Der Neue Merker

„PACE E GUERRA“ – Arias for Bernacchi

Terry Wey

PACE E GUERRA“  – Arias for Bernacchi

TERRY WEY, Countertenor /
Bach Consort Wien /
RUBÉN DUBROVSKY

SONY MUSIC / deutsche harmonia mundi / © 2017

Der junge Countertenor mit schweizerisch – amerikanischen Wurzeln und ausgebildet in Wien, Terry Wey, widmet sich auf seinem ersten Solo-Album Arien, die für den italienischen Kastraten Antonio Maria Bernacchi  (1690 – 1756) geschrieben worden sind. Dieser war nach Beendigung der eigenen Karriere als viel bewunderter,  aber auch ob seiner enormen Leibesfülle viel karikierter Superstar, Lehrer des später berühmten Farinelli.

Terry Wey singt in der nun vorliegenden Aufnahme aus Händels „Lotario“ die Titelrolle und in „Partenope“ den Arsace – Rollen, die Händel dem Kastraten auf den Leib und in die Kehle geschrieben hatte –  und die Bernacchi auch in London präsentierte.

Terry Wey betätigte sich aber auch als wahrer Schatzgräber und präsentiert von 14 Nummern insgesamt sieben Weltpremieren auf seiner CD: Wahre Kleinodien von Pietro Torri (ca. 1650 – 1737, darunter die Titel-Arie „Pace e guerra“, aus der Oper „Lucio Vero“, sowie die ergreifende Abschiedsarie „Parto, non ho costanza“ (Ich gehe, denn ich ertrage es nicht, dich weinend zu sehen…, aus der Oper „Venceslao“).  Dazu kostbare Raritäten von Domenico Natale Sorro (1679 – 1744), Johann Adolf Hasse, Carlo Francesco Pollarolo (1658 – 1723), und Leonardo Vinci (mit einem herrlichen Terzett aus der Opera seria „Il Medo“, bei dem  zwei weitere tolle Stars wie  Vivica Genaux, Mezzosopran, und Valer Sabadus, der Countertenor in Sopranlage, mitwirken).

Der Bernacchi von Zeitgenossen oft gemachte Vorwurf, sein Gesang und die virtuosen Gesangsvorlagen würden sich nur durch technische Raffinesse auszeichnen, greift eindeutig zu kurz, führt man sich diese glänzende Aufnahme zu Gemüte. Die Bandbreite des emotionalen Ausdrucks all dieser zu Unrecht fast Vergessenen reicht von verinnerlichter Melancholie über Pathetik bis zu  in wahrstem Sinne stürmischem „Affetuoso“.

Terry Wey ist für all dies prädestiniert wie derzeit wohl nur ganz wenige andere. Im Stile eines Legato- und Schwebeton-Weltmeisters mit stratosphärisch betörendem, schmerzlichem Wohllaut  gestaltet und „durchlebt“ er z.B. Sarros Arie „Quell‘ usignolo…“, die eine Nachtigall besingt („…ob sie allein ist oder bei der geliebten, teuren Gefährtin, sie seufzt und klagt und kennt kein Glück…“).

Koloraturen-Exzesse  kommen beinahe provokant unangestrengt, (ohne künstlich forcierte Töne oder unangenehme Registerwechsel, technisch unfehlbar bewältigt und federleicht). Stimmliche Attacke in Sekundenbruchteilen, sozusagen mit katzenartigem Anschleichen und Zupacken. Und die Arie des Arsace in Händels „Partenope“, „Furibondo, spira il vento“ („Wild tobt der Sturm“) ist ein Höhepunkt an kongenialem gemeinsamem Gestalten einer fast naturalistischen Lesart von Händel und seinem Dirigenten samt Orchester (Rubén Dubrovsky, der kundige wie temperamentvolle Stilist mit dem herrlichen Bach Consort Wien.

Eine grandiose, meiner Ansicht nach kultige, Aufnahme ist da gelungen. Würde mich nicht überraschen, wenn da ein Schallplattenpreis folgt! Für mich: Ein  MUSS für jeden Barockmusikfreund und für Raritätensammler!

Karl Masek

Diese Seite drucken

Robert Fürstenthal: Lieder und Balladen vom Leben und Vergehen

CD Cover Fürstenthal~1

Robert Fürstenthal:
Lieder und Balladen vom Leben und Vergehen
Rafael Fingerlos, Bariton / Sascha El Mouissi, Klavier
Toccara Classics

Wer ist bzw. wer war Robert Fürstenthal? Auch bestens informierte Musikfreunde werden sich nicht genieren, hier Unkenntnis einzugestehen. Einer von vielen Komponisten, die durch Vertreibung und Exil um die Früchte ihrer Arbeit, um die Anerkennung ihres Ruhms gebracht wurden? Ja, und doch nicht ganz. Fürstenthal, der am 16. November 2016 im Alter von 96 Jahren in Kalifornien starb, hatte das Komponieren – so gut er es offenbar beherrschte – erst in seinen späten Jahren zu seinem Lebensinhalt machen können.

Geboren am 27. Juni 1920 in Wien, war er 19, als er über England den Weg in die Emigration antrat und sein Leben in den Vereinigten Staaten verbrachte. Und das in „bürgerlichen“ Berufen – er war während des Krieges bei der US-Army, wurde Wirtschaftsprüfer und arbeitete auch für die Regierung. Was man sonst im Internet über ihn erfährt, sind schmale Auskünfte auf einer Exil-Website, die allerdings seine Kompositionen aufzählt – Lieder, Lieder, Lieder, dazu kammermusikalische Werke.

Wenn nun auf einer CD zwanzig seiner Lieder veröffentlicht werden, für das amerikanische und englischsprachige Publikum unter dem Titel „Songs and Ballads of Life and Passing“, so hilft das gleichfalls englische Booklet, Fürstenthal vor allem durch die Informationen seiner Witwe etwas näher zu kommen. Ein hochmusikalischer Junge, der gut Klavier spielte, Amateursänger begleitete (vor allem für Schubert) und schon als Teenager Liebeslieder schrieb – vor allem für Francoise, die seine erste Liebe war. Jeder von ihnen ging durch eine unglückliche Ehe, bevor sie sich in späteren Jahren nach 35jähriger Trennung (!) wieder fanden und 1974 heirateten.

Robert hatte nach seiner Flucht nie wieder komponiert – doch nach der Hochzeit begann er erneut, wobei er auf die großen deutschen Dichter zurückgriff. Erst später entdecke er auch Joyce oder Yeats als mögliche „Text-Lieferanten“. Aber erst nach seiner Pensionierung 1985 (er war 65) wandte er sich „full time“ wieder dem Komponieren zu und neben im Ganzen rund 160 Liedern entstand einiges an Kammermusik. 1975 schon, erinnert sich die Witwe,  wären Fürstenthals Weinheber-Lieder in Wien im Palais Palffy aufgeführt worden – „the audience went ballistic“, schildert Francoise Farron-Fürstenthal das Ereignis.

Ein zweiter Artikel des Booklets von Michael Haas schildert, wie das Wien der zwanziger und dreißiger Jahre den jungen Robert prägte, die (an Hugo Wolf aufgezeigte) „fiebrige“ Mischung aus „Slavic delirium, Latin passion and Teutonic understated beauty“. Diese Einflüsse des „alten Wien“ haben ihn – und das hört man auf der CD genau – stärker geprägt als die Errungenschaften der modernen Kollegen.

Es sind nun 20 Lieder, die man kennenlernt, wobei Fürstenthal bei den Vorlagen nach Qualität entschied – Eichendorff, Hofmannsthal und immer wieder Weinheber, ein Dichter, der trotz seiner herausragenden Beherrschung der Sprache heute vergessen im Hintergrund steht, weil seine Sympathien für den Nationalsozialismus ihn aus dem Bewusstsein gefegt haben. Fürstenthal komponierte ihn, und es ehrt einen jüdischen Künstler, dass er über das Ideologische hinaus gewählt hat.

Salzburger Festspiele 2015   Die Teilnehmer am YSP - Young Singers Project beim Fototermin im Festspielhaus Foto: Franz Neumayr     29.7.2015 Im Bild der Salzburger Rafael Fingerlos

Rafael Fingerlos (Foto Website)

Und es ehrt den gerade 30jährigen Salzburger Bariton Rafael Fingerlos, dass er seine erste CD Liedern von Fürstenthal widmet Es ist natürlich auch klug, sich nicht mit Schubert, Schumann, Wolf gleich den höchsten Vergleichen auszusetzen, vielmehr an der österreichischen Erinnerungskultur zu arbeiten und Vergessenes an die Öffentlichkeit zu holen.

Es sind weitgehend tonale Lieder von tiefer Stimmung, denen der schöne, große, warme Bariton von Fingerlos die wahren „Schwingungen“ verleiht. Der israelische Pianist Sascha El Mouissi begleitet unendlich gefühlvoll – und das ist ja auch das Grundelement dieser Werke. Es sind vor allem traurige Texte und traurige Stimmungen. Ob Fürstenthal nun so richtig „entdeckt“ wird (denn die meisten Werke entstanden ja in den letzten Jahrzehnten in den USA, sind also nicht vergessen, sondern nur nicht gekannt), sei dahingestellt. Aber wer immer sich einen seiner Zyklen in ein Liederabendprogramm hinein nimmt, findet wirkungsvolle Werke vor, an denen man Stimmschönheit und tiefes Gemüt demonstrieren kann.

Renate Wagner

Diese Seite drucken

Rossini: „SI, SI, SI, SI!“ Opernarien und Duette – Marie-Nicole Lemieux, Patrizia Ciofi; ERATO CD

Rossini: „SI, SI, SI, SI!“ Opernarien und Duette – Marie-Nicole Lemieux, Patrizia Ciofi; ERATO CD

Mehr Likör als Champagner, aber auch zu süße Cocktails machen besoffen

sisi

Erscheinungsdatum: 10. März 2017

Dem Debütalbum der kanadischen Altistin Marie-Nicole Lemieux beim Label Erato liegt ein Live Mitschnitt aus der Opéra Berlioz in Montpellier vom 2. und 5. Dezember 2015 zu Grunde, gewidmet der Musik des Schwans von Pesaro. Und ja, ja ,ja ja, Rossini macht süchtig. Ich kann mich an dem Drive und Tempo dieser Musik nicht satt hören. Das neue Album hat zweifelsohne hohen Unterhaltungswert und seine Meriten, idealen Rossini-Gesang wird der Feinschmecker aber streckenweise vermissen. Das liegt zuvörderst daran, dass die üppig timbrierte und an sich schöne Stimme der grandios sympathischen Marie-Nicole Lemieux jenen Kern und präzisen Fokus vermissen lässt, der einem bei Rossini à la Bartoli aus dem Sessel hebt. Auch könnte die Stimmführung ruhiger und der Vortrag bisweilen weniger betulich sein. Lemieuxs große Atouts liegen demgegenüber in der tollen Tiefe, der pastosen Mittellage à la Marilyn Horne und auch einer hohen interpretatorischen Glaubwürdigkeit. Lemieuxs Stimme ist schwerfälliger als viele andere Rossini-Mezzos und gleicht eher einem süffigen Honiglikör als spritzig perlendem Champagner. Macht nix, schmeckt auch gut. 

Die Stärke des Albums liegt nicht zuletzt in der Programmierung. Der Opernfreund bekommt nicht nur Gassenhauer wie „Cruda sorte“ aus der L‘Italiana in Algeri,“Una voce poco fa“ aus Il barbiere di Siviglia und „Oh patria! … Tu che accendi questo core … Di tanti palpiti“ aus Tancredi serviert, sondern einige selten gehörte Duette. Gleich die dritte Nummer ist das wunderbare Duett Tancredis mit Amenaide. Als Partnerin brilliert die höhentigernde,  leichtfüssige, samtstimmige Patrizia Ciofi, wie übrigens auch in den Duetten aus Matilde di Shabran und La gazza ladra. Die beiden Sängerinnen ergänzen einander von den Stimmfarben her bestens, das Zuhören macht garantiert gute Laune. Im Duett „Quel dirmi, oh Dio!“ aus der frühen Oper La pietra del paragone assistiert gekonnt der Bass Julien Veronése.

Orchester und Chor der Opéra National de Montpellier Occitanie unter der temperamentvollen und belcanto-kundigen Leitung Enrique Mazzolas sorgen dafür, dass auch der instrumentale und chorische Part am finalen Erfolg des Rossini Abenteuers teil hat und echte Theateratmosphäre rein akustisch erlebbar wird. Besonders gut gefällt mir die Arie „In sì barbara sciagura“ aus Semiramide, wohl ein Höhepunkt der CD. Am Schluss gibt es dann das unvermeidliche Katzenduett. Genießer werden auch diese süße Milch mit Vergnügen trinken…..

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Leonard Bernstein: SYMPHONIEN Nr. 1 „Jeremiah“ und Nr. 2 „The Age of Anxiety“ Baltimore Symphony Orchestra; Marin Alsop NAXOS America Classics CD

Leonard Bernstein: SYMPHONIEN Nr. 1 „Jeremiah“ und Nr. 2 „The Age of Anxiety“ 

Baltimore Symphony Orchestra; Marin Alsop NAXOS America Classics CD

Bildergebnis für bernstein marin alsop

Es ist DAS Album der vielleicht besten Dirigentin in den USA geworden. Nach der Kaddish Symphonie die zweite Auseinandersetzung von Marin Alsop mit dem symphonischen Schaffen Leonard Bernsteins. Alsop, seit 2007 mit der musikalischen Leitung des renommierten Baltimore Symphony Orchestra betraut (ihr Vertrag läuft bis 2021!), hat echte Pionierarbeit geleistet. Die Präzision und breite Ausdrucksspanne, die Klarheit und Durchsichtigkeit des Klangs, die Macht der Tutti und die immer rein der Musik geschuldete Dramatik und Intensität, das Drängende und Packende der symphonischen Welt Bernsteins, das Leuchten und Lodern im Glauben an die Kraft der Musik, machen diese CD zu einem tiefen Erlebnis.

Assistiert von Jennifer Johnson Cano, einem klang- und charaktervollen Mezzo, im dritten Satz der ersten Symphonie Bernsteins, den Lamentations of Jeremiah, sowie dem französischen Pianisten Jean Yves Thibaudet in der zweiten Symphonie, ersteht die gesamte Klangwelt Bernsteins, wie neu und nie gehört. Und es zeigt sich, nicht die West Side Story oder andere populäre Bühnenwerke, nein, die Symphonie war das ureigenste Ausdrucksmittel dieses genialen Dirigenten, Musikpädagogen, Showmasters mit dem Stab und ganz in der abendländischen Musiktradition verhafteten Tausendsassas. Heute sind diese in den 40-er Jahren entstandenen Kompositionen aktueller denn je, die zweite Symphonie hat Bernstein 1965 noch einmal revidiert. Die Klagen des Jeremias rund um das zerstörte Jerusalem wecken massive Assoziationen ausgelöst von Fernsehbildern von ausgebombten Städten im Mittleren Osten. 

Die zweite Symphonie besteht aus einem Prolog, den zwei mal sieben Variationen „The Seven Ages“ und „The Seven Stages“ sowie den abschließenden drei Sätzen des Teils 2 „The Dirge“, „The Masque“ und „The Epilogue“, aufbauend auf W. H. Audens 80-seitigem Poem „The Age of Anxiety“. Und wieder verblüfft, wie Maestra Alsop diese Reihe an rein instrumentaler, den Konversationen dreier Männer mit einer Frau, die sich in einer New Yorker Bar abspielen, nachempfundenen Musik in spannende Klangrede wandelt. Eine Oper ohne Worte ist diese Koussevitzky gewidmete Symphonie geworden. Stilistisch ist dieses Meisterwerk eine Symbiose aus Reminiszenzen aus der Alten Welt (Britten, Shostakovich, Schoenberg lassen grüßen) vermischt mit Anleihen aus der Jazzmusik, im Charakter insgesamt Filmmusik nicht unähnlich. Die neue Aufnahme zeigt auch hier Referenzcharakter, besser hat das auch Bernstein selber nicht dirigiert.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Rachmaninov: Klaviertrios – Kremer, Dirvanauskaite, Trifonov, Deutsche Grammophon CD

Rachmaninov: Klaviertrios – Kremer, Dirvanauskaite, Trifonov, Deutsche Grammophon CD

Der Wahrhaftigkeit verpflichtet – Gidon Kremer zum 70. Geburtstag

Erscheinungstermin: 24.2.2017

rac

„Preghiera“ (=Gebet) heißt diese Jubiläums-CD (auch das zwanzigjährige Bestehen der Kremerata Baltica wird in diesem Jahr begangen) , benannt nach dem für Violine und Klavier arrangierten Adagio sostenuto aus Rachmaninovs zweitem Klavierkonzert. Dieses eingängige Stück klassischer Musik hat Rachmaninov mit dem größten zeitgenössischen Geiger, Fritz Kreisler, zusammen geschrieben. Es dient als Einstimmer auf die beiden Klaviertrios, den Trios élégiaques Nr. 1 und Nr. 2.

Gidon Kremer, dessen Geburtstag sich am 27. Februar 2017 zum siebenten Jahrzehnt rundet, gingen wohl Zuschreibungen wie „Virtuose“ oder „Star“ ganz gewaltig gegen den berühmten Geigenstrich, mit dem er seit vielen vielen Jahren die Musikwelt verzaubert. Gründer des Kammermusikfestivals Lockenhaus im Burgenland, hat Kremer dort eine kreativ mutige in ungewöhnlichen Programmen zum Ausdruck kommende Atmosphäre etabliert, die alle, die ihn und seine Mitstreiter dort erleben durften, wohl nie vergessen werden. Kremer ist ein unbeugsamer Sucher nach der Wahrhaftigkeit in der Musik und darin Nikolaus Harnoncourt nicht unähnlich, mit dem er auch in Schumanns Violinkonzert in D-Moll eine der atemberaubendsten Einspielungen seiner Karriere überhaupt vorlegte.

Kremer, ein Aufbegehrer gegen den Musikbetrieb, hohle Hochglanzcover, geputsche Karrieren und Gagen-Hochlizitierer, hat sich für seine Geburtstags CD bei der Deutschen Grammophon kein Soloalbum gewünscht, sondern eine kammermusikalische Erkundung der Klaviertrios von Sergei Rachmaninov mit dem für mich unbedingtesten und intensivsten Pianisten der Jetztzeit, Danil Trifonov und der ausgezeichneten Cellistin Giedre Dirvanauskaite von der Kremerata Baltica.

Höhepunkt der CD ist das knapp fünzigminütige Trio élégiaque Nr. 2 in D-Moll. Das „Dem Andenken eines großen Künstlers“ betitelte Werk stellt eine Hommage an den so verehrten und bewunderten Komponistenkollegen Tchaikovsky dar. Die drei herausragenden Musiker Kremer, Trifonov und Dirvanauskaite, die dieses Werk jüngst auch öfter gemeinsam auf der Bühne interpretiert haben, scheuen keine Extreme in Tempo und Dynamik. Da klagt die Violine über den Verlust eines bedeutenden Menschen, verdichten Geige, Klavier und Cello die Variationen des zweiten Satzes zu einem faszinierenden Universum an intimen und technisch herausfordernden Ausdrucksmöglichkeiten, bevor der kurze dritte Satz in einem dunklen Klagegesang verebbt. „Abenteuer Hören“ ist ein Begriff, der sich mir schon nach kurzer Zeit Eintauchen in dieses Klaviertrio aufgedrängt hat. Was wohl das berückendste an der CD ist, die drei Musiker lassen den Werken ihr Geheimnis. Was etwa Danil Trifonov hier an magisch feinnervigen Anschlägen, glasklar auftrumpfenden bis verzagt verschleierten Phrasen und  dichter Emotionalität zustande bringt, ist stupend. Das kurze einsätzige erste Klaviertrio Rachmaninovs in G-Moll stellt das Klavier in den Mittelpunkt, das aufregend und in allen Facetten mit den beiden Streichern konzertiert. 

Man möchte dieses zauberisch schöne Album mit allen nur erdenklichen Superlativen überschütten, nur hat es sie nicht nötig. Es ist wahrhaftig!

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Schubert/Shostakovich: SCHWANENGESÄNGE für Viola und Klavier CAvi-music CD

Schubert/Shostakovich: SCHWANENGESÄNGE für Viola und Klavier CAvi-music CD

Pauline Sachse (Viola) und Lauma Skride (Klavier) begeistern mit überirdisch schönen Klängen

Bildergebnis für schubert schwanengesang schostakowitsch

 Da tun sich zwei sensationell aufspielende Musikerinnen zusammen, singen auf ihren Instrumenten von Schmerz und Tod und treffen den Pfeil mitten ins Herz des Lebens. Die Liebe ist größer als der Tod, könnte  als Vermächtnis und Motto dieser Interpretation geschrieben sein.

Franz Schuberts Schwanengesang D 957 und seine Taubenpost D 956a stehen im Zentrum einer Deutung für Klavier und als Pendant zur Singstimme, in diesem Fall der Bratsche. Schubert hatte die Lieder nach Texten von Rellstab, Heine und Seidl nach der Winterreise unter dem Einfluss von Beethovens Tod geschrieben, zu einem Zyklus wurden sie erst posthum zusammengefasst. Der Ersatz der menschlichen Stimme durch ein Instrument könnte ja als Verengung und des poetischen Worts beraubte Verkürzung gesehen werden. Nicht aber, wenn diese Lieder so gespielt werden, wie dies Pauline Sachs und Lauma Skride tun. Pauline Sachs auf der Viola vermag die gesamte Bandbreite der dargebotenen Lyrik zu vermitteln, ja auf ihrem Instrument so intensiv und leidenschaftlich in Ton zu gießen, dass alle Stimmungen von Düsternis bis zu „schwärmerischer Sehnsucht, drängender Ungeduld bis zu freudvoller Erwartung“, wie sie es selbst formuliert, kompakte Gestalt annehmen. Ich habe jedenfalls keinen Sänger vermisst. Sachse, die ihre Tätigkeit beim Rundfunkorchester Berlin zugunsten einer Professur in Dresden aufgab, ist eine wahre Zauberin auf ihrer 1610 in Brescia gebauten Bratsche mit dem schönen Namen „Butterfly“. Ich möchte noch einmal Frau Sachse zu den Heine-Gedichten im „Schwanengesang“ zitieren: „Sie sind im Schmerz und beginnenden Wahnsinn gleichwohl in ihrer tiefsten Sehnsucht stets ohne Pathos und erkunden die Schatten der Seele mit sensibler Schönheit. Es liegt eine unbeschreibliche Schwermut in Text und Musik, sie sich im gleichen Atemzug entblößt und verschleiert“. Ich denke, dass damit auch das Wesentliche über das Geheimnis des Spiels von Pauline Sachse gesagt ist, die mit dieser Interpretation wohl ECHO-verdächtig ist. Ebenso begleitet Lauma Skride, Schwester der Geigerin Baiba Skride, die Lieder mit enormer energetischer Einfühlung und deutender Frische. Ihr Anschlag ist präzise und ploppt wie Champagner. Sie ergänzt sowohl in den lyrischen als auch emotional dichteren Passagen wundersam das Spiel ihrer Partnerin. Großartig!

Als Spiegel zu den letzten Schubert-Werken haben die Künstlerinnen Dmitri Shostakovich‘ Sonate für Viola und Klavier Op. 147, im Todesjahr des Komponisten geschrieben, gewählt. Im Juni und Juli 1975 innerhalb kürzester Zeit entstanden, ist die  Sonate das Opus summum der in Töne gegossenen Lebensdramatik des russischen Meisters. Am 5. Juli schließt Shostakovich die Arbeit an der Partitur ab und stirbt am 9. August. Die Sonate wurde am 25. September von Fjodor Druschinin und Michail Muntjan uraufgeführt. Insbesondere der dritte und letzte Satz, das Adagio, ist ein wahrer schicksalsgeladener Schwanengesang mit allen ambivalenten Gefühlen, Aufbegehren, Reminiszenzen, Reverenzen (musikalisch an Beethoven, dessen Sonaten Op. 27 Nr. 2 und Op. 110 er zitiert) und friedvoller Lossagung geworden. Die Interpretation durch Sachse und Skride hat Referenzcharakter und ist an Subtilität und Lautmalerei, aber auch im musikalischen Farbenspiel rund um die Maskeraden einer verzerrten Wirklichkeit aus einer Zeit, die von “Heuchelei, Angst, Verrat, unvorstellbaren menschlichen Abgründen und überzogener Selbstdarstellung geprägt war“, unüberbietbar. Anhören!

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Aida Garifullina – Verheißungsvolles Debütalbum

0028947883050

Aida Garifullina 
Verheißungsvolles Debütalbum

DECCA CD

Von Kazan aus auf dem Weg in den Opernolymp

Wenn man schon als Aida aufwächst, und der Storch einem noch eine tolle Naturstimme mit in die Wiege gelegt hat, kann ja schon fast nichts mehr schiefgehen. Vor allem wenn man noch dazu aus einem musikalischen Haus kommt und als Drüberstreuer aussieht wie Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“.  Mit jungen siebzehn Jahren zog es diese bildschöne Tartarin, Tochter einer Chorleiterin und Gesangspädagogin von der 800 km östlich von Moskau gelegenen Hauptstadt der Republik Tatarstan, nach Nürnberg, um dort mit Siegfried Jerusalem Gesang zu studieren. Nach einer weiteren Ausbildung in Wien entdeckten sie Valery Gergiev am Mariinsky-Theater und 2013 nach dem gewonnenen Operalia-Wettbewerb in Verona wer sonst als Placido Domingo. Aber erst die Auftritte auf den Opernbällen in Wien und Dresden sowie jüngst ihre Mitwirkung in dem Hollywood Film über Florence Foster Jenkins (mit Meryl Streep) in der Rolle der Sopranistin Lily Pons sicherten Aida Garifullina jene mediale Aufmerksamkeit, aus der der Stoff aller Starträume gestrickt ist.

Das neue Album mit Ausschnitten aus russischen Opern von Rachmaninov, Rimsky-Korsakov und Tchaikovsky, russischen Liedern sowie zwei Kostproben aus dem französischen Repertoire („Ah Je veux vivre“ der Juliette aus Charles Gounods Roméo et Juliette und die „Glöckchenarie der Lakmé“ aus Léo Delibes Oper) zeigt deutlich Qualitäten und Grenzen dieser fülligen Stimme auf. Garifullina, deren Idol Anna Moffo ist, verfügt über eine warme, ebenmäßig schön strömende Mittellage und eine darin gut eingehängte Tiefe. Sie ist vom Stimmtyp her eher lyrischer Sopran denn Koloratur- oder Belcantosängerin. Ihre Fähigkeit zu flirrend fließendem Legato kann sie mit der vielleicht schönsten Nummer des Albums, der 8-minütigen Vocalise, Op. 34, Nr. 14 von Rachmaninov, grandios unter Beweis stellen. In Tchaikovskys Romanze „Serenade“ im Dreivierteltakt voller charmanter Lyrismen kann Garifullina mit dunkel leuchtenden melodischen Bögen reüssieren. Die exotische Farbenpracht, mit der Garifullina das Wiegenlied „Allüki“ von Rachmaninov und Maria‘s Lullaby aus Mazeppa vorträgt, stellt ebenfalls ein großes Atout der CD dar. Ansonsten lösen ihre Interpretationen viele Erwartungen ein, wecken aber auch Hoffnungen und scheinen Versprechen zu geben, denen die Sängerin erst gerecht werden muss. 

Beim Übergang in die oberen Register und erst recht in die Stratosphären etwa der Glöckchenarie macht sich ein Bruch in Timbre und Klangduktus bemerkbar. Da wechselt die fraulich elegant üppige Mittellage in so manchen leicht spitz angesetzten Ton. Stimmqualität und die Selbstverständlichkeit der Tonproduktion laufen dabei Gefahr, ein wenig ins allzu Konkrete und Gewollte abzugleiten. Diese technischen Einschränkungen tun aber der insgesamt positiven Wirkung des Albums und vor allem der stupenden Ausdruckskraft dieser Stimme keinen Abbruch. Da die Sängerin Gelegenheit hatte, ihre aktuellen Herzensnummern zu wählen, ist das Album auch vom Programm her aufregend geworden. Kein stereotyper Erstling mit Traviata und Lucia, sondern Ausschnitte aus  „Sadko“ und dem „Goldenen Hahn“. Die Aufnahmen sind extrem sorgfältig produziert worden und entstanden an sieben Tagen im Februar, März und Mai 2016 im Großen Sendesaal des ORF. Das ORF Radio-Symphonieorchester unter dem Dirigenten Cornelius Meister sorgt für einen luxuriösen Klangteppich. Meister versteht es aber auch, insbesondere bei Rimsky Korsakov, aus der rein dienenden Rolle hervorzutreten und ebenso reichlich Farbe zu bekennen. 

Fazit: Ein toller Start, auf das definitive Album der begabten Russin muss allerdings noch gewartet werden.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Richard Strauss: SYMPHONIA DOMESTICA, METAMORPHOSEN

0747313902187

Richard Strauss:
SYMPHONIA DOMESTICA, METAMORPHOSEN

SWR Music CD

Tondichtungen Vol. 5 – ein Wurf!

Francois-Xavier Roth, seit 2011 Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg befasst sich ebenso gerne mit Pierre Boulez wie Richard Strauss, Beethoven oder John Cage. Bei der Tour de Force aller Tondichtungen von Richard Strauss ist Roth nun bei Vol. 5 angekommen. Unter den berühmten Strauss‘schen Tondichtungen fristet das sinfonische Selbst- und Familienporträt „Symphonia domestica“ ungerechterweise ein relatives Schattendasein. Dieses quirlige, prächtig humorige und deftig lautmalerische Stück liegt Roth und seinen Mitstreitern des SWR ganz besonders gut. Seien es die Selbstcharakterisierung des Komponisten mit träumerischen, mürrischen, temperamentvollen Motiven, die klangliche Vision seiner Gattin Pauline, sensible Sängerin und bisweilen ruppige Partnerin oder die liebevollen dem Sohn Franzi gewidmeten Sequenzen, Roth legt ein charaktervolles, ausdrucksstarkes Klangkleid über die einzelnen Szenen. Das Alltagsleben der Familie Strauss ersteht vor dem inneren Ohr und der Hörer ist fast unfreiwillig „voyeuristischer“ Zeuge, wie „Mama Bubi zu Bett bringt, Papa arbeitet oder Papa und Mama alleine sind“. 

Ein von Strauss verfasster Formplan gliedert das Werk in vier Sätze. Einer Einleitung folgt das Scherzo mit Elternglück, kindlichen Spielen, Wiegenlied, dann schlägt die Glocke 7 Uhr abends. Das Adagio als introspektiverer Teil handelt vom „Schaffen und Schauen“, enthält eine Liebesszene, und setzt mit „Träumen und Sorgen“ fort, bevor die Glocke 7 Uhr morgens kündet. Im rasanten Finale nach dem Erwachen samt lustigem Streit setzt Strauss einen gar fröhlichen Beschluss in Ton. Roth nutzt alle Finessen der üppigen Instrumentierung, vergisst auch das Augenwinkern nicht. Schließlich ist die Symphonia domestica nichts anders als eine unglaublich hingebungsvolle, leicht exhibitionistische, bisweilen bombastisch ironische Hommage an all die Lieben, die abseits des großen Ruhms in Wahrheit doch am meisten dazu beitragen. Vielleicht ist diese Interpretation die gelungenste von allen Einspielungen des ganz fabelhaften Dirigenten Roth.

Bei den Metamorphosen, einem symphonischen Trauergesang um das in Trümmer liegende München, hängt die Qualität der Wiedergabe vorwiegend von den 23 Solo-Streichern ab. Der Klang muss hier verschleierter sein, die weitaus geringeren Kontraste bedürfen einer großen Farbpalette an „Sound“. Die tapferen Freiburger haben hier im Vergleich etwa zu berühmten Einspielungen der Wiener Philharmoniker das Nachsehen. Aber wie Roth das späte Werk formal auffächert, dynamisch verdichtet und die dramatischen Brüche schärft, ist faszinierend.

Fazit: Eine der auch klangtechnisch besten Einspielungen der Symphonia Domestica im Katalog. Herausragend!

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

BACHIANA – Asya Fateyeva arrangiert und spielt Bach und Villa-Lobos auf Saxophon BERLIN CLASSICS CD Veröffentlichung: 24.3.2017

BACHIANA – Asya Fateyeva arrangiert und spielt Bach und Villa-Lobos auf Saxophon BERLIN CLASSICS CD

Veröffentlichung: 24.3.2017

asya

 

Wie begabt und technisch meisterlich Asya Fateyeva mit ihrem Instrument umgeht, hat sie schon mit ihrer Debüt-CD „Musik für Saxophon und Klavier“ unter Beweis gestellt. Die neue CD orientiert sich vom Titel her an den Bachianas des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos und stellt auch zwei Titel,  die Aria aus der „Bachiana Brasileira  Nr. 5“ (ursprünglich für Sopran und acht Celli geschrieben; wer erinnert sich nicht an die flirrend aufregende Einspielung mit Anna Moffo?) und die „Fantasia para saxophone“, vor. Vielleicht ist es das große Genie Villa-Lobos und die klangliche Identifikation  mit dem Saxophon in der Fantasia, dass die brasilianischen Zugaben das eigentliche künstlerische Hauptgewicht der CD ausmachen. Die von der Solistin selbst arrangierten Werke von Johann Sebastian Bach, nämlich die Konzerte für Violine, Streicher und Continuo BWV 1056r und BWV 1041 sowie das Konzert für Oboe, Violine, Streicher und Cointinuo BWV 1060 (Violine Erik Schumann), ertönen dagegen allzu brav und gefällig.

Fateyevas Ton ist immer exquisit schlank und von hoher Eleganz, voll sanglicher Finesse und edel nobler Diktion. Das ist manchmal so makellos gespielt, dass die Eigenart des Saxophon vor lauter Schönspiel in Bedrängnis gerät. Beim Blindhören würde ich nicht wagen zu raten, wie viele Hörer das Saxophon bei den Bach‘schen Transkriptionen für eine Klarinette halten würden. Das Württembergische Kammerorchester unter der Leitung von Ruben Gazarian ist ein fürsorglicher und behutsamer Partner, trägt aber kaum zu einer memorablen Interpretation bei. Nur bei der Arie „Ach, bleibe doch, mein liebstes Leben“ aus der Kantate „Lobet Gott in seinen Reichen“, BWV 11, gelingt es Fateyeva aus der Faserschmeichelfalle auszubrechen. Hier ist der Tiefgang und das Besondere spürbar, das das Arrangement wie ein Selbstverständliches, wie etwas dem Moment Geschenktes erlebbar macht.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken

Streichquartett im Aufwind: Neues vom Heath Quartet und dem Jerusalem Quartet Tchaikovsky und Bartók in mustergültigen Interpretationen – harmonia mundi CDs

Streichquartett im Aufwind: Neues vom Heath Quartet und dem Jerusalem Quartet

Tchaikovsky und Bartók in mustergültigen Interpretationen – harmonia mundi CDs

Bildergebnis für the heath quartet

Für das 2002 gegründete britische Formation „Heath Quartet“ markieren die Tchaikovsky Quartette Nr. 1 und 3 die erste Zusammenarbeit mit dem Label harmonia mundi und man kann nur sagen: Volltreffer! Die jungen Professoren für Kammermusik an der Guildhall School of Music & Drama (Oliver Heath, Cerys Jones, Gary Pomeroy, Chris Murray) bannen das wunderbar spielerische und melodiöse Werk des 31- jährigen Tchaikovsky (1871) ganz in klassizistisch charmanter Manier in einen ganzen Zauberwald an Tönen. Stilistische Anleihen bei Schubert, Haydn oder Beethoven überzieht der geniale Russe mit einem feinen slawisch melancholischen Schleier. Beim Andante cantabile soll einst sogar Tolstoi in Tränen ausgebrochen sein. Der Hörer versteht es und ist glücklich. Fünf Jahre später folgte das dritte Streichquartett, im Andenken an den Primgeiger Ferdinand Laub geschrieben. Demzufolge erklingt im dritten Satz einprägsamer Trauermarsch. Im übrigen ist die Textur des späteren Werks weitaus symphonischer angelegt, was die vier formidablen Musiker dazu anstachelt, alle Kontraste, das Stürmische und Zögernde, das Intime und forsche Rhythmen, mit ungeheurem Musikantentum und traumwandlerischer Fabulierlust auszuspielen. Eine  großartige CD zum Hören und immer wieder Hören!

Bildergebnis für jerusalem quartet bela bartok

Das renommierte israelische Jerusalem Quartet (Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler, Ori Kam, Kyril Zlotnikov) hat sich in der neuen Einspielung für harmonia mundi die Quartette Nr. 2, 4 und 6 von Béla Bartók vorgenommen. Jedes der 1909 bis 1939 entstandenen Quartette ist laut dem exzellenten Aufsatz von Claire Delamarche im Booklet „aus er Mitte des Bartók‘schen Genies geboren. Jede eine Gussform verflüssigten Materials, aus der später in Gestalt der großen Bühnen- und Orchesterkompositionen die unterschiedlichsten und glanzvollsten Gestirne hervorgehen konnte.“ Verarbeitete Bartók im zweiten Quartett arabische und rumänische Volksmusik, so griff er im vierten auf die Kanontechnik alter italienischer Meister wie Frescobaldi oder Domenico Scarlatti zurück. Die in ihrem Spiel die klaren Strukturen und neutönenden  Techniken (neue Glissando und Vibrato Varianten, „Bartók Pizzicato“) auslotenden Musiker spannen einen leuchtenden Spagat zwischen archaischen Traditionen und zeitloser Avantgarde. Das bekenntnishafte sechste Streichquartett ist ein trauriger in Tönen gegossener Spiegel der Zeitläufte um seine Entstehung 1939. Bartók verlor seine Mutter und entschloss sich, in die USA zu emigrieren. Angst und Depression kennzeichnen die Musik, der das Jerusalem Quartet in tiefer Emotionalität und Radikalität ein einzigartiges interpretatorisches Denkmal setzt. Der von Leukämie gezeichnete Komponist konnte das kaum skitzzierte siebente Streichquartett nicht mehr vollenden.

Dr. Ingobert Waltenberger

Diese Seite drucken