Der Neue Merker

GIUSEPPE VERDI: REQUIEM

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GIUSEPPE VERDI: REQUIEM – LONDON SYMPHONY ORCHESTRA – NOSEDA; LSO Hybrid-SACD

Live aus der Barbican Hall 18. September 2016

Gianandrea Noseda, seit 2016 erster Gastdirigent des London Symphony Orchestra, hat legitimerweise das Verdi Requiem aufgeführt. Was die Qualität des Orchesters und vor allem des herausragenden London Symphony Chorus angeht, scheint eine Veröffentlichung  auf Tonträger rechtfertigbar, zumal Noseda die Kontraste gehörig schärft und diese spirituellste aller Opern Verdis mit der nötigen Theatralik, wo nötig auch mit überidischen Piani ausstaffiert.

Leider kann das Solistenquartett da nicht mithalten. Francesco Meli enttäuscht mit harter Tongebung und gepressten Höhen, im Verlauf des Abends steigert sich sein Tenor vor allem in den lyrischeren Passagen sowie den Ensembles. Michele Pertusi, als höchst verdienstvoller Belcantist und Rossini Spezialist bekannt, fehlen die breit strömenden Legati und das Kulinarisch-Großzügige dieser grandiosen Basspartie. Daniela Barcellona, ebenso eher im Rossini Fach zu Hause, weiß mit ihrer Mittellage zu bezaubern. In den dramatisch fordernden Höhen klingt der vokale Strom forciert, bisweilen macht sich ein unschönes Vibrato bemerkbar. Einzig die verdi-, rossini- und mozartgestählte Sopranistin Erika Grimaldi lässt mit guter Technik und einem interessanten Timbre aufhorchen. Ihren Namen sollte man sich merken.

Diese insgesamt gerade einmal befriedigende Aufnahme (auch die Tonbalance zwischen Orchester, Chor und Solisten lässt zu wünschen übrig) ist ein gutes Beispiel dafür, dass seit dem Aufkommen der vielen Orchester-Eigenlabels nicht alles Gold ist, was glänzt. Vielleicht wäre es besser, erst nach einem Konzert festzulegen, ob ein Mitschnitt veröffentlich wird oder nicht. Was die Solisten angeht, gibt es jede Menge an besseren und empfehlenswerteren Aufnahmen im Katalog (Karajan, Abbado, Solti, Giulini, Harnoncourt, Jansons etc.).

Dr. Ingobert Waltenberger

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PERGOLESI: STABAT MATER / BACH: KANTATEN für ALTSOLO

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PERGOLESI: STABAT MATER
BACH: KANTATEN für ALTSOLO 

La Nuova Musica, Lucy Crowe, Tim Meade

harmonia mundi CD

Pergolesis Stabat Mater als bekanntester Hymnus des 18. Jahrhunderts an Maria, wurde auch von Bach bearbeitet. Man stelle sich vor, der Guru der protestantischen Kirchenmusik nimmt sich ein Stück eines verstorbenen italienischen katholischen Komponisten zur Vorlage für die Motette „Tilge, Höchster, meinen Sünden.“ Aber nicht nur J. S. Bach war von der schlicht eingänglichen, wohl auch wahrhaftig schmerzlichen bis lebenswärmenden Musik höchst angetan. 

Unter den Dutzenden im Katalog verfügbaren Aufnahmen finden sich als InterpretInnen sowohl große Diven wie die Freni, die Netrebko oder jüngst die Yoncheva. Aber auch alle Wegbereiter und Stars der Originalklangbewegung, viele Countertenöre und lyrische Soprane haben diese vollkommen scheinende Musik Pergolesis eingespielt. Die im März erschienene Neuaufnahme bei harmonia mundi stellt zwei Kantaten Johann Sebastian Bachs „Widerstehe doch der Sünde“ BWV 54 und „Vergnügte Ruh! beliebte Seelenlust!“ BWV 170, beide für Solo-Alt geschrieben, Pergolesis „Stabat Mater“ von 1736, das der Komponist schon stark von der Tuberkulose gezeichnet, kurz vor seinem Tod vollenden konnte, gegenüber.

Die Klammer zwischen der lutherischen Strenge und dem opernhaften Stil des genialen Süditalieners zu spannen, gelingt dank der delikat schlanken und dennoch hochsinnlichen Interpretation durch das britische Ensemble La Nuova Musica und seinem künstlerischen Leiter David Bates. Und natürlich finden sich Parallelen zwischen Bach und Pergolesi, sind doch für unsere heutigen Ohren die innovativen Errungenschaften barocker sakraler Kompositionsweise einigender als stilistische Varianten geographischer oder religionsphilsophischer Natur. 

Die vokale Mammutaufgabe der CD kommt dem Countertenor Tim Meade zu. Mit balsamisch timbrierter Mittellage, lyrischer Tongebung und vibratoarmem Vortrag reüssiert Meade ganz besonders in den fünf Soloarien aus den beiden Bach-Kantaten. „“Widerstehe doch der Sünde“ oder „Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen“ sind herausragende Interpretationen, die den spirituellen Kern dieser Musik mit vokalem Glanz edeln. Im Stabat Mater finden Lucy Crowe und Tim Meade zu betörend schöner klanglicher Symbiose. So werden neben dem berühmten Eingangsduett die Zwiesprachen „Quis est homo qui non fleret“, „Inflammatus et accensus“ und „Quando corpus morietur“ zu Höhepunkten jetziger barocker Interpretationskunst. In ihrer uneitlen, frei strömenden Einfachheit sind diese Aufnahmen allen Gesangsversuchen großer Primadonnen auf diesem Terrain haushoch überlegen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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LA CLIQUE DES LUNAISIENS – VOTEZ POUR MOI

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LA CLIQUE DES LUNAISIENS – VOTEZ POUR MOI

aparte music CD

Das politische Chanson im Frankreich des 19. Jahrhunderts

Eine Woche vor dem ersten Durchgang der frz. Präsidentschaftswahlen eine CD-Empfehlung der besondere Art

Schon Ludwig XIV und Napoleon wussten, wie effektiv man die populären Genres des Chansons, der komischen Oper und der Operette für politische Propaganda nutzen kann. Im 19. Jahrhundert war diese Form der satirischen und demagogischen Lieder, die Wahlen oder die politische Klasse selbst aufs Korn nehmend, weit verbreitet. Die vielen (Strophen)Lieder galten als ein probates Mittel, rhetorisch und selbstironisch alle Register zu ziehen, um wohl bis auf den heutigen Tag gültige Beobachtungen über das Räderwerk der politischen Macht und der ungerechten Lebensumstände „durch den sprichwörtlichen Kakao“ zu ziehen.

Die Verbreitung des politischen Chansons im Frankreich des 19. Jahrhunderts ist aber auch darauf zurückzuführen, dass Musik und alle möglichen Arrangements günstig zu haben waren und diese eingängigen Melodien mit ihren unwiderstehlich mitreißenden Refrains überall aufgeführt werden konnten. Wie in der vorliegenden köstlich gelungenen Aufnahme des Ensembles „La Clique des Lunaisiens“ erfahrbar, genügen je nach Stück ein Sänger, eine Sängerin, einen kleine Vokalgruppe,  und eine  Begleitung, die sich abwechselnd/wahlweise aus einer Klarinette, einer Drehorgel, einem Akkordeon, einer Oboe, Flöten, einem Klavier, einem Kontrabass, einer Trompete, einer Gitarre oder einer Drehleier zusammensetzt. 

Gemeinsam ist allen Chansons der freche „Gassenhauerton“, die Lust am Parodieren des Worts in Klang, wie er eben zu den Café-Concerts, den Pariser Straßenkünstlern unter den Kiosken oder zum Drehleiermann mitten auf den Boulevards passte. Aber nicht nur ätzend-boshafte Chansons sind der in der Sammlung enthalten, es gibt auch das sentimentale Pendant dazu, das seinen Stoff aus Armut, Verlassenheit und Einsamkeit nährte. Solche oft moralisch oder religiös verbrämte Chansons setzen mutige und entschlossene nationale Figuren wie etwa Jeanne d‘Arc nach der Niederlage des Kriegs von 1870  auf den Thron („La Prière de Jeanne d‘Arc“, „À Jeanne d‘Arc“). Zu den Texten, die an Schärfe viele Texte heutiger Kabarettisten locker in den Schatten stellen, kombinierte man einfache Melodien oder auch bekannte Arien aus Werken wie Ambroise Thomas‘ Mignon, Offenbachs „Le Roi Carotte“ bis hin zu Lecoqs „La Fille de Madame Angot“. Auch Anklänge an die Marseillaise fehlen nicht , dazwischen darf es auch Mozarts „Reich mir die Hand dein leben“ aus Don Giovanni als Drehorgelschlager sein.

Der Weg zum allgemeinen Wahlrecht in Frankreich war ein langer, erst 1945 durften Frauen zu den Urnen. Auch daran will das Album erinnern. Die siebzehn Chansons parodieren, wie es im Senat zugeht („La Chambre et le Senat“), entführen den Hörer auf einen Ball beim Minister („Un Bal chez le Ministre“), treiben die „Unterscheidung“ zwischen „Droite, gauche, centre“ auf die sprichwörtliche Spitze. Sie wissen aber auch, wie das ist, wenn einer Gefangener im Élysée ist („Le Prisonnier de l‘Élysée“), einer keinen Sou hat („Quand on n‘a pas le sou“) oder was ein wirklicher Republikaner empfindet („Un Vrai Républicain“).

Die von Arnaud Marzorati gegründete Truppe „Clique des Lunaisiens“ interpretiert alle Chansons unnachahmlich dicht und mit verwegen scharfer Wortausdeutung. Und transportiert/zelebriert damit eine Art von Selbstironie, wie ich sie nur in Frankreich so kompromisslos kennenlernen durfte. Besonderes Lob gebührt den SolistInnen Lara Neumann, Ingrid Perruche, David Ghilardi sowie den vier Sängern des Ensembles Soliste XXI: Christophe Grapperon, Laurent David, Vincent Bouchot und Jean-Christophe Jacques.

Bedauerlicherweise sind im Booklet die Texte nur in französischer Sprache abgedruckt. So wird die CD in deutschsprachigen Landen eher einem Spezialpublikum vorbehalten sein. Oder man genießt einfach die Chansons und deren intensiven musikalischen Witz, der sich von selber mitteilt. Bleibe uns jedenfalls der (bisweilen scharf gewürzte) Humor auch nach den frz. Wahlen erhalten.

Dr. Ingobert Waltenberger

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À MADAME: DIVERTISSEMENT POUR ADÉLAIDE

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À MADAME: DIVERTISSEMENT POUR ADÉLAIDE

apartemusic CD

Überaus charmante Kammermusik für Cembalo und Violine am Hofe Ludwig XV

Madame Adélaide war eine der acht Töchter Ludwig XV, die er mit Marie Leszcinska hatte. Gemeinsam mit ihren Schwestern Victoire, Sophie, Louise und Henriette musizierte Adélaide regelmäßig am Hof zu Versailles. Zahlreiche Komponisten gaben sich damals die Ehre, für die royalen Damen Musikstücke zu schreiben und sie Ihnen auch zu widmen. 

Olivier Baumont auf einem Cembalo Francois-Ètienne Blanchet 1746 und Julien Chauvin auf einer Violine ebenfalls aus den historischen Sammlungen Versailles haben in den Appartements der Mesdames, Töchter Louis XV, im Juli 2015 dieses Album mit herrlich virtuoser und wahrlich unterhaltsamer französischer barocker Kammermusik aufgenommen. 

Allesamt Weltersteinspielungen, entzücken das Premier Concert und das Maestoso der vierten Sonate von Simon Simon, eine Sonate von Antoine Dauvergne, Musik aus Jean-Philippe Rameaus Castor und Pollux, arrangiert für Cembalo und Violine, die Aria Gratioso der ersten Sonate von Claude Balbestre, die Sonata Sexta von Jean-Baptiste Cardonne sowie als einziges Werk für zwei Violinen „Les Sauvages“ nach Rameau mit Variationen geschrieben von Jean-Pierre Guignon. Bis auf Rameau handelt es sich um durchwegs von einem breiteren Publikum vergessene Komponisten, die dank der Initiative der beiden Solisten nun auf Tonträger zugänglich sind. 

Gespielt werden diese überwiegend heiteren, verspielten und lyrisch galanten Werke ganz köstlich pointiert und lebendig.  Das Cembalo fordert die Violine zu einer eleganten, brillanten und zuweilen zärtlichen Konversation.  Dazwischen darf die Musik schon kurz nachdenklich bzw. von einer sehnenden Wehmut sein. Einladend ist die Idee, die CD zur Einstimmung auf die bevorstehende Zeitreise mit dem Geläute der Pendeluhr von Jean-Joseph de Saint-Germain beginnen zu lassen. Dazwischen erklingen zwei mal kurz die flötenden Uhrwerke von Marc-Antoine LeNepveu, bevor das Album abermals mit den edlen Tönen der goldenen Pendeluhr aus dem Großen Kabinett von Madame Victoire endet.

Dr. Ingobert Waltenberger

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FRENCH TREASURES: ALEKSEY SEMENENKO, INNA FIRSOVA; Ars Production CD

FRENCH TREASURES: ALEKSEY SEMENENKO, INNA FIRSOVA; Ars Production CD

Französische Musik für Violine und Klavier von Poulenc, Chausson, Debussy, Saint-Saens – ein gelungenes Debütalbum

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In Klang gegossene französische Impressionen, das vermitteln der großartige in Odessa gebürtige Geiger Aleksey Semenenko und seine Klavierpartnerin Inna Firsova auf ihrer ersten gemeinsamen CD.  Wer würde beim Anhören nicht sofort die Malerei und die wunderbar im Ungefähren verharrenden pastellfarbenen Darstellungen von Natur und Mensch eines Pissaro, Manet, Degas, Sisley, Cézanne, Renoir, Caillebotte oder einer Morisot vor Augen haben. Als tönendes Pendant sind zu Musik geronnene Huldigungen an den fragilen vergänglichen Augenblick zu erleben. Lassen Sie sich von diesen ganz in Stimmung und Gefühl badenden Klanggewebe wie von durchscheinender Gaze im Morgenlicht verführen.

Die vorliegende CD vereint die duftige Sonate für Violine und Klavier von Francis Poulenc mit Bearbeitungen diverser Musikstücke für Violine und Klavier. Da wären die vom Komponisten Ernest Chausson selbst hergestellte kammermusikalische Fassung des Poème für Violine und Orchester Op. 25. sowie zwei Klavierstücke von Claude Debussy, für Violine und Klavier arrangiert von Léon Roques („La plus que lente“. Valse pour piano“) und von Alexandre Roelens („Clair de lune“ aus der Suite „Bergamasque“ für Klavier) zu nennen. Das Album wartet des weiteren mit hinreissend am Herzschlag geatmeten, raffinierten Interpretationen der von Jascha Heifetz eingerichteten Version eines Auszugs aus dem Prélude zu „L‘Après-Midi d‘un Faune“ von Claude Debussy und die vom Geiger Eugène Ysaye arrangierte „Caprice d‘après l‘étude en forme de Valse Op. 52.6 auf. 

Das feste Duo Semenenko/Firsova konzertiert diese Stücke mit somnambulem Einverständnis in einer trefflichen Abmischung aus romantischer und moderner, freier bis improvisatorisch anmutender Klangmalerei. Semenenkos Spiel ist schlank und fiebrig leuchtend. Auf Portamenti und ein leichtes Vibrato will aber auch diese slawische Musikerseele nicht ganz verzichten. Firsova trägt und stützt den üppigen Melodienreigen der Violine mit perkussiver Eleganz, aber auch in konzertierender Osmose vor allem dort, wo der Orchesterpart mit unverminderter Leuchtkraft von nur zwei Instrumenten in Töne übertragen werden muss. Technisch liegt keine Latte zu hoch für dieses Zaubergespann (Caprice von Saint-Saens!). 

Die Klangschönheit der von Semenenko gespielten Stradivari-Geige aus dem Jahr 1699 ist ein weiteres Atout der insgesamt klangtechnisch bestechenden Aufnahme.

Dr. Ingobert Waltenberger

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GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: CATONE, Pasticcio, Glossa 2 CDs

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL: CATONE, Pasticcio, Glossa 2 CDs

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Ein Pasticcio in der Musik ist eine aus Versatzstücken verschiedener Komponisten zusammengestückelte Partitur mit einer für barockes Verständnis mehr oder weniger überzeugenden dramatischen Handlungsklammer. Das muss kein „Abfallprodukt eines korrupten kreativen Systems sein, in dem eher die Kapricen der Sänger und die Einkünfte der Impresari im Fokus standen als die Anforderungen echter Kunst.“ Wie aus der italienischen Küche bekannt, kann ein Pasticcio überaus wohlschmeckend sein.

Sogar ein solch produktiver Geist wie G.F. Händel eignete sich diese Kunstform aus ganz pragmatischen Gründen an. Im Falle des in London kreierten Catone aus dem Jahr 1732 musste Händel einen raschen Produktionszyklus für die neue, zweite Royal Academy of Music sicherstellen. Außerdem bot das schnelle Puzzleverfahren auch finanzielle Vorteile, wurden damals doch für neue Partituren genauso viel bezahlt wie für bloße Bearbeitungen. Mit effektvollen Arien verschiedener Provenienz konnten auch die Qualitäten einer spezifischen Opernkompanie besonders gut zur Geltung gebracht werden. „Kurz – ein Pasticcio diente der Zurschaustellung der Sänger mit dem Ziel, ihren angeborenen Exhibitionismus zu befriedigen und der Kompanie den Publikumszuspruch für die gesamte Spielzeit zu sichern“ resümiert Angela Romagnoli in ihrem klugen Aufsatz für das Booklet.

Was Catone anlangt, ist nicht uninteressant zu wissen, dass das Libretto von Metastasio im 18. Jahrhundert über 60 mal vertont wurde. Material zu dem Sujet gab es also genügend. Händel griff auf Musik von Leonardo Vinci (eine Arie), Leonardo Leo (neun Nummern) und auch von Johann Adolph Hasse (sechs Arien), Nicola Porpora (vier Arien) und Antonio Vivaldi (drei Nummern) zurück. Die Rezitative sind auf ein unverzichtbares Minimum reduziert. Man hat wohl in London damals kaum Italienisch verstanden. Das Publikum bekam also ein „Best of“ an Arien serviert, eine Art Wunschkonzert mit Handlung nach Willen und Laune der Divos und Divas. Händel tritt bei Catone daher als geschickter Arrangeur und nicht als Komponist in Erscheinung.

Die live mitgeschnittene Aufführung aus der Konzerthalle Ulrichskirche in Halle aus dem Jahr 2016 unter der kundigen und spannungsreichen Stabführung von Carlo Ipata gibt durchaus eine Ahnung davon, wie der Opernbetrieb im barocken London funktioniert haben könnte. Das Ensemble mit Sonia Prina in der Titelrolle an der Spitze, Riccardo Novaro (Cesare), Roberta Invernizzi (Emilia), Kristina Hammerström (Arbace) und Lucia Cirillo (Marzia) bemüht sich nach Kräften um Ausdruck und dramatische Akzente, kann aber sowohl von Stimmqualität als auch der Bewältigung der enormen technisch-virtuosen Anforderungen nur bedingt überzeugen. Die Aufnahme vermochte es trotz der vor allem instrumentalen Tugenden der Auser Musici nicht, bei mir wirklich bleibend tiefe Hörspuren zu hinterlassen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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RICHARD WAGNER: LOHENGRIN

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RICHARD WAGNER:
LOHENGRIN
RCO, Sir Mark Elder 

3 SACDs

Orchester und Chor triumphal, sängerisch enttäuschend

Das Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam hat mit dem Fliegenden Holländer unter Andris Nelsons einen großen Erfolg verbuchen  können. Also setzte man 2015 Lohengrin an. Wie schon 2013 beim Holländer entschied man sich für eine semi-konzertante Aufführung, für deren szenischen Part Caecilia Thunnissen verantwortlich zeichnete. Wegen einer schwerwiegenden Schulterverletzung musste Nelsons kurzfristig absagen, Sir Mark Elder sprang ein. Schon von seiner Tätigkeit mit dem Hallé Orchester Manchester gehörig Wagner-geeicht, gelingt Elder eine von Dynamik, Innenspannung und romantischer Klangschwelgerei her mustergültige Aufführung. Bei hoher Präzision begeistern die seidenweichen Streicher im Vorspiel, die Heerscharen an Holz- und Blechbläser veredeln die mächtigen Zwischenspiele. Auch die Aufnahmetechnik bevorzugt Orchester und die in jeder Hinsicht mächtigen, bayreuthwürdigen Chöre des Niederländischen Rundfunks und der Dutch National Opera.

Großes Opernglück also? Leider nein. Das liegt ausschließlich an den teils mittelmäßigen Sangesleistungen, die Mikros sind halt unbarmherzige Verstärker von stimmlichen Unzulänglichkeiten. Der Lohengrin ist mit Klaus Florian Vogt besetzt. Es ist sein vierter Lohengrin auf Tonträgern bzw. DVD (Janowski, Nelsons und Nagano waren seine bisherigen Dirigenten). Vogt ist ein exzellenter Lohengrin, alle Geschmacksfragen um das helle Timbre einmal ausgeblendet. Er versteht es sowohl, in den lyrischen Passagen zu überzeugen als auch gehörig heldisch aufzutrumpfen. Von Diktion und Phrasierung her singt Vogt sowieso einen exzellenten Titelhelden. Die Gralserzählung gelingt memorabel. 

Seine Elsa ist Camilla Nylund. Nylund ist eine intensive Elsa, ihre eher weiße Stimme beginnt aber je nach Aufregungsgrad zu flackern und ist dann nicht gerade balsamisch anzuhören. Als Heinrich der Vogler ist Wagner-Urgestein Falk Struckmann aufgeboten. Sein von der Lage her hoch angesiedelter Heldenbariton kommt mit der genuinen Basspartie gut zurecht, stimmliche Verschleißerscheinungen sind aber unüberhörbar. Samuel Youn als Heerufer des Königs bringt sein schönes Material zum Leuchten. Enttäuschend ist der Telramund von Evgeny Nikitin. Die Höhen werden teils unschön angeschliffen, einen lupenreine Intonation vermisst an ebenso. Das allzu helle Timbre ist grundsätzlich nicht ideal für den politischen Intriganten. Eine Zumutung ist allerdings Katarina Dalayman als Ortrud. In der Tiefe klingt sie flach, in der Mittellage wobbernd, in den Höhen blechern tremolierend. Überforderung total bei den „Entweihten Göttern“ und zum Schluss des dritten Aktes. Dazu kommt noch, dass der Hörer – wüsste man es nicht besser – nur vage erkennt, in welcher Sprache sie singt. 

Die CDs basieren auf Mitschnitten vom18. und 20. Dezember 2015 im Concertgebouw Amsterdam. Wegen der herausragenden Orchesterleistung und dem unvergleichlichen Dirigat von Sir Mark Elder lohnt sich trotz der angeführten Einschränkungen auf Sängerseite dennoch ein Anhören. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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LUDWIG van BEETHOVEN: KLAVIERSONATEN

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LUDWIG van BEETHOVEN:
KLAVIERSONATEN – „PATHÉTIQUE“, „MONDSCHEIN“, „APPASSIONATA“

Sunwook Kim; accentus music CD

Der Mann mit dem Beethoven-Gen

Nein, nicht schon wieder Beethovens Klaviersonaten und überhaupt schon gar nicht die in Moll notierten „Gassenhauer“  Opp. 13, 27/2 und 57, mag sich so mancher CD-Käufer oder Kritiker sagen. Und liegt damit ausnahmsweise falsch. Das im August 2016 in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin aufgenommene Album markiert die zweite Beethoven Erkundung des knapp dreißigjährigen südkoreanischen Pianisten Sunwook Kim. Das Besondere daran ist, dass Kim auf seinem Großen Steinway Konzertflügel genuine Spielerfahrungen auf dem Hammerklavier einsetzt. Dabei geht es vor allem um den Einsatz der Pedale, im Besonderen den Ersatz des Moderator Pedals, mittels dessen ein Stück Tuch zwischen Hammer und Saiten geschoben und so der Klang abgedämpft wird. Da die Saiten des Steinway wesentlich länger nachhallen als die dünneren des Hammerklaviers, wechselt „Sunwook Kim immer wieder das Pedal, aber auf eine so raffinierte Art und Weise, dass der Klangeffekt – dem Sfumato in der Malerei vergleichbar – demjenigen auf einem Hammerklavier ohne Pedalwechsel nahekommt“, wie Michael Ladenburger in einem hervorragend informativen Aufsatz im Booklet weiß.

Insgesamt spielt Kim einen wunderbar intensiven Beethoven mit ungeheurer Binnenspannung und einer die Extreme nicht scheuenden dynamischen Dramaturgie. Man höre nur einmal seine jede Zeit ausschaltende Einleitung, das „Grave“ der C-Moll Sonate und den Übergang zum Allegro di molto e con brio.  Wie das Höllentempo des Allegro auf den Stillstand des Grave wirkt, ist atemberaubend. Keine Routine liegt in seinen Interpretationen. Kim, der mehrere Meisterkurse bei Andras Schiff absolviert hat,  ist ein Perfektionist, der die Autographen im Beethovenhaus in Bonn ganz genau studiert hat. Aber im Endeffekt geht es bei der pianistischen Meisterschaft vor allem um die Kontrolle von Ansatz und das Erzeugen von verschwörerischer Intimität mit dem Zuhörer. Hier verblüfft Kim mit einem magischen Gleiten der Finger über die Tasten und erzeugt gänsehauttreibende Effekte, wie ich sie bislang nur von Wilhelm Backhaus kannte. Kim kennt kein monochromes Hämmern, seine Rubati sind fein platziert und dem emotiven Gehalt der Musik adäquat. Das Spiel der Stimmen, deren Klangfarbe, die stets modifizierte Lautstärke und der gekonnte Einsatz des Verschiebungspedals (mittels dessen nur eine statt drei Saiten angeschlagen werden) münden in ein breit aufgefächertes Spektrum an genau abschattierten und fein abgetönten Klängen. Bei all dem fehlt der maskuline Zugang nicht, die bisweilen subkutan oder direkt wütende bis rasende Komponente, wie sie der Musik Beethovens immanent ist.

Kim hat schreibt seinem zweiten Beethoven Album CD-Geschichte. Präzision gepaart mit künstlerischer Seriosität und mutiger Eigensicht eröffnen neue Hörerlebnisse für Kenner und „Feinschmecker“. Die Klangqualität ist stupend.

Dr. Ingobert Waltenberger

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NIKOLAI RIMSKY-KORSAKOV: DER GOLDENE HAHN

 

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NIKOLAI RIMSKY-KORSAKOV:
DER GOLDENE HAHN

Melodiya 2 CDs

Die letzte Oper und messerscharfe Politsatire Rimsky-Korsakovs als musikalisch genialer Handstreich

Melodiya veröffentlicht erstmals die berühmte Rundfunkaufnahme des sowjetischen Rundfunks 1968 auf CD 

Was für eine köstliche Idee, sich einen Gockel (oder ein „Hähnchen“, wie man in Deutschland für österreichische Ohren lustig  sagt) als zaristischen Ratgeber, als Alarmschreier für Krieg und Frieden auszudenken. Der bequeme dekadente, in die Jahre gekommene Zar Dodon schätzt sein Schläfchen höher als die Staatsraison, liebt seine Feste und Vergnügungen mehr als sein Volk. Dieser amtsmüde Zar ist noch dazu feige, ständig hat er Angst vor Überfällen. Deshalb verkauft ihm ein Magier/Astrologe aus dem Fernen Osten (mit einem extrem hohem „Tenore altino“ besetzt) das bunte Federvieh, damit es Angriffe voraussagt.

Ein Märchen Alexander Puschkins, das auf dem Erzählband „Die Alhambra“ von Washington Irving beruht, diente dem Dichter Vladimir Bielski als Vorlage für das Libretto. Rimsky Korsakov war 63 Jahre alt, als er die Oper in Rekordzeit schrieb. Es war sein fünfzehntes Musikdrama und sollte sein letztes sein. Und es ist sicher sein bestes. Die Uraufführung am 24. September 1909 in Moskau statt. 

„Der Goldene Hahn“, „Il Gallo d‘oro“, „Le coq d‘or“, „The golden Cockerel“ sind nicht nur geläufige Namen für einen Gasthof/Wirtshaus irgendwo auf dem Land oder ein Restaurant in Berlin Kreuzberg, sondern Synonym für eine der schrägsten russischen Opern, die als musikalische Quintessenz der damaligen Ära galt. Besonders nach der Aufführung in Paris war dem fantastischen Werk rund um Zar Dodon, seine blödsinnigen Söhne Gwidon und Afron, die machtbesessene geheimnisvolle Königin von Shemakha und den singenden Vogel ein Riesenerfolg beschieden. 

Rimsky-Korsakov verließ nicht die Pfade der Tradition zwischen russischer Folkore und orientalischen Anklängen, aber die Ausdrucksdichte und expressionistische Kraft der Musik weisen weit voraus in Richtung Prokofiev und Shostakovich. Zwischendurch wagnert es im Orchester ganz gehörig. 

Auch die Handlung hat es in sich, und man kann nachvollziehen, dass die Zensur keine  Aufführung erlaubte. Skurril und grotesk, wenn der Astrologe gerade die Hand der schönen feindlichen Königin als Belohnung fordert. Freilich braucht es keine Kanonen, ein paar schöne Augen genügen, um den senilen Zaren dazu zu bewegen, sein Reich blindlings an eben besagte Königin Schemacha zu verschenken. Er tötet daher kurzerhand seine männliche Konkurrenz mit dem Zepter. Trotzdem keine Zeit für Zärtlichkeiten, Schemacha will Dodon strafen. So stürzt sich das goldene Fabelwesen auf ihn und hackt so lange auf ihn ein, bis er stirbt. Die Königin entflieht mit dem Wundervogel in einem heftigen Gewitter. Im Epilog taucht der Astrologe wieder von den Toten auferstanden auf und lässt das Publikum wissen, dass das alles nicht so ernst sei, weil er und die Königin ohnedies die einzigen wahren Charaktere des Stücks waren…. 

Die CDs basieren auf einer Rundfunkaufnahme aus dem Jahr 1968. Bislang mit viel Glück antiquarisch nur als zumeist kostspielige LPs erhältlich, ist diese zwischen Romantik und expressiver Kante, zugespitzter Komik und ironischer Verschmitztheit changierende Aufnahme ein Glücksfall. Ein typologisch exzellent zusammengestelltes Ensemble rund um den üppigen Bass von A. Korolyov als Zar Dodon in der Hauptrolle sorgt für alle Drastik des akustischen Geschehens, ohne je karikatural zu wirken. Ob die Sopranistin K. Kadinskaja als Schemakha, N.Polyakova als Goldener Hahn, G. Pishchayev als quängelnder Astrologe , aber auch der mächtige Rundfunkchor oder das farbenreich und sinnlich auftrumpfende Orchester, alle haben Anteil an der spannungsvollen Wiedergabe. Die Dirigenten A. Kovalyov und A. Akulov schönen den Klang nicht, sie nutzen alle dramatischen Effekte und treiben die Orchesterwogen in bisweilen pfeffrige Gluthitze.  

Das Sujet der Oper passt ja wie kaum ein anderes in die heutige Zeit. Rimsky-Korsakov war ein waschechter Freigeist und überzeugt, dass jede Form von Autorität Kritik verdient. Mit dieser Oper hat er sein satirisches Können auf die Spitze getrieben. Viele Musikfreunde werden die Suite aus der Oper kennen, von der es zahlreiche exzellente Aufnahmen gibt (Maazel, Dorati, Ansermet). Aber auch von der Oper gibt es eine Handvoll hochkarätiger Einspielungen. Aus Russland stammen noch zwei weitere Aufnahmen des „Goldenen Hahns“, eine aus dem Jahr 1988 mit dem legendären Arthur Eisen als Dodon unter Svetlanow, und eine Aufnahme aus dem Jahr 2008, dirigiert von Dimitri Kitaenko und mit Nesterenko als Dodon. Aber keine Aufnahme klingt passionierter und kann mit einer größeren Sogwirkung bis hin zum Schluss aufwarten als dieses Rundfunkjuwel aus den Archiven des Labels Melodiya. Auch die direkte, ganz hervorragende Tontechnik trägt zur unverwechselbaren Atmosphäre des Albums bei.

Dr. Ingobert Waltenberger

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DIETRICH BUXTEHUDE: TRIOSONATEN

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DIETRICH BUXTEHUDE: TRIOSONATEN

La Rêveuse – Mirare CD

Kammermusikalische Schätze aus der Reifezeit des Lübecker Organisten

Der im damaligen Dänemark geborene und in der reichen Hansestadt Lübeck zu Ehren und Renommee gekommene Dietrich Buxtehude hat sich neben einem reichen Schaffen für die Orgel besonders um die deutsche Triosonate verdient gemacht. Ganz dem Stylus phantasticus verpflichtet, strömen die auf der neuen CD des französischen Kammermusikensembles La Rêveuse vorgestellten vier Sonaten in a-moll, g-moll, D-Dur und B-Dur aus dem Manuscript Uppsala nur so über vor scheinbar improvisierter Virtuosität und leidenschaftlichen Kontrasten. Die für Violine, Gambe und Theorbe oder Basso continuo geschriebenen Stücke sind technisch, aber auch musikalisch höchst anspruchsvoll. Kaum vorstellbar, dass diese vertrackt zu spielenden Juwelen auch bei gebildeten Amateuren der Lübecker Oberschicht gewaltigen Anklang fanden. Hausmusik war damals wohl auch  mit hohem Können der Musiker aus Liebhaberei verbunden. Viele Geiger beherrschten ganz selbstverständlich Doppel- Dreier- oder auch Vierergriffe. 

Lübeck war damals ein bedeutendes Musikzentrum, in dem sich Virtuosität mit Spiritualität verbanden. Buxtehude veröffentlichte zwei Sonatensammlungen („Dieterico Buxtehude“). Von den Meisterwerken Arcangelo Corellis unterscheiden sie sich durch dunklere Klangfarben und einen ausgeprägteren  Variationenreichtum. 

Außer der Sonate in g-moll basieren alle auf der neuen CD aufgenommenen Werke auf bislang unveröffentlichten Partituren. Als Ergänzung zu den vier Buxtehude Sonaten haben die fünf Musiker des Ensembles La Rêveuse noch eine Sonate & Suite in D-Dur von Dietrich Becker, eines Hamburger Zeitgenossen Buxtehudes, sowie ein anonymes Solostück für Villa da Gamba aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eingespielt. 

La Rêveuse möchte möglichst vielen Musikfreunden Humanismus, Schönheit und Kultur des 17. und 18. Jahrhunderts nahebringen. Derzeit arbeitet La Rêveuse an einem Marin Marais und Antoine Watteau gewidmeten Buchprojekt mit CD. Ihr Spiel ist farbenreich und plastisch, lebendig und delikat artikuliert und von einem gemeinsamen Atem getragen. Die Klangqualität des neuen Albums ist ebenso herausragend. Wegen des Repertoirewerts und des mitreißenden Spiels der interdisziplinär wirkenden französischen Formation ein unbedingte Empfehlung.

Dr. Ingobert Waltenberger

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