Der Neue Merker

ERICH WOLFGANG KORNGOLD: Symphonische Serenade Op. 39, Sextett Op. 10 – NFM Leopoldinum Orchestra; Hartmut Rohde, cpo CD

ERICH WOLFGANG KORNGOLD: Symphonische Serenade Op. 39, Sextett Op. 10 –  NFM Leopoldinum Orchestra; Hartmut Rohde, cpo CD

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Die vorliegende CD eint zwei der besten Kompositionen Korngolds aus zwei völlig verschiedenen Schaffensphasen. Geht das Sextett auf den Sommer 1914 in Alt-Aussee zurück, wo der siebzehnjährige zeitgleich an seiner Oper Violanta arbeitet, so hat Korngold die Symphonische Serenade in B-Dur Op. 39 1947 in Hollywood geschrieben. Die Lebensumstände waren dramatisch: Nach einem schweren Herzinfarkt im Krankenhaus als Rekonvaleszenter hat er diese wunderschöne Streichersymphonie für die Wiener Philharmoniker konzipiert.  Sie wurde am 15.1.1950 unter der Leitung Wilhelm Furtwänglers in Wien uraufgeführt. An verwandte Beispiele Dvořáks, Tchaikovskys und Elgars gelehnt, gelingt es Korngold dennoch, einen eigenständigen Weg einzuschlagen und der Spätromantik in höchstkomplexen Spieltechniken noch ein letztes leuchtendes Abenddenkmal ähnlich wie Richard Strauss mit seinen Vier letzten Liedern zu setzen.

Das Lento religioso als einer der schönsten Eingebungen Korngolds überhaupt erinnert an die Klangsprache Gustav Mahler. Es klingt wie ein ferner Gruß an bessere Zeiten, als Spiegel einer längst versunkenen sehnsüchtig geliebten Kultur. Hartmut Rohde ist mit diesem Album ein beachtlicher Coup gelungen. Im Katalog ist das symphonische Spätwerk Korngolds abseits einzelner Versuche etwa von John Mauceri, Matthias Bamert oder Werner Andreas Albert leider schlecht vertreten, umso verdienstvoller ist die nun vom Nationalen Forum der Musik Leopoldinum Orchester aus Wroclaw vorgelegte Einspielung. Die Streicher des Orchesters kommen mit all den technischen Vertracktheiten, wie vielfach geteilte Gruppen, zahlreiche Doppel- und Dreifachgriffe, Pizzicati, sul ponticello (=am Steg) Spiel und ihren permanenten Einsatz als individuelle Virtuosen bestens zurecht. Glänzend und intensiv gerät auch das Sextett Op. 10 in einem kongenialen Arrangement für Streichorchester durch den Dirigenten. Der Krieg, Rêverien und  verzweifeltes Stemmen gegen das Schicksal haben hier ihre melodienseligen Spuren hinterlassen. Adagio und das Intermezzo zeugen vom frühreifen Genie des jungen Komponisten.

Insgesamt ist die Balance aus schwelgerischer Opulenz, wienerischem Charme, Durchhörbarkeit der kompositorischen Strukturen und eine wie mit indirektem Licht  melancholisch und endzeitlich gefärbte Grundatmosphäre der zu rehabiliterenden fantastischen Symphonischen Serenade bestens geglückt. Die zur Zeit der Uraufführung bemängelten Anachronismen lösen sich in unserer Zeit des musikalischen Eklektizismus und umfassenden Recyclings des historischen Notenmaterials sowieso in Nichts auf.

Fazit: Ein Muss für alle, die spätromantische Musik schätzen und ein feines Ohr haben!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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„ENFERS“ – STÉPHANE DEGOUT auf den Spuren von Henri Larrivée – Raphaël Pichon und das Ensemble Pygmalion musizieren eine imaginäre Totenmesse mit Ausschnitten aus Opern Rameaus und Glucks – harmonia mundi CD

„ENFERS“ – STÉPHANE DEGOUT auf den Spuren von Henri Larrivée – Raphaël Pichon und das Ensemble Pygmalion musizieren eine imaginäre Totenmesse mit Ausschnitten aus Opern Rameaus und Glucks – harmonia mundi CD

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Alles was Raphaël Pichon derzeit angreift, scheint zu Gold zu werden.. Seine neuesten Produktionen wie „Stravaganza d’Amore! – The Birth of Opera at the Medici Court“ oder „Les Funerailles Royales de Louis XIV“ sind Musterbeispiele dafür, wie man Alte Musik auf aufregende Art neu sehen, hören, erfühlen kann. Wenn dann noch ein so grandioser Bariton wie Stéphane Degout mit von der Partie ist, ist der Erfolg quasi vorprogrammiert. Dieser Eindruck bestätigt sich nach dem Anhören ihres neuesten musikalischen Coups, einer gar berauschenden barocken Höllenfahrt im Kleide eines Requiems. Die Suche nach seiner Geliebten hat Orpheus in die Unterwelt zu den gefürchteten Dienern Plutos getrieben, das ist so in den Opern von Peri, Monteverdi und Gluck in schaurig schönste Musik gegossen.

 

Ein Tragöde alias Stéphane Degout und der Chor des Ensembles Pygmalion sind es, die sich auf dem neuen Album auf eine imaginäre Fahrt zur höheren Glorie des Todes bis zu den bizarren Abgründen der Unterwelt aufmachen. Freilich klingt das musikalisch ganz und gar nicht schrecklich. Die glänzende und kraftvolle Zeremonie mit Kyrie, Graduel, Séquence, Offertorium, Communion & In Paradisum trägt zweifellos parodistische Züge. Mögloich war dieser Parforceritt, weil in einer Pariser Bibliothek ein anonym verfasstes Requiem nach der Musik Jean-Philippe Rameaus aus „Castor et Pollux“ und „Fêtes de Paphos“ gefunden worden ist.

 

Außer dem berühmten „Chaos“ von Jean-Féry Rebel stammen alle Teile der CD aus Werken Jean-Philippe Rameaus und Christoph Willibald Glucks. Vokale und instrumentale, geistliche und profane Stücke wechseln einander ab. Die Hölle gab ja auch fantastische Schauplätze für Ballette aller Art ab. Die mythologischen Heroen (keine Tragédienne diesmal) aus „Dardanus“, „Iphigenie en Tauride“, „Thésée“, „Armide“, „Zoroastre“, „Orphée et Eurydice“, „Hippolyte et Aricie“ sind es, die ihr zu läuterndes Seelenleid in die Welt schreien. In Ensembleszenen dürfen auch Emmanuelle de Negri, Stanislas de Barbeyrac, Reinoud Van Mechelen, Sylvie Brunet-Grupposo, Nicolas Courjal, Thomas Dolié und Mathias Vidal beherzt zum satanischen Hörvergnügen beitragen.

 

Die vor Dissonanzen und kühnen Harmonien nur so strotzenden symbolischen Szenen aus den zitierten Opern geben einen effektvollen Rahmen für den spektakulären Trip durch das Königreich des Hades ab. Es wurde eine speziell für Stéphane Degout zusammengestellte kleine Oper, die höchsten Ansprüchen gerecht wird. Kluge Dramaturgie, und Programmatik, einer der besten Baritonstimmen der Welt und ein vor Energie und musikalischer Unbändigkeit Schwefeldämpfe ausschwitzendes Orchester machen Barockmusik neu erlebbar.

 

Als historisches Vorbild für Degout diente wohl Henri Larrivée, der viele Charaktere Rameaus verkörperte, aber vor allem bei den Uraufführungen die Rollen des Orest, Ubaldes und Agememnons (alle Gluck) aus der Taufe hob. 

 

Termine Stéphane Degout:

17. 3. – 6. 4. 2018 Verdi, Don Carlos NEUPRODUKTION

Christophe Honoré, Regie / Daniele Rustioni, Musikalische Leitung / Oper Lyon

10. – 26. 5. 2018 Benjamin, Lessons in Love and Violence URAUFFÜHRUNG

Katie Mitchell, Regie / Royal Opera House Covent Garden, London

25. 6. – 1. 7. 2018 Lessons in Love and Violence – Dutch National Opera, Amsterdam

9. 7. 2018 Récital Debussy, Ravel, Fauré – Festival d’Aix-en-Provence

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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TRAUMWERK – Eine Betrachtung der Zeit; Continuu Records CD Musik und Poesie aus dem 17. und 21. Jahrhundert

TRAUMWERK – Eine Betrachtung der Zeit; Continuu Records CD

Musik und Poesie aus dem 17. und 21. Jahrhundert

 „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen. Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen. Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht, so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.“ Andreas Gryphius

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Veröffentlichung: Frühjahr 2018

 Albrecht Dürer mit seinen Gedanken zu Traumwerken stand Pate für den Titel des spannenden genreübergreifenden Albums, deren Schöpfer die ästhetischen, epochalen und konventionellen Grenzen zugunsten der Dramaturgie und des musikalischen Narrativs auflösen wollen. In welche Schublade passt (samt einem graphisch innovativ gestalteten CD-Buch) dieses Hörabenteuer, das Musik und Poesie aus dem 17. und 21. Jahrhundert miteinander verbindet? Auf jeden Fall werden nicht verschiedene Werke bezugslos aneinandergereiht, sondern eine ganze Geschichte in sechs Kapiteln erzählt: Exordium, Narratio, Divisio, Confirmatio, Confutatio und Conclusio.

 Die Aufnahme nimmt den Zuhörer mit in einen frühbarocken Zeitgeist zwischen Vanitas und Memento mori sowie der musikalischen Gegenwart. Der Mensch und der nur ihm gehörende Moment sollen an die immateriellen Werte des Lebens erinnern. Sieben zeitgenössische Traumwerke von James Dillon (für Cembalo und Violine) werden um barocke kammermusikalische Kompositionen von G. A. Pandolfi MealliJohannes Hieronymus Kapsberger, Johann Jacob Froberger ergänzt und in einen unauflösbaren Teppich aus Wort und Musik verwebt.

Vor allem den virtuos eigenwilligen Stücken Pandolfis, der hauptsächlich am Innsbrucker Hof des Erzherzog Ferdinand Karl wirkte, mit vertrackten Fugati und Variationsreihen sowie bizarren Verzierungen verdankt das Album seine besondere Atmosphäre, den ganz eigenen Duft. Hier ist aber unbedingt auch der aus Glasgow stammende James Dillon als moderner Counterpart zu Pandolfi zu nennen. Glissandi und Doppelgriffe kommen in den Miniaturen ebenso vor wie das Spiel in höchsten Lagen, extreme dynamische Kontraste bei fast gleich bleibenden Akkorden und kantilenenhafte Passagen. Ständig wechselnde Taktarten bewirken einen schwebenden Klangeindruck.

Robert Gwisdek leiht seine Sprechstimme Gedanken und Worten von Paul Fleming, Georg Philipp Harsdörffer, Christian Weise, David Schirmer, Martin Opitz, Johann Michael Dilherr und Andreas Gryphius. Die Isländerin Elfa Rún Kristinsdóttir (Violine), Daniel Rosin (Violincello), Andreas Arend(Chitarrone) und Elina Albach (Cembalo & Orgel) bestreiten den instrumentalen Part auf höchstem interpretatorischen und klangtechnischem Niveau. „Nicht die Sterne sind für unser Schicksal zuständig, nicht eine höherstehende Macht für den Verlauf unseres Lebens verantwortlich, sondern erst wenn man selbst sein ja dazu spricht, lässt der Himmel dich wohl zur Ruh.“ Mögen diese Worte Christian Weises als programmatischer Leuchtstab ebenso intensiv wirken wie die Musik das ihrige tut. Außergewöhnlich gut!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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JOSEPH HAYDN: „AN IMAGINARY ORCHESTRAL JOURNEY“ – London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle; LSO Live SACD

JOSEPH HAYDN: „AN IMAGINARY ORCHESTRAL JOURNEY“ – London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle; LSO Live SACD

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 Schon Marc Minkowski hat es getan. Der experimentierfreudige französische Dirigent hat seine Suite aus 20 Orchesterstücken aus elf Rameau-Opern zu einem dramatischen Zyklus mit dem Titel „Une Symphonie imaginaire“ zusammengestellt. Derselbe Komponist hat auch Teodor Currentzis mit seinem MusicAeterna Orchestra zu seiner nicht gerade besten CD „The Sound of Light“ inspiriert. Leopold Stokowski war in der Kunst der Transkription und der musikalischen Pasticcio Pflege auch kein unbeschriebenes Blatt.

Nun ist es Sir Simon Rattle, der mit dem London Symphony Orchestra (dem er seit September 2017 als Chefdirigent vorsteht) Auszüge aus Opern, Symphonien und Oratorien von Joseph Haydn in mundgerechte Happen zerpflückt und irgendwie zu einer imaginären Orchesterreise zusammengefügt hat. Im Live Mitschnitt der Konzerte aus der Londoner Barbican Hall vom Juli 2017 kann der Hörer einen extrem aleatorisch wirkenden Parforceritt durch das riesige Schaffen Haydns antreten. Etwa 50 Minuten dauert der Durchmarsch durch die eingängigsten Titel aus der „Schöpfung“, den „Jahreszeiten“, der Oper „L’isola disabitata“, den „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuz“ sowie aus diversen Symphonien.

Die „Greatest Hits“ stammen aus einer Zeitspanne von 40 Jahren, Rattle sieht Haydn nicht zu Unrecht als einen zukunftsweisenden Erneuerer, der die Ideale der Aufklärung wie kaum ein zweiter Musiker verkörperte. Obwohl Sir Simon Rattle als Interpret ein untrügliches Gespür für Haydns Witz, Humor, Brillanz und Tiefgang hat und die hohe Qualität des Orchesters selbstverständlich außer Streit steht, so sehr scheitert er an der willkürlichen Zusammenstellung, dem teigigen eklektischen Mix, der nur anreißt, aber nichts ausschwingen lassen kann. Jeder „Best of“-Verschnitt geht automatisch, wenn auch ungewollt, mit einer Banalisierung, Verkürzung, Reduktion einher. Ich höre mir bei einer Oper ja auch nicht nur die hohen C‘s von Sopran und Tenor an. Es soll aber Freaks geben, die das tun. Auch dieses Album wird seine Freunde finden, ich zähle aus guten Gründen nicht dazu.

Tipp: Auf Youtube www.youtube.com/lso kann mehr von dem Projekt erfahren werden. Ab 2. Februar 2018 kann sich jeder, der Reader’s Digest oder musikalische Instant Kost liebt, unter www.alwaysmoving.lso.co.uk/aioj selbst auf eine eigene imaginäre Orchesterreise durch die Oeuvres anderer Komponisten begeben.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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DIE POCHEKIN BRÜDER: Die Einheit der Vielfalt – Werke für zwei Streicher von Mozart, Michael Haydn, Glière und Prokofiev; Melodija CD

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DIE POCHEKIN BRÜDER: Die Einheit der Vielfalt – Werke für zwei Streicher von Mozart, Michael Haydn, Glière und Prokofiev; Melodija CD

Seit über 10 Jahren treten die Brüder Ivan Pochekin (Viola und Violine) und Mikhail Pochekin (Violine) solo oder gemeinsam als Duo auf. Für ihre Debüt-CD bei Melodija haben sich die beiden Musiker mit dem ganz ureigenen Ton aus dem nicht gerade reichen Repertoire für zwei Violinen  bzw. für Violine und Viola für ineinander gegensätzliche Kompositionen mit interessanten Gemeinsamkeiten entschieden. Die Duette von W. A. Mozart und Michael Haydn als auch die auf dem Album eingespielten Werke von Reinhold Glière und Sergej Prokofiev legen Wechselbeziehungen der jeweiligen Tonsetzer in Bezug auf Epoche, Stil und sich kreuzende Details der Lebensläufe offen: Mozart schätzte das eigenständige Talent M. Haydns, Glière erteilte Prokofiev Klavierunterricht. Die wie zwei Akte eines Theaterstücks klingende CD hat aber noch eine andere „Mission“: nämlich neben den bekannteren Stücken von Mozart und Prokofiev auf der anderen Seite zwei ausgesprochene Repertoireraritäten vorstellen zu wollen. Wer kennt schon das Duo für Violine und Viola in C-Dur vom Michael Haydn, dem jüngeren Bruder von Joseph Haydn, geschweige denn die 12 Duos für 2 Violinen von Reinhold Glière?

Dabei ist gerade letztere Komposition die eigentliche Überraschung der CD, so schwelgerisch in impressionistisch hingehauchten Pastelltönen sind die wie kleine Genregemälde zum Hörer sprechenden Stücke grundiert. Glière – eigentlich Reinhold Ernst Glier – dessen deutsche Eltern aus Sachsen stammten und der keinen biographischen Bezug zu Frankreich aufweist, wurde in Kiew unterrichtet, hatte aber seine große Zeit am Moskauer Konservatorium. Dort waren Prokofiev und Mjaskovskij seine bedeutendsten Schüler.

Die Brüder Pochekin sind gerade bei den 12 Glière Miniaturen in ihrem ureigenen russischen Element, decken aber auch kompositorische Bezüge zur technisch und emotional so vielschichtigen Prokofiev Sonate auf. Prokofiev schrieb die Sonate 1932 in St. Tropez. Den Anstoß zum Werk gab die frustrierende Hörerfahrung eines misslungenen Geigenduetts. “Schlechte Musik anzuhören, regt manchmal gute Ideen an”, bemerkte der Komponist einmal. Im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums haben Ivan und Mikhail Pochekin in einer Sternstunde eine faszinierende Interpretation des abwechslungsreichen, lyrisch virtuosen bis schräg humorvollen Stücks geliefert. Das abschließende Allegro con brio wird mit solch einer unheimlich mystischen Introspektion serviert, als wäre es Musik aus einer anderen Welt.

Den beiden gelingen zudem stimmungsvoll ehrliche Wiedergaben der Duos von Mozart und M. Haydn, die aber stilistisch noch etwas Schliff vertragen hätten.

Tipp: Für NAXOS hat Ivan Pochekin das fünfte Violinkonzert von Niccolo Paganini mit dem Russian Philharmonic Orchestra unter Dmitry Yablonsky auf CD eingespielt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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ANITA RACHVELISHVILI – Arien Debüt-CD bei SONY Phänomenale Stimmkultur – 99 Punkte

ANITA RACHVELISHVILI – Arien Debüt-CD bei SONY

Phänomenale Stimmkultur – 99 Punkte

 Veröffentlichung 2. März 2018

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Einige wenige Hauptrollen der georgischen Mezzosopranistin Rachvelishvili (Aida, Zarenbraut, Fürst Igor und Orpheus&Eurydike) sind in live Mitschnitten auf DVD/BluRay festgehalten. Jetzt legt Sony das erste Soloalbum dieser großartigen Sängerin vor, die mit einer wahrlich märchenhaften Carmen an der Mailänder Scala für Schlagzeilen sorgte. Eigentlich wollte Rachvelishvili für die Mercedes vorsingen. Daniel Barenboim erkannte jedoch ihr Potential und so kam es 2009 zu der legendären Eröffnungs-Neuinszenierung mit der erst 25-jährigen an der Seite von Jonas Kaufmann samt internationaler TV-Übertragung. Anita Rachvelishvili debütierte als Carmen anschließend an der Canadian Opera Company Toronto, der Staatsoper Unter den Linden und 2010 in der Arena di Verona. Mittlerweile hat sie die Rolle über 300 Mal verkörpert.

 

Auch auf ihrer ersten Arien-CD bilden die „Seguidilla“ und die „Habanera“ aus Bizets „Carmen“ das künstlerische Epizentrum. Mit ihrem nach wie vor lyrisch frischen, in allen Regenbogenfarben edel schimmernden Mezzosopran ist sie eine ideale Interpretin der Rolle. Leicht rauchig verhangen und mit hohem Sinnlichkeitsfaktor – Anna Moffo nicht unähnlich – spielt Rachvelishvili alle Nuancen der Seguidilla im Piano und Mezza voce gekonnt aus. Phrasierung und Artikulation sind vorbildlich. Keine hochdramatische femme fatale erwartet den Hörer, sondern eine sensitive, in Anklängen eher sanft melancholische Titelinterpretin. Präzise Verzierungen, vorbildliches Legato, dynamisches Feintuning erlauben schon jetzt das Urteil einer rein vokal für das französische Repertoire wohl prädestinierten Stilistikerin. Das belegen die Kostproben aus „Samson et Dalia“ von Camille Saint-Saëns („Printemps qui commence“ und Mon coeur s’ouvre á ta voix“). „Werther“ von Jules Massenet („Werther…Je vous écris de ma petite chambre“) sowie vor allem Charles Gounods „Sapho“ („Où suis-je?…Ô ma lyre immortelle“) auf das vorzüglichste. Von Atmosphäre, impressionistischer Dichte und den poetischen Couleurs her ist wohl das russische Fach dem französischen am ähnlichsten. So werden sowohl das a cappella Lied der Ljubasha aus Rimsky-Korsakovs „Die Zarenbraut“ und die Arie der Königin Tamar aus Dimtir Arakishvilis „Legende der Shota Rustaveli“ noch die verwöhntesten Ohren begeistern.

 

Anita Rachvelishvili wagt sich aber auch ins dramatischere italienische Fach mit zwei Arien der Eboli aus Verdis „Don Carlo“, dem expressiven „Condotta ell’era in ceppi“ aus „Il Trovatore“ und als Vorschau auf ihr Rollendebüt im April 2018 (Teatro dell’Opera di Roma) die Arie der Santuzza aus Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“. Der Übergang zu diesen Rollen ist alles andere als unheikel. Besonders die beiden Verdi Heroinen stellen einen echten stimmlichen Offenbarungseid dar. Hier gilt es auch die einzige Einschränkung eines sonst durchwegs beglückenden Albums vorzunehmen. Die Dramatik in der Mittellage nimmt offenbar so viel Kraft in Anspruch, das die Akuti am Ende der Arien von Il Trovatore und in Ebolis „O don fatale“ Frau Rachvelishvili an ihre natürlichen Grenzen führen. Wie frei klingt im Vergleich dazu der hohe Schlusston aus Gounods Sapho. Schade wäre es, falls die vielen Verdi-Rollen im aktuellen Kalender der Künstlerin schwerpunktmäßig nicht doch eine Spur zu früh kommen und sich auf die lyrische Farbenpracht oder den ruhig pastosen Fluss der Stimme negativ auswirkten.

 

Sowohl das Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI unter der behutsamen Leitung von Giacomo Sagripanti, als auch der Chor des Teatro Municipale di Piazenza tragen ebenso zum Gelingen dieser gesanglich hoch erfreulichen und programmatisch fein abgestimmten Debüt-CD bei.

 

Termine Berlin 2018: 9. und 12. Mai (Il Trovatore) an der Deutschen Oper

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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ALEKSEY SEMENENKO, INNA FORSOVA: Werke für Violine und Klavier von Grieg, Tchaikovsky, Castelnuovo Tedesco, Paganini und Schubert – Ars Production CD

ALEKSEY SEMENENKO, INNA FORSOVA: Werke für Violine und Klavier von Grieg, Tchaikovsky, Castelnuovo Tedesco, Paganini und Schubert – Ars Production CD

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Taste the best – Die Stars von Morgen: Unter diesem Titel wird die vorliegende Aufnahme neben dem professionellen Vertrieb im Handel auch auf Sendeplätzen im WDR vorgestellt und den beiden beteiligten Künstlern Auftritte in den Konzertsälen des Landes Nordrhein-Westfalen ermöglicht. Außerdem werden die beiden virtuosen und musikantisch so überzeugenden ukrainischen Solisten Semenenko und Firsova auf der Geige und dem Klavier auch vom Verein der Freunde und Förderer der Hochschule für Musik und Tanz Köln gefördert, die beim Karrierestart junger vielversprechender Talente behilflich sein wollen. Eine professionelle Dokumentation des künstlerischen Potentials auf einer CD ist da sehr hilfreich.

Die vorliegende „CD-Visitenkarte“ ist außerordentlich gut gelungen und erfreut vom ersten Ton an nicht nur mit einer programmatisch klugen Ablaufdramaturgie, sondern vor allem durch ein verfeinertes, traumwandlerisch aufeinander abgestimmtes Konzertieren der beiden Instrumente. Atem, Herzschlag, sensibel artikulierte Rubati, Phrasierung, der pfiffige Dialog der Instrumente verschmelzen zu einer höheren kammermusikalischen Wahrheit. Die hörbare Spiellust, das passionierte Zupacken, das zu einem höheren Bogen gespannte präzise Timing kommen diesen sui generis für Violine und Klavier geschriebenen Stücken wahrlich zugute: Edvard Griegs Sonate für Violine und Klavier  Nr. 1 in F-Dur, Op. 8, Franz Schuberts Fantasie in C-Dur für Violine und Klavier D 934). Das gilt ebenso für die eigens für die Paarung Klavier und Violine erstellten Fassungen durch die Komponisten selbst von Tchaikovskys Sérénade mélancolique für Violine und Orchester Op. 26 und Mario Castelnuovo-Tedescos Konzertparaphrase über die Cavatine „Largo al factotum“ aus Rossinis Barbier von Sevilla. „I Palpiti“ Introduktion und Variationen über ein Thema aus Tancredi von Rossini für Violine und Orchester Op. 13 von Niccoló Paganini hat Fritz Kreisler für Violine und Klavier bearbeitet.

Opernfreunde werden die beiden kaum zu hörenden Rossini-Paraphrasen besonders ins Herz schließen. Castelnuovo-Tedesco hat bei seinem fröhlichen „Figaro“ Zusammenschnitt noch einmal kräftig einen drauf gesetzt. Kreiert gemeinsam mit Jascha Heifetz 1945, wird die berühmte Bariton-Buffo Arie zu einem virtuosen Feuerwerk der Sonderklasse. Wie Claus Dieter Hanauer trefflich bemerkt, „verfremdet die Musik des Wahl-Amerikaners die Bravourarie auf witzige, ja frech-jazzige Weise, überhöht sie zuweilen ironisch, bietet jedenfalls ein beispielhaftes Hörvergnügen.“ Etwas vorsichtiger geht es Fritz Kreisler bei Paganinis „I tanti palpiti“ aus dem Tancredi an. Mit feiner Klinge variiert er geschickt den zweiten Tiel der Arie und entlockt der Geige bisweilen unheimliche, leierkastenartige Töne.

Programmtisch wird die Klammer zu Schuberts genialer Fantasie in C-Dur auf überzeugende Art und Weise hergestellt: Schubert war vom Spiel Paganinis so begeistert, dass er etwas ähnlich Virtuoses schaffen wollte. Das war die geistige Geburtsstunde der Fantasie, wo die anspruchsvolle Technik nie spielerischer  Selbstzweck ist, sondern stets musikalisch motiviert ist. Hier kann auch besonders das Spiel von Inna Firsova bewundert werden, die Poesie mit einer ausgefeilten Anschlagskunst, Leichtigkeit mit Binnenspannung verbindet und im liedhaften Andantino die vokale Geste blühen lässt.

„Romantic, Brilliant, Imaginative“ heißt der Allerweltstitel des Albums, das herausragende Interpretationen in großer Frische und kreatürlicher Freiheit bietet. Wunderbar!

 

 

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BARTÓK: BLUEBEARD‘S CASTLE – Rosalind Elias, Jerome Hines – SONY Classical Opera; CD Premiere

BARTÓK: BLUEBEARD‘S CASTLE – Rosalind Elias, Jerome Hines – SONY Classical Opera; CD Premiere

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Veröffentlichung: 2. März 2018

Columbia Masterworks hat Bartoks gruseligen Einakter in englischer Sprache am 20. November 1960 in Philadelphia in der Academy of Music eingespielt. Mit von der Partie waren damals das schillernd aufspielende Philhadelphia Orchestra unter der Leitung von Eugen Ormandy und zwei MET Ikonen als Blaubart und Judith, Jerome Hines und Rosalind Elias. Im Rahmen der verdienstvollen Serie Classical Opera veröffentlicht Sony nunmehr diese sängerisch herausragende Aufnahme zum ersten Mal auf CD.

Das bislang nur auf LP erhältliche und lange vergriffene Album lebt von den beeindruckenden Stimmen des auch in Bayreuth in den Jahren 1958 bis 1963 als Gurnemanz, Wotan und Marke geschätzten Basses Jerome Hines und der jungen wunderbar timbrierten Mezzosopranistin Rosalind Elias, die an der MET in 687 Aufführungen und 54 Rollen auftrat. Hines kann vom ersten Moment an mit großer viriler Autorität und dunkel samten schimmernder Stimmkraft punkten. Sein insistierendes „Frightened?“  überträgt sich mit archaischer Wucht auf den Hörer. Dabei ist sein Gesang in den Piani melancholisch zärtlich verhangen, was dieser Interpretation eine ungeheure dämonische Sogwirkung verleiht. Als Gegenpol dazu ist die lyrisch grundierte, konkreter fokussierte schlanke Stimme von Rosalind Elias gut gewählt. Selbstbewusst und unerschrocken geht sie an die Sache, ihr farbenprächtiger Mezzo mit Tendenz zum Kontraalt leuchtet silbern in den kalten Gemäuern der Burg, die sie im festen Glauben einer unerschütterlichen Liebe betritt. Den Kampf um die sieben Schlüssel, um den Weg zur innersten Wahrheit führt sie mit Würde und Nachdruck auf Augenhöhe mit dem Herzog, für den sie alles verlassen hat. Das gelingt ihr in einem lebensecht expressiven Rollenporträt, ohne je in Hysterie zu verfallen. Freilich kann sie auf dem hohen C beim fünften Tor nicht so wie Christa Ludwig „Hochäuser bauen“, in der wohl nach wie vor als Referenz unangefochtenen Aufnahme mit Walter Berry und dem London Symphony Orchestra unter Istvan Kertesz.

Dafür hat mit Eugene Ormandy ebenso ein Ungar das Sagen am Pult. Eigentlich hieß er ja Jenő Blau, bevor er zu Beginn der zwanziger Jahre in die USA emigrierte und ab 1938 dem Philadelphia Orchestra über 40 Jahre lang vorstand. Bartóks drittes Klavierkonzert wurde unter seiner Stabführung uraufgeführt. Bei Bartoks Blaubart verdichtet er im Verlauf des Dramas die Pulsfrequenz der Partitur, stets das impressionistische Klanggemälde in dunkel-kosmischen Schichten spachtelnd. Vielleicht gerät seine Lesart weniger spektakulär wie diejenigen unter Solti oder Kertesz, idiomatisch einwandfrei und spannend ist sie allemal.

Die Tonqualität ist direkt, überwiegend erstaunlich plastisch mit natürlich und klar aufgenommenen Stimmen. Das Englische stört mich persönlich nicht, auf den gesprochenen Prolog des Gedichts von Bela Balázs wurde hingegen verzichtet.

Für Stimmfetischisten und solche, die sich eine Zweit- oder Drittaufnahme der im Katalog mit an die 50 Gesamtaufnahmen prominent vertretenen Oper leisten wollen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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BOHUSLAV MARTINU: MADRIGALE – Supraphon CD Die Polyphonie der englischen Renaissance faszinierend neu gedeutet

BOHUSLAV MARTINU: MADRIGALE – Supraphon CD: Die Polyphonie der englischen Renaissance faszinierend neu gedeutet

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Die sechs auf dieser überaus spannenden Martinů-CD zu Gehör kommenden Chorwerke entstanden in einem breiten Zeitraum von 1934 bis 1959: Die Vier Marienlieder, die Tschechischen Madrigale, die Fünf Tschechischen Madrigale, die Drei Sakralen Lieder, Himmelschlüssel und die Madrigale  wurden an verschiedenen Orten in Europa und den USA geschrieben. Sie sind für gemischten Chor a cappella, Frauenchor mit Violin- und Klavierbegleitung komponiert. Sie spiegeln des Komponisten Leidenschaft für die Volksmusik seiner Heimat, für englische Madrigale und die Klangwelten Debussys wider. Besonders haben Martinů die Vokalwerke von William Byrd, Orlando Gibbons und Thomas Morley mit einer an mährische und slowakische Ruflieder ähnelnden Polyphonie in ihren Bann gezogen. 

 

Martinůs originäre Umdeutung und Anwandlung all dieser Elemente mündet in einen unverbraucht und durch eine „unerschrockene“ Kreativität gekennzeichneten Vokalstil. Obwohl ihm das Schreiben für Chor Probleme bereitete und er sich nicht als Chorkomponist sah, vermag Martinů alle Tugenden der von ihm geschätzten Engländer auch für sich in Anspruch nehmen: Leichtigkeit und Verständlichkeit der musikalischen Sprache, lautmalerischer Wortwitz, eine Geradlinigkeit frei von „Metaphysik, Kompliziertheit und Pathos“ und volkstümliche Texte mit einem guten Schuss Humor, bisweilen gar Verspieltheit („Hei, hier gibt‘s was zu kaufen“, „Mein Kopf tut mir weh“).  

 

Martinů hatte kaum die Hälfte der Stücke selbst aufgeführt erlebt. Außerdem überließ er den Dirigenten und Chören selbst die Ausführung von Dynamik, Phrasierung und Tempi. Also ist der Dirigent der CD von den Autographen Martinůs ausgegangen und verglich diese mit den Noteneditionen. Wo nötig, wurden Retuschen und Ergänzungen in Dynamik, Artikulation und Tempoveränderungen vorgenommen. 

 

Die Martinů Voices unter der Leitung von Lukáš Vasilek singen eindringlich, mit mitreißendem musikalischen Instinkt und artikulatorisch einwandfrei. Allerdings tendieren die Soprane dieses an sich ausgezeichneten Kammerchors in den hohen Registern zu Härten und geraden, steifen Tonansätzen. Ansonsten sind die Stimmgruppen ausgewogen, die Aufnahme klingt natürlich und direkt. Jakub Fišer auf der Violine und Karel Košárek am Klavier sorgen für eine stimmungsvolle Begleitung. Nicht nur für Begeisterte von Chormusik eine reizvolle und unerwartet erfreuliche Begegnung.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

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DAS JAHR DES CELLOS – Lohnende Neuerscheinungen. DANIEL MÜLLER-SCHOTT spielt CPE und JS Bach, Haydn und Mozart / GAUTIER CAPUCON wandelt auf romantischen Pfaden

DAS JAHR DES CELLOS – Lohnende Neuerscheinungen

 

Deutsche Landesmusikräte aus mehreren Bundesländern trafen diese gute Wahl. Das Cello löst somit die Oboe als Instrument des Jahres ab. Die heutige Bezeichnung „Violoncello“ tauchte zum ersten Mal 1665 bei dem Komponisten Giulio Cesare Arresti auf. In Bezug auf den Instrumentenbau setzte der berühmte Italiener Antonio Stradivari den Maßstab, an dem sich noch heute die Cellobauer orientieren. Ende des 18. Jahrhunderts kam es noch einmal zu weitreichenden bautechnischen Fortschreibungen. Das Musikleben fand nun immer häufiger in großen Sälen und vor einem wachsenden Publikum statt. Ein vollerer und brillanterer Klang war gefragt. Um das zu erreichen wurden Steg und Saiten dünner, Hals und Griffbrett länger, Stimmstock und Bassbalken verstärkt. Heute klingt das Cello mit seinem Tonumfang von fast fünf Oktaven dunkel und kraftvoll in der Tiefe, samtig lyrisch in der Tenorlage; in den höheren Lagen verzaubert es durch strahlende Brillanz. Zwei neue CDs sollen Appetit auf mehr machen.

 

 CELLOREIMAGINED: DANIEL MÜLLER-SCHOTT spielt CPE und JS Bach, Haydn und Mozart – L‘arte de Mondo, Werner Ehrhardt ORFEO CD

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„weil… die Musik…das Ohr niemals beleidigen, sondern doch dabei vergnügen, folglich allzeit Musik Bleiben muss.“ W.A. Mozart

 

Schlüpft da nicht das Cello in die Rolle von Flöte, Geige oder gar Oboe? Und das noch mit Zugewinn? Daniel Müller-Schott macht es möglich. Der neugierige bayerische Cellist ist wie kaum ein zweiter offen für klangliche Travestiespiele und somit die Übertragung des Soloparts von Konzerten auf andere Instrumente als für die sie ursprünglich vorgesehen waren. Gibt es vom Konzert in A-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach, eigentlich für Cembalo und Flör´te geschrieben, noch eine Cello-Fassung des Komponisten selbst, so ist der Adagio-Satz seines Vaters Johann Sebastian Bach aus dem E-Dur Violinkonzert BW 1042 schon eine Bearbeitung des exzellenten Cellisten mit dem samtenen Ton. Großartig gelungen ist auch die Version von Haydns Violinkonzert in G-Dur für Cello, während das ursprünglich für Oboe verfasste Konzert in C-Dur KV 314 von Wolfgang Amadeus Mozart den Höhepunkt der CD markiert. Mozart hatte das Werk für die Flöte bearbeitet mit einem Tonartenwechel hin zu D-Dur. 1941 entstand die Transkription des Konzerts durch George Szell, dem legendären Pultstar des Cleveland Orchestra,  für den Cellisten Emanuel Feuermann, allerdings ohne den langsamen Satz. Daniel Müller- Schott hat im neuen Album das original aller Mozart-Sätze in eine ungemein leuchtende Celloausgabe umgearbeitet, mit eigenen spektakulären Kadenzen versteht sich.  Wie Müller-Schott das beschriebt, „eröffnen sich Opernszenen par excellence im Gewand eines Intrumentalkonzerts. Maskenspiel, Themen voller Lebendigkeit und Vitalität.“  Wir verstehen das bedauern des Solisten, dass Mozart keinen ihm nahen Cellisten um sich gehabt hat – welche weiteren Schätze würden wir heute erleben dürfen? Un dweil es so schön ist, spielt Daniel Müller-Schott auch noch das sechsminütige Adagio KV 261 für Violine und Orchester des Salzburger Meisters.

 

Werner Ehrhardt und sein von ihm 2004 gegründetes Orchester l‘arte del mondo sind mehr als nur Begleiter, sie sind kongeniale Partner auf Augenhöhe, weshalb diese neue Cd von der ersten bis zur letzten Note pures Hörvergnügen bereitet. Die ganz exzellente Aufnahmetechnik tu das Ihrige, um auch ausgefuchste Klangfreaks auf ihre Kosten kommen zu lassen. Diese willkommene Bereicherung des Cello-Repertoires ist zum Hören und immer wieder hören… 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

INTUITION: GAUTIER CAPUCON wandelt auf romantischen Pfaden CD, DVD WARNER CLASSICS 

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Das neue Album des Cellisten Gautier Capuçon ist als eine Autobiographie ohne Worte konzipiert. Mit fünf Jahren erhielt der stolze Savoyarde seinen ersten Cello-Unterricht. Seither ist er zu einem der aufregendsten Cellisten der Welt, sicherlich derjenige mit dem sinnlichsten Ton, herangereift. „Es beginnt in meiner Kindheit in Savoyen, umgeben von Bergen, mit einigen französischen Werken: Saint-Saëns Schwan – das erste Stück, das ich öffentlich gespielt habe.“ Hier wartet die dem Album beigefügt DVD mit einem sensationellen Clip auf. Auf 3653 Metern in den Alpen bei Verbier und minus 15 Grad auf dem Gletscher Petit Combin wurde gedreht. Dass es dem nur mit einem Smoking und offenem weißen Hemd bekleideten Musiker „arschkalt“ ist, sieht man nicht nur am leicht starren Gesicht, sondern beim „Making of“ ist auch zu erfahren, dass auch das Cello zwischendurch warm eingehüllt werden musste. Freilich umschmeichelt das Ohr der unvergleichlich delikate Ton, die elegante Phrasierung, diese vollständige Identifikation mit dem, was Capuçon spielt. Gautier gehört zu den instinktivsten MusikernMusikern, deren Konzertdichte jede/n staunen macht und der noch obendrein in der Fondation Louis-Vuitton Unterricht erteilt.

 

Freilich ist Intuition im Grunde ein „Encore-Album“ für den breiten Publikumsgeschmack geworden und die meisten Stücke sind technisch nicht sonderlich anspruchsvoll. Die Meditation aus Thais aber auch die Rachmaninov Vocalise sind typische Wunschkonzertnummern. Wir wollen Gautier Capuçon diese (notwendigen?) Konzessionen an den Kommerz nachsehen, überwältigt er doch besonders mit zwei Titeln: dem Stück „Violoncelles, vibrez!“ von Giovanni Sollima und dem „Grand Tango“ von Astor Piazzola. Eine Nummer mit dem passenden Titel „Encore“ stammt von Jérôme Ducros, der auf der CD auch als Klavierbegleiter zu hören ist. Für die zehn Werke mit Orchester wird Capuçon unterstützt vom faserschmeichelnden Orchestre de Chambre de Paris unter Douglas Boyd. 

 

Eine Anmerkung zum Marketing muss aber doch gewagt sein: Der junge Cellist Sheku Kanneh-Mason „muss“ sein neues Album bei DECCA „Inspiration“ nennen, was vor ihm schon VocaMe, das Duo Tal&Groethuysen, Romain Leleu oder die Metamorphosen Berlin getan haben.  Die Idee mit „Intuiton“ hatten  immerhin schon auch das Quatuor Modigliani und Marco de Rosario. Denkt jemand wirklich so mehr Umsatz machen zu können mit Allerweltsüberschriften ohne Inhalt? Insgesamt wegen der außergewöhnlichen Kunst von Gautier Capuçon aber eine klare Empfehlung.

 

Massenet: Meditation aus Thais für Cello & Orchester
Ducros: Encore für Cello & Klavier
Saint-Saens: Der Schwan für Cello & Orchester
Sollima: Violoncelles, vibrez! für Cello & Orchester
Dvorak: Lasst mich allein op. 82 Nr. 1 für Cello & Klavier; Waldesruhe op. 68 für Cello & Orchester
Elgar: Salut d’amour op. 12 für Cello & Orchester
Popper: Elfentanz op. 39 für Cello & Orchester
Casals: El cant dels ocells für Cello & Orchester
Paganini: Rossini-Variationen für Cello & Klavier
Tschaikowsky: Andante cantabile op. 11 für Cello & Orchester
Rachmaninoff: Vocalise op. 34 Nr. 14 für Cello & Orchester
Joplin: Original Rags für Cello & Klavier
Faure: Apres une reve op. 7 Nr. 1 für Cello & Orchester
Piazzolla: Le Grand Tango für Cello & Klavier


DVD: Der Schwan für Cello & Orchester (Saint-Saens); Making of von „Der Schwan“; Meditation aus Thais für Cello & Orchester (Massenet); Apres une reve op. 7 Nr. 1 für Cello & Orchester (Faure); Original Rag Nr. 1 für Cello & Klavier (Joplin); Elfentanz op. 39 für Cello & Orchester (Popper); Salut d’amour op. 12 für Cello & Orchester (Elgar)

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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