Der Neue Merker

MOZART: REQUIEM – VERSION „SÜSSMAYR REMADE“; Freiburger Barockorchester, RENÉ JACOBS – harmonia mundi CD, LP

MOZART: REQUIEM – VERSION „SÜSSMAYR REMADE“; Freiburger Barockorchester, RENÉ JACOBS – harmonia mundi CD, LP

Veröffentlichung: 3. November 2017

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Um die wievielte Aufnahme von Mozarts Requiem handelt es sich hier eigentlich? Unzählig sind sie, viele davon wunderbar und sagenumwoben wie die Entstehungsgeschichte dieses wohl berühmtesten Torsos der Musikgeschichte. Aber es wäre nicht René Jacobs, würde er uns nicht dennoch was Neues und Aufregendes servieren. So hat Jacobs hier eine Neu-Ergänzung des Requiems (2016) durch den überaus jungen französischen Komponisten Pierre-Henri Dutron einspielt. Diese soll Lösungen für die durch Franz Xaver Süßmayrs Fassung geschaffenen Probleme beheben, ohne ihn „austreiben“ zu wollen, als wäre er ein böser Geist. Diese Version bietet vor allem veränderte Instrumentierungsfacetten sowie einige bislang ungewohnte harmonische Ideen, die sich bestens ins Original fügen, logisch erscheinen und auch gefallen.

Das reicht aber dem umtriebigen und neugierigen Jacobs noch nicht. Also nimmt er den Vinyl-Hype zum Anlass für ein innovatives technisches Experiment: Bei identem musikalischem Inhalt unterscheiden sich die digitalen Formate deutlich von der LP. Für die digitalen Träger haben 30 Mikrofone unter dem Einsatz von Effektgeräten eine Klangillusion geschaffen, die der Ästhetik von 2017 entsprechen soll. Für die LP wurde eine völlig andere Mischung erstellt, die ausschließlich auf Mikrofonsignalen beruht und die Natürlichkeit des Aufnahmemoments am nächsten kommt. Der Hörer kann nun erstmals Unterschiede in verschiedenen Formaten ergründen und das Medium wählen, das seinen Klang- und Ästhetikvorstellungen am besten entspricht. 

Der musikhistorische Hintergrund des Requiems ist – wie René Jacobs das im Beiheft zur CD ausführlich schildert – ein echter Krimi: Am 5. Dezember 1791 um 00:55 bricht der Tod Mozarts Arbeit ab. Vom „Sanctus“ an hat Mozart keine Note mehr zu Papier gebracht. Das Lacrimosa verstummt nach acht Takten. Instrumentiert ist außer der ersten Nummer nichts. Costanze Mozart hat das Fragment wild vermarktet und erwiesener Maßen am Mythos mitgewirkt („Zettelchen-Legende“), um ein möglichst ganz von Mozart stammendes Werk zu Höchstpreisen verkaufen zu können. Als Ergänzer des Requiems bot sich Süßmayr an, er war aber nur vierte Wahl. Aber Süßmayr der Flotte konnte die Partitur bereits bis Ende Februar 1792 fertigstellen und Zeit war schon damals Geld. Den rest der Geschichte möge der Interessierte im umfangreichen Booklet zur CD nachlesen

Im Endeffekt interessiert den Hörer – abseits dieser Anekdoten und nüchternen Wahrheiten – aber primär die künstlerische Qualität des Produkts und die ist außerordentlich. Jacobs ist einer der wenigen Maestros, die sich Zeit, Geld und Muße nehmen, um im Studio perfekte Produktionen zu erarbeiten. Das macht sich auch im Falle des Requiems bezahlt. Ein wunderbar homogenes Solistenensemble (Sophie Karthäuset, Marie-Claude Chappuis, Maximilian Schmitt, Johannes Weisser), einer der besten Chöre Deutschlands, nämlich der RIAS Kammerchor, und das für Musik des 18. Jahrhunderts zurecht renommierte Freiburger Barockorchester haben das Requiem als große Vokalnummer mit rasanten Tempi aufgefrischt. Dennoch ist das neue Album im Vergleich zu anderen Mozart-Deutungen von René Jacobs (Idomeneo, Zauberflöte, Entführung) konventioneller, aber nicht schlechter ausgefallen. Zwar sucht Jacobs nach wie vor wirkungsvoll Kontraste und Akzente zu setzen, über allem aber interessiert ihn offenbar die Spiritualität, die von dieser Zaubertotenmesse ausgeht. Das wiederum trifft sich hervorragend mit der neuen „Fassung“ von Pierre-Henri Dutron, der näher an Mozart und Gott scheint wie bisweilen Süßmayr es vielleicht war. 

Der vorliegenden Aufnahme ging eine Reihe an Konzerten voraus. Tatsächlich ist es eine klangschöne, lebendige und frische Aufnahme dieses großen Klanggebets geworden. Entscheiden Sie selbst, ob die Aufnahme dieser Version Ihnen genau so gut gefällt wie mir!

Dr. Ingobert Waltenberger

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HAYDN „LA POULE“, MOZART Klavierkonzert K. 453, GUÉNIN Symphonie in D-Moll Le Concert de la Loge, Justin Taylor, Julien Chauvin – apartemusic CD

HAYDN „LA POULE“, MOZART Klavierkonzert K. 453, GUÉNIN Symphonie in D-Moll

Le Concert de la Loge, Justin Taylor, Julien Chauvin – apartemusic CD

„Mes cocottes, mes chéries, vous êtes splendides ce soir!“

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Ein faszinierendes Experiment und Aufnahmeprojekt: Im Jahr 2015 entschied sich der Geiger und Dirigent Julien Chauvin, eines der sagenumwobensten Orchester des späten 18. Jahrhunderts, Le Concert de la Loge Olympique, als „Originalklangensemble“ neu zu beleben. Das 1783 gegründete Orchester als ein durch die „Pariser Symphonien“ zu Ruhm gekommener Auftraggeber für unseren Joseph Haydn in die Musikgeschichte eingegangen. Dieses „Freimaurerorchester“ spielte nicht nur aus Anlass der Initiation Voltaires, sondern war der berühmteste Pariser Klangkörper seiner Zeit. Der auf der CD mit seiner Symphonie in D-Moll Op. 4 Nr. 3 verewigte Marie-Alexandre Guénin hatte die Funktion eines zweiten Geigers in diesem Orchester innegehabt.

Das Orchester nimmt alle Pariser Symphonien von Joseph Haydn auf, aber nicht als fest umgrenzten Zyklus für sich, sondern jeweils eine der sechs Pariser Symphonien im musikhistorischen Kontext mit anderen Kompositionen. Der erste Teil mit dem Titel „La Reine“ war Haydns Symphonie Nr. 85 gewidmet und wurde mit Henri-Joseph Rigels Symphonie op.12 Nr.4 und zwei Arien von Sarti „Io d’amore oh Dio mi moro“ aus Didone abbandonata und von Johann Christian Bach „Semplicetto, ancor non sai“ aus Endemione, gekoppelt.

Auf der vorliegenden CD steht nun die Symphonie Nr. 83 mit dem humorigen Beinamen „La Poule“ auf dem Programm. Klugerweise wurde diese stürmische Haydn Symphonie mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 17 in G-Dur, KV 453 und der Symphonie in D-Moll von Marie-Alexandre Guénin kombiniert. Das passt zur innovativen programmatischen Ausrichtung des Orchesters. Am Beispiel der Gepflogenheiten am Ende des 18. Jahrhunderts wollen die frz. Musiker neue Konzertformen auskundschaften und verschiedene Genres und Künstler während eines Abends mischen bzw. Brücken zu andern künstlerischen Disziplinen bauen. Auch in diesem Album wurde in diesem Sinne ein Dichter, Léonor de Récondo, eingeladen, der zu Haydns „Hennen-Symphonie“ eine gar köstliche zeitgenössische Geschichte ersonnen hat. Sie dreht sich um rotweintrinkende acht Frauen, die ganz nach Pariser Manier einen köstlichen Diskurs über Liebhaber und die kurze Dauer solcher Liaisons führen.

Als Basis der Aufnahme dienten die Partitur, die Haydn an den Comte d‘Ogny geschickt hat und die Pariser Edition von Imbault. Das Orchester will damit die Version, die vom Concert de la Loge Olympique während der ersten Konzerte 1786 in den Tuilerien gespielt hat, wieder zu Gehör bringen. Mozarts Klavierkonzert soll trotzdem er in Paris unglücklich war, den frz. Einfluss auf sein Kompositionen aus dieser Zeit beleuchten. Die größte Überraschung auf dem Album dürfte für viele jedoch die „Sturm und Drang“ Symphonie von Marie-Alexandre Guénin sein. Letzterer war ein Violinvirtuose, Komponist und Musikverleger. Auf dem Weg von der Aufklärung zur Romantik angesiedelt, schreib Guénin drei hervorragende Symphonien Op. 4, die eine Synthese der Ästhetik des italienischen, deutschen und französischen Stils darstellen.

Le Concert de la Loge arbeitet hier wie bei Haydn die extremen Kontraste heraus. Dirigent Julien Chauvin setzt auf eine rigoros vorwärtsdrängende, hochenergetische Lesart. Das klingt vielfach typisch französisch, wo die Vorliebe zum Wort sich auch in der Auffassung von Artikulation bei Originalklanginstrumenten widerspiegelt. Diese Lust an der Klangrede mit intensivem inneren Dialog der einzelnen Stimmen überträgt sich auch auf den Hörer. Alles sprüht vor feiner Ironie, auch bei dramatischen Passagen ist immer ein wenig augenzwinkernder Theaterdonner dabei: Nicht alles im Leben muss bierernst genommen werden. Mozarts Klavierkonzert KV. 453, das beim jungen Justin Taylor auf dem Hammerklavier spruchwörtlich in den besten Händen liegt, klingt so leicht und schwebend, so unnachahmlich duftig und luftig wie ein Orangensoufflée in Paris. Das Wasser könnte einem im Munde zusammenlaufen.

So harren wir gespannt der Fortsetzung dieses ungewöhnlichen und aufregenden Projekts, das noch viele Bezüge der berühmten Haydn Symphonien zur Musik der Entstehungszeit herstellen möge.

Dr. Ingobert Waltenberger

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SHOSTAKOVICH/ R. STRAUSS – BALTIC CHAMBER ORCHESTRA; RUBICON CD. Kammersymphonie C-Moll, Metamorphosen – Elegischer Nachhall des Krieges

SHOSTAKOVICH/ R. STRAUSS – BALTIC CHAMBER ORCHESTRA; RUBICON CD

Kammersymphonie C-Moll, Metamorphosen – Elegischer Nachhall des Krieges

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Unter dem verheerenden Eindruck anlässlich eines Kurzaufenthalts des weitgehend nach wie vor in Trümmern liegenden Dresden komponierte Shostakovich 1960 sein achtes Streichquartett. Der Anblick der durch Brandbomben verwüsteten Stadt inspirierte Shostakovich zu einem seiner eindringlichsten und persönlichsten Werke. Der Widmung „Zum Gedenken an die Opfer von Faschismus und Krieg“ entspricht eine  musikalische Botschaft, die sich aus Material aus früheren Werken, wie den Symphonien Nr. 1 und 5, der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, dem ersten Cellokonzert sowie jüdischen Themen aus dem zweiten Klaviertrio, speist. Die autobiographischen werkimmanenten Bezüge werden durch die Verwendung der Tonfolge D, Es, C und H (D. SCHostakovich) noch verstärkt. Der Dirigent Rudolf Barshai hat das Werk mit Zustimmung des Komponisten für Streichorchester als Kammersymphonie Op. 110a eingerichtet.

Das Baltic Chamber Orchestra ist eine exquisite Kammerorchesterformation, die sich aus den besten Streichern der St. Petersburger Philharmoniker rekrutiert. Unter der Leitung des trotz seiner frz. Wurzeln im russischen Repertoire heimischen  Emmanuel Leducq-Barome, Schüler von Mariss Jansons am St. Petersburger Konservatorium, erschüttern und berühren die wie elektrischer Strom surrenden Streicher, die mystischen Schatten im Largo, die hämmernden Rhythmen im zweiten Satz und der bittere Hohn im Allegretto. Die Echos der Gewehrsalven am Ende des Stücks hallen noch lange nach.

Als zweites Stück des neuen Albums hat Emmanuel Leducq-Barome die „Metamorphosen“ vonRichard Strauss gewählt. In diesem im Vergleich zu Shostakovich viel sanfteren Trauerstück beweint der 81 Jahre alte Komponist nicht nur die Zerstörung des Münchner Hoftheaters und des Goethehauses in Weimar, sondern ganz grundsätzlich „den Verlust eines einstmal besseren und erhabeneren Deutschlands – der Nation von Goethe, Beethoven (auf dessen Trauermarsch aus der Erocia Strauss musikalisch immer wieder Bezug nimmt), und Schiller.“ (Matthew Cosgrove) Der Titel dieser „Studie für 23 Solostreicher“, bei der jedem Streicher seine  eigene Melodie zugeordnet ist, variierte vom ursprünglichen Entwurf „Trauer um München“ bis zur Finalversion „Metamorphosen für 23 Solostreicher“ (wie die „Vier letzten Lieder“ oder das „Oboenkonzert“ ohne Opuszahl), die 1946 in Zürich unter Paul Sacher uraufgeführt wurden.

Auch hier erweist sich das Baltic Chamber Orchestra als artikulatorisch eloquentes Ensemble, das die komplexen Strukturen weder in einem Streicherwohlklangteppich nivelliert noch weichspült, sondern wunderbar durchhörbar auffächert. Die langsamen Tempi erlauben ein aktives neugieriges Nachverfolgen des motivischen Materials, ohne dass ein Quentchen an Spannung preisgegeben wird. Die steten kaleidoskopartigen Variationen bewirken beim Hörer zuletzt eine Katharsis, die tröstlich und versöhnlich wirkt. Ein großer Komponist ist hier auf dem Weg zu seinem musikalischen Testament.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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MOZART: JUAN DIEGO FLÓREZ – SONY CD

MOZART: JUAN DIEGO FLÓREZ – SONY CD

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Als heroischer Mozarttenor musikalisch triumphal in der österreichischen Wahlheimat angekommen

Ganz im italienischen Belcanto zu Hause, singt Flórez, Rossini-, Bellini- und Donizetti-Held vom Dienst, auf seiner neuesten, spartanisch “Mozart” genannten CD querfeldein Arien aus verschiedenen Schaffensperioden des Salzburger Meisters, die seiner Stimme hörbar besonders liegen. Und dort, wo seine sich dem Spintofach nähernde Luxusstimme eigentlich schon zu dramatisch ist, etwa im „Io mio tesoro intanto“ aus Don Giovanni oder dem „Un‘aura amorosa“ aus Così fan tutte, da erfindet Florez im Wiederholungsteil Verzierungen und legt sich Akuti ein, dass es nur so eine Freude ist und wie es einst nur Joan Sutherland bei Verdis Violetta machte/machen durfte.

Über Florez einzigartige Vokalkunst, seine untadelige Technik und bombensichere Höhe, seine stets geschmeidige Phrasierung, den unverwechselbaren Schmelz und jugendlichen Elan sind schon Bände geschrieben worden. Von der stimmlichen Robustheit des Peruaners können andere soundso nur träumen. Das Wort “Stimmprobleme” kann Florenz nicht einmal buchstabieren.

Auf der Mozart-CD begegnet dem Hörer ein eleganter tenore di grazia auf dem Weg zu einem Kapitän im bewegteren Fahrwasser. Faszinierend und aktuell wohl unüberbietbar sein „Fuor del mar“ aus Idomeneo oder „Se all‘impero, amici Dei“ aus La clemenza di Tito. Stimmlich muskulös und athletisch gestählt klingen die Läufe und dramatischen Höhen, jeder Ton sitzt perfekt. Die Notenlinien, die musikalische Ausdeutung der Affekte und die draufgängerische südländische Farbpalette verschmelzen zu etwas ganz Eigenem. Stilistisch ist das nicht immer ganz puristisch, wenn man Anton Dermota oder Peter Schreier als Maßstab und Maß aller Dinge bei Mozart nimmt.

Aber wer kann dem tenoralen Furor, dem Charme dieses Belmonte in der in ganz vorzüglichem Deutsch gesungenen Arie „Ich baue ganz auf deine Stärke“ aus „Die Entführung aus dem Serail“ oder dem barocken Koloraturfeuerwerk von „Si spande al sole in faccia“ aus Mozarts Frühwerk „Il re pastore“ widerstehen? Wer will sich nicht genüsslich zurücklehnen und einem der aufregendsten Donizetti-Tenöre ever bei seinem abenteuerlichen Ausflug zum Ottavio „Dalla sua pace“ im Don Giovanni lauschen. Der ist bei Florez wahrlich kein schnöseliges „Waserl“, sondern ein echtes Mannsbild, der das Versprechen vor sich herträgt, es auch bald mit einem Fighter wie Don Giovanni aufnehmen zu können.

Florez hat noch keine Mozart-Rolle auf der Bühne gesungen. Idomeneo oder Titus würden sich anbieten, auch weil seine Stimme eine immer breitere Mittellage bekommt. Auch der Ottavio und der Tamino sollen kommen. Die Arien-CD gibt hier einen ersten Vorgeschmack darauf. Und es wäre nicht Florez, wenn er sein Album nicht mit einer Rarität, der Konzertarie „Misero! O sogno… Aura che intorno spiri“ effektvoll beschließen würde. Das Zürcher Originalklangensemble “La Scintilla“ unter Leitung von Riccardo Minasi begleitet temperament- und stimmungsvoll. Volltreffer!

Auch auf diversen Konzertbühnen wird Florenz seinen Mozart vorstellen, so beispielsweise am 6.11. in der Berliner Philharmonie oder am 22.11. im Wiener Konzerthaus.

Dr. Ingobert Waltenberger

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CARLO GRAZIANI: SECHS SONATEN FÜR VIOLONCELLO und BASSO CONTINUO ARMONIOSA, Stefan Cerrato – RUBICON 2 CD

CARLO GRAZIANI: SECHS SONATEN FÜR VIOLONCELLO und BASSO CONTINUO

ARMONIOSA, Stefan Cerrato – RUBICON 2 CD

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Was für ein Leben hatte dieser Graziani! Die nachgewiesene Spur führt uns vom piemontesischen Asti, seinem Geburtsort, über Stationen als Cellovirtuose, Komponist und Lehrer von Paris über Turin bis nach Frankfurt. 1764 spielte er in London mit dem siebenjährigen Mozart. Finale Destination war aber Preussen, sein „gelobtes Land“, wo Graziani Hoflehrer des Prinzen Friedrich Wilhelm II wurde und auch in Potsdam 1787 verstarb.

Graziani schrieb vorwiegend für sein Instrument, das Cello. Für die Komposition eines seiner Konzerte für Violoncello und Orchester legte er sich das Pseudonym/Anagramm Erlach Glazinar, genannt „Il Ranigazi“, zu. Auf der vorliegenden CD sind sechs Sonaten für Violoncello und Basso Continuo zu hören, sein reifes Op. 3, das er in Berlin herausgab. 12 frühere Sonaten wurden als Op. 1 und 2 zusammengefasst und sahen das Licht der Welt in London bzw. Paris. Graziani zog sich 1773 vom preußischen Hof zurück. Sein Nachfolger wurde Jean-Pierre Duport.

Die überaus reizvollen Stücke mit enormen technischen Ansprüchen an den Solisten stehen stilistisch am Übergang vom Barock zum Rokoko. Graziani lotet alle Möglichkeiten des Cello aus, sei es vom Tonumfang, Bogenführung oder den rhythmischen Vertracktheiten her. Wie die Interpreten erklären, „verwendet Graziani ausgiebig Arpeggien und Phrasen in der obersten Oktave im Violinschlüssel am Rand des Griffbretts und darüber hinaus, womit er dem Publikum sicher seine Virtuosität beweisen konnte. Besonders einfallsreich und feinsinnig komponiert wirken die langsamen Cantabile-Sätze, die zwar dem italienischen Stil verpflichtet sind, aber immer mit einem heiteren Seitenblick auf die französische Tradition.“

Es ist also ein im besten Sinn europäischer Stil, entwickelt auf Reisen und auf Basis musikalischer Begegnungen, den Graziani pflegt und der Melodik, Kantabilität, Polyphonie und allerhöchste Meisterschaft in der Ausführung mittels schneller Läufe und häufiger Doppelgriffe zu einem neuen Ganzen eint.

Der Cellist Stefano Cerrato spielt mit seinem Ensemble Armoniosa die Sonaten so fantasie- und abwechslungsreich wie sie komponiert worden sind. Der Spannungsbogen bleibt stets aufrecht, der Zuhörer kann eintauchen in dieses geheimnisvolle Land der Töne, das sich aus irgend welchen unterirdischen Quellen von Italien über Frankreich bis Norddeutschland speist. Höchst unterhaltsam nehmen sie uns mit auf diese Fahrt vom verspielten, schnörkelig-strengen und tänzerischen Barock hin ins empfindsamere Rokoko. Balsam für stressgeplagte Ohren und Seelen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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MENDELSSOHN: SYMPHONIE NR. 2 „LOBGESANG“ – LSO LIVE SA-CD, Pure Audio Blu-Ray

MENDELSSOHN: SYMPHONIE NR. 2 „LOBGESANG“ – LSO LIVE SA-CD, Pure Audio Blu-Ray

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Sir John Eliot Gardiner schließt seinen Mendelssohn-Zyklus mit dem London Symphony Orchestra ab. Mit den Symphonien Nummer eins und drei bis fünf konnte Gardiner bei Kritik wie Publikum gleichermaßen reüssieren. Besonders gelobt wurde jeweils auch die Klangqualität dieser Live-Mitschnitte. Am 16. und 17. Oktober 2016 führte Gardiner mit dem LSO und seinem Monteverdi Choir die hybride zweite Symphonie mit Kirchen-Kantatencharakter im Barbican auf. Als Gesangssolisten waren Lucy Crowe (Sopran), Jurgita Adamonyté (Mezzo) und Michael Spyres (Tenor) aufgeboten.

Der „Lobgesang“ Mendelssohns besteht aus drei instrumentalen Teilen und einem dominierenden vierten Gesangssatz, der wiederum in neun aus Arien, Duetten, Rezitativen und Chören bestehende Abschnitte gegliedert ist. Das Werk wurde für die Feierlichkeiten zum 400-jährigen Jubiläum der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg in Leipzig, konkret der Enthüllung einer Statue auf dem Marktplatz, geschrieben. Der Text besteht aus eine Mischung aus Kirchenliedern und Bibelzitaten. Der Lobgesang ist sicherlich nicht die protestantische Antwort auf Beethovens Neunte, er ist eine einzige himmelstürmende Danksagung mit symphonischer Einleitung geworden. Gardiners wie stets britisch und somit distanzierte Lesart ist jedem religiösem Muskelspiel und bigotter Scheinheiligkeit abhold. Eine klare Rhetorik in Orchester und Chor stehen bei Gardiner vor romantischer Emphase. Schlank, streng metrisch und flott im Grundduktus, weicht das „Adagio religioso dem Chor „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“. Der Monteverdi Choir zeigt stimmlichen Sixpack, kein Deka Fett mischt sich in den sehnig und wortdeutlich artikulierten Gesang. Pure Freude verströmt besonders der Männerchor.

Die Besetzung der Frauenstimmen ist nicht ideal, bewegt sich aber dennoch auf gutem Niveau. Der eher nüchtern, eigentümlich timbrierten Lucy Crowe fehlt der Jubelton im „Die Nacht ist vergangen“. Insgesamt gibt es aber in der Mittellage viel an lyrischer Poesie zu genießen. An große Vorgängerinnen wie Margaret Price (Chailly) oder Soile Isokoski (Christoph Spering) reicht sie (noch) nicht heran. Dem litauischen Mezzo Jurgita Adamonyté fehlt für mich das Unverwechselbare, das Gran an Timbre und Eigenart, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Bleibt der großartige und markante Michael Spyres als Tenorsolist, dem es diesmal überlassen bleibt, die vokalen Kastanien aus dem Feuer zu holen. Seine Arie „Stricke des Todes hatten uns umfangen“ mit der abschließenden bohrenden Frage „Hüter ist die Nacht bald hin?“ ist der emotionale Höhepunkt der Aufführung und geht unter garantiert die Haut.

Fazit: Ein würdiger und qualitätsvoller Abschluss von Gardiners Mendelssohn-Zyklus mit dem London Symphony Orchestra.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Saint-Saëns: Sämtliche Werke für Cello und Orchester, NAXOS CD Gabriel Schwabe begeistert mit großer Sanglichkeit im Vortrag und exquisiter jugendlicher Emphase

Saint-Saëns: Sämtliche Werke für Cello und Orchester, NAXOS CD

Gabriel Schwabe begeistert mit großer Sanglichkeit im Vortrag und exquisiter jugendlicher Emphase

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Viele werden das erste Cellokonzert des frz. Allrounders Saint-Saëns kennen. Kürzlich hat etwa Emmanuelle Bertrand  mit dem Luzerner Sinfonieorchester unter James Gaffigan

bei harmonia mundi eine viel beachtete Einspielung davon vorgelegt. NAXOS hat sich  nach der Publikation von Cellowerken von Saint-Saëns im Jahr 1995 mit Maria Kliegel, der Bournemouth Sinfonietta unter der Leitung von Jean-Francois Monnard erneut dieses nach wie vor unterschätzten Komponisten angenommen. Das editorische Projekt umfasst alle Symphonien und Konzerte. Das nun vorliegende dritte Album in der Reihe kann als besonders gelungen und wohl als ein Glücksfall in der unglaublich reichen CD-Geschichte von Naxos bezeichnet werden.

Beginnen wir bei Dirigent Marc Soustrot, ein in Lyon gebürtiger Musiker der Sonderklasse, vielleicht trotz seiner 68 Lenze noch immer ein Geheimtipp. Er erzeugt mit dem Malmö Symphony Orchestra, dem er als Chefdirigent vorsteht, jenes unglaubliche flirrende Fluidum, jenen fein gewebten Teppich an Haupt- und Nebenstimmen, auf dem Gabriel Schwabe den sinnlichen Ton seines Cellos (Brescia 1600) aufleuchten lassen kann. Unnachahmlich, wie Soustrot, den die Leser der Opernwelt soeben für seine mustergültige Interpretation von Honeggers „Jeanne d’Arc au bûcher“ in Frankfurt als musikalischen Leiter der Aufführung des Jahres geehrt haben, klare Strukturen mit frei fließender, beinahe improvisatorisch anmutender Agogik verbindet. Die CD klingt so, wie ein vielgängiges, von Meister Bocuse selbst gekochtes und angerichtetes Menü schmeckt.  

 Neben den zwei Cellokonzerten haben sich Soustrot und Schwabe noch der Romanze op. 36 für Cello & Orchester, der  Suite d-moll op. 16b dem Allegro appassionato op. 43 für Cello & Orchester sowie des Schwans aus „Karneval der Tiere“ für Cello & Orchester (arrangiert von Paulo Vidal) angenommen.

Gabriel Schwabe, der für NAXOS bereits die zwei Cellosonaten von Johannes Brahms eingespielt hat, erweist sich auch hier als einer der besten Vertreter der jungen Generation. Schlank im Ton, mit sparsamem Vibrato, besticht sein Spiel vor allem durch jene elegante und stupende Leichtigkeit – mit einer reifen Technik gesegnet – die es dem aus Berlin stammenden Cellisten erlaubt, wie der junge Komponist aus Strauss „Ariadne auf Naxos“ und damit als junger Mezzosopranist von Musik und über deren Zauber zu singen, ja bisweilen voller lauter Seele und Emotion unbändig darüber zu jubilieren. Eine CD, aus deren Stoffe Träume erwachsen. Großartig!

Dr. Ingobert Waltenberger

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IRENE DALIS RECITAL – PROFIL HÄNSSLER CD Eine Traumstimme aus dem Dornröschenschlaf geküsst

IRENE DALIS RECITAL – PROFIL HÄNSSLER CD

Eine Traumstimme aus dem Dornröschenschlaf geküsst

Irene DALIS Recital

Freunde großer Stimmen aufgepasst: Das Label Hänssler bringt längst vergriffene Studioaufnahmen des amerikanischen Kontraalts, Mezzos und Soprans Irene Dalis wieder auf den Markt. Eine hoch lobenswerte editorische Tat, verfügte doch Irene Dalis – ähnlich wie Martha Mödl – über einen klangfarblich reichen, für heutige Verhältnisse unglaublich üppigen, in allen Lagen gleich gut ansprechenden Mezzo, der noch dazu über eine beeindruckende Kontraalttiefe und eine elegante lyrische  Sopranhöhe verfügte. 

Die Gesangskarriere der als Pianistin in San José in Kalifornien graduierten Musikerin führte Irene Dalis nach Mailand, Oldenburg und Berlin. Ihre Interpretation der Jenufa an der Städtischen Oper Berlin soll ausschlaggebend für ihr Engagement an die MET gewesen sein, wo sie mit Eboli im Jahr 1957 debütierte. Sie sang 69 mal Amneris (u.a. beim METR-Debüt von Leontyne Price), ebenso die Brangäne bei Nilssons Rollendebüt als Isolde an der MET. Als äußerst kollegiale und beliebte Kollegin geschätzt, zog sie sich 1976 von der MET und damit von der Opernbühne zurück. 30 Jahre (1984-2014) war sie dann Operndirektorin in San José, wo sie basierend auf ihren Erfahrungen in Oldenburg (dort sang sie in zwei Jahren neun Hauptrollen) ein Ensemblesystem mit jungen Stimmen aufbaute.

Sammler von Live-Mitschnitten werden ihre gloriose Bayreuther Kundry aus den Jahren 1961-1963 unter Knappertsbusch kennen. Aber auch zahlreiche Rundfunkmitschnitte aus der MET, der sie zwanzig Jahre lang angehörte und wo sie 274 Vorstellungen sang, sind erhältlich, u.a. Il Trovatore (1961, mit Corelli/Price SONY), Don Carlo (1961 mit Corelli WALHALL; 1964, mit Rysanek/Corelli SONY) oder Aida (1962, mit Corelli) WALHALL.  Aber auch Rheingold, Walküre und Tristan aus der MET (letztere beide mit Birgit Nilsson als Partnerin) werden schon so manches Sammlerherz höher schlagen haben lassen. 

Die raren Studioaufnahmen auf der nun veröffentlichten CD stammen aus den Jahren 1957 und 1958, als Irene Dalis Ensemblemitglied der Städtischen Oper Berlin (heute: Deutsche Oper Berlin) war. Die zwei Telefunken LPs, eine Arienplatte und ein Carmen Querschnitt in deutscher Sprache wurden sorgfältig remastered und lassen eine der herrlichsten Mezzostimmen authentisch erstehen, der damaligen monauralen Aufnahmetechnik sei Dank. 

Das Programm des Recitals reicht von Barockem (u.a Serse von Händel, Alceste von Gluck), über Rossini (die Sopranarie „Bel raggio lusingher“ aus Semiramide), Verdi (Ebolis „O don fatale, o don crudel“ aus Don Carlo), Bizet (zwei Carmen Arien), Saint-Saens (Dalila; „Mein Herz schließet sich“, „Die Sonne, sie lachte“) bis zu Wagner (Brangänes Gesang „Einsam wachend in der Nacht“ aus Tristan und Isolde). Schon das erste „Dank sei dir, Herr“ aus einer Kantate von Siegfried Ochs flutet das Ohr des Hörers mit purer Schönheit. Bei den Arien, die von einem „Großen Streichorchester“ begleitet werden, sollte sich der Hörer voll auf die Stimme konzentrieren, weil die instrumentale Seite hier unter jeder Kritik ist. Unüberhörbar Schülerin von Margarete Kose, weiß Dalis unmittelbar mit pastoser fließender Mittellage, natürlicher Tiefe und fantastischer Höhe für sich einzunehmen. Von der Stimmqualität ist Dalis eigentlich ein lyrischer und sehr flexibler Mezzo (die Rossini Arie zeugt beeindruckend davon), der aber auf Basis einer exzellenten Technik und mega-Expansionsfähigkeit ebenso fähig war, dramatische Partien von Verdi und Wagner ohne Abstriche und ohne je „in Not“ zu geraten, zu meistern. 

Der zweite Teil der CD ist einem technisch herausragenden, aber leider – wie damals üblich – in deutscher Sprache gesungenen Carmen-Querschnitt mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Wolfgang Martin gewidmet. Obwohl Irene Dalis die Carmen nie auf der Bühne verkörperte, fasziniert sie vor allem mit einer dämonischen Kartenarie. Außerdem macht der Hörer erfreulicherweise die Bekanntschaft mit dem Don José von Heinz Hoppe und dem Escamillo von Karl Schmitt-Walter. Die Blumenarie ist ein Musterbeispiel für eine brillant eingesetzte voix mixte, Heinz Hoppes feiner Tenor überrascht mit sensibler Ausdruckskunst, exemplarischen Diktion und bezauberndem lyrischen Glanz.

Fazit: Eine Entdeckung, in Teilen (Händel, Gluck, Rossini, Verdi, Wagner) sogar eine Offenbarung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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CLAUDE DEBUSSY: PÉLLEAS et MÉLISANDE – Sir Simon Rattle, LSO 3 SACD hybrid, 1 pure audio Blu-ray Disc

CLAUDE DEBUSSY: PÉLLEAS et MÉLISANDE – Sir Simon Rattle, LSO 3 SACD hybrid, 1 pure audio Blu-ray Disc

Eine rundum gelungene live Einspielung aus dem Barbican, London Jänner 2016

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Alle Sterne stürzen nieder, Auf dich und mich! Maeterlinc 

Sir Simon Rattle und Debussy sind wohl eine Herzensangelegenheit, bei der die so „Angebetete“ ausnahmsweise mal die Huld dankbar angenommen und entgegnet hat. So dirigierte Rattle vor allem immer wieder Pélleas et Mélisande. In Berlin gab es eine halbszenische Darbietung einer Produktion der Salzburger Osterfestspiele 2006.ŽIm April 2008 debütierte Rattle mit Pélleas et Mélisande an der Staatsoper Unter den Linden. 2015 dirigierte er vier halbszenische Aufführungen in der Berliner Philharmonie, einfühlsam inszeniert von Peter Sellars. Letzterer hatte gemeinsam mit Rattle schon 2010 Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion und 2014 die Johannes-Passion räumlich auf die Philharmonie zugeschnitten in schöne Bilder gekleidet und damit ein ähnliches Konzept mit Zuspruch des Publikums erprobt.

Auf die Berliner Philharmoniker folgte im Jänner 2016 das London Symphony Orchestra. Am 9. und 10. Jänner 2016 leitete Sir Simon Rattle als Übernahme aus Berlin zwei halbkonzertante Abende im Londoner Barbican Center, die Besetzung deckte sich weitestgehend mit derjenigen aus Berliner. Hiervon liegt nun ein audiophiler Audio-Mitschnitt auf SACD vor, als besonderes Zuckerl für Klangfreaks ist eine pure audio Blu-ray Disc zugepackt. 

Rattles Deutung der klanglich impressionistischen, dunkel verführerischen und emotional verstörenden Oper Debussys zählt für mich neben den Aufnahmen Ansermets, Karajans und Abbados zu den eindringlichsten und konzeptuell geschlossensten. Magdalena Kožená und Christian Gerhaher in den Titelpartien sind schlichtweg Idealbesetzungen. Der kanadische Bassbariton Gerald Finley singt Golaud so stimmgewaltig, bedrohlich und dennoch gebrochen wie dies einst George London tat, während Bernarda Fink als Geneviève und Franz-Josef Selig als König das Prachtensemble gediegen vervollständigen.

Das London Symphony Orchestra folgt den Intentionen seines künftigen Chefs auf Punkt und Beistrich und vermag diese traurig morbide Geschichte in gefährlich hypnotisierenden Klang zu gießen. Debussy wollte das Orchester als den Wald hören, in dem die Oper spielt. Daher unterschied sich auch die Orchesteraufstellung mit Holz und Bläsern rundum grundlegend von herkömmlichen Sets. Das kommt atmosphärisch dialogisch auch der Aufnahme zugute. Vielleicht klingen die Streicher bei den Berliner Freunden flirrender und mystischer, die kammermusikalische Intensität, das frappierend Klangmalerische überzeugt jedenfalls hier wie dort.

Nicht auszuschließen ist, dass das Eigenlabel der Berliner Philharmoniker, die Berliner Philharmoniker Recordings, noch die filmische Version publizieren, für all diejenigen, die Sellars Version auch optisch mitverfolgen wollen.

Vorerst einmal überzeugt LSO Live nicht nur künstlerisch, sondern bietet das Set mit 3 SACDs und der pure audio Blu-ray Disc insgesamt zum Preis einer einzigen CD auch besonders preiswert an. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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ROBERT SCHUMANN: FANTASIE in C-Dur, Op. 17, KREISLERIANA Op. 16 – Jean-Philippe COLLARD– La Dolce Volta CD

ROBERT SCHUMANN: FANTASIE in C-Dur, Op. 17, KREISLERIANA Op. 16 – Jean-Philippe COLLARD– La Dolce Volta CD

In den Fußstapfen von Vladimir Horowitz, reife künstlerische Ernte

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„Zuweilen geschieht Seltsames im Herzen des Menschen: So mischen sich darin Freud und Leid in einem sonderbaren Durcheinander.“ Robert Schumann

Der große französische Pianist Jean-Philippe Collard widmet sich in seinem zweiten Album für das Label la dolce volta zwei Meilensteinen frühromantischer Meisterschaft: Der Fantasie in C-Dur, Op. 17 und dem Zyklus Kreisleriana Op. 16. In beiden Werken geht es um das Geheimnis freier, autobiographisch motivierter Kunst und bei Collard wohl auch seinem Vorbild Horowitz gleich um das Wunder hochindividueller, einer innerer Logik und Wahrheit folgender Interpretation. Collard findet zu Schumanns Klangwelten leidenschaftliche Töne, und ebenso beeindruckende Worte: „Nicht nur von den Mysterien der Nacht und von der Beklommenheit der im Dunkeln kauernden Wälder gezeichnet, beschwört Schumann eine Welt der schwer zu entziffernden Anspielungen (Täuschungen?), Masken, Metaphern und literarischen Reminiszenzen herauf. Eusebius‘ Melancholie steht in ständigem Gegensatz zu Florestans Enthusiasmus. Schumanns spinnenartige Handschrift nacht den rätselhaften Charakter seiner Kunst noch undurchschaubarer, zumal die rhythmische Struktur ein Gefühl der Unsicherheit oder gar der Instabilität schafft. Jenen, die den hitzigen Diskurs nicht beherrschen und sich von den Empfindungen des Augenblicks überwältigen lassen, droht Trance oder Tollheit.“

Die dreisätzige Fantasie war eigentlich Schumanns Beitrag zu Liszts Projekt für die Errichtung des Beethoven Denkmals in Bonn anlässlich dessen zehnten Todestages. Ist es die Klage um die ferne Geliebte Clara, die Schumann auf Geheiß von Friedrich Wieck ein Jahr nicht sehen darf, oder eine Hommage an Beethovens Sonate Op. 111, die „ebenfalls in den tiefen Lagen des Klaviers mit einer sanften Hymne an die Nacht schließt“, Collard schöpft in seiner ganz persönlichen Art in diesem sehnsüchtigen um sich selbst Kreisen, diesem halluzinierten Strudel, er befasst sich vorwiegend mit dieser tiefen Klage, die das Fassbare übersteigt. Collard bewahrt dabei jedoch immer die Bodenhaftung, der natürliche Rahmen des Instruments wird nie gesprengt noch dynamisch extrem aufgeheizt. Es sind die leisen Zwischentöne, das Spiel mit Klangnuancen, die so ganz ihm eigenen Rubati, die  bezaubern und verführen. 

Bei der literarisch durch E.T.A Hoffmanns Erzählung über den wunderlichen Kapellmeister Johannes Kreisler inspirierten Kreisleriana („Lebensansichten des Katers Murr“) ist alles Widersprüchliche des romantischen Genies, seine Manien und Abgründe, das Rausch- und Borderlinehafte seiner Existenz zu Ton geworden. Als märchenhafte Exzentrik könnte hier der Stil Collards beschrieben werden. Abrupte Stimmungswechsel brechen in das kontinuierlich Erzählerische, wie eine dünne Eisdecke rasch dem im Krater der Seele kochenden Untergrund nachgibt. Mein Lieblingstrack: der „sehr rasche“ koboldhafte siebente Satz.  Zuletzt noch eine Hoffmannsche Pirouette à la Collard: „Der Gnom wie später Scarbo in Ravels Gaspard de la Nuit entflieht, aber verschwindet nicht völlig.“

Dr. Ingobert Waltenberger

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