Der Neue Merker

MENAHEM PRESSLER spielt MOZART – Neuerscheinungen

MENAHEM PRESSLER spielt MOZART – Neuerscheinungen

„Bei Mozart habe ich das Gefühl, es ist ein Lichteinfall von einem anderen Ort.“  Menahem Pressler

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  1. Klavierkonzerte Nr. 23 und 27, Magdeburgische Philharmonie, Kimbo Ishii – CAvi music CD
  2. Klaviersonaten Nr. 13, KV 333, Nr. 14, KV 457 und Fantasie in c-Moll, KV 475 – la dolce volta CD

 

Eine Legende? Ja, aber was noch viel wichtiger ist, Menahem Pressler ist neugieriger und aktiver denn je zuvor. Ihm zuzuhören, enthüllt die Quintessenz der Musik und den Kern des Menschen als zivilisatorisches Wesen. Abseits jeder Eitelkeit, jedes Gefallen Wollens, jedes theatralischen Beiwerks, atmet Presslers Mozart-Spiel eine Unschuld, etwas Unverbrauchtes. Hinzu kommt eine unglaubliche Leichtigkeit sowie ein sublimes Feintuning im Anschlag. Der Hörer könnte glauben, dem Akt des Komponierens selbst beiwohnen zu dürfen, so unmittelbar, natürlich und einfach strömt der musikalische Fluss, ist Übermut ganz einfach Übermut und nachdenkliche Melancholie von zarter Schönheit umflort. „Wenn ich gut in Form bin und ein Konzert gebe, dann sehe und fühle ich, was ich nie zuvor gesehen oder gefühlt habe“, hat Pressler einmal in einem Interview geäußert. Genau, das ist es, was seine Interpretationen so unvergleichlich frisch und jedes Mal wie neu macht.

53 Jahre lang war der aus Magdeburg gebürtige Pianist Menahem Pressler Teil des Beaux Arts Trios, immerhin des bedeutendsten Klaviertrios des 20. Jahrhunderts. Seit dessen Auflösung tritt er wieder solo auf – und das mit inzwischen fast 94 Jahren. Damit ist er der älteste konzertierende Pianist der Welt, wie einst Mieczysław Horszowski, den ich noch mit 100 im Wiener Konzerthaus erleben durfte.  Als wahrhaft spektakuläres Debüt gastierte Menahem Pressler im Januar 2014 mit 90 Jahren erstmals bei den Berliner Philharmonikern.  Im selben Jahr spielte er auch im Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker, das weltweit im TV übertragen wurde.

„Ich bin gestern Nacht um halb zwei ins Bett gegangen, heute Morgen um 8 Uhr 30 habe ich geübt“, verrät Pressler  sein Geheimnis der musikalischen Fitness. Vielleicht hat er auch das viele Schwere seiner Biographie samt Verfolgung und Emigration ganz einfach in leuchtende Weisheit verwandeln können, dieser Zauberer des Lebens und großer stiller Magier der Kunst.

Wer mehr über Pressler erfahren will, sollte sich das Filmporträt „Das Leben, das ich liebe“ ansehen.  Es handelt sich um eines der berührendsten Künstlerporträts auf Celluloid. Man wird einen Menschen entdecken, der ganz in der Gegenwart zu Hause ist, nach vorne und nicht nach zurück schaut und nicht zuletzt dessen Mimik sowie das was nicht formuliert ist, mehr aussagen als tausend Worte.

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Die beiden neuen CDs sind große Würfe. Die Klavierkonzerte hat Pressler mit dem philharmonischen Orchester seiner Heimatstadt Magdeburg l2016 live im Thetaer Magdeburg eingespielt. Dirigent Kimbo Ishii sorgt für einen luxuriösen Klangteppich, begleitet sensibel und achtet besonders bei manch getragenem Tempo auf äußerste Konkordanz mit seinem Starpianisten. Bei den Sonaten (das Album ist Teil eines Gesamtaufnahme-Projekts) fällt die formale Akkuratesse der Wiedergabe auf. Jede Verzierung wird nicht exekutiert, sondern liebevoll modelliert. Auch hier sind überwiegend breite Tempi das dynamische Grundmaß für eine großartig inspirierte Detailarbeit und exquisite Phrasierung. Pressler hat offenkundig das Mozart-Gen und der Zuhörer schwelgt im siebenten Mozart-Himmel.  Musik für die einsame Insel!

Sein Terminkalender ist auch 2018 voll, Menahem Pressler wird u.a. in Amsterdam und Philadelphia, aber auch am 5. April wieder im Kammermusiksaal in der Berliner Philharmonie gastieren.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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HECTOR BERLIOZ: LES TROYENS – Ungekürzte live Aufnahme aus der Salle Érasme in Strasbourg mit einem phänomenalen Michael Spyres als Énée – ERATO 4 CDs, 1 DVD

HECTOR BERLIOZ: LES TROYENS – Ungekürzte live Aufnahme aus der Salle Érasme in Strasbourg mit einem phänomenalen Michael Spyres als Énée – ERATO 4 CDs, 1 DVD

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Jede neue Aufnahme der Trojaner, einer der besten frz. Opern des 19. Jahrhunderts, ist allein schon des Aufwandes wegen ein Großereignis. Abgesehen von einigen teils hervorragenden DVDs (Gardiner, Pappano, Gergiev) sieht es nämlich hier auf dem reinen Tonträgermarkt ganz und gar trist aus. Neben der berühmten Colin Davis-Aufnahme mit Vickers, Lindholm, Veasey sowie seiner Zweitversion mit dem LSO live aus dem Jahr 2000 gab es nur noch die berühmte ebenfalls vollständige Einspielung unter dem Dirigenten Charles Dutoit, Label DECCA, mit Lakes, Pollet und D. Voigt, die aber schon lange aus den Katalogen gestrichen ist. Die historischen Live-Mitschnitte sind hier nicht berücksichtigt.

 

Der 75-jährige amerikanische Dirigent John Nelson hat sich mit dieser Aufnahme einen Lebenstraum erfüllt. Sie beruht auf Konzerten mit dem Orchestre philharmonique de Strasbourg, Les Choeurs de l’Opéra national du Rhin, dem Badischen Staatsopernchor sowie dem Choeur philharmonique de Strasbourg vom 15. und 17. April 2017 in der akustisch schwierigen Salle Érasme in Strasbourg, am 18. April gab es noch eine Korrektursitzung. Immerhin benötigt dieses Werk eine sechzehnköpfige Besetzung, von der nahezu alle Protagonisten ihre betreffenden Rollen zum ersten Mal sangen, und das größte jemals für eine Oper vorgesehene Orchester. Insgesamt beeindruckende knapp 300 Personen bevölkerten in Strasbourg die riesige Konzertbühne. Das ist für diesen akustisch auf jeden Fall hollywoodtauglichen Historienschinken, dieser großen Saga aus Krieg und Liebe mit dem Brand von Karthago, Riesenschlange, Pferd der Griechen, königlicher Jagd und Sturm auch angemessen.

 

Zur Fassung noch ganz kurz: Auf die kurze Sinon-Szene im ersten Akt wurde verzichtet und Nelson hat aus dramaturgischen Gründen den komprimierten Schluss des fünften Aktes gewählt. Ansonsten wird die komplexe fünfaktige Partitur samt allen Rezitativen, Arien und Monologen, Duetten, Ensembles, Chören und Doppelchören, instrumentalen Pantomimen, Balletten, Hymnen und Märschen sowie gewaltigen Finali zu Gehör gebracht. Das Abenteuer lohnt auf jeden Fall. Der Wiedergabe ist das Glühen des Dirigenten für Berlioz und dessen zweiteiliger Antikentragödie in jeder Sekunde anzumerken. Hier kommt noch die Live-Atmosphäre hinzu, die Stimmung bringt.

 

Sängerisch wartet diese Opern-CD mit einem Geniestreich, vielen positiven Überraschungen, aber auch zwei (sehr) problematischen Besetzungen auf. Michael Spyres ist der beste Énée der Schallplattengeschichte und übertrifft für mich noch die Leistungen in dieser schwierigen Rolle etwa eines Vickers oder Gedda. Berlioz verlangt von seinen Sängern stilistisch zwischen Rameau, Gluck und Wagner so ziemlich alles, was vorstellbar ist: Die Befähigung zu lyrischer Zartheit und dem Spinnen unendlich scheinender Phrasen, gewaltige Intervall-Sprünge und hochdramatische Ausbrüche, bisweilen noch über die Chormassen hinweg. Der Belcantoheld, stilistische Tausendsasse, Höhentiger und ausgewiesene Spezialist für „Unsingbares“ Michael Spyres, der kürzlich  mit dem Soloalbum „Espoir“ bei Opera Rara (wo er auf den Spuren des historischen Vorbilds Gilbert Duprez wandelte)  für Furore gesorgt hat, ist in der Rolle des Énée goldrichtig besetzt. Ob rezitativische Präzision und prägnante Artikulation, verhangene Trauer oder die große auftrumpfende Stimmgebärde, Michael Spyres vermag all dies mit seinem leuchtkräftigen, technisch perfekt sitzenden Tenor nuancenreich und mächtig darzustellen. Natürlich sitzt auch das hohe C. Bewundernswert, wie dieser Künstler zudem die schon von Natur aus üppige Farbenpalette seines Tenors immer weiter anreichern kann. Spyres noch dazu höchst sympathisch, wie aus einer Szene auf der DVD berührend hervorgeht. In dem Moment, wo sein Tenorkollege Cyrille Dubois in der Rolle des Iopas sein berühmtes „Ô blonde Cérès“ anstimmt, schließt Spyres genussvoll die Augen. Allerdings ist dies auch künstlerisch verständlich! Cyrille Dubois, der mich an den jungen Florez erinnert, hat eine der schönsten lyrischen Tenorstimmen, die ich je gehört habe. Zur ebenso bombensicheren Höhe kommt eine Mittellage mit einer höchst wandlungsfähigen Textur, von bissfester Trüffelpasta über Nougatcreme bis hin zu Orangensoufflee. Einfach umwerfend! Anhören, wo und wann immer dieser Name auf einem Besetzungszettel steht. Mit ein wenig Abstand ist auch Stanislas de Barbeyrac in den kleineren Tenorrollen des Hylas und Hélénus eine unglaublich gewinnende Entdeckung.

 

Von den Damen gebührt das ganz große uneingeschränkte Ja der jungen Marianne Crebassa in der Rolle des Ascagne, des 15-jährigen Sohns von Énée. Die beiden weiblichen Hauptrollen, Cassandre und Didon, sind hingegen abweichend von der bisherigen Aufführungspraxis mit zwei virtuosen Belcantosängerinnen besetzt. Die Cassandres, die ich gesehen habe, beginnend mit der wunderbaren Helga Dernesch in Wien bis hin Deborah Polaski in Salzburg oder Anna Caterina Antonacci in Paris, hatten hinreichend dramatische bzw. Wagner-Erfahrung und auf jeden Fall Tragödinnenformat. Marie-Nicole Lemieux hingegen gelingt trotz aller Intensität in der Darbietung kein überzeugendes akustisches Rollenporträt. Zu unruhig wabert der breit geführte Mezzo in Kontraaltlage, zu wenig gebündelt ist die Stimme, zu anspruchsvoll die Vorlage in Relation zu den vorhandenen Mitteln. Viel interessanter ist die Besetzung der Didon mit der höhenlastigen Joyce DiDonato. Prominente Vorgängerinnen wie Regine Crespin oder Christa Ludwig beiseite, kann Joyce DiDonato mit einem noblen Timbre, einer exquisit abgemischten Farbpalette und expressivem Ausdruck punkten. Was diese urmusikalische Künstlerin im fünften Akt beim Monolog „Ah! Ah! Je vais mourir“, der Arie „Adieu, fière cité“ bzw. der Szene „Pluton…semble m’être propice“ an leidenschaftlicher Entäußerung und elementarer Dichte des Gesangs zu bieten vermag, ist aus dem Stoff gemacht, der Melomanen zu Träumen hinreißt und alle möglichen Strapazen auf sich nehmen lässt. Gänsehaut garantiert. Ein großartiges Rollendebüt, bei dem zwar Grenzen hörbar werden, die aber geschickt dramaturgisch in die Gesamtrollengestaltung eingebunden, den Eindruck noch einmal steigern können.

 

Eine komplette Enttäuschung ist hingegen Hanna Hipp in der doch ganz schön großen und wichtigen Rolle der Anna, Schwester der Didon. Die Stimme wackelt im Vergleich zu ihrer Einspielung der Anna aus der Londoner Covent Garden 2012 ganz gehörig. Das Timbre klingt fahl, das enorme Vibrato ist störend. Positiv fallen hingegen Stéphane Degout als Chorèbe, und Philippa Sly als Panthée auf. Nicolas Courjal vermag als Narbal seinen sonoren Bass ins Treffen zu führen, eine bessere Fokussierung und eine ruhigere Stimmführung würden aber auch ihm und dem Zuhörer gut tun.

 

Die Aufnahmequalität, insbesondere die Tiefenstaffelung im Klang und die Transparenz bei den Chören ist weniger brillant als bei den Vergleichseinspielungen von Colin Davis und Charles Dutoit. Die Box bietet gute Live-Qualität, für High End Freaks dürft das Ergebnis eher etwas enttäuschend ausgefallen sein.

 

Fazit: Eine große und wichtige Neuerscheinung, mit Herzblut musiziert. Ein überwiegend französischer Cast sorgt für idiomatische Authentizität. Die im Vergleich zu anderen Aufnahmen weitaus lyrischere Besetzungspolitik hält große Überraschungen und Freuden, aber auch die eine oder andere Enttäuschung bereit. Insgesamt ist die haptisch und graphisch gelungene Box auf jeden Fall hörenswert und eine Empfehlung wert. Auf die definitive Trojaner-Aufnahme muss noch gewartet werden.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

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VERSTECKSPIEL MIT BACH: „BWV … or not?“ GLI INCOGNITI, AMANDINE BEYER harmonia mundi CD

VERSTECKSPIEL MIT BACH: „BWV … or not?“ GLI INCOGNITI, AMANDINE BEYER harmonia mundi C

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Die Werke Bachs wurden zigmal bearbeitet, bis zur werbe- oder kaufhaustauglich akustischen Kitschorgie arrangiert, auch wurde von ihm geklaut und seine genialen Schöpfungen wurden – legitimerweise – immer wieder neu interpretiert. Was bei Händel&Co allgemein bekannt sein dürfte, ist auch für Bach zutreffend: Auch Bach stibitzte zu seinen Lebzeiten gerne Themen, Ideen, Effekte bis hin zu ganzen Kompositionen, ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, die jeweilige Herkunft zu zitieren. Auf der anderen Seite gab es Vielschreiber wie Hasse, von dem überliefert ist (Charles Burney), seine Werke machten eine so große Zahl aus, dass er manche davon nicht mehr kennen würde (falls sie ihm je wieder zu Gesicht kommen sollten). Der Begriff „Geistiges Eigentum“ existierte nicht. „Jede Erfindung wurde umgehend zur geistigen Beute dessen, der sich ihrer bemächtigen wollte“ (Olivier Fourés).

 

Falls Sie jetzt schon um das Weitere fürchten, ganz kurz zu Ihrer Beruhigung, lieber Leser: Die Neuaufnahme der französischen Geigerin Amandine Beyer mit ihrem 2006 gegründeten Ensemble Gli Incogniti (Alba Roca Violine, Manuel Granatiero Traversflöte, Baldomero Barciela Viola da Gamba, Francesco Romano Barocklaute und Anna Fontana Cembalo) gehört zu den schönsten ihrer Art. Sie ist meine aktuelle Lieblings-CD und enthält eine Reihe grandioser Werke, die alle mit einer Nummer des Bachwerkeverzeichnisses (abgekürzt BWV) versehen sind. Was aber nicht heißt, dass überall unbedingt zu 100% Bach drin ist. Das tut ihrer kompositorischen Klasse und vor allem der grandiosen Interpretation keinerlei Abbruch. Hinsichtlich der Aufmerksamkeit darf man getrost der Meinung von Herrn Fourés sein, dass es keinen Nachteil für ein Werk zweifelhafter Provenienz darstellt, wenn es im Katalog eines berühmten Tonsetzers landet:

 

Da wären einmal Ausschnitte aus der Suite für Violine und obligatem Cembalo, BWV 1025, in einer Bearbeitung von Silvius Leopold Weiss zu nennen. Uneindeutige Urheberschaft ist hier gleichermaßen zutreffend wie bei der Fuge für Violine und Continuo, BWV 1026, wo stilistische Gründe dem typischen Bach-Bild widersprechen. Die Triosonate BWV 1036 hingegen ist ein Werk Carl Philipp Emanuel Bachs, dem zweiten Sohn von J.S. Bach. Hier waren gegenseitiges Kopieren für Verwechslungen und Fehlern bei der Authentifizierung maßgeblich. Nett ist auch die Geschichte rund um die Triosonate in G-Dur, BWV 1038. Hier wurde die Autorenschaft Bachs nicht von vornherein in Zweifel gezogen. Aber das hübsche Werk wurde im 20. Jahrhundert unter dem Namen von Carl Philipp Emanuel Bach publiziert. Es dürfte eine Kompositionsübung gewesen sein, wobei Bach über das Ergebnis seines Sohnes offenbar so zufrieden war, dass er die Noten eigenhändig ins Reine geschrieben hätte. Die Triosonate BWV 1037 stammt hingegen eindeutig von Johann Gottlieb Goldberg, einem Schüler Bachs, der des Vorspielen der gleichnamigen schlafbringenden Variationen für den Graf von Keyserlingk willens weltberühmt geworden ist. Anekdotenhaft ist auch die Entstehung der Sonate für Traversflöte, Violine und basso cvointunuo BWV 1079 aus dem „Musikalischen Opfer“. Bach improvisierte hier über ein Thema des preußischen Königs Friedrich II. „Auf Geheiß des Königs die Melodie und der Rest durch kanonische Kunst erfüllt“ – auf allerhöchstem Niveau versteht sich.

 

Das wirklich Tolle an der Geschichte ist aber die Interpretation: Es ist ein überaus delikates und unvergleichliches Vergnügen, der derzeit wohl weltbesten Barockgeigerin Amandine Beyer zu lauschen. Der Klang ihres Instruments, ihre technische Meisterschaft sowie die musikalische Identifikation sind für die Ohren so unwiderstehlich, das mir als adäquates Pendant nur die Gaumenwonnen eines mit Cointreau karamellisierten Kaiserschmarrns einfallen. Ihre entspannte, ganz dem Augenblick hingegebene Spielweise färbt auch auf das Ensemble Gli Incogniti ab. Dass sich Solistin und Ensemble gegenseitig ad libitum die Bälle zuwerfen, hat Frau Beyer einmal in einem Interview so beschrieben: „Tempo, Zeit und Klangfarbe variieren wir auch im Moment ganz spontan, wobei einer den anderen beeinflussen kann. Denn wir spielen bereits lange zusammen und haben da im Eingehen aufeinander gute Erfahrung.“ Die Brillanz und der Erfindungsreichtum der gespielten Kompositionen kommen so optimal zur Geltung.

 

Exakt das ist es, was den Hörgenuss auch jenseits des geigerischen Genius‘ veredelt und adelt. „Aus dem Paradies verstoßen“, wie dies im Booklet rhetorisch hinterfragt wird? Im Gegenteil: Im Paradies angekommen! Madame Beyer, vous êtes formidable!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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JOHANN SEBASTIAN BACH: MAGNIFICAT, MESSE in F-Dur – Soli Deo Gloria CD John Eliot Gardiner im zweiten Anlauf – Nichts für schwache Nerven!

JOHANN SEBASTIAN BACH: MAGNIFICAT, MESSE in F-Dur – Soli Deo Gloria CD

John Eliot Gardiner im zweiten Anlauf – Nichts für schwache Nerven!

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Nach der berühmten Aufnahme des Magnificat in D-Dur aus dem Jahr 1983, ebenfalls mit den English Baroque Soloists und dem Monterverdi Choir, aber mit bekannten Solisten wie Nancy Argenta, Patrizia Kwella oder Anthony Rolfe-Johnson, kommt nunmehr eine Neuaufnahme des Magnificat in der ursprünglichen Es-Dur Version auf den Markt. Diente in der ersten Aufnahme die Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“, BWV 51, als „CD-Füller“, so sind es nun die intime Weihnachtskantate „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“, BWV 15, sowie die selten gespielte Messe in F-Dur, BWV 233, eine Novität in Gardiners weit angelegtem Bach-Aufnahmekosmos.

 

Der Alte Musik Spezialist Gardiner ist für seine raschen, zuweilen drängenden Tempi, seine beinahe opernhaft zur Schau gestellte Dramatik in der barocken Klangexegese, bei dennoch typisch britischer Neutralität/instrumentalem Zugang in den Stimmen, bekannt geworden. Jetzt scheint sein Zugang bei Aufrechterhaltung der dynamischen Extreme fluider und ausbalancierter geworden zu sein. Sein technisch immens geschulter Monteverdi Choir, wohl einer der besten professionellen Kammerchöre der Welt,  hat es Gardiner ermöglicht, komplexe Fugen – wie der Dirigent das etwa für die Tenorstelle „Fecit potentiam“ der Tenöre als teuflisch schwer zu singen bezeichnet – in einem „Affentempo“ abzuspulen, dass einem beim bloßen Zuhören schon schwindlig wird. Das kann, muss man aber nicht mögen.

 

Bach hat sich auf sein erstes Weihnachten in Leipzig mit großem Ehrgeiz vorbereitet. Beim Magnificat, seinem ersten größeren Werk zu einem lateinischen Text, das für volles Orchester und fünf Solisten geschrieben war, verlangt Bach von allen Beteiligten ein hohes Maß an Virtuosität. Wie Gardiner in einem interessanten Interview im Booklet analysiert, „geht das Magnificat als Gattung auf Monteverdi zurück. Es ist kein Werk für schwache Nerven. Es ist die einzige Kirchenkomposition, die Trompeten in Es verlangt, die noch anspruchsvoller und heikler sind als die Instrumente in D und C.“ Gardiner lässt die Musik noch dazu nicht in der bequemen tieferen Stimmung a=392, sondern a=415 spielen.

 

Als Ergänzung zum Magnificat wählte Gardiner die Kantate „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“, mit der er sich schon anlässlich des Abschlusses der großen „Kantaten-Pilgerfahrt“ im Jahr 2000 befasste, weil der Dirigent Bachs Einladung, das neugeborene Christkind anzusehen, aufregend schön findet. Die Missa brevis in F ist ohnedies eine Entdeckung. Sie ist eine von vier lutherischen Messen, die Bach Ende der 1730er Jahre komponiert hatte. Gardiner: „ Fast alle Sätze sind Parodien von Kantaten. Aber es ist ihre Verpflanzung in frischen Boden, mit neuen lateinischen Texten, die sie so packend macht.“

 

Die Solisten rekrutieren sich in der neuen Aufnahme ebenfalls aus dem Chor, was vor allem in den Sopranarien nicht immer zu seraphischem Wohlklang beiträgt. Ansonsten verdient die neue Aufnahme eine Empfehlung, in Bezug auf die Tonqualität und die Spieldauer ist sie der alten Aufnahme auf jeden Fall überlegen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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UN JARDIN Á L‘ITALIENNE – Arien, Kantaten & Madrigale von Stradella, Banchieri, Vecchi, Händel, Wert, Vivaldi, Cimarosa, Haydn und Sarro – harmonia mundi CD

UN JARDIN Á L‘ITALIENNE – Arien, Kantaten & Madrigale von Stradella, Banchieri, Vecchi, Händel, Wert, Vivaldi, Cimarosa, Haydn und Sarro – harmonia mundi CD

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Die ersten Schneeflocken fallen, der Winter schleicht sich im Advent schön langsam, aber sicher in unser Leben. Was läge da näher als sich in einen italienischen barocken Garten zu träumen, einen Hain der schönen Stimmen, Sonnenschein und floraler Düfte. Genau das bietet uns der amerikanische, in Frankreich lebende Spezialist für Alte Musik, William Christie, auf seiner neuen CD mit dem wie immer großartigen Ensemble Les Arts Florissants.


Das auf dem neuen Album zu hörende Konzert von „Le Jardin des Voix“ wurde im März 2015 live am Recital Centre im australischen Melbourne aufgenommen. Diese Akademie, die sich der Ausbildung junger Gesangstalente widmet, wurde 2002 ins Leben gerufen. Selbst leidenschaftlicher Gärtner, ist William Christie mit seinem Mitstreiter Paul Agnew ständig auf der Suche nach neuen Stimmen. Hier präsentieren sie sechs der Öffentlichkeit bisher noch nicht bekannte, vielversprechende junge Sängerinnen und Sänger: Lucia Martin-Carton (Sopran) , Lea Desandre (Mezzo), Carlo Vistoli (Counter), Nicholas Scott (Tenor), Renato Dolcini (Bariton), John-Taylor Ward (Bass) sind die Namen, die man sich jetzt schon vorsichtshalber alle merken sollte. Immerhin sind aus der Akademie „Le Jardin des Voix“ bereits die Sopranistin Sonya Yoncheva, der Counter Xavier Sabata, der Tenor Reinoud van Mechelen oder der Bass-Bariton Konstantin Wolff hervorgegangen. Die Sommerakademie dauert zwei Wochen und geht dann auf Tournee mit einem Programm, das mit Blick auf die Stimmen und Persönlichkeiten der Künstler ausgewählt wird.


So sind auf dieser den Winter so vortrefflich in den Bann schlagenden CD diesmal ausschließlich Werke in italienischer Sprache zu hören. William Christie sieht „Le Jardin á l‘Italienne“ als eine Erkundung der Reichtümer der musikalischsten aller Sprachen, von der Geburtsstunde der Barockmusik mit Komponisten wie De Wert, Vecchi und Banchieri über die Etablierung des solistischen Protagonisten bei Stradella bis zu den reifen Opernstimmen bei Händel und Vivaldi, sodann dem Rokoko mit Cimarosa und schließlich der Klassik mit Haydn und Mozart. Es ist ein wundervolles Raritätenprogramm, das uns die jungen Musikerinnen und Musiker engagiert, voller Begeisterung und dem richtigen Sinn für Affekte, seien es Melancholie, Liebe , Hass, Eifersucht, Ernüchterung, Zorn oder oder grellen Humor, darbieten. Ganz unterschiedlich sind die musikalischen Formen der auf der CD vorgestellten stimmungsvollen Kompositionen aus zwei Jahrhunderten Musikgeschichte. Wir hören Madrigale a capella, Chöre, Arien, Duette, ein Quartett und am Schluss das Finale aus Haydns Oper „Orlando Paladino“. Wie David Garrett im Booklet anmerkt, „befinden wir uns im Jahr 1782 östlich von Wien in einem von Haydns fürstlichem Dienstherrn in Schloss Eszterháza im ungarischen Marschland errichteten Opernhaus. Das Drama ist teils heroisch, teils komisch. Hier haftet dem Wahnsinn gelegentlich eine komische Dimension an. Am Schluss des Werks glaubt Alcina, dass der von ihr geliebte Medoro tot ist, und sucht ebenfalls den Tod, doch die Hexe Alcina bringt die Nachricht, dass seine Wunden verheilt sind; nun sind alle wieder vereint, in ihrer Mitte ein etwas verirrter Orlando, Ende gut, alles gut.“


Die Sänger stammen aus Spanien, Frankreich, zwei Mal Italien, Vereinigtes Königreich und den USA. Sie alle beherrschen ihr Metier und verfügen zudem über hochindividuelle Timbres, die im Belcanto, kammermusikalisch oder im Charakterfach gleichermaßen reüssieren und ihre so unterschiedlichen Rollen in lebendig-unverwechselbarem Ton formen. Immerhin mussten sie sich in einem Concours aus über 200 Mitbewerbern durchsetzen.


Wenn es eine Lieblingsnummer aus all den herrlichen Stücken gibt, dann ist es für mich die Arie „Gelosia, tu giá rendi l‘alma mia“ aus der Oper „Ottone in Villa“ von Antonio Vivaldi, die die Spanierin Lucia Martin-Carton mit ihrem ausdrucksstarken und überaus wohlklingenden Sopran singt wie die allerbesten Kolleginnen im lyrischen Fach.


Wagen Sie einen Spaziergang durch diesen klingenden italienischen Garten. Hebt die Laune besser als Weihnachtspunsch. Sie werden es nicht bereuen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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MATTHIAS GOERNE: THE WAGNER PROJECT – harmonia mundi 2 CDs Swedish Radio Symphony Orchestra; Daniel Harding

MATTHIAS GOERNE: THE WAGNER PROJECT – harmonia mundi 2 CDs

Swedish Radio Symphony Orchestra; Daniel Harding

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„Von Göttern und Menschen“ und „Erlösung“ sind die zwei CDs betitelt, auf denen mirakulöser Wagner-Gesang und ein Swedish Radio Symphony Orchestra in Höchstform zu bestaunen sind. Matthias Goerne, einer der eindringlichsten Liedsänger der Nach-Fischer-Dieskau Ära, ist gerade dabei, sein Repertoire hin ins schwere Fach auszuweiten. Nach dem Hong Konger Ring, anlässlich dessen er zum ersten Mal die beiden Wotans (im Rheingold und in Die Walküre) und den Wanderer im Siegfried hock akklamiert sang (alle drei Opern sind als Live-Mitschnitte auf NAXOS erhältlich), will Goerne offenbar mit diesem Doppelalbum seine Möglichkeiten der Wagner-Interpretation „als Projekt“ weiter erkunden. Er tut dies stilsicher und mit großem Geschick. Mit seinem vor Gesundheit nur so strotzenden, mächtigen Bariton (Ist er überhaupt ein solcher? Im nächsten Salzburger Festspielsommer wird er der Sarastro in der Zauberflöte sein) hat sich Matthias Goerne in Ausschnitten den König Marke in „Tristan und Isolde“ – „Tatest du’s wirklich“), den Hans Sachs in den „Meistersingern von Nürnberg“ (Fliedermonolog), nochmals dem Rheingold und Walküren Wotan, sowie auf der CD Erlösung, den „Fliegenden Holländer“ (Monolog), den Wolfram in „Tannhäuser“ („Lied an den Abendstern“) sowie den Amfortas in „Parsifal“ („Ja – Wehe! Weh über mich“ aus dem 3. Akt) angeeignet. Diese Entwicklung hat aber auch ihren Preis, wie dies anhand des letzten Bach-Albums (Bass-Kantaten) erfahrbar war, wo die Leichtigkeit in den Läufen und die Fokussierung zu wünschen übrig ließen.

 

Matthias Goernes sanft fließender, breit geführter Bariton ist bei Wagner derzeit zum herrlichsten Legato und farblich feinst abgestimmten Übergängen befähigt. Die inneren Monologe profitieren von einer aus dem Liedgesang kommenden unglaublichen Ruhe und osmotischen Wort-Tondurchdringung. Aber er kann auch die Amplitude ganz gehörig aufdrehen und hochdramatische Akzente setzen, dieser Matthias Goerne. So gibt es überwältigende Momente beim Abschied Wotans von Brünnhilde aus dem dritten Akt der Walküre bzw. dem schmerzhaften Aufbäumen des Amfortas im Parsifal. Am meisten wird der Zuhörer jedoch mit einer exquisiten Phrasierung belohnt. Als Beispiele mögen etwa die Stelle „Dies wundervolle Weib, das mir dein Mut gewann,…“ aus Markes Ansprache im 2. Akt des Tristan oder “Du Reinster, dem einst die Engel sich neigten: der einzig ich sterben wollt, dir gab ich den Tod!“ aus Parsifal dienen. Wie da die Stimme aus dem Nichts aufblüht Pflanzen in der Wüste nach einem Regen vergleichbar, bereitet das ganz große Wagner-Glück.

 

Hinzu kommen rein orchestrale Darbietungen des Vorspieles zum dritten Akt der Meistersinger, das Vorspiel und der Liebestod Isoldes aus Tristan, die Holländer-Ouvertüre sowie das Vorspiel zum ersten Akt und der Karfreitagszauber aus Parsifal. Hier zeigen besonders die glänzenden Streicher, aber auch das edel schimmernde Blech des Swedish Radio Symphony Orchestra, zu welch luxuriösem Wagner-Sound sie fähig sind. Daniel Harding ist ein exzellenter, wachsamer Begleiter, aber auch ein umsichtiger Gestalter chromatisch tektonischer Klangwandlungen und großer Bögen.

 

Zurücklehnen, genießen!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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CD / BERLIN PIANO QUARTET: Mozart, Mahler, Schumann

CD Cover Berlin Piano Quartett~1

Wolfgang Amadeus MOZART (1756-1791)
Klavier Quartett in g-Moll, K478

Gustav MAHLER (1860-1911)
Klavier Quartett movement in a-Moll

Robert SCHUMANN (1810-1856)
Klavier Quartett in Es-Dur Op. 47

BERLIN PIANO QUARTET:
Christophe Horak (Violine),
Micha Afkham (Viola),
Bruno Delepelaire (Cello),
Kim Barbier (Klavier)

Audio CD
Label: Rca Red Seal (Sony Music)

Wenn es im Musikbetrieb – seien es die Konzertsäle, seien es die CD-Veröffentlichungen – um Raritäten geht, bedarf es immer der besonderen Initiative einzelner Persönlichkeiten. Drei Streicher, die aus den Reihen der Berliner Philharmoniker kommen, haben sich zusammen gefunden: Der Schweizer Christophe Horak (Violine), Micha Afkham, von deutsch-persischen Eltern (Viola), und der Franzose Bruno Delepelaire (Cello). Doch statt das übliche Kammermusik-Repertoire zu bedienen, haben sie 2014 mit der französischen Pianistin Kim Barbier das BERLIN PIANO QUARTET gebildet, mit der gezielten Absicht, ein vergessenes Repertoire wieder zu entdecken, wieder zu gewinnen, wieder ins Bewusstsein zu bringen: das Klavierquartett.

Es gibt gar nicht so viele davon in der Musikgeschichte, es ist ein Stiefkind im Genre der Kammermusik, aber natürlich kann man fündig werden. Das Quartett tat es mit seiner ersten CD, wo man Werke von Brahms, Fauré und Schnittke aufnahm, mit großer Beachtung in der Szene und großem Erfolg. Die zweite CD, die nun heraus gekommen ist, enthält nur große Namen der klassisch-romantischen Musik, aber keinesfalls Werke, die „common knowledge“ sind.

Mozart beispielsweise hat überhaupt nur zwei Klavierquartette geschrieben (drei waren von dem Verleger Franz Anton Hoffmeister bei ihm bestellt, das dritte wurde nicht mehr komponiert) – kaum verständlich, denn das Piano Klavier Quartett in g-Moll, K478 aus dem Jahr 1785 (Mozart war 29) ist ein knapp halbstündiges Stück von musikalischer Reichhaltigkeit.

Schon hier schlagen die Musiker ihren Ton an – sie spielen Mozart fabelhaft lebhaft und akzentuiert, mit dynamischem Klang, weit entfernt von gefälliger Unterhaltungsmusik, zu der Kammermusik des 18. Jahrhunderts durchaus abrutschen kann. Ihre musikalische Stringenz bedeutet nicht, dass sie nicht die verschiedenen Stimmungen des dreisätzigen Stücks ausloten, dem Andante etwa nicht seine Besinnlichkeit geben würden, aber der grundsätzlich wunderbar kräftige Mozart ist ein Hörerlebnis für sich.

Sehr interessant der Sprung zu Mahler (von der Chronologie würde er an letzter Stelle rangieren) – vielleicht um des großen Stimmungsumschwungs wegen. Mahler schrieb das einsätzige Movement für Klavierquarett (das er vielleicht noch weiter zu einem ganzen Werk auszuführen dachte) wohl als Übung im Konservatorium, er war damals, 1876, gerade 16 Jahre alt. Der melancholische Ton, den er anschlägt, wobei das Klavier anfangs als Unterton zu den Streichern fungiert, ist fraglos der Romantik verpflichtet. Nach und nach schwillt die Musik an, zeigen sich die Instrumente wunderbar verschränkt, und das BERLIN PIANO QUARTET beweist wieder, dass es wie aus einem Atem heraus zu agieren vermag.

Robert Schumann hatte 30jährig Clara Wieck geheiratet, und die Zuwendung zur Kammermusik in den folgenden Jahren mag auch auf die pianistischen Qualitäten der Gattin zurück zu führen gewesen sein. Dennoch hat er das Klavier nur einmal mit einem Streich-Trio gepaart, eben in diesem im Oktober / November 1842 entstanden Klavierquartett Es-Dur op. 47. So, wie die vier Musiker es mit äußerster Intensität und ihrer Bereitschaft zu starker Akzentuierung zum Klingen bringen, hört man nicht nur die spürbar vom Komponisten gewollte Virtuosität heraus, die den vier Instrumenten abverlangt wird, nicht nur die Gefühlsdichte, sondern auch abrupte Tempi-Wechsel und eine Chromatik, die in künftige Moderne verweist.

Alles in allem: mehr als ein konventionelles Hörvergnügen, vielmehr ein Aufmerksamkeits-Vergnügen des Hörens.

Renate Wagner

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SERGEI PROKOFIEV: Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution Op. 74 Live-Aufnahme vom Kunstfest Weimar August 2017

SERGEI PROKOFIEV: Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution Op. 74

Live-Aufnahme vom Kunstfest Weimar August 2017

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Vor 100 Jahren kam es in Russland zum großen Umbruch: Im März stürzte die Zaren-Monarchie, am 7. November 1917 – nach altem julianischen Kalender der 25. Oktober – ergriff Wladimir Lenin mit seinen Bolschewiki die Macht. Dieser Tag ging in die Geschichte als Oktoberrevolution ein. In Deutschland berichteten Medien aus diesem Anlass ausführlich darüber, dass das Erbe der Oktoberrevolution Russland noch heute prägt. Die FAZ meint etwa, dass derzeit eine Neubewertung der Ereignisse stattfindet – aber anders, als man im Westen vermuten würde. Doch das hat nichts mit Musik zu tun und gehört daher nicht hierher.

 

Wir drehen das Rad der Zeit um 80 Jahre zurück. Sergei Prokofiev, 1936 freiwillig aus dem Exil zurückgekehrt, versucht, ein angepasster und braver Sowjetkomponist zu werden. Wohl wollte Prokofiev auch der erste Tonsetzer am Roten Platz werden, weil Shostakovich nach dem Verriss seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk zur persona non grata geworden war, wie das so berührend aus der Warte des Komponisten im Roman „Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes nachzulesen ist. Allerdings ist Prokofiev seine so nachdrücklich deklarierte „Heimatliebe“  mit einem Bekenntnis, seinen eigenwilligen Personalstil mit der Hinwendung zu Einfachheit und Liedhaftigkeit neu ausrichten zu wollen, vom Regime vorerst so gar nicht gedankt worden. Seine „Revolutionskantate“ fiel nämlich beim Komitee für Kunstangelegenheiten durch. Bei den Feierlichkeiten erklangen diverse andere Kantaten. Prokofiev hingegen stürzte sich in andere Arbeiten, „Alexander Newski und die Oper „Semjon Kotko“  ließen offenbar nicht allzu viel Zeit für Gram und  Trauer zu.

 

Das Kunstfest Weimar und Kirill Karabits, Chefdirigent des Deutschen Nationaltheaters und der Staatskapelle Weimar, haben sich entschlossen, 2017 den historischen Ereignissen mit einer beeindruckenden Aufführung dieser pompös aufgeblasenen opernhaften Kantate zu gedenken. Wir hören die Massen aufmarschieren und singen, begleitet von einem gigantischen Orchesterapparat, Doppelchor und Bläserensemble. Russische Folklore und krachendes Militärgetümmel, lyrische Nabelschau und Kommunistisches Manifest. Prokofiev zeichnete selbst für den Text verantwortlich, wobei er sich nicht scheute, auch Teile der sowjetischen Verfassung, Lenin Reden bzw. eine Rede Stalins zum Tode Lenins auf dem II. Sowjetkongress der UdSSR am 26.1.1924 irgendwie in Töne zu gießen. Lesen Sie diesen „Der Schwur“ genannte Abschnitt und sie werden staunen, wozu der Komponist von „Peter und der Wolf“ oder vieler anderer großartiger Symphonien, Ballette und Kammermusik sich hinreissen ließ. Das stilistische Panorama der Kantate reicht von Chörsätzen bis hin zu Textdeklamation, die teilweise wie pseudoreligiöse Psalmodien klingen. Auch drei instrumentale Teile sind in das musikalische  Monstrum eingearbeitet. Natürlich wäre es nicht Prokofiev, wenn diese durch und durch propagandistische Musik nicht auch vereinzelt inspirierte Passagen enthielte und das kompositorische Niveau insgesamt erstaunlich hoch ist, was sich unter anderem in der komplexen Behandlung der Chöre zeigt.

 

Die musikhistorisch verdienstvolle Aufführung stützte sich auf die Kräfte der Staatkapelle Weimar, des Ernst Senff Chors Berlin sowie Mitglieder des Luftwaffenmusikkorps Erfurt. Das ist aber nicht alles, zu dem gesellen sich noch eine neunköpfige Schlagzeugergruppe, ein Akkordeon-Quartett, Gewehrschüsse, Alarmsirenen. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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RICHARD WAGNER: SIEGFRIED – Hong Kong Philharmonic Orchestra, Jaap van Zweden, NAXOS 4 CDs, High Definition Audio Blu-ray

RICHARD WAGNER: SIEGFRIED – Hong Kong Philharmonic Orchestra, Jaap van Zweden, NAXOS 4 CDs, High Definition Audio Blu-ray

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Jetzt liegt er also vor, der dritte Teil der asiatischen Ring-Aufnahme, der live im Jänner 2017 in der Hong Kong Cultural Center Concert Hall mitgeschnitten wurde. Nach Rheingold und Walküre stellt sich immer mehr heraus, dass die großen Meriten dieses Rings in der kapellmeisterlichen Qualität des Jaap van Zweden und des von ihm zu ungeahnten Höhenflügen animierten Hong Kong Philharmonic Orchestra liegen. Man versteht, warum Jaap van Zweden der designierte neue Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra geworden und damit im Olymp der Dirigenten angekommen ist.  Jaap van Zweden dirigiert den Ring wie aus einem Guss. Eine wie magisch konsistente und faszinierende übergeordnete Tempo- und Klangregie sowie Leitmotivik wird deutlich. Neben den vielen mit Präzision und individuell signifikanter Aneignung erarbeiteten Details vermag Jaap van der Zweden den ganz großen Bogen zu spannen, das wahre Markenzeichen bedeutender Wagner-Interpretation. Der Fall liegt ähnlich wie beim ersten Janowski Ring. Der war ebenfalls ein gewaltiger orchestraler Wurf mit teils durchwachsener Besetzung. Was bei diesem Ring allerdings viele – vor allem High-End Freaks –  entzücken wird, ist die herausragende Tonqualität, die wahrlich Maßstäbe setzt. Dementsprechend ist die Aufnahme auch in zwei unterschiedlichen Audio-Formaten erhältlich.

 

Sängerisch schreibt dieser Ring durch das Wotan-Debüt des Matthias Goerne Geschichte. Der legendäre Barde des deutschen Liedes hat sich mittlerweile mit Erfolg das schwere Bariton-Fach erobert. Davon zeugt das kürzlich auf CD erschienene „Wagner Project“ mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra unter Daniel Harding, wo Goerne Ausschnitte aus Tristan, den Meistersingern, der Walküre, dem Fliegenden Holländer, Tannhäuser und Parsifal interpretiert. Auch anhand von Siegfried ist zu konstatieren, dass Matthias Goerne gut bei Wagner angekommen ist. Der Wanderer Goernes überzeugt mit der Differenzierungskunst eines Liedsängers, aber eben einer üppig-schönen, klanglich breit dimensionierten Stimme. Die Vorzüge von Matthias Goerne liegen in einem großartigen Legato, aber auch einer aus dem Wort kommenden Dramatik, die auf ein organisch gewachsenes gigantisches Stimmmaterial zurückgreifen kann. Ich glaube, Karajan hätte an diesem Sänger als Wagner-Interpreten seine helle Freude gehabt. Agiert Goerne im ersten Akt in der Zwiesprache mit Mime bisweilen noch sehr lyrisch und nach innen gewandt, gibt es in dritten Akt in der Szene mit Erda und Siegfried kein Halten mehr. Da ist einer der besten Wanderer auf CD zu hören, eine sensationelle Leistung, die alleine schon die Anschaffung der Aufnahme rechtfertigt. Selbstverständlich wird Goernes Darbietung aufgrund der lyrischen und wenig heldischen Grunddisposition im Endeffekt Geschmacksache bleiben, das war aber im Hinblick auf José van Dams Wagner-Gesang auch nicht anders.

 

Als Mime und Siegfried sind David Cangelosi und Simon O‘Neill aufgeboten. Beide sind irgendwo zwischen Charaktertenor und heldisch einzuordnen, mit bisweilen arg undeutlicher Diktion. Vom Timbre her wenig unterscheidbar, muss der Hörer, wenn er den Text nicht auswendig kennt, raten, wer vor allem im ersten Akt gerade singt. Für den Siegmund vom Dienst O‘Neill ist die Partie des Siegfried grenzwertig und eigentlich eine halbe Schuhnummer zu groß. Mit metallisch glänzender Höhe vermag er zwar imponierend loszulegen und viele Klippen (Schmiedelieder) gut zu nehmen, allerdings stellen sich im Verlaufe der Aufführung Ermüdungserscheinungen ein. Im Schlussduett mit der ganz frischen und wunderbar jugendlich klingenden Heidi Melton als Brünnhilde fällt das besonders ins Gewicht. Im Passagio klingt O‘Neills Tenor oft eng und wenig flexibel und der Höhe fehlt bisweilen Raum. Das Problem dürfte grundsätzlich die „Kondition“ sein, ein gestandenes Durchhaltevermögen gehört zu so einer Rolle aber halt auch dazu. Fafner („Ich lieg und besitz“) ist beim exzellent disponierten Falk Struckmann in den besten Händen, Werner Van Mechelen bringt für den Alberich ausreichend spröde Dämonie und düstere Farben mit. Deborah Humble singt eine balsamische Erda, Valentina Farcas ist als Waldvogel eine gute Wahl.

 

Fazit: Ein neuer Siegfried in bester Aufnahmequalität, mit unzähligen orchestralen Wonnen und einer insgesamt  – mit Einschränkungen beim Titelhelden – sehr überzeugenden Sängerschar, allen voran Matthias Goerne als Maßstab setzender Wanderer.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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PHILIPPE GRISVARD: Cembalowerke von Händel, Zachow, Babell, Mattheson und Krieger – AUDAX RECORDS CD

PHILIPPE GRISVARD: Cembalowerke von Händel, Zachow, Babell, Mattheson und Krieger – AUDAX RECORDS CD

 

„Con stupore di tutti“  Francesco Valesio nach einem Orgelkonzert Händels in San Giovanni in Laterano

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Händel muss eine ganz große Nummer am Cembalo gewesen sein. Überliefert sind begeisterte Kommentare und eine stupende Verehrung seitens seiner Zuhörer, sei es am Hofe Sachsens oder während seiner italienischen Jahre. Händel war wohl ein hoch begabter Improvisator und feuriger Unterhalte in Freundeskreisen. Vornehmlich dort in zurückgezogener Privatsphäre beglückte er bis in hohe Alter, selbst als er schon blind war, sein Publikum. Von Domenico Scarlatti selbst ist folgender Satz überliefert, als Händel in der Karnevalssaison in Venedig maskiert konzertierte: „Es kann sich nur um den berühmten Sachsen oder um den Teufel persönlich handeln.“

 

Philippe Grisvard, Mitglied des Ensembles Diderot, nimmt sich auf seiner ersten kurzweiligen Solo-CD einer Periode in Händels Schaffen von 1700 bis ca. 1740 an. Neben prächtigen Beispielen aus der Feder des Meisters, wie der Suite II in F-Dur, des Prelude in D-Moll, der Air in B-Dur, eines Capriccio in G-Moll und einer Chaconne in G-Dur erklingen u.a. auch Kompositionen etwa seines ersten und einzigen Lehrers Wilhelm Friedrich Zachow (Capriccio in D-Moll), als Organist der Marienkirche in Halle und Komponist von Fugen und Choralvariationen ein Vorläufer Bachs. Zachow hat ebenso wie Johann Philipp Krieger oder Johann Mattheson eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung von Händels Stil gespielt. Einen prominenten Teil des Albums nehmen die gekonnten Arrangements der Ouvertüre von Händels Oper „Rinaldo“ oder der berühmten Arie „Lascia ch‘io piango“ für Cembalo durch den damals in London lebenden William Babell ein. 

 

Das 18. Jahrhundert war aber auch geprägt von Plagiaten und Raubkopien, unter Liebhabern zirkulierten handschriftliche Kopien sonder Zahl. Nachdem der Verleger John Walsh 1720 einen Band mit Raubkopien neuer Kompositionen Händels mittels eines zweiten  gaunerischen Verlegers aus Amsterdam herausbrachte, erwirkte Händel ein königliches Sonderrecht, das seine  Werke vierzehn Jahre schütze. Nicht viel, in Anbetracht heutiger urheberrechtlicher Bestimmungen.

 

Philipp Grisvard lässt mit seinem selbst wie improvisiert wirkenden Vortrag die Kunst Händels wieder fröhlich Urständ feiern. Sein frisches, schwungvolles, munter zupackendes Spiel wird sowohl den kontrapunktreichen, virtuos verzierten barocken Formen wie auch den gefühlvollen Adagio-Sätzen gleichermaßen gerecht. Dass Händel als auch seine Zeitgenossen kurzweilige Unterhaltungsmusik mit höchsten kompositorischen und technischen Ansprüchen zu kreieren imstande waren, wird durch diese wunderbar lebendige CD offenkundig. Die räumlich angenehm tiefe Aufnahme entstand in Toblach im Gustav-Mahler-Saal 2016, Grisvard spielt auf einen zweimanualigen deutschen Cembalo nach Michael Mietke. Mehr davon!

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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