes Händchen für die beiden populären Klavierkonzerte von Shostakovich. Das erste viersätzige Klavierkonzert in C-Moll, Op. 35, mit einer faszinierenden Rolle der Trompete (Rhys Owens), 1933 kurz vor der Oper Lady Macbeth von Mtsensk vollendet, als selbstbewusste vor Erfindungsgabe strotzende Tonschöpfung, enthält Zitate aus Klaviersonaten Beethovens und Haydns. Das zweite dreisätzige Klavierkonzert in A-Dur, Op. 102, 1957 als Geburtstagsgeschenk für seinen Sohn Maxim geschrieben, ist ein ebenso vor Leben sprühendes, im Grundton lyrischeres Werk, mit einem der schönsten Andante-Sätze ever. Petrenko weiß sowohl die nachdenkliche Seite als auch die rohe Kraft der Partituren mit seinem Orchester brillant in Szene zu setzen, den sarkastischen Humor als auch den eisigen Ernst des Komponisten in abgründiger orchestraler Urtiefe auszuloten.

Dabei hat er in seinem Landsmann Boris Giltburg einen kongenialen Pianisten zur Seite. Giltburg, absoluter Star des Labels Naxos, mit dem ihn weitreichende Aufnahmepläne verbinden, ist nicht nur der Prototyp des sensiblen russischen Pianisten wie aus dem Bilderbuch heraus. Er ist zudem ein Poet auf Tasten, leidenschaftlich und reflektiert zugleich, mit einem ungeheuren Instinkt für musikalische „Sprachen“, ein begabter Strukturalist mit Herz, ein Deuter von Stimmungen und Feinzeichner von Kontexten. Giltburg ist aber auch passionierter Amateurphotograph und Blogger, der verständlich und klug zugleich über klassische Musik schreiben oder erzählen kann.

Für die vorliegende CD hat Giltburg mit Zustimmung der Familie Shostakovich das achte Streichquartett des Komponisten für Klavier arrangiert. Dieses Streichquartett in C-Moll, Op. 110, ist nichts weniger als ein klingender autobiographischer Canossagang nach Shostakovich‘ als katastrophale persönliche und moralische Niederlage empfundenen Beitritt zur Kommunistischen Partei im Jahr 1960, die ja nicht gerade zimperlich mit ihm und seinem Schaffen umgegangen ist. Eine ganz und gar biographische Komposition also, die der Komponist tatsächlich seinem eigenen Angedenken gewidmet hat. Das eröffnende Motiv, das später über 100 Mal wiederholt wird, ist, ist Shostakovich musikalische Signatur (D.S.C.H.: D-Es-C-B). Giltburg gelingt eindrucksvoll, dem dunklen, monochromatischen Gestus des Streichquartetts in den aggressiv perkussiven Stellen, oder dem schweren Pochen im vierten Satz, eine nie gekannte Schärfe und Macht zu verleihen. Auch ein Fugato darf nicht fehlen, das den Pianisten auf der Höhe der technischen Meisterschaft zeigt.

Das neue Album biete beides: Referenzaufnahmen der beiden Klavierkonzerte als auch zwei Weltersteinspielungen: Neben der erwähnten Bearbeitung des achten Streichquartetts hat Giltburg auch den Walzer im Allegro des zweiten Quartetts in A-Dur für Klavier solo transkribiert.

Boris Giltburg spricht über seine Klavierfassung des achten Streichquartetts von Shostakovich

https://www.youtube.com/watch?v=uEU0yDRncJg

Dr. Ingobert Waltenberger 

Diese Seite drucken

Johann Sebastian Bach: DAS WOHLTEMPERIERTE KLAVIER I

0881488160277

Johann Sebastian Bach: DAS WOHLTEMPERIERTE KLAVIER I,
Annhelena Schlüter –
hänssler Classic 2 CDs

Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre

Die deutsch-schwedische Pianistin Annhelena Schlüter hat einen ganz eigenen Zugang zur Musik Johann Sebastian Bachs gefunden. Im Steinwayhaus Michael Fiech in Leipzig (CD1) und im Steinwayhaus Matthias Kunze in Schwerin (CD 2) aufgenommen, ist das WTK I nach den Goldberg Variationen und der Kunst der Fuge die dritte Bach-Interpretation Schlüters auf Tonträgern. Schlüter bewundert Bachs Leidenschaft, Fleiß, Konsequenz und Hartnäckigkeit; seine außergewöhnliche Gabe und Berufung, die Fuge und die Chromatik, bis zum letzten Atemzug seines Lebens ins Vollkommene zu heben und diese Kraft Gott zurückzugeben und seine Gaben ihm zu widmen, nicht sich selbst zu ehren.

Schlüters Ansatz überzeugt: Bei aller Klarheit und Brillanz des Spiels ist gerade der poetische spirituelle Ansatz in jedem Ton zu spüren. Zupackend ist ihr Spiel, mit Lust an der „improvisatorischen“ Seite, konkret die Fugen artikulierend und hingebungsvoll die Stimmungen auskostend. Diese Annäherung kennt kein Entweder-Oder, kein Folgen einer bestimmten Schule oder einem einzigen Vorbild. Schlüter macht Bachs wunderbare Sammlung von jeweils zwei mal 12 Präludien und Fugen im ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers als universelle Erfahrung erlebbar. Das Tänzerische, perlende Schwingen, das virtuos Fröhliche, das Würdige, das Königliche, das Hineinhorchende, Pochende, bukolische-Leuchtende, das Resignierende und die Trauer, Licht und Schatten, das Beschauliche, freudig-Tastende, flächig-Fließende, das Orchestrale, die Seufzer, das Pastorale – es ist alles gleichzeitig da, auch wenn es gerade nicht im artikulatorischen Mittelpunkt steht. Jeder Moment im Vorwärtsschreiten darf auch ein Erinnern sein, ein Rückbesinnen in die Zukunft gleichsam.

Lassen wir noch einmal die ebenso hochbegabte Lyrikerin Schlüter zu Wort kommen, die die Musik Bach selbst so unvergleichlich beschreibt, wie sie sie spielt: „Wie schlicht und majestätisch leuchtet dieser Zyklus, nirgends aufgebläht – eine zärtliche, federnde Einladung, zu entspannen und zu verstehen. Bachs Musik ist wie ein Kompass, ein Knotenpunkt des Lebens, von wo aus wir immer wieder neue Richtungen einschlagen können mit der Gewissheit, wo wir herkommen, wer wir sind und wohin wir einmal gehen werden.“

Schlüter justiert diesen Kompass stets neu und unerwartet. Der Hörer folgt ihr gerne und lässt sich einfach forttragen, unternimmt diese Zeitreise abseits des Alltags und ist schon dadurch reich belohnt, diese herrliche Musik wieder neu entdeckt zu haben.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Vokalensemble ORA: Flucht vor den Flammen

3149020610329

Flucht vor den Flammen – Miserere und das Vermächtnis Savonarolas

harmonia mundi CD 

ORA glänzt à capella mit Renaisssance- und zeitgenössischen Werken

„Ecce quam bonum et quam iocundum habitare fratres in unum“ Psalm 132

Eine neues Goldenes Zeitalter der Chormusik! Keinen geringeren Anspruch haben sich die achtzehn herausragenden Sängerinnen und  Sänger des 2014 von Suzi Digby gegründeten professionellen britischen Vokalensembles gestellt. Man will die Leidenschaft für die Polyphonie der Renaissance mit musikalischen Reflexionen zeitgenössischer Komponisten verbinden. Das Erteilen von Kompositionsaufträgen und das Eintreten für zeitgenössische Tonsetzer ist ORA ein zentrales Anliegen. ORA will eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Auftragswerke aufbauen. Diese Werke sollen sowohl aufgeführt als auch aufgenommen werden, um ein reiches Repertoire für künftige Generationen zu schaffen. Wie gut diese Idee aufgeht, kann anhand der vorliegenden Einspielung bestens nachvollzogen werden.

Umrahmt von den Miserere-Vertonungen durch Gregorio Allegri und James MacMillan (b.1959) bildet das Herzstück der CD die Vertonungen der Meditation „Infelix Ego“ des bereits zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilten Häretikers Girolamo Savonarola durch William Byrd und den Letten Erik Esenvalds (b. 1977). Und wirklich erschließt sich nicht, was mehr zu bewundern ist, das umwerfend aufregend gesungene sechsstimmige Meisterwerk Byrds , die des Komponisten eigene Furcht um seines Glaubens willen verfolgt zu werden spiegelt, oder die nicht minder beeindruckende Vertonung durch den jungen Letten. Die komplexen Gesangslinien schmelzen und rinnen in Esenvalds genialem Opus ineinander wie flüssiges Wachs, der Schmerz des Textes wird durch die Fackel der höchsten Ideale und der Freiheit ins Licht gewendet. Für mich stellt dieses harmonisch kühne Werk, das den Vergleich mit den vielstimmigen Werken etwa eines Thomas Tallis nicht zu scheuen braucht, den Höhepunkt der neuen CD dar.

Die künstlerische Leiterin von ORA, Suzi Digby, hat sich intensiv mit dem musikgeschichtlichen Wirken Savonarolas befasst, dessen Stellenwert in der Musikgeschichte rehabilitiert werden soll.  Die CD hat musikhistorisch weitere Atouts aufzubieten: Die neunstimmige Vertonung des 50. Psalm durch Allegri, einer der Texte, über die Savonarola Mediationen schrieb kurz bevor er getötet wurde, erklingt in einer Fassung, die der Musikforscher Ben Byram auf Basis der originalen Manuskripte im Vatikan erstellt hat. Ihren Ruhm im 20. Jahrhundert verdankt Allegris Originalwerk einem Übertragungsfehler, in dem die erste Hälfte des Verses eine Quart höher wiederholt wird. So entsteht ein anachronistischer Tonartenwechsel von g-moll nach c-moll sowie das berühmte hohe C im Sopran. Auf der CD kann Allegris Werk im ersten Durchgang unverziert, dann mit den Verzierungen der Sixtinischen Kapelle und am Ende die berückende hohe C-Variante gehört werden, „deren Schönheit vielleicht den glücklichsten Fehltritt der Musikgeschichte darstellt“.

Das Ensemble ORA, bestehend aus sechs Sopranen, vier Altos (drei davon männlich), vier Tenören und vier Bässen, zeichnet sich durch eine stupende technische Perfektion und im Vergleich zu den besten anderen britischen Formationen durch einen individuelleren, farbigeren Klang und eine höchst emotionale Interpretation aus. Zur Kunst kommt das Spontane, zu den Worten ein vor Intensität vibrierender Gesang. Das Hörerlebnis besticht neben meditativer Ruhe mittels Fluten eines unendlichen Vokalstroms, dessen ständig changierende Farbtextur genau so aufwühlt wie das Auf- und Abschwellen der Wasser, die mit dem Kiel der Partitur durchmessen wird. Für Liebhaber hochwertiger Chormusik ist dieses auch hochintelligent programmierte Album unverzichtbar.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

La Harpe Reine

3149020227602

La Harpe Reine
Xavier de Maistre, Les Arts Florissants, William Christie –

harmonia mundi CD

Musik am Hofe Marie Antoinettes

Sie wollen das Neue Jahr musikalisch royal unbeschwert und mit perlendem Wohlklang beginnen? William Christie hat dafür die passende CD  parat. Im Juni 2016 anlässlich eines Konzerts an der Opéra Royal du Château de Versailles (das aus Anlass der Vermählung Marie Antoinettes erbaut wurde) mitgeschnitten, wartet das neue Album mit dem beschwingten Harfenkonzert von Jean-Baptiste Krumpholz Nr. 5 in B-Dur, der Haydn Symphonie „La Reine“, dem technisch höllisch schwierigen Harfenkonzert Nr. 1 in F-Dur von Johann David Hermann und einer Solotranskription des Tanzes der Seligen Geister aus Glucks Oper „Orphée et Euridice“ von Xavier de Maistre selbst auf.

Die junge Erzherzogin Marie Antoinette hatte eine Harfe im Gepäck, als sie von Wien nach Paris reiste und brachte dieses Instrument so richtig in Mode. Die Habsburgerin nahm jeden Vormittag eineinhalb Stunden Harfenunterricht (bei den deutschen Lehrern Philipp Joseph Hinner und Christian Hochbrucker) und liebte es, bei kleinen Kammerkonzerten in ihren Privatgemächern ihren Gesang selbst zu begleiten. Wie der wohl beste Harfenist der Welt, Xavier de Maistre, weiß, gab es 1760 über 200 Harfengeschäfte in Paris, heute sind es nur noch zwei. Damals spielten alle jungen  Mädchen der besseren Gesellschaft Harfe, es waren aber hauptsächlich Männer, die Harfenunterricht erteilten und als Konzertsolisten auftraten. 

Das musikhistorisch und -wissenschaftlich hochinteressante Programm beginnt mit dem fünften Harfenkonzert des gebürtigen Tschechen Jan Krtitel Krumpholtz, Schützling Haydns. Weil seine zweite Frau Anne-Marie Steckler mit ihrem Liebhaber, dem Pianisten und Komponisten Jan Ladislav Dussek nach London zog, stürzte sich Krumpholtz 1790 vom Pont Neuf in die Seine. Abgesehen von dieser tragischen Vita schuf der Tonsetzer achtzehn Konzerte, die so virtuos und technisch anspruchsvoll sind, wie sich dies eben auf den damaligen Instrumenten realisieren ließ. Im Andante con variazioni  wandelt Krumpholtz die Melodie des Chansons „O ma tendre musette“ in ausgezierteste Harfensoli. Prachtvoll! Johann David Hermann, ein weiterer Harfenlehrer Marie Antoinettes, folgt in seinem zweisätzigen hier aufgenommenen Opus einem überwiegend pianistisch gedachten Harfensatz. Xavier de Maistre, ehemaliger Wiener Philharmoniker,  spielt die beiden Werke auf einem Instrument des ausgehenden 18. Jahrhunderts von Chaillot. Trotz geringerer Saitenspannung, engeren Saitenabständen und einer weniger robusten Mechanik gelingen de Maitre „unvergleichlich transparente Klanggestalten“. 

Abgerundet wird die CD durch eine hinreißend musizierte 85. Symphonie von Joseph Haydn (vierte seiner sechs Pariser Symphonien), die ihren Beiname „La Reine“ allein dem Umstand verdankte, dass sie auf Königin Marie Antoinette einen besonderen Eindruck gemacht hat. Der Tanz der seligen Geister als Hommage an die Leier des Orpheus beschließt eine klug inszenierte und musikalisch geglückte Programm CD. William Christie und sein Orchester Les Arts Florissants liefern zur Harfe den adäquaten orchestralen Edelrokoko Soundtrack.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Mahler mit Haitink, R. Strauss mit Jansons

403Mahler 40Strauss

Neues von BR Klassik:
Mahler mit Haitink, R. Strauss mit Jansons

Die 100. Veröffentlichung des BR-KLASSIK-Labels

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ist, was technische Meisterschaft und Brillanz anlangt, neben den Berliner Philharmonikern und der Staatskapelle Dresden einer der drei besten Klangkörper Deutschlands. Und so sind die beiden Live Mitschnitte (Mahler Juni 2016 Gasteig, Strauss 2014/2016), wie nicht anders zu erwarten, Zeugnisse von höchster Orchesterkultur und instrumentaler Finesse. Von gesteigerter Repertoirefantasie kann aber leider nicht berichtet werden.

Wie oft hat Bernhard Haitink eigentlich die dritte Symphonie Gustav Mahlers auf Tonträger bannen lassen? Inklusive Videoproduktionen und der neuen fallen mir sofort fünf Versionen ein. Mit dem Royal Concertgebouw Orchestra und den Berliner Philharmonikern hat Haitink – was Mahler anlangt  – hohe Standards setzen können. Die neue Aufnahme zeigt Haitink als Philosophen eher denn stürmenden Musiker, als vorsichtig Klangräume durchmessenden Rückbesinner eher denn die Natur und den Menschen mit kräftigen Farben malender Animator.  Wiewohl objektiv seine Interpretation mit knapp über 100 Minuten sozusagen im Schnitt liegt, ist der neuen Einspielung etwas Statisches, etwas Oratorienhaftes zu eigen. Das Misteriso habe ich noch nie so abgeklärt, so „objektiv“ gehört. Alles andere steht bei einem Mann wie Haitink natürlich außer jedem Zweifel. Das heißt die Proportionen sind in sich stimmig, das Orchester darf in dunklen Farben leuchten. In Gerhild Romberger (Mezzo), den Augsburger Domsingknaben, dem Frauenchor des Bayerischen Rundfunks, in Martin Angerer (Posthorn-Solo) hat Haitink untadelige, höchstprofessionelle Mitstreiter. Und dennoch bleibt die Frage nach dem Warum dieser fünften Einspielung einer grandiosen Symphonie, deren Tiefe und Extreme Haitink im Vergleich zu seinen früheren Einspielungen nicht mehr hat egalisieren geschweige denn übertreffen können ?

Mariss Jansons legt mit den beiden symphonischen Dichtungen „Alpensymphonie“ und „Tod und Verklärung“ von Richard Strauss die 100. Publikation des Labels BR Klassik vor. Nach dem Heldenleben, dem Oboenkonzert und Till Eulenspiegel ist dies die Dokumentation seiner dritten Richard Strauss Exegese mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf Tonträger. Die Alpensymphonie hat Mariss Jansons bereits mit dem Royal Concertgebouw Orchestra (RCO live 2007) aufgenommen.

Strauss wollte mit der „Alpensymphonie“ bekanntlich eine ganztägige Bergbesteigung in einer sinfonischen Dichtung in Klang fassen. Die Wanderung beginnt bei Nacht, der Anstieg erfolgt durch den Wald, an Bach und Wasserfall vorbei, über Wiesen und Almen auf einen vergletscherten Gipfel. Schließlich verschlechtert sich das Wetter und der Abstieg erfolgt in Gewitter und Sturm. Der Tag klingt aus mit dem Sonnenuntergang und der nachfolgenden Nacht. Die 100. Edition des BR Klassik ist dank Mariss Jansons leidenschaftlich imaginativem Dirigat wirklich zu einem Ereignis geworden. Naturbeschwörung mit Windmaschine, Donnerblechen und Kuhglocken, wundersam leuchtende Himmel und Wetter bei Tag und Nacht. Inmitten der Mensch in Eis und Einsamkeit, Friedrich Nietzsches „Ecce homo“ reflektierend. Trotz Riesenapparat gelingt Jansons eine immer „fassliche“, auf die jeweiligen Haupt-Instrumentengruppen fokussierte Wiedergabe, das „Rosenkavalier-Parlando“ ebenso auskostend wie die Emphase, die ironisierende Introspektion ebenso wie das Himmelhoch-Jauchzen des Eins Werdens mit all diesen elementaren Kräften. Die CD wird ergänzt durch die schon im Februar 2014 aufgenommene symphonische Dichtung „Tod und Verklärung“. Die beiden Pole des Strauss‘schen Schaffens kontrastierend zu einem überwältigendem Ganzen geformt. Grandios!

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Franz & Carl Doppler: THE COMPLETE FLUTE MUSIC

0845221052953

Franz & Carl Doppler:
THE COMPLETE FLUTE MUSIC, Vol. 1

Capriccio CD

Fantasien, Opern-Potpourris für Flöte(n) solo bzw. mit Klavier oder Orchesterbegleitung

Erscheinungstermin: 13.1.2017

Die Brüder Franz und Carl Doppler, hochbegabte „Selfmade-Musiker“ aus der österreich-ungarischen Monarchie, bereicherten die Flötenliteratur des 19. Jahrhunderts mit Bearbeitungen von Motiven aus Opern und anderen Kompositionen, insbesondere ungarischer Provenienz. Die vorliegende CD ist die erste eines auf zehn Editionen angelegten Aufnahmeprojekts der gesamten Flötenmusik der beiden als Instrumentalisten (Oboe, Flöte), Kapellmeister und Komponisten wirkenden Brüder. Der spanische Flötenvirtuose Claudi Arimany ist der Spiritus Rector des enzyklopädischen Unterfangens, an dem je nach verlangter – überwiegend kammermusikalischer – Besetzung weitere Flötisten, Geiger, Pianisten und bisweilen auch ein Orchester mitwirken.

Die erste CD enthält erste kurzweilig zu hörende Kostproben aus dem reichern Schaffen der Gebrüder Doppler. Sie reichen von einer reizvollen Fantasie über ungarische Motive für zwei Flöten und Klavier, der Fantasie über ein Motiv von Beethoven für Flöte und Klavier, dem Duettino über Amerikanische National-Motive für Flöte, Violine und Klavier, den Morceaux favoris sur „La Muette de Portici“ von D. Auber für Flöte und Klavier bis hin zu den Opernparaphrasen auf „Preciosa“ (C.M von Weber), „Dinorah“ (G. Meyerbeer) und das beschwingte Duo Concertante über Motive aus der Oper Rigoletto von Verdi für zwei Flöten und Orchester.

Neben Claudi Arimany wirken an der hörenswerten CD noch János Bálint, Andrea Griminelli, Shigori Kudo (Flöte), Joan Espina (Violine) sowie Alan Branch, Márta Gulyás und Michael Wagemans (Klavier) mit. Im Duo Concertante begleitet das Orquestra Sinfónica Ciudad de Elche unter Leonardo Martínez.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

DIXIT DOMINUS: Vivaldi, Mozart, Händel

CD Dixit Dominus

DIXIT DOMINUS:
Vivaldi, Mozart, Händel
Jordi Savall

AliaVox SACD

Konzertmitschnitt vom L‘Auditori de Barcelona vom 1. Juni 2015

In der neuen Aufnahme unter Jordi Savall mit seinem bewährten Orchester La Capella Reail de Catalunya und dem Chor Le Concert des Nations fasst der katalanische Spezialist für zivilisations- und religionsübergreifende Musikprojekte aus dem Mittelalter drei Vertonungen des Psalms 110 zusammen. Dieses Konzert belegt wieder einmal die Vorzüge des Dirigenten in Bezug auf Phrasierung, polyphoner Konstruktion, Schaffen von Spannungsbögen und traumwandlerisch getimter Übergänge. Das Orchester klingt überwiegend durchsichtig auf der Höhe seiner Möglichkeiten und erweist den feierlichen, hochkomplexen barocken Kompositionen seine Reverenz auf den gewohnt seidig klingenden Originalklanginstrumenten. Vielleicht fehlt den Instrumentalisten aufgrund der tieferen Stimmung das letzte Strahlen, das man sonst in vorzüglichen Aufnahmen dieser Musik (z.B. I Musici) gewohnt ist. 

Leider enttäuscht diesmal die vokale Seite der Aufführung herb. Weder Chor noch Solisten vermögen den Worten des Magnifikat Glanz, Sinnlichkeit und Licht („Meine Seele erhebet den Herrn. Und mein Geist freut sich am Gott, meinem Heiland.“) einzuhauchen noch jene alttestamentarische Wucht auszudrücken, die den Psalm über weite Strecken bestimmt.  Immerhin heißt es da unter anderem: „Der Herr zu deiner Rechten wird zerschmettern die Könige am Tag seines Zorns. Er wird richten unter den Völkern. Er wird häufen die Trümmer. Er wird zerschmettern die Regierungen auf der ganzen Erde.“

Das Klangbild scheint mit einem leichten Grauschleier überzogen, die Dynamik und Stimmungswechsel werden im Einerlei eines mezza voce allzu geradlinig singenden Chors eingeebnet. Marta Mathéu (Sopran I), Hanna Bayodi-Hirt (SopranII), Anthony Roth Costanzo (Countertenor), Makoto Sakurada (Tenor) und Furio Zanasi (Bariton) bleiben allesamt blass und enttäuschen druchwegs. Angeschliffene Töne und Intonationstrübungen mögen dem live Erlebnis geschuldet sein. Aber es muss ja auch nicht jedes Konzert auf CD gebannt werden….

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Extraordinary MET Performances 1966/1967

CD Met Opern

The Inaugural Season –
Extraordinary MET Performances 1966/1967

WARNER 22 CDs

Eine liebevoll editierte Jubiläumsedition
für alle Liebhaber glühenden Operngesangs 

Erscheinungsdatum: 6. Jänner 2017

Melomanen aufgepasst: Obwohl diese Zauberbox in unseren Breiten erst zu Beginn 2017 offiziell in den Handel kommen wird, kann gesagt werden, dass Warner damit allen Opernfreunden ein gar prächtiges Weihnachten beschert hat. Die gemeinsam mit der MET vorbereiteten Gesamtaufnahmen plus Extra-CD mit „Repertoire“-Ausschnitten zelebrieren ja nicht nur das 50-jährige Jubiläum mit zehn  ausgewählten Aufführungen der Eröffnungssaison der neuen MET am Lincoln Center 1966/1967, sondern stellen ein Manifest und eine Bestandsaufnahme all dessen dar, was Oper in diesen Jahren Goldener Stimmen zu leisten imstande war. Es waren optimistische Jahre des Wirtschaftswunders. Stimmen, deren Schönheit und Kraft wurden ohne Rückhaltung zelebriert, ja damit geprotzt, die feine Klinge der Interpretation war vielleicht weniger gefragt.  

Nicht nur von historischem Interesse ist die Frage, inwieweit sich der rein vokale Stellenwert eines live Opernerlebnisses im Laufe der letzten 50 Jahre geändert haben mag. Auch damals verfügte man über Sängerinnen und Sänger, die neben außerordentlich intensiven musikalischen Leistungen wilde „action“ auf der Bühne lieferten (Vickers, Rysanek, Stratas etc.). Aber der Fokus des Gesamterlebnisses lag nicht auf integrierter Regie samt Bühnenbild, sondern eben ganz und gar auf singulären Gesangsleistungen. Desgleichen scheint mir der Grad an Leidenschaftlichkeit, vielleicht sogar Stimmexhibitionismus, rückhaltloser Emotion und Auslotung der Grenzen ein höherer gewesen zu sein als das jetzt der Fall ist. Man höre sich nur die Ausschnitte aus La Gioconda mit Renata Tebaldi an. Mehr „Tigerin mit ausgefahrenen Krallen“ hat in dieser Rolle auch die Callas nicht geboten. Auch die 28-jährige Teresa Stratas als Mimi/ Schluss der Oper „Donde lieta uscí“ lässt einen das Blut in den Adern gefrieren. 

Leonie Rysanek hat mir einmal in New York nach einer Jenufa-Aufführung gesagt, sie empfinde die Bezeichnung „Singschauspielerin“ eigentlich als Beleidigung, sie sei eine Sängerin, Punktum! 

Es mag sein, dass heute präziser gesungen wird. Aber es ist auch klar, dass im Zweifel aktuell eher der Szene, und nicht dem musikalischen Momentum das Primat zuzukommen hat. Für allzu großformatige Stimmen und Persönlichkeiten ist da wenig Platz. Große Sänger wie Elisabeth Kulman verweigern sich diesem Betrieb ja bereits.

Am 16. September 1966 ist nun die neue Metropolitan Opera mit der Uraufführung von Samuel Barbers Oper „Antony and Cleopatra“ glanzvoll eröffnet worden. Dirigiert hat Thomas Schippers. Eine Oper so prächtig und wuchtig wie „Ben Hur“, vielleicht etwas pathetisch. Leonytne Price, für die diese Oper geschrieben worden ist, Jess Thomas und Justino Diaz singen ihre höchst anspruchsvollen Rollen “mit vollem Rohr” hervorragend. Als Vehikel für eine Diva wäre diese insgesamt herrlich dramatische Barber-Oper mit Anklängen an Filmmusik sicherlich auch heute noch ein Reißer. Die Eröffnung eines Hauses wie der MET markiert immer auch den state of the art in Bezug auf Bühnentechnik, Glanz und Gloria der äußeren und inneren Architektur (immerhin stammen die Kronleuchter aus Österreich – Entwurf Fa. Lobmeyr, die schon für die Beleuchtung im Wiener Konzerthaus sorgte) sowie mit dem Lincoln Center insgesamt ein städtebauliches Signum erster Güte. 

In der Eröffnungssaison offenbarte sich aber zuvorderst ein vokaler Reichtum und ein Aufmarsch an großen Dirigenten sondergleichen, der bis heute nicht mehr annähernd egalisiert und schon gar nicht übertroffen werden konnte. Am ehesten war das noch so in der Anfangsära der Direktion Egon Seefehlner an der Wiener Staatsoper, wo in einer Saison Karajan, Böhm und Bernstein dirigierten und sich die Diven aller Länder die Klinke in die Hand gedrückt haben. 

Die Liste an Sängerstars der Eröffnungssaison der MET liest sich nicht nur, sondern war schlicht und einfach das Who is Who der damaligen Opernwelt: L. Price, Sutherland, Scotto, Freni, Nilsson, Bumbry, Caballé, Rysanek, Ludwig, Vickers, Peters, Gedda, Corelli, Tucker, Berry, King, McCracken, Gobbi, Bergonzi, Merrill, Tebaldi, Stratas, Moffo, etc., in Nebenrollen gab es u.a. Madeira, Giaiotti, Elias, Hines oder Karan Armstrong zu hören, dirigiert haben Böhm, Krips, Bonynge, Mehta, Schippers, Gardelli, Davis, Prêtre,…

Alle Aufnahmen wurden von den Original-Rundfunkbändern (Saturday Broadcasts) restauriert, klingen ihrem Alter entsprechend unterschiedlich je nach den Konditionen des Tages, bisweilen etwas trocken (der Bayerische Rundfunk war da leider nicht am Werk!), geben aber ein unverfälschtes akustisches Bild wider.

Aufregend an der neuen Box ist aber nicht zuletzt, dass die Mehrzahl der jetzt vorgelegten Aufführungen auch in den großen Zeiten der „Bootlegs“ (unautorisiert veröffentlichte Tonaufnahmen) nicht erhältlich waren. Meinen Recherchen zufolge gab es (abgesehen von rabenschwarzen Downloads aus dem Internet) bereits Turandot, Otello und Aida schon auf Raubpressungen teils zweifelhafter Qualität (u.a. Labels Claque, Living Stage, GOP). Von Antony und Cleopatra sind auf Tonträger offiziell nur Ausschnitte mit L. Price und Schippers (RCA) veröffentlicht worden. Auch die Aida gab es bereits offiziell als Teil der Box “Verdi at The MET”- Legendary Performances from The Metropolitan Opera. Frau ohne Schatten, Lucia di Lammermoor, Peter Grimes, Die Zauberflöte, Madama Butterfly und Rigoletto werden also in der vorliegenden Konstellation als Live-Novitäten auch eingefleischte Sammler begeistern können. Detto einige bislang nicht erhältlichen Ausschnitte auf der Bonus CD, etwa aus Il Trovatore mit Arroyo und Tucker, Elektra mit Nilsson und Resnik oder Mourning Becomes Electra (Marvin David Levy) mit Lear und Milnes. Jede Oper ist in einen doppelt aufklappbaren Pappkarton mit Fotos aus der jeweiligen Aufführung gepackt, mit Booklets für jede oder separta, sodass die Box auch filetiert in die Regale wandern kann. 

Nach Durchhören der Opern hier nur einige Highlights

An erster Stelle neben Antony and Cleopatra ist vielleicht „Die Frau ohne Schatten“ zu nennen, deretwegen man ruhig nochmals den 90. Geburtstag von Leonie Rysanek feiern mag. In der Rolle ihres Lebens reüssiert der Langzeit Met-Star mit Stimmwundern wie Christa Ludwig, Walter Berry, James King und Irene Dalis, die damals alle am Zenit ihrer artistischen Möglichkeiten standen. Stupend, auch wenn das Orchester am Schluss des dritten Aktes manchmal etwa in Durcheinander gerät. Nilsson, Sutherland, L. Price und Scotto sind ebenfalls mit ihren für mich jeweils in ihren besten Rollen (Turandot, Lucia, Aida, Madama Butterfly) neben Traumpartnern wie Corelli, Bumbry, Freni, Bergonzi, Merrill oder Tucker in absoluter  Top-Form zu hören. Ein vokales Versailles in für heutige Verhältnisse fast schon “unverschämten Glanz” im flirrenden Licht tausender Kandelaber. 

Besonders sind hier die herrlichen Triller Sutherlands und ihr bis in Stratosphärenhöhen cremiges Timbre zu nennen. Da können Tucker und Holzani schon mal derb klingen. Dafür dirigiert Bonenge mit extrem schnellen Tempi die spannendsten Belcanto-Oper ever. Die Aida Besetzung bedarf ohnedies keines Kommentars und dass Nilsson und Corelli sich in Turandot die erwartete Stimmschlacht liefern, ist für das Publikum sowieso der extra-thrill. Jon Vickers gestaltete sein Rollendebüt in seiner dritten Signum-Rolle neben Otello und Tristan, den Peter Grimes, mit der ihm eigenen Intensität und stimmlichen Unverwechselbarkeit. Monserrat Caballé singt eine Desdemona zum Niederknien, ihr Otello James McCracken liefert wie später in der Studioproduktion mit Gwyneth Jones und Fischer-Dieskau ein ausdrucksstarkes Charakterporträt, dessen „Niun mi tema“ tief unter die Haut geht. Die Zauberflöte und Rigoletto, mit Gedda und der hochgeschätzten Roberta Peters sind immer noch gediegene Repertoireaufführungen.

Fazit: Für Liebhaber historischer Opern-Live-Aufnahmen, von Riesenstimmen eher als stilistischer Perfektion, von Glanz und Gloria vergangenen Operngesangs der Sechziger Jahre DIE Neuerscheinung der letzten Jahrzehnte. Anhören!

MET Inaugural Season – Gesamtaufnahmen

1. Antony and Cleopatra von Samuel Barber 
Thomas, L. Price, Diaz; Dirigent:  Thomas Schippers 

2. Turandot von Giacomo Puccini 
Corelli, Giaiotti, Freni, Nilsson, Dirigent:  Zubin Mehta 

3. Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss 
Berry, Rysanek, Dalis, King, Ludwig, Dirigent: Karl Böhm 

4. Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti 
Sutherland, Tucker, Ghiuselev, Colzani, Dirigent: Richard Bonynge 

5. Peter Grimes von Benjamin Britten 
Vickers, Amara, Madeira, Evans; Dirigent: Sir Colin Davis 

6. Die Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart 
Shirley, Uppman, Peters, Macurdy, Raskin; Dirigent: Josef Krips 

7. Otello von Giuseppe Verdi 
McCracken, Caballé, Gobbi, Dirigent: Zubin Mehta 

8. Madama Butterfly von Giacomo Puccini 
Renata Scotto, Ron Bottcher, George Shirley, Dirigent: Francesco Molinari-Pradelli 

9. Rigoletto von Giuseppe Verdi
Giaiotti, MacNeil, Gedda, Peters, Dirigent: Lamberto Gardelli 

10. Aida von Giuseppe Verdi 
Price, Merrill, Bergonzi, Bumbry, Dirigent: Thomas Schippers 

Bonus-CD

Don Giovanni, “Don Giovanni, son morta!” von Mozart 
Nicolai Gedda, Dame Joan Sutherland, Dirigent: Karl Böhm 

Don Giovanni, “Or sai chi l’onore” von Mozart 
Nicolai Gedda, Dame Joan Sutherland, Dirigent: Karl Böhm 

La Gioconda, “É un anatema” von Amilcare Ponchielli 
Renata Tebaldi, Rosalind Elias; Dirigent: Fausto Cleva 

La Gioconda, “L’amo come il fulgor del creato!” von Amilcare Ponchielli 
Renata Tebaldi, Rosalind Elias, Dirigent: Fausto Cleva 

La Gioconda, “Il mio braccio t’afferra!” von Amilcare Ponchielli 
Tebaldi, MacNeil, Elias, Morell, Dirigent: Fausto Cleva 

La Gioconda, “Vedi lá, nel canal morto” von Amilcare Ponchielli 
Barry Morell, Renata Tebaldi, Dirigent: Fausto Cleva 

Lohengrin, “Du wilde Seherin” von Richard Wagner 
Walter Berry, Christa Ludwig, Dirigent : Karl Böhm 

La Bohème “Donde lietá usci” von Giacomo Puccini 
Teresa Stratas, Dirigent : Fausto Cleva 

La Traviata, “Pura siccome un’angelo” von Giuseppe Verdi 
Robert Merrill, Anna Moffo, Dirigent: Georges Prêtre 

La Traviata, “Non sapete quale affetto” von Giuseppe Verdi 
Anna Moffo, Robert Merrill, Dirigent : Georges Prêtrewes

La Traviata, “Un di quale veneri” von Giuseppe Verdi 
Anna Moffo, Robert Merrill, Dirigent : Georges Prêtre 

La Traviata, “Ah! Dite alla giovine” von Giuseppe Verdi 
Anna Moffo, Robert Merrill, Dirigent: Georges Prêtre 

Il Trovatore, “Di geloso amor sprezzato” von Giuseppe Verdi 
Merrill, Tucker, Arroyo, Dirigent: Francesco Molinari-Pradelli 

Il Trovatore “Tacea la notte placida” von Giuseppe Verdi 
Arroyo, Merrill, Tucker, Dirigent: Francesco Molinari-Pradelli 

Elektra, “Ich habe keine guten Nächte” von Richard Strauss 
Birgit Nilsson, Regina Resnik, Dirigent: Thomas Schippers 

Elektra, “Wenn das rechte Blutopfer unterm Beile fällt” von Richard Strauss 
Birgit Nilsson, Regina Resnik, Dirigent: Thomas Schippers 

Elektra, “Was bluten muss” von Richard Strauss 
Birgit Nilsson, Dirigent: Thomas Schippers 

Mourning becomes Elektra, “Forgive me, he takes my place” von Marvin David Levy 
Lear, Collier, Reardon, Milnes, Dirigent: Zubin Mehta 

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken