Der Neue Merker

GLASS ESSENTIALS: AN 80th ANNIVERSARY TRIBUTE

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GLASS ESSENTIALS
AN 80th ANNIVERSARY TRIBUTE
Nicolas Horvath, Klavier

Grand Piano LP

Keiner spielt die Musik für Klavier solo von Philip Glass besser als Nicolas Horvath.  Horvath hatte mit der hochdekorierten CD-Reihe „Glassworlds 1 bis 5“ unter Beweis gestellt, einen wie bedeutenden Beitrag zur Pianoliteratur wir dem Jubilar Philip Glass schulden. 

Nun veröffentlicht das Label Grand Piano einige Aufnahmen daraus auf schwerem Vinyl als Hommage zu Glass‘ 80. Geburtstag. Und wirklich zeigt sich, dass die spezielle Mischung aus Lyrismen und Jazz mit rhythmisierenden Elementen seiner Klaviermusik den möglicherweise unverstelltesten Zugang zum musikalischen Universum von Philip Glass bietet. Besonders in den Etüden, von denen auf der neuen LP vier vorgestellt werden (Book 1, Nr. 6, Book 2, Nr. 16, 18 und 20). Das Book 1 hat Glass in den Jahren 1991 bis 1996 geschrieben, die Etüden 18 und 20 des zweiten Buchs wurden vom Perth Festival 2012 in Auftrag gegeben. 

Welch formidabler Erfinder von Filmmusik Philip Glass war, ist anhand zweier Kostproben aus „The Hours“  (Morning Passages, Choosing Life) zu erleben. Der Film handelt von drei Frauen aus verschiedenen Generationen, deren Leben mit Woolfs Roman Mrs. Dalloway korreliert. Wir erinnern uns an die fabelhaften schauspielerischen Künste von Nicole Kidman, Julianne Moore und Meryl Streep.  Einen Gutteil des Erfolgs war neben der Regie von Stephen Daldry eben der obsessiven Musik Philip Glass zu verdanken. Kein Wunder, dass die Musik für den Oscar, den Golden Globe und GRAMMY nominiert wurde. 

Metamorphosis I-V, aus denen auf dem Album die Nummer zwei zu hören ist, sind Transkriptionen, im konkreten Fall aus dem Errol Morris Film „The Thin Blue Line“. Die Geburtstagsedition enthält noch „A Secret Solo“, 1977 als Begleitung zu Poesie von John Giorno verfasst, die Transkription von Paul Simon‘s berühmten Song „The Sound of Silence“ sowie „Music in Fifths“, Hommage an Nadia Boulanger, aus Glass Experimentierzeit Ende der 60-er Jahre. 

Nicolas Horvath versteht es wie kein Zweiter, alle Poesie aus den technisch anspruchsvollen Stücken zu zaubern sowie perkussive Wiederholungen mit melodischer Finesse zu einem feinen Klangnetz zu verweben. Die eingespielten Klavierstücke sind Musik wie von einem anderen Stern in ihrer großteils einfachen Schönheit, exotischen Tönung und transparenten Reinheit. Großartig. Jeder Käufer erhält auch einen Code für einen Free Digital Album Download. Die klangliche Qualität und Fertigung sind ohne Fehl und Tadel. Ein Zuckerl für Freunde von Klaviermusik und analogem Vinyl gleichermaßen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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MENDELSSOHN: A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM

MENDELSSOHN:
A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM 
 
Sir John Eliot Gardiner LSO
 
Live CD – Ein Ereignis
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Gardiners Mendelssohn-Zyklus  mit dem London Philharmonic Orchestra geht mit der Ouvertüre (Op. 21) und der Bühnenmusik zu Shakespeares Sommernachtstraum (Op. 61) in die vierte Runde. Schon die auf CD bereits vorliegenden Symphonien Nr. 1, 3, 4 und 5 sowie die Ouvertüren „Hebriden“ und „Ruy Blas & Calm Sea and Prosperous Voyage legten Zeugnis für die Affinität Gardiners zum Leipziger Meister dar. Mit fragil duftig interpretierten Zwischentönen in klarem Rahmen ist spätestens jetzt klar, dass Gardiner bei Mendelssohn keinen Dirigier-, sondern einen Zauberstab schwingt.
 
Schon bei der als Tondichtung angelegten Ouvertüre des 17-jährigen Mendelssohn gelingt es Gardiner, alle in eine strenge Sonatenhauptsatzform gepackten lautmalerischen Elemente und Effekte beginnend mit „den Elfen, dem selbstbewussten und weltmännischen Hof von Theseus, über die sich sehnenden Liebenden im Wald sowie die ungehobelte Art des rüpelhaften Handwerkers bis zu Bottoms Eselrufen“ märchenhaft musikalisch in Szene zu setzen. Wesentlich später (1842) erhielt Mendelssohn vom preußischen König den Auftrag, die Bühnenmusik für eine Inszenierung des Theaterstücks zu schreiben. Es ist frappierend, wie sehr es Mendelssohn gelingt, an das Flirren, feenhafte Rauschen, Schlagen der Elfenflügel und zarte Liebesgeflüster der Ouvertüre anzuschließen.
 
Die im Barbican am 16. Februar 2016 aufgeführte und für diese CD mitgeschnittene Version geht auf eine Fassung zurück, die Gardiner mit dem London Symphony Orchestra für Aufführungen in London und Deutschland als Teil der Feierlichkeiten zu Shakespeares 400. Todestag zusammengestellt hat. Drei junge Schauspieler sprechen stimmungsvoll die Texte: Cerilyn Cissone (Hermia, Elfe, Titania), Frankie Wakefield (Oberon, Theseus) und Alexander Knox (Lysander, Puck).
 
Gardiner gelingt mit „seinem“ LSO und dem Monteverdi Choir eine atmosphärisch dichte, mit Bühnenluft vollgesogene, präzis artikulierte und kecke Wiedergabe. Auch Gassenhauer wie der berühmte Hochzeitsmarsch klingen frisch wie am ersten Tag.
 
Wie immer bei LSO Live hat der Hörer mit dem Erwerb der Box die Wahl zwischen einer pure Audio Blu-ray Disc und einer SACD hybrid. Die Tonqualität ist beispielhaft für die heutigen technischen Möglichkeiten.
 
Dr. Ingobert Waltenberger

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BEL CANTO: LA VOIX DE L‘ALTO

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BEL CANTO: LA VOIX DE L‘ALTO

Antoine Tamestit, Cédric Tiberghien

harmonia mundi CD

Opernparaphrasen und virtuose Schaustücke für Viola und Klavier

Diese Diva kennt keine Tagesverfassung, sie kann sich nicht erkälten, ist immer prächtig bei Stimme und hat das Geheimnis der ewigen Jugend gepachtet. Sie singt voller Sehnsucht und Passion, spinnt endlose Phrasen und blüht in den vertracktesten Verzierungen nochmals auf. Die Rede ist von der Bratsche, einem Instrument, das sich erst spät aus dem übermächtigen Schatten der Violine gelöst hat. 

Und es gibt heute einen Virtuosen auf dem Instrument, der wahre Wunder aus seinem Füllhorn, der Stradivarius „Mahler“ aus dem Jahr 1672,  zaubert. Der Franzose Antoine Tamestit, ist im zeitgenössischen Repertoire (Uraufführung des Violakonzertes von Jörg Widmann) genauso zu Hause wie in der Barocke oder eben der französischen Romantik, wie er dies mit dem vorliegendem Album unter Beweis stellt. Nach Hector Berlioz, welcher der Viola das Solo in „Harold en Italie“ anvertraut hat, waren es vor allem Jaques-Fereol Mazas und Henri Vieuxtemps, die sich an dem üppigen tiefen Klang der Viola berauschten. Vieuxtemps, ein belgischer Geiger, dessen „Sonate pour piano et alto Op. 36“, seine „Élegie pour alto avec accompagnement de piano Op. 30“ sowie das „Capriccio pour alto seul Op. 55“ den harten Kern der CD ausmachen, weiß wie kaum ein zweiter alle klanglichen Facetten der Bratsche beeindruckend zur Geltung zu bringen. 

Jaques-Fereol Mazas, ein Pariser Virtuose des 19 Jahrhunderts, legt, wie im wunderbaren „Le Songe“, Élegie sur La Favorite de Donizetti mitreissend Faktur wird, höchsten Wert auf Sanglichkeit und reiche Expressivität. Die Cavatine des Fernand aus dem 4. Akt „Ange si pur, que dans un songe j‘ai pu trouver“ ist des beredter Zeuge. Antoine Tamestit hat selbst drei Arien für Viola und Klavier bearbeitet, sie bilden sozusagen das Rückgrat des Titels der CD, nämlich die Arie der Marie „Il faut partir“ aus Donizettis „La fille du régiment“, die Arie der Léonore aus La Favorita „O mon Fernand“ sowie die „Casta diva“ aus Bellinis Norma. Cédric Thiberghien, ebenso aus Paris stammend, ist mehr als ein bloßer Begleiter, er ist in allen Nummern des Albums kongenialer Partner. Im Wechselspiel der Genien erhöht er mit seinem Klavierspiel nochmals den Reiz der Viola, die zusammen ein echtes Traumpaar abgeben.

Die auch klangtechnisch ganz hervorragende CD enthält noch das „XVe Prélude pour alto seul“ von Casimir Ney, vulgo Louis-Casimir Escoffier. Casimir Ney hatte 24 Präludien für Viola solo geschrieben, solistisch virtuose  Höhenflüge, die „denjenigen Paganinis für die Violine in nichts nachstehen“. Das kommt im 15. Prélude, „dieser veritablen kleinen lyrischen Szene mit ihrem theatralischen Einleitung, ihrem brillanten Marsch und der Virtuosität einer Primadonna perfekt zum Tragen“. 

Eine grandiose CD mit hohem Repertoirewert, grandios und souverän interpretiert. Wie sich das eben so für eine echte Diva geziemt.

Dr. Ingobert Waltenberger

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George GERSHWIN: AN AMERICAN IN PARIS

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George GERSHWIN:
AN AMERICAN IN PARIS,
KLAVIERKONZERT in F

harmonia mundi CD  

Cool, sehnig-muskulös, voller Tempo und Swing

Für die einen war er der beste, fruchtbarste und melodienseligste, wohl genialste Komponist Amerikas, andere bemängelten seine „unzureichende“ Kompositionstechnik ohne klassische Ausbildung. Jedenfalls bewunderten ihn Komponisten wie Alban Berg, Schoenberg und Ravel, war Gershwin doch sicher einer der originellsten musikalischen Geister in den USA der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gershwin schrieb Songs und Musik für unzählige Broadway Shows, die Oper „Porgy and Bess“ sowie zahlreiche Werke für Orchester. Die verschämten bis unverschämten Leihnahmen von Filmmusik-Komponisten sonder Zahl sind Legion.

Die vorliegende Aufnahme mit dem Harmonie Ensemble / New York versankt ihren sex-appeal der erfahrenen und animierten musikalischen Leitung von Steven Richman. In seinen Konzerten und Aufnahmen geht Richman nach jahrzehntelanger Gershwin-Forschung auf die Originalorchestrierungen zurück und erzielt damit die Wirkung des „schlanken, unsentimentalen Stils der 20er und 30er Jahre.“ Das Album enthält eine besonders gelungene Wiedergabe des Concerto in F, Lincoln Mayorga setzt auf dem Klavier Maßstäbe an jazziger Leichtigkeit und dem Pflaster des crazy Big Apple entsprechender moussierender Anschlagskultur. Der „synkopische Schwung, der bluesartige Charakter und die New Yorker Betriebsamkeit“ teilen sich in Mayorgas Interpretation auf einzigartige Weise mit. 

Neben der Rundfunkfassung der Ouvertüre von „Of Thee I Sing“ bringt die Einspielung eine Variante einer eigenhändigen Instrumentierung Gershwins: die Ersteinspielung der „Three Preludes“, arrangiert von Roy Bargy. Bargy war Solist der Erstaufnahme des Concerto in F mit dem Whiteman Orchestra im Jahr 1928. Die sinfonische Fantasie „An American in Paris“ beschließt diese CD. Auch hier hat Richman die Original- Saxophonstimmen wieder hergestellt. Darüber hinaus sorgt er mit einer Spieldauer von nur knapp 17 Minuten für die flotteste und spannendste aller Interpretationen. Wer braucht schon 20 Minuten dafür, den unvergleichlichen Zauber von Paris aus Tönen zu locken?

Dr. Ingobert Waltenberger

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Thomas Adès: ASYLA, TEVOT, POLARIS, BRAHMS – LSO Live – Pure Audio Blu-ray, SACD hybrid

Thomas Adès: ASYLA, TEVOT, POLARIS, BRAHMS – LSO Live –  Pure Audio Blu-ray, SACD hybrid

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 Unter den großen Orchestern dieser Welt haben mittlerweile u.a. das Chicago Symphonie Orchestra, die Berliner Philharmoniker und mit nachhaltigem Erfolg auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und das London Symphony Orchestra Eigenlabels gegründet, unter deren Dach sie klanglich hoch- bis höchstwertige Live-Mitschnitte erstellen, publizieren und vertreiben.

Das Besondere an LSO Live ist die Tatsache, dass dieselbe Aufnahme zugleich als Pure Audio Blu-ray, also auf dem klanglich höchsten Standard aktuell und  auch als SACD hybrid angeboten wird. Das Format Blu-ray Audio erlaubt mit der „mShuttle“ Technologie auch das Downloaden digitaler files in den Formaten Stereo, FLAC, WAV und MP3. Ein Surround Ton kann zusätzlich  von SACD Playern abgerufen werden. Also geht LSO Live denselben Weg wie die Berliner Philharmoniker, die ebenfalls ihre Aufnahmen parallel in verschiedensten Formaten (ein Kauf) anbieten, um so alle Publikumsschichten erreichen zu können. Die beiden Orchester sind damit längst in der Ära 4.0 angekommen.

Auf dem neuesten Album von und mit Thomas Adès als Komponist und Dirigent sind drei Stücke für Orchester und die kurze Komposition „Brahms“ auf ein Gedicht von Alfred Brendel für Orchester und Bariton (Samuel Dale Johnson) zu hören.

„Asyla“, vom 26-jährigen Adès geschrieben, wurde 1997 vom City of Birmingham Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle uraufgeführt. Adès: „Asyla sind Zufluchtsorte. Wir alle sind Asylbewerber. Asyla sind auch Orte des Gewahrsams. Wir denken wohl alle manchmal, dass wir in einem Irrenhaus leben. Asyla sind Freistätten – wie vielleicht Konzertsäle. Asyla sind Formen, vor allem die Sinfonie, wo wir uns zu Hause fühlen, oder wo wir uns einmal zu Hause gefühlt haben“.

 „Tevot“ als zweiter Teil ist ein 22-minütiges, einsätziges Werk, das 2005 für die Berliner Philharmoniker komponiert wurde. Es entstand ein Jahrzehnt nach Asyla und ist de facto Adès zweite Sinfonie. Das hebräische Wort „tevah“ taucht in der Bibel einmal als Bezeichnung für die von Noah gebaute Arche und als Wort für den von Moses Mutter präparierten Schilfkorb auf. Adès: „Ich fand an dem Gedanken Gefallen, dass die Musiktakte die Noten wie eine Art Familie durch das Stück tragen … Und ich stellte mir die Arche, das Schiff, im Werk wie die Erde vor, die uns – und diverse andere Arten – durch das Chaos im All in Sicherheit bringen.“

 Die Trilogie schließt mit „Polaris“, das den Einsatz von Sternbildern zur Navigation in der Schifffahrt wie auch zur emotionalen Orientierung zwischen den abwesenden Seeleuten und dem, was sie zurücklassen, erkundet. Diese „Reise für Orchester“ wurde für die Eröffnung des Konzertsaals der Orchesterakademie New World Symphony in Miami 2010 komponiert.

Der Tausendsassa Adès, einem größeren Publikumskreis bekannt geworden durch seine erfolgreichen Opern „Powder Her Face“, The Tempest“ und „The Exterminating Angel“ schrieb nicht nur Werke für Kammermusik, Klavier oder Orchester, sondern ist auch ein begnadeter Begleiter am Klavier (z.B.: Winterreise mit Bostridge) und ein gefragter Dirigent. Die Konzerte, aus denen besonders „Tevot“ und „Brahms“ begeistern, wurden live im März 2016 im Barbican London mitgeschnitten. Keine Frage, dass Adès auch der beste Interpret seiner Musik ist. Adès schreibt insgesamt höchst bekömmliche Musik eingebettet in die große britische Tradition des 20. Jahrhunderts, manchmal winken Janacek oder Mahler von der Ferne. Eine Hörentdeckung, die auch den kompositorischen Werdegang des Komponisten auf faszinierende Weise nachzeichnet.

Dr. Ingobert Waltenberger

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JOSEPH HAYDN: KLAVIERKONZERTE auf Akkordeon interpretiert – SONY CD VIVIANE CHASSOT landet einen veritablen Hit

JOSEPH HAYDN: KLAVIERKONZERTE  auf  Akkordeon interpretiert – SONY CD

VIVIANE CHASSOT landet einen veritablen Hit

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 Die Schweizer Künstlerin hatte schon mit ihrer Einspielung von für Akkordeon bearbeiteten Haydn-Sonaten Aufmerksamkeit erregt und dafür etwa von Alfred Brendel höchstpersönlich Bewunderung eingeheimst. Nun wagt sie sich in ihrer Sony Debüt CD gemeinsam mit dem Kammerorchester Basel an die vier Cembalo/Klavierkonzerte von Joseph Haydn H18 Nr.3, 4, 7 und 11. Von mir gäbe es als Kritiker-Choice dafür schon einmal den Titel „Meine Lieblings-CD des Monats“. So frisch, energetisch aufgeladen, voller sprühendem Witz und feinsinniger Empfindsamkeit hat man diese Musik noch nie gehört.

Was die formidable Viviane Chassot aus ihrem Instrument an Farben und Ausdruck holt, wie ungemein differenziert sie in Bezug auf Phrasierung, Artikulation und Dynamik musiziert und das in vollkommenen Gleichklang mit dem Originalklangorchester, das ist nicht nur faszinierend, sondern reißt den Hörer vom Sessel. Dem neuen Konzertakkordeon haftet ja schon länger nicht mehr nur ein jodelnder „Stallgeruch“ an. Keiner würde mehr behaupten, dass nur Volksmusik oder Tango gut zu diesem Instrument passen. Aber es ist Viviane Chassot vorbehalten, so brillant, so vollendet zu spielen, dass sie mühelos viele Interpretationen der Haydn’schen Konzerte auf Cembalo oder Klavier, und das gleich meilenweit, hinter sich lässt.

Zu Haydns Lebzeiten gab es zwar das Akkordeon  noch gar nicht, aber wir wollen mit Viviane Chassot davon ausgehen, dass Haydn „als offener Geist, der für alle Arten von Tasteninstrumenten komponierte, dem Zungen-Aerophon bestimmt mit Neugierde begegnet wäre“. Aufgrund Haydns besonderer Vorliebe für das Clavichord mit dem formbaren Klang schließt Chassot, „dass er das Akkordeon mit seinem elastischen Klang sogar besonders gemocht hätte.“ Und das sicher  nicht nur in manchen Finalsätzen, wo Haydn selbst höchst kunstfertig volkstümliche Elemente in seine Konzerte integriert hat. Besonders erfreut die Eleganz im Vortrag, die erstaunliche Vielfalt an Nuancen und die große Modulationsfähigkeit, die allein schon mit der Führung des Balgs erreicht werden kann. Viviane Chassot beschreibt das so: „Ich möchte die Eigenheiten und Möglichkeiten des Akkordeons ausschöpfen. Es ist möglich Töne an- oder abschwellen zu lassen und über mehrere Takte zu halten. Die verschiedenen Register eröffnen eine ganze Palette an Klangfarben. Chamäleonartig erklingt das Instrument ml wie ein Streich-, mal wie ein Tasten-, mal wie ein Blasinstrument. Und es kann ebenso mit dem Orchesterklang verschmelzen wie sich von ihm abheben. Entsprechend spiele ich einen Akkordeontyp – Bugari omnia – der sich durch einen sehr klaren, weichen und edlen Ton auszeichnet“.

 Besonders in den Vivace oder Allegro-Sätzen kommt absolute Frühlingsstimmung auf. Die für die Musik und das Instrument maßgeschneiderten Kadenzen stammen von Viviane Chassot selbst. „Vertraut und doch so anders“ lautet die Überschrift im Booklet, man könnte ergänzen „Eine Referenz für sich selbst“. Also ich will diese Haydn Konzerte sicher nicht mehr anders hören. In meinem Auto laufen sie derzeit Schleife und sorgen täglich für einen guten Morgen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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GUSTAV MAHLER: 9. Symphonie

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GUSTAV MAHLER:
9. Symphonie 
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik CD

Mariss Jansons als umsichtiger Deuter einer musikalischen Prophezeiung

„Das entsetzliche Stimmgewirr der Jetztzeit“ war eine der Eigensichten Mahlers über seine neunte Symphonie. In dem nach wie vor von Anlage, Fragmentierung und Parallel-Mikrokosmen  her hochmodernen Werk geht es weniger um Abschied, als um die Erkenntnis der Vergeblichkeit menschlichen Strebens. Wie später bei den Existenzialisten birgt der Zweifel an Transzendenz aber auch eine klammheimliche  Lust, das Leben in Momenten zu feiern, in andern darf auch melancholisch verzagt oder wütend mit der Einsicht gehadert werden. Natürlich gibt es autobiographische Schlüssel zum Verständnis. Die Bedingtheiten der damaligen Welt, die der heutigen in vielem so ähnelt, die Unübersichtlichkeit des Jetzt, werden ebenso zu in Form gegossener Klanglandschaft.  Mariss Jansons geht folgerichtig primär vom Absoluten dieser Musiken aus, setzt sie in einen strukturierten Rahmen und lässt  die Seelenasche in dunkler Sonne blitzen, mächtige Ruinen, aus deren Hitze sich ein müder Phönix erhebt. Wie Wetterleuchten des Lebens taumeln die Motive, Polyphones und verzerrte Ländler, „Variationen, Verdichtungen, Steigerungen und Krisen“.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks füllt das pittoreske symphonische Gemälde mit einer unendlich differenzierten Farbpallette, fein im Strich, mutig im Kontrast und irisierend in der Abmischung. In den über 80 Minuten Spielzeit nehmen die vorzüglichen Musikerinnen und Musiker die  „Sprachanweisungen“ des wissenden Dirigenten minutiös auf und wandeln sie in ein Bekenntnis zur conditio humana. Berührend, intim und dennoch universell ist diese Interpretation, mit der Jansons und seine Bayerische Edel-Phalanx wohl endgültig im Mahler Olymp angekommen sind.

Die Symphonien Nr. 1 und 7 sind in dieser Reihe ebenfalls erhältlich.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Vincenzo Bellini: ADELSON e SALVINI

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Vincenzo Bellini:
ADELSON e SALVINI

OPERA RARA 2 CD

Hybrider Studentenstreich mit einem gehörigen Schuss Rossini

Der aus Catania stammende Bellini hat Adelson e Salvini in der Zeit als Musikstudent in Neapel, der Hauptstadt im damaligen Königreich zweier Sizilien,  geschrieben. Die Hauptfigur, Lord Adelson, ist ein Buffobass in neapolitanischem Dialekt singend. Seine erste große Arie erinnert enorm an Rossinis „Il Viaggio a Reims“, auch seine späteren Nummern klingen nach Rossini pur. Rossini war in Neapel des jungen Bellini der künstlerische und musikalische Direktor am Teatro San Carlo. Nichtsdestotrotz war der Zeitgeist in Neapel ein eigener, und die melodische Pracht von Cimarosa, Paisiello und Zingarelli waren Maßstab des Unterrichts und im Zentrum der neapolitanischen Opernschule. 

So wundert es auch nicht, dass neben vielen schwungvollen Arien und kunstvoll gedrechselten Ensembles, die Romanze der Nelly „Dopo l‘oscuro nembo‘ aus dem ersten Akt absolut meisterlich inspiriert ist und mit den besten Eingebungen in „Norma“ oder „I Puritani“ konkurrieren kann. Diese Arie hat Monserrat Caballé mir großem Einsatz wieder bekannt gemacht, heute fühlen sich damit Sängerinnen wie JoyceDi Donato, Elina Garanca oder Nino Machaidze hörbar pudelwohl. Auf der Opera Rara  Aufnahme singt Daniela Barcellona mit luxuriös timbriertem, aber halt doch sehr weit ausschwingendem Mezzo Nelly, die Verlobte von Lord Adelson.

Die Oper spielt in Irland im 17. Jahrhundert. Besagte Fanny ist in ihren Mallehrer Salvini (Enea Scala mit spitzen und in den Höhen gequetscht klingendem Tenor), bester Freund von Adelson (herausragend Simone Alberghini), verliebt. Eine Leidenschaft, die der arme Künstler erwidert. Adelson kehrt aus London auf das Schloss zurück und endlich soll Hochzeit gefeiert werden. Ein zwielichtiger Jägergeselle namens Colonel Struley (Rodion Pogossov) will Nelly mit Hilfe seines Vasallen Geronio (David Soar) nach London entführen. Dabei soll Salvini mittels einer Intrige helfen. In einem gefälschten Brief erfährt er von der angeblichen Heirat Adelsons mit einer anderen. Dann wird es auch richtig gruselig, mit Feuer im Schloss und so weiter. Der hochverschuldete Diener Salvinis, Bonifacio (Maurizio Muraro) erhält die Freiheit, weil er Adelson gesteht, Nelly hätte eine Affäre mit Salvini gehabt, der Schlossherr sei aber selbst schuld daran, weil man eine junge Frau nicht so lange alleine lässt. Salvini glaubt Nelly mit einem Dolch ermordet zu haben. Aus Versehen, das Messer wäre für Struley bestimmt gewesen. Nelly lebt natürlich und hüpft quicklebendig vor dem Vorhang hervor. Schließlich schickt der Adelige den Maler mit einer großen Abfindung wieder zurück nach Italien. Endlich können Adelson und Nelly doch Hochzeit feiern. Uff! Zum Personal des Stücks gehören noch die Haushälterin auf dem Schloss, Madama Rivers (Leah-Marian Jones), Adelsons junger Vasall Fanny (Kathryn Rudge) und Bauern, Hirten und Diener, die dem Chor (Opera Rara Chorus) anvertraut sind.

Von der Oper Adelson e Salvini gibt es jede Menge an Fassungen und Revisionen. Daher hat man sich bei Opera Rara entschieden, die ursprüngliche Partitur als Grundlage der Einspielung zu wählen, diejenige, die zu Lebzeiten Bellinis aufgeführt worden war. Die Aufnahme enthält als Anhang einige Stücke aus späteren Versionen. Bellini hat in anderen Opern gerne auf Nummern aus Adelson e Salvini zurückgegriffen. So hat Bellini die Ouvertüre fast eins zu eins auf die Oper „Il Pirata“  übertragen. Andere Passagen finden sich in „Bianca e Fernando“, „La Straniera“ und „I Capuleti e i Montecchi“. 

Die Oper ist für drei Mezzos, vier Bässe/Baritone und nur einen Tenor geschrieben. Die Dialoge sind gesprochen. Eigentlich steht die Auseinandersetzung zweier Freunde im Zentrum der Handlung, die Liebesgeschichte gibt da nur das Kolorit dazu. In der Neuaufnahme von Opera Rara wird anständig gesungen. Nur Simone Alberghini ragt charakterstark aus dem Ensemble heraus. Das Dirigat des jungen Daniele Rustioni ist exzellent, voller Spannung und Brio, voller Sentiment und Lust am bunten Fabulieren. Insgesamt liegt hier eine musikalisch gute erste Studioaufnahme dieser ersten Oper aus der Feder Bellinis vor.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Richard Strauss : ARIADNE AUF NAXOS –Symphonische Suite, LE BOURGEOIS GENTILHOMME Suite

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Richard Strauss :
ARIADNE AUF NAXOS –Symphonische Suite,
LE BOURGEOIS GENTILHOMME Suite 

Buffalo Philharmonic Orchestra

NAXOS CD

Ein spannendes Programm, die Gegenüberstellung der von Strauss selbst arrangierten Suite aus dem „Bürger als Edelmann“ mit der Bearbeitung von Hauptmotiven der Oper „Ariadne auf Naxos“ durch D. Wilson Ochoa in sieben Teilen für Orchester. Leider fehlt dem Buffalo Philharmonic Orchestra unter der idiomatisch über weite Strecken kaum überzeugenden Stabführung durch JoAnn Falletta so ziemlich alles, was einen zugegebenermaßen durch den Klang der Wiener Philharmoniker verwöhnten Liebhaber der Musik von Richard Strauss begeistern könnte: silbriger Streicherklang, Ironie und artikulatorische Erzählkunst in Holz und Blech, kecke Doppeldeutigkeiten und große Emphase, lange Spannungsbögen und tänzerischer Urinstinkt. Ein stumpfes Klangbild fügt noch das Seinige hinzu, dass diese Publikation keine Freude macht. Vertane Chance in einem hochinteressanten Repertoire.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Franz Schubert: WINTERREISE, SCHWANENGESANG – Günther Groissböck, DECCA-Debütalbum, 2 CDs

Franz Schubert: WINTERREISE, SCHWANENGESANG – Günther Groissböck, DECCA-Debütalbum, 2 CDs

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Das Debütalbum des in Niederösterreich geborenen und mittlerweile weltweit erfolgreichen Günther Groissböck beim Label DECCA ist Schuberts Winterreise und Schwanengesang gewidmet. Myriaden von Tenören und Baritonen und auch einige Mezzos haben sich mit mehr oder weniger Erfolg an Schubert Lieder, und insbesondere an die Winterreise gewagt. Aber nur von wenigen genuinen Bässe wie Günther Groissböck (laut Eigendefinition ist er ein Basso cantante mit einem schlummernden heldenbaritonalen Kern) liegen Tonträgeraufnahmen vor. Mir fallen hier nur einige fantastische Kostproben von Alexander Kipnis, die Versionen von Josef Greindl/Klust sowie in den frühen Achzigern von Kurt Moll oder Martti Talvela ein.

Für Günther Groissböck ist die Winterreise keine neue Erfahrung mehr, er hatte den Zyklus u.a. etwa in Allerheiligen Hofkirche in München 2015 oder jüngst in der Kammeroper München in einer Bearbeitung für Kammerensemble von Alexander Krampe gesungen. Sein Begleiter bei den neuen Aufnahmen am Klavier Gerold Huber war schon beim „Schwanengesang“ im September 2016 im Kristallsaal im Schloss Rothschild in Waidhofen mit von der Partie.

Zu hören bekommt der Musikfreund also ein eingespieltes Team. Günther Groissböck, der hier von der Tessitura und sonoren Pracht her durchaus an Matthias Goerne erinnert, singt die Winterreise und mehr noch die Lieder des Schwanengesangs mit großer theatralischer Geste und noch mehr Stimme. Sein samtiger Bass mit metallisch aufblühender Höhe spricht in allen Lagen bestens an.. Groissböcks Stimme verfügt über ein einzigartiges Timbre, eine unglaubliche Expansionsfähigkeit in allen Lagen, eine große Farbenpalette und  eine in der Kuppel sitzende Höhen von eindringlicher Schönheit. Da dramatischer Ausdruck und die erzählerische Intensität bei Groissböck vor allzu großer Tüftelei in Phrasierung und dynamischer Differenzierung gehen, hinterlassen Lieder wie der „Atlas“ im Schwanengesang oder „Auf dem Flusse“ in der Winterreise die dichtesten Erlebnisse. Faszinierend ist bei dem neuen Album nicht zuletzt die Qualität der Aufnahmetechnik, die diesen wohl saftigsten und virilsten aller heutigen Bässe so mächtig und authentisch  ins Wohnzimmer strömen lässt, dass der Hörer alleine von der schieren Stimmmacht überwältigt ist.

Groissböck beschreibt die Winterreise so: „Das lyrische Ich irrt, von seiner Geliebten verlassen, durch eine „Winterlandschaft“. Es ist wie ein Kreuzweg. Manchmal reicht einem – gut katholisch gesprochen – Veronika ein Schweißtuch. Man geht da durch, wird erschlagen und leidet mit. Hin und wieder gibt es eine gewisse Aufhellung.“ Von diesem eisigen Pfad erzählt das kongeniale Duo Groissböck/Huber auf ganz eigene Weise. Narrative Plastizität, ein mächtiges Aufbäumen gegen die innere und äußere Karge und das abschließende sich Ergeben ins Unvermeidliche fügen sich in einen künstlerisch  fest gespannten Bogen. Gerold Huber, Schüler von Helmut Deutsch, stellt wie bei seinen zahlreichen Aufnahmen mit Christian Gerhaher erneut unter Beweis, dass er nicht nur verlässlicher Begleiter, sondern ein fantastisch eloquenter und feinfühliger Poet auf seinem Instrument ist.

Fazit: Ein überaus gelungenes CD-Debüt. Man darf auf weitere Erkundungen dieser Art (z.B. Loewe Balladen, Brahms, russisches Repertoire) sowie die Entwicklung von Groissböcks Stimme insgesamt gespannt sein. Sein Rollendebüt als Wotan bei den Bayreuther Festspielen 2020 ist ja schon eine ausgemachte Sache.

Dr. Ingobert Waltenberger

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