Der Neue Merker

HANS PFITZNER: DIE ROSE VOM LIEBESGARTEN

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HANS PFITZNER: DIE ROSE VOM LIEBESGARTEN –  cpo 3 CDs

Erste komplette Gesamtaufnahme: Rehabilitation eines spätromantischen Wunderwerks

Der Experimentierwerkstatt Oper Chemnitz und des für die Wiederbelebung von Repertoireraritäten mittlerweile hoch angesehenen Dirigenten Frank Beermann (GMD der Theater Chemnitz und Chefdirigent der Robert-Schumann-Philharmonie 2007 bis Sommer 2016) verdanken die Opernfreunde schon solch bedeutende Ausgrabungen wie Otto Nicolais „Die Heimkehr des Verbannten“  bzw. „Il Templario“ (das ius primae noctis gebührt hier Chemnitz und nicht Salzburg!) oder Franz Schrekers „Der Schmied von Gent“ (alle auf CD verfügbar). Kaum zu glauben, dass die mutige und nachhaltige Zusammenarbeit der Oper in Chemnitz mit dem Label cpo nun acht Jahre nach der Aufnahme der „Rose vom Liebesgarten“ vom Juni 2009 wieder für eine der überraschendsten Opernaufnahmen des Jahres gut ist.

Wer diese Oper bislang hören wollte, musste auf die zwar künstlerisch interessante, jedoch arg gekürzte und klangtechnisch völlig unzureichende Aufnahme aus München 1953 unter Robert Heger mit Bernd Aldenhoff, Trude Eipperle, Max Proebstl, Paul Cuen und Marcel Cordes zurückgreifen.  „Die Rose vom Liebesgarten“ ist nun erstmals in voller Länge in allerbester Klangqualität erhältlich und dadurch erstmals einem wirklichen Urteil zugänglich. Gleich soviel: Wer die Chromatik und Tonsprache Wagners liebt, wird hier voll auf seine/ihre Kosten kommen. Die Musik im postbayreuther Fahrwasser enthält Elemente der  effektvollen Instrumentierung von Richard Strauss, des dunklen Glanzes Debussyscher impressionistischer Klangrede mit typisch keusch-rezitativischen Pfitznerschen Vokallinien. 

Jede Diskussion um Epigonentum beiseite, der Musikfreund darf abseits aller (möglicherweise berechtigten) Merkerkreide wegen „akustischer Korrektheit“ eine Oper (und vor allem geniale Vorspiele) genießen, die es mit den besten und weitaus bekannteren Schöpfungen etwa aus der Feder etwa Engelbert Humperdincks allemal aufnehmen kann. Als Gegenentwurf zu den naturalistisch-veristischen Opern des französisch-italienischen Repertoires ist „Die Rose vom Liebesgarten“ eine spätromantische Märchenoper auf ein Libretto von James Grun, inspiriert von Bildmotiven des Malers Hans Thoma. Es geht – kurz gesagt – um eine bukolisch ritterliche Liebesgeschichte (zwischen Siegnot und Minneleide) rund um eine zaubermächtige Rose. Das märchenhaft Böse spielt sich effektvoll im unterirdischen Höhlenreich  des Nachtwunderers (samt Zwergen) ab. Siegnot verliebt sich in die lichtscheue Waldkönigin, die Elfe Minneleide. Letztere flieht aber das Licht und wird entführt. Nach gescheiterter Prüfung, Zusammenbruch des Zwergenreichs samt Tod des Helden, Entsagung der Minneleide vom Elfenkönigreich steuert alles auf ein Happy End zu: Sie öffnet mit der Rose das Frühlingstor, final wird sie von der Sternenjungfrau begnadigt, die auch Siegnot zu neuem gemeinsamen Leben im Liebesgarten erweckt.  Natürlich ist jede Ähnlichkeit mit Rheingold oder Siegfried richtig gehört. Ich finde aber, vom Genre her ist die Oper eher Dvoraks Rusalka vergleichbar.

Sicher ist, dass das vor Alliterationen nur so strotzende Libretto (wie nicht wenige deutschsprachige Libretti) ziemlich hölzern ist. Das ist schon dem Dirigenten Josef Keilberth aufgefallen, der diesem Manko durch ausgedehnte Striche abzuhelfen versuchte. Allerdings hat sich schon zuvor Bruno Walter vehement für die Oper eingesetzt. Die Wiener Erstaufführung  vom 6. April 1905 dirigierte immerhin Gustav Mahler in Bühnenbildern von Alfred Roller. 

Was die Musik anlangt, die viel weniger streng und also ganz anders als der monolithische „Palestrina“ klingt, gibt es zwar ausreichend Parallelen mit Wagners Bühnenwerken samt Leitmotivtechnik, der musikalische Fluss ist aber lyrischer.  Michael Schwalb spricht zutreffend von einem „eher kleinzelligen, aus dem romantischen Lied entwickelten Prinzip des Poetischen“. Ganz herrlich sind die Vorspiele,  besonders dasjenige zum ersten Akt. Erstaunlich, mit welch hoher Qualität die Robert-Schumann-Philharmonie das Flirren und Lichtdurchwobene der musikalischen Naturbeschwörungen in schillernde „Klangfarbenmelodien“ zu übersetzen vermag. 

Diese Oper ist ein Glücksfall für die CD. Man spart sich eine mehr oder weniger peinliche Inszenierung, kann sich ganz auf den musikalischen Fluss, die vielfältigen teils auch hochoriginären Eingebungen konzentrieren und sich auch einmal über die  mangelnde Textdeutlichkeit der Sängerschaft freuen. Gesungen wird nämlich ganz ausgezeichnet. Allen voran überzeugt Eric Caves in bester James King-Attitüde als silbrig heldentenoraler Held Siegnot. Seine angebetete Minneleide, Elfe von Quellenstein, wird von der dramatischen Sopranistin Astrid Weber rollendeckend und ungeachtet leichter Schärfen in der Höhe vokal eindringlich  gestaltet. Der junge finnische Bass Kouta Räsanen darf dunkel-mächtig in die Rollen des Waffenmeisters, Edeling vom Liebesgarten, und vor allem des Nacht-Wunderers schlüpfen und als düsterer Finsterling beeindrucken. In weiteren Rollen reüssieren Andreas Kindschuh (Sangesmeister, Edeling vom Liebesgarten), Jana Büchner (Schwarzhilde, Waldweibchen, Dienerin der Elfe), Tiina Penttinen (Rotelse) und André Riemer (Der Moormann, Sumpfbewohner). Das Hauptlob aber gebührt dem umsichtigen Dirigat des Frank Beermann, der Wagner-erfahren, für die richtige Balance aus dramatischer Klammer und detailbesessener Binnenspannung, Klangsinnlichkeit und struktureller Klarheit sorgt. 

Fazit: Eine überaus lohnenswerte Begegnung. Für alle Avantgarde Liebhaber sei noch hinzugefügt, dass die bei der Wiener Premiere anwesenden Komponisten Alban Berg, Anton von Webern und Arnold Schönberg in ihren Werken (erstes der Fünf Orchesterstücke von Webern, Invention über den Ton h bei Maries Todesszene im Wozzeck und Fünf Orchesterstücke Op. 16 von Schönberg) bewusst musikalische Anleihen aus dieser Pfitzner Oper genommen haben. Nasenrümpfen ist also nicht angesagt.

Dr. Ingobert Waltenberger

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KLAVIERWERKE FÜR DIE LINKE HAND

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KLAVIERWERKE FÜR DIE LINKE HAND – Anthologie, Vol. 6, Ad Vitam records CD

Der frz. Pianist Maxime Zecchini mit einem ungewöhnlichen Aufnahmeprojekt

 Die Serie „Klaviermusik für die linke Hand“ (Oeuvres pour la main gauche) gespielt von einem frz. Pianisten/Komponisten mit italienischen Wurzeln (allerdings ohne Handicap der zweiten Hand) hat auch in der bei Vol. 6 angelangte Folge nichts von der eigenwilligen Faszination des Genres eingebüßt. Die Mehrzahl der aufgenommenen – überwiegend populären – Werke stellen Transkriptionen dar. Nur der „Valse d’Adèle“ und die „Viennese Pranks“ von Geza Zichy (der Komponist büßte seinen linke Hand im Alter von vierzehn Jahren bei einem Jagdunfall ein), die Étude OP. 92 Nr.4 von Moritz Moszkowsky und „Hungary‘s God“ von Franzt Liszt ( der das ursprüngliche Lied für Bariton und Klavier selbst bearbeitet hat) können als genuine Schöpfungen für Klavier für die linke Hand gelten.

 Auf jeden Fall ungewohnt, bisweilen karg und reduziert, bisweilen erratisch simpel bis erstaunlich orchestral, kommen die Stücke daher. Jenseits aller virtuosen Hörgewohnheiten muss eine Hand das leisten, was im Normalfall dem komplexen Miteinander beider Hände geschuldet ist. Da verstört schon einmal der Beginn des „Allegrettos“ der siebenten Symphonie von Ludwig van Beethoven (Bearbeitung Artur Cimirro) durch harte in der Luft stehende pedallose Klänge, genauso aber verblüfft eine brillante Fuge oder das gespenstisch-flirrende Treiben auf dem Ball in Camille Saint-Saëns „Danse macabre“ (für linke Hand ebenfalls bearbeitet von Artur Cimirro).

Nichts ist so, wie es das die Imagination suggerieren könnte: In der Paraphrase von Georges Pfeiffer auf Giuseppe Verdis „Il Trovatore“ (Miserere) und der Mediation aus „Thaïs“ von Jules Massenet (Transkription von Hiroyuki Tanaka und Takeo Tchinai) herrscht weniger Melodienseligkeit und romantisches Gesäusel, sondern ein hochstrukturiertes Spiel mit allen dynamisch-anschlagstechnischen Finessen, die Altbekanntes wie neu erscheinen lassen. Nicht minder überzeugend geraten die perspektivisch überraschenden Sichtweisen auf die Pièce Lyrique „Arietta“ Op. 12 Nr.1 von Edvard Grieg, die gerade einmal 27 Takte lange „Prélude“ von Maurice Ravel (beide bearbeitet von Hiroyuki Tanaka) oder das kaum bekannte spanisch folkloristische „Malgré tout“ des Mexikaners Manuel Ponce.

Die 2016 im Maison de l’Orchestre National de L’Ile-de-France aufgenommene CD ist auch klangtechnisch die reinste Freude.

Dr. Ingobert Waltenberger

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ANTONIN DVORAK: MESSE IN D-Dur, TE DEUM

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ANTONIN DVORAK: MESSE IN D-Dur, TE DEUM – NAXOS CD

Verborgene Juwelen aus dem Schaffen geistlicher Musik Dvoraks

Wer das Requiem oder das Stabat Mater von Dvorak liebt, wird auch besonders an der Messe in D, Op 86, und dem Te Deum des böhmischen Meisters Gefallen finden. Die gar prächtige Messkomposition, im Auftrag von Architekten und Freund Josef Hlavka anlässlich der Einweihung von dessen neugebauter Schlosskapelle auf Schloss Luzany entstanden (bei der Uraufführung sang Dvoraks Frau Anna den Mezzopart), gibt es in der Fassung für Chor, Soli und Orgel- bzw. Orchesterbegleitung. Der Verlag Carus hat eine weitere Bearbeitung für Bläserquintett (Flöte, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott) herausgegeben, die auch auf CD gehört werden kann.

Die neue CD von Naxos greift auf die Orchesterfassung zurück. Die Aufnahme – in Pamplona in Spanien 2015 mit dortigen Ortskräften entstanden – mit dem Orquestra Sinfónica de Navarra, dem Chor Orfeón Pamplonés und den Solisten Ewa Biegas (Sopran), Marina Rodríguez-Cusí (Mezzosopran), Javier Tomé (Tenor) und José Antonio López (Bariton), ist dank der hervorragenden musikalischen Leitung von Antoni Wit überaus hörenswert. Es wird mächtig zupackend und stimmungsvoll musiziert, die Basisstimmung ist wie im Te Deum von jubelnder, beinahe mediterraner  Unbeschwertheit, mit melancholisch-feierlichen slawisch grundierten Einsprengseln aus „Böhmens Flur und Hain“. Der Chor ist in den dramatischen Passagen präsent und griffig, die Solisten bemühen sich nach Kräften und mit Anstand.

Das Te Deum für Orchester, Chor, Sopran und Basssoli entstand in New York zur 400-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Ursprünglich hatte Jeanette Thurber, die Präsidentin des New Yorker Konservatoriums, eine Kantate aus diesem Anlass bestellt. Mangels Übermittlung eines geeigneten Textes, schuf Dvorak „eigenmächtig“ das wunderbare Te Deum, das am 21. Oktober 1892 in der Carnegie Hall mit über 250 Sängern uraufgeführt wurde. Hymnisch wird Gott gepriesen, mit Pauken und allem vorstellbaren Klangluxus. Die harmonische Meisterschaft kommt dabei ebenso zum Ausdruck wie Dvoraks raffinierte Instrumentationskunst. Dass dieses eingängige Stück nicht ein Dauerbrenner in unseren Konzertsälen ist, ist kaum zu glauben.

Wer sich über diese verdienstvolle und auch sehr schöne Naxos CD hinaus für das geistliche und Kantatenwerk Dvoraks interessiert, dem sei die 8 CD-Box von Surpraphon  „Sacred Works & Cantatas“ ans Herz gelegt, die ebenso mit bestens musizierten Einspielungen des Te Deums und der Messe in D-Dur unter Vaclav Smetaceks Leitung aufwarten kann.

Dr. Ingobert Waltenberger

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MEISTERHAFTE PIANISTEN

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MEISTERHAFTE PIANISTEN – Generationenablöse bei den Tastentigern – Rémi Geniet, Julien Brocal und Severin von Eckardstein

Der Tonträgermarkt schwappt derzeit über vor Entdeckungen junger teils außerordentlicher Künstlerinnen und Künstler, vor allem auf dem Gebiet Klavier solo und Kammermusik mit Klavier. Drei von den überaus charaktervollen Interpreten der Musik Beethovens, Schumanns und Chopins seien hier mit ihren neuen Alben vorgestellt.

RÉMI GENIET spielt die Beethoven-Klaviersonaten Nr. 2, 9, 14 („Mondschein“) und 31; MIRARE CD 

Wie als Muster der stilistischen und systematischen Entwicklung Beethovens hören sich die überaus präzisen Sichtweisen des jungen französischen Pianisten Rémi Geniet der vier Klaviersonaten Beethovens an. Sind beim Op. 2/2 noch Anklänge an Haydn und dessen barocke Wurzeln wahrnehmbar, so vermag Geniet auch die romantischen und experimentellen Saiten in Beethovens Klangkosmos zum Schwingen zu bringen. Das Spiel, ganz am großen Vorbild Glenn Gloud orientiert, lässt jeden Ton einzeln leuchten. Eine grundlegend rationelle Herangehensweise paart sich mit einer frei artikulierten Prosodie. Der Südfranzose sieht sich im Grunde als Erbe der russischen Klaviertradition. Das Familiäre des dort gepflegten lebenslangen Unterrichts fasziniert ihn. Uns als Hörer erstaunt die Reife des Spiels, das untrügliche Gespür für Proportionen, die hohe Anschlagskultur, der sprühende Esprit, der überzeugende Umgang mit den Rubati. Die renommierte französische Musikzeitschrift „Diapason“ hat dem Jungstar in ihrer Mai-Ausgabe sogar einen Zweiseiter gewidmet. Chapeau!

„Les états d‘Âme“ – JULIEN BROCAL spielt Chopin: 24 Préludes Op. 28, Sonate Nr. 2 Op. 35; RUBICON CD

Die Préludes Chopins sind wohl Ausdruck der wechselnden Gefühle, die den polnisch Komponisten zu Beginn seiner Beziehung mit der Schriftstellerin George Sand auf seiner Mallorca Reise plagten. Nach glückseligem Beginn wandelte sich der Aufenthalt wegen Kälte und Krankheit rasch in einen Albtraum. Julien Brocal lässt den Hörer in den 24 Préludes in allen Tonarten nach dem Muster des Wohltemperierten Klaviers des bewunderten Bach schon nach wenigen Noten in die jeweils ureigene Stimmung der großteils als Miniaturen konzipierten Stücke tauchen. Lyrisch gefühlvoll ist sein Spiel, voller spontaner Umschwünge, die Strukturen fest im Hinterkopf. Die Lehrerin  Maria João Pires kann wohl hochzufrieden mit der Kunst ihres Schützlings sein. Besonders hervorzuheben sind die emotionale Dichte und Ausdruckskraft, die auf die festen Fundamente einer tadellosen Technik sowie einer wohldosiert variierten Metrik bauen. Brocal ist ein Sänger auf seinem Instrument, er weiß um die Erzählkraft der Musik und deren dunkel grundierten Verse. Innerhalb des Zyklus sind alle Proportionen wohl abgewogen und stimmig. Im „Marche funebre“ der Sonate ist auch der kühne interpretatorische Mut da, der einen sogartig mitreisst. Müsste man sich vor einem solchen Urteil nicht hüten, könnte man sogar von eine Aufnahme mit Referenzcharakter sprechen. 

SEVERIN VON ECKARDSTEIN spielt Robert Schumanns Fantasiestücke Op. 111, Op. 12 und die Fantasie in C-Dur; CAvi-music CD

Der schon renommierte deutsche Pianist von Eckardtsein weiß in den träumerisch fantastischen Stücken vor allem mit einer mit zum Bersten aufgeladenen Innenspannung zu überzeugen. Die Verquickung polyphoner Elemente mit hochromantischer Klangrede, einfacher Genreszenerien mit dunklen enigmatischen Passagen gelingt ganz herausragend. Severin von Eckardstein ist hier, finde ich, der „Literat mit dem Pinsel“ unter den Interpreten, so sehr lugen hinter der Musik die mannigfaltigen inneren Bildnisse des Komponisten hervor. Und dennoch behält jede Phrase ihr Stück an Geheimnis, ihre Spiegelung im Dahinfabulierten, ihr störrisches Element. Severin von Eckardstein ist auch ein begnadeter Kammermusiker. Mit der neuen Schumann CD hat er wohl ein großen Coup gelandet. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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KAROL SZYMANOWSKI / CÉSAR FRANCK: Werke für Violine und Klavier

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KAROL SZYMANOWSKI, CÉSAR FRANCK: Werke für Violine und Klavier; AUDITE CD

Franziska Pietsch und Detlev Eisinger als kundige Pfadfinder zwischen den Welten

Mit „Experimenteller Spätimpressionismus trifft auf Romantik“  beschreibt Audite das dritte Album der beiden deutschen Kammermusiker aus (ehemals) Ostberlin  und West (München). Franziska Pietsch, die bereits mit elf Jahren an der Komischen Oper in Berlin spielte und später ihre Studien an der Juillard School in New York abrundete, sind (gesellschaftliche und politische) Kontraste in ihrem Leben wohl nicht unbekannt. Wie sie es vermag, der extremen Klangsprache in Karol Szymanowskis Romanze Op. 23 oder den Mythes Op. 30 irisierende Facetten zu entlocken, diesem „polnischen Strawinsky“ aber auch rhythmisch Paroli zu bieten, ist fantastisch. Dabei steuert Detlev Eisinger die impressionistischen Farben à la Debussy oder Ravel bei. Alle Exotik und Exzentrizität des Avantgardisten kommen exemplarisch zur Geltung. Die „Trois Poèmes pour Violon und Piano“ (=Mythes) gehen auf Szenen aus der antiken Mythologie („La fontaine d’Arethuse“, „Narcisse“, „Dryades et Pan“) zurück. Wie Norbert Hornig im Booklet trefflich beschreibt, verschmelzen „orientalische Klänge, Pentatonik, exotisch anmutende Melodiebildung und Ornamentik, spezifische Klangfarben und komplexe Rhythmik mit impressionistischen Stilelementen.“ Franziska Pietsch geht sogar so weit zu sagen, dass es in  den „Dryades et Pan“ auch um Chaos und Zerstörung geht. Für mich übersetzt das formidable Duo aber auch das Rauschhafte, Entfesselte und zuweilen Schwülstige ähnlich der Musik von Richard Strauss in einen aufgepeitscht-hitzigen musikalischen Fluss.

Bei der berühmten Violinsonate von César Franck in A-Dur darf sich der Hörer an der puren Schönheit der späten Eingebungen des belgischen Komponisten erfreuen und dem Ohr eine Ruhepause gönnen. Franck widmete das Stück als Hochzeitsgeschenk dem Geiger Eugène Ysaÿe, sie gilt als die bedeutendste französische Violinsonate des Fin-de-Siècle. Entspannen, Lauschen, Genießen!

Dr. Ingobert Waltenberger

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CÉCILE CHAMINADE: CALLIRHOE

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CÉCILE CHAMINADE: CALLIRHOE Ballet Symphonique; Concertstück für Klavier und Orchester; BBC Concert Orchestra –  DUTTON EPOCH SA-CD

Die Pariser Komponistin Cécile Chaminade hatte Musikunterricht nur zu Hause, bei ihrer Mutter und später Lehrern aus dem Konservatorium. Der Vater ließ die Tochter nicht offiziell studieren, weil sich das seiner Meinung nach für wohlerzogene Ladies nicht gezieme. Aber auch der dünkelhafte Upperclass-Papa konnte nicht verhindern, dass die Tochter eine erfolgreiche Tonsetzerin wurde, die über 400 Werke schuf; die meisten davon Salonminiaturen für Klavier solo und Lieder/Mélodies. Auf der Jaroussky CD „Opium“ sind die Interpretationen des frz. Countertenors der Lieder „Sombrero“ und „Mignonne“ nachzuhören. Chaminade schrieb auch eine Opera comique (La Sévillane), Kammermusik  (von den Klaviertrios gibt es sogar mehrere Einspielungen) und Orchesterwerke.

1888 entstanden sowohl die Ballettmusik Callirhoe (Uraufführung Marseille 16.3.) als auch das Concertstück (Uraufführung Antwerpen 18.4.). Immerhin konnte sie nach dem Tod ihre Vaters mit den Einnahmen aus der Aufführung ihrer Werke einen entschiedenen Anteil zum Familienbudget beitragen. Ende des 19. Jahrhunderts tourte Chaminade als Konzertpianistin durch Frankreich, die Schweiz, Belgien und Holland, später auch durch die USA. 1913 wurde sie als erste Komponistin Mitglied der Ehrenlegion im Rang eines Chevaliers. Nach dem ersten Weltkrieg fiel ihr Werk dem Vergessen anheim. 

Dank der Neugier von Martin Yates und dem großartigen BBC Concert Orchestra kann dem ausladenden Ballet Symphonique Op. 37 (62 Minuten Spielzeit) jetzt als Weltersteinspielung auf CD mit Bewunderung gelauscht werden. Die typische Balletthandlung, die Vorwand für allerlei Tanznummern ist, geht so: Callirhoe („die Schönfließende“) ist Gefangene in Alcmaeons Garten nahe dem Meer. Sklaven führen mehrere Tänze auf. Ein Sturm zieht auf, der Held Alcmaeon spielt mit Selbstmordgedanken, weil Callirhoe ihn nicht beachtet. Nach einem Opfer an die Liebesgöttin Venus, taucht dieselbe mit Entourage bei Sonnenaufgang im Garten auf. Klar, dass Venus sich der Sache annimmt und nach allen möglichen Divertissements, Variations, Danses Orientales alles auf ein Happy End zusteuern soll. Doch die an Heimweh leidende Callirhoe widersteht noch immer und wird dafür von Venus in eine Statue am Brunnen verwandelt. Nach allerlei Hin und Her mit dem Hirtenpaar Myrtha und Lycidas  erwacht die Statue wieder zum Leben. Callirhoe hat alles vergessen, sie liebt nun Alcmaeon. In einem  Walzerfinale, das es mit Tschaikovskys schönsten Inspirationen aufnehmen kann, verehren alle die Göttin Venus in einer Apotheose mit Cupidos, heiligen Jungfrauen, Soldaten und Priestern. Auch eine Jakobsmuschel à la Botticelli darf nicht fehlen. 

Chaminade pflegt einen hochromantischen Stil, ihr Gespür für dramatische Situationen, Instrumentierung, Effekte, und tänzerische Vielfalt sind enorm. Es fehlen weder Leidenschaft wie in Prokofievs Romeo und Julia noch dessen wilde Rhythmen. Anhand des einsätzigen Concerstücks für Klavier und Orchester Op. 40, gewidmet der Pianistin Louise Steiger kann nachvollzogen werden, was für eine formidable Virtuosin Cécile Chaminade gewesen sein muss. Der in Sizilien geborene Victor Sangiorno spielt auf dem neuen Album den anspruchsvollen Klavierpart comme il faut. Stilistisch sind Ähnlichkeiten  mit dem Klavierkonzert von Delius auszumachen. Exotisch klingende Harmonien weisen auf Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Bloch hin. Das Concerstück ist so wie das Ballet Symphonique jedenfalls ein bedeutneder Beitrag zur romantischen Schule des 19. Jahrhunderts. Erfreuen wir uns ohne jedes „was wäre wenn“ an der melodiösen Eingebung, der pianistischen Tour de Force, der hohen Erzählkraft dieser Musik. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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THE ALEHOUSE SESSIONS

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THE ALEHOUSE SESSIONS _ BJARTE EIKE; BAROKKSOLISTENE; Rubicon CD oder LP

The Alehouse Boys, norwegische Formation der Sonderklasse, geben der Londoner Ära der Kneipen-. und Bierstubenmusik frisches Leben

„Man mag es ein Haus der Sünde nennen, aber nicht ein Haus der Finsternis, denn die Lichter löschen niemals aus, und es gleicht jenen Ländern hoch im Norden, wo es um Mitternacht so hell ist wie am Mittag.“ Zitat aus der „Microcosmographie“ des englischen Bischofs John Earle von 1628

Auch berühmte Komponisten wie Henry Purcell nahmen an solchen alkoholgeschwängerten Musikabenden teil und schrieben für solche Anlässe passende Werke. Mit dem Ausbruch des englischen Bürgerkriegs 1642 wurden die Kirchen- und Hofmusiker aus ihrem Dienst entlassen. Das Musizieren gegen Geld war plötzlich verboten. Diese Leute sahen sich gezwungen, in Pubs ein neues Publikum zu suchen. Es entstanden die „Musick-Houses“, die ersten öffentlichen Konzertorte in England. Die Veranstaltungen wurden so beliebt, das Oliver Chromwell 1657 ein neues Dekret erließ, das das Betteln und Hausieren der Musiker in Wirtshäusern, Schenken und Kneipen unter Strafe stellte. Da die Nachfrage nach musikalischer Unterhaltung in Trinklokalen hoch war, wurde statt Instrumentalmusik (einfache Geigen- und Flötenmusik) Vokalmusik, also mehrstimmige Lieder und Balladen, schmutzige Rundgesänge und Canons dargeboten. Erst 1660 mit  Wiedereinsetzung der Monarchie unter Charles II. änderte sich alles, der neue König öffnete die Theater wieder, holte die Kirchenmusiker zurück und unterhielt ein eigenes Orchester. Die „Alehouse Konzerte“ blieben aber weiterhin bestehen, im 18. Jahrhundert bewarben Veranstalter zunehmend ihre Kneipenkonzerte.

Wie es damals bei diesen „Konzerten“ zugegangen sein muss, schildert Bjarte Eike plastisch: „Da wurde bis zum Abwinken Musik gemacht, getrunken, geflirtet, getratscht, gerauft, gequalmt, gesungen, gelacht, getanzt, gegrölt… fast wie bei unseren eigenen „Alehouse Sessions“.

Mit und in den „Alehouse Sessions“, 2007 ins Leben gerufen, wollten die Barokksolistene jene Musik neu interpretieren, die während und nach der Zeit des Commonwealth in englischen Wirtshäusern gespielt wurde. Es soll kein Konzept sein, sondern ein kreativer Raum, der ständig umgestaltet wird, je nachdem als Aufklärungsprojekt, Musiktheater, improvisiertes Happening, Show oder Bildungsveranstaltung. Es geht um die Wiederbelebung des Musikstils im 17. Jahrhundert, der sich in den Kneipen und Bierstuben Englands entwickelte. Die Barokksolistene/„Alehouse Boys“ (Violine, Viola, Gitarre, Cembalo, Harmonium, Schlagzeug, Kontrabass, Gesang) spielen Musik aus England, Irland, Schottland, Skandinavien, gleichermaßen niedergeschriebene Kompositionen, traditionelle Weisen und Arrangements von Volksliedern. 

Die Spielweise von Bjarte Eike und Freunden ist voller unbändiger Energie und tänzerischer Rhythmen, sie erinnert an einen Mix aus Alter Musik, Folk und Jam Sessions. Auf der in eine großformatige Hülle gepackten CD sind Arrangements von Stücken aus der Sammlung John Playfords, aus der Feder Henry Purcells, Turlough O‘Carolans sowie englische „sea shantys“ und schottische Lieder aus dem 17. Jahrhundert zu hören. Acht reinen Instrumentalnummern stehen fünf Songs/Balladen gegenüber. In Liedern wie „Lead me“, „I drew my ship“ (mein Lieblingsstück) oder „Leave her Johnny“ kommt auch die melancholische Seite der Musik bestens zum Ausdruck. Natürlich darf auch ein Gassenhauer wie „Pass around the Grog“ nicht fehlen. Den Hauptsänger der Truppe, Thomas Guthrie, muss man erlebt haben. So viel an schmachtender Sehnsucht, herzzerreißender Liebesglut und theatralischer Selbstironie ward wohl noch nie vernommen. 

Ein großartiges Album, das möglicherweise alles, jedoch sicher niemals langweilig ist. Den Musikern gelingt es, die Konzertstimmung direkt ins Wohnzimmer zu transferieren. Ein kräftiges musikalisches Zeichen gegen schmalllipige Interpretations-Orthodoxie, für die Macht der Improvisation und sinnlichen-prallen Musizierens. I love it.

Dr. Ingobert Waltenberger

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JOHANN SEBASTIAN BACH: DIE KUNST DER FUGE

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JOHANN SEBASTIAN BACH: DIE KUNST DER FUGE – Oehms Classics 3 LPs

in der Fassung von Hans-Eberhard Dentler; Ensemble L‘Arte della Fuga

Flucht bzw. Fuge nach Plotin: „Die Rückkehr der Seele zu Gott“

In einer limitierten Edition von 1.000 Stück wird akustisch dem Enigma dieses absoluten Meisterwerks Bachs nachgegangen. Der spiritus rector des Unterfangens, Hans-Eberhard Dentler (Schüler von Pierre Fournier und Gründer einer Bach-Gesellschaft in Italien, hat sich viele Jahre mit dem Opus beschäftigt), schreibt: „ Das Fehlen von sonst bei jeder Komposition selbstverständlichen Angaben wie Titel, Name des Autors, Besetzung und das auffällige Fehlen von Satzüberschriften bei den ersten acht Fugen in der Reinschrift entspricht einem mit musikalischen Mitteln formulierten Rätsel.“ 

Bei der Instrumentierung hat Dentler weniger aus praktikablen, denn philosophischen Gründen die Besetzung mit Violine, Viola, Violoncello, Fagott und Kontrabass als bestmögliche Art gesehen, der Musik ihr Ureigenstes zu entlocken, sie zum Leuchten zu bringen. Das hat nichts mit historischer Aufführungspraxis zu tun, vielmehr interessiert den Bearbeiter „der auf der Art der Stimme beruhende Instrumententypus, welcher aus der historisch unvermessenen Zeit hervortritt.“ Das pythagoreische Musikdenken, das zur Lösung des Rätsels bemüht wird, ist kognitiv interessant, hilft aber nicht, dem Akt des hingebungsvollen Hörens irgend etwas hinzuzufügen.

 Die im Herbst 2016 in der Klosterkirche St. Wallburg (Eichstätt) und der Schlosskirche Ellingen entstandene Aufnahme spiegelt alle Contrapunkte, Fugen und Canons im ewig blauen Licht einer mit großer Ernsthaftigkeit vorgetragenen universellen Botschaft. Im besten Sinne als streng bezeichnet werden kann das Spiel der fünf Musiker (Hans-Eberhard Dentler Violioncello; Carlo Parazzoli Violine, Raffaele Mallozzi Viola, Francesco Bossone Fagott, Antonio Sciancalepore Kontrabass). Nicht alles gelingt gleich gut, die Violine kämpft bisweilen mit der Intonation (Beginn des Canons all‘Ottava). Aber der Zusammenhalt im Spiel der Stimmen, die intensive Spannungsklammer der Wiedergabe, das Zurücktreten der Interpreten vor dem Absoluten der Musik, machen diese Neuaufnahme zu einem besonderen Hörerlebnis. Der Ton ist bisweilen hallig, die Fertigung der LPs auf schwerem Vinyl vorzüglich. Wie heute üblich, ist der LP-Luxusbox in edler Leinenoptik auch ein gratis Downloadcode für HiRes Audiofiles zu entnehmen. Ein umfangreiches Booklet mit zahlreichen Abbildungen, nummeriert und handsigniert von Hans-Eberhard Dentler, ergänzt die gediegene Edition. Das Album ist auch in einer CD-Version verfügbar.

Musik, um die Seele fliegen zu lassen, weg vom Alltag hin in das Zauberreich der ineinander gedrechselten, in Steinplatten gemeißelten Töne, wo nicht mehr erklärt werden muss. 

Dr. Ingobert Waltenberger 

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HEINRICH ISAAC nell tempo di Lorenzo de‘ Medici & Maximilian I

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HEINRICH ISAAC nell tempo di Lorenzo de‘ Medici & Maximilian I – AliaVox CD

Jordi Savall: Hommage an einen der größten Komponisten der Renaissance zum 500. Todestag

Die neueste der wie immer sorgfältig programmierten und historisch aufschlussreichen CDs des umtriebigen katalanischen Musikers Jordi Savall ist dem franko-flämischen Komponisten Heinrich Isaac gewidmet. Savall zeichnet musikalisch den Weg Isaacs 1469 bis 1519 chronologisch nach. Die Hauptstationen in der Zeit waren Florenz (auf Einladung von  Lorenzo il Magnifico) und Wien, wo er der wichtigste Komponist am österreichischen Hof des Habsburgerkaisers Maximilians I. war.

Ein Meister des Kontrapunkts und der Polyphonie, hinterließ Isaac ein unvergleichlich umfangreiches Oeuvre sakraler und weltlicher Musik. Lange dem Vergessen anheimgefallen, ist es der spätere Zwölftonmeister Anton Webern, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Rahmen seiner Dissertation an der Universität Wien mit der Sammlung von Chorgesängen „Choralis Constantinus“ befasste und die „große Lebendigkeit und Unabhängigkeit der einzelnen Stimmen“ im Rahmen komplexer Formen der Polyphonie lobte.

Die CD gibt einen Überblick über Schlüsselerlebnisse im Leben des Musikers sowie die wesentlichsten historischen Anlässe, zu denen seine Musik komponiert und aufgeführt wurde. Savall: „So illustriert „A la battaglia“ die Schlacht zwischen Genua und Florenz um die Festung Sarzanello. Der erschütternde Klagegesang „Quis dabit capiti meo aquam“ entstand anlässlich des Todes von Lorenzo de‘ Medici.“

Natürlich darf auch das berühmte „Innsbruck, ich muß dich lassen“ auf dem Album nicht fehlen. Im florentinischen Karnevalslied „Hora e di maggio“ soll Isaacs Ankunft in Florenz und seine spätere Heirat sinnbildlich erklingen. Die große Motette „Sancti spiritus assit nobis gratia“ wurde zu Ehren Maximilians I. zu Beginn des Reichstags von Konstanz geschrieben. Die Krönung des Giovanni de‘ Medici zum Papst Leo X. darf die Motette „Optime divino, da pacem, sacerdos et pontifex“ symbolisieren. Als reine Instrumentalkompositionen sind auf der CD neben „A la battaglia“ die Fanfare der Medici „Palle, palle“ und die Motette/Instrumental-Canzone „La Mi La Sol“ zu hören.

Wie immer, steuern die diesmal verstärkten Ensembles Capella Reial de Catalunya und Hesperion XXI., treue musikalische Weggefährten Savalls, ihre Leidenschaft, ausdruckintensive Gesangskünste und orchestrale Kunst bei. Das Instrumentalensemble ist mit 6 Blasinstrumenten, 4 Bratschen, Orgel, Laute und Schlagzeug in der Lage, auch pompöse Anlässe wie Kaiserkrönungen oder Reichstage mit entsprechender Feierlichkeit und in aller Farbenpracht zumindest akustisch erstehen zu lassen. Die neue CD ist sowohl wegen ihres Repertoirewerts als auch der wissenschaftlich und historisch fundierten und gut lesbaren Aufsätze (Stefan Gasch) höchst empfehlenswert.

Dr. Ingobert Waltenberger

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HANS ROSBAUD dirigiert RICHARD WAGNER

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HANS ROSBAUD dirigiert RICHARD WAGNER, SWR Classic CD

Südwestfunkorchester Baden-Baden; Originalbänder 1955-1959 Remastered

Erstveröffentlichung

Der gebürtige Grazer Hans Rosbaud war ein musikalisches und Sprachen-Multitalent. Er glänzte nicht nur als fantastischer Pianist, sondern spielte viele Orchesterinstrumente, fünf Sprachen soll er fließend beherrscht haben. Karriere machte er aber nicht in Österreich, sondern in Deutschland und in Frankreich. Nach dem Krieg begründete er gemeinsam mit Ernest Bour die Festspiele in Aix-en Provence. Seine Stationen waren nach dem Studium am Konservatorium in Frankfurt am Main, der Posten des Direktors der Musikhochschule Mainz und die Leitung des dortigen Sinfonieorchesters. 1928 wechselte er zum Südwestdeutschen Rundfunk in Frankfurt, Stationen in Münster und Straßburg folgten.

Die musikhistorische Bedeutung basiert auf Rosbauds Engagement für zeitgenössische Musik. 1954 dirigierte er die konzertante Uraufführung von Schoenbergs Moses und Aron in Hamburg, auch die szenische Uraufführung 1957 in Zürich fand unter seiner Stabführung statt. Aber Rosbaud auf dieses Repertoire, das er erfolgreich auch in Donaueschingen pflegte, zu reduzieren, wäre einseitig. Neben Mozart in Aix-en Provence hat Rosbaud mit Leidenschaft und Hingabe auch die Werke von Anton Bruckner, Gustav Mahler und Richard Wagner dirigiert. Manche werden den von ihm geleiteten Meistersinger Mitschnitt der RAI aus dem Jahr 1955 mit Hans Hopf, Elisabeth Schwarzkopf und Otto Edelmann kennen. Die vorliegende CD stellt Rosbaud als interessanten Wagner Instrumental-Interpreten ins Rampenlicht. Zu hören sind die erstmals aus den Archiven geholten Ouvertüren zu Rienzi, zum Fliegenden Holländer, zu Tannhäuser und die Vorspiele zu Lohengrin (1. und 3. Akt), zu Parsifal und die Einleitung zum dritten Akt der Meistersinger von Nürnberg.

Jede Pauschalierung verbietet sich natürlich, aber um es anschaulicher erklären zu können, sei gestattet anzumerken, dass Rosbauds Wagner-Sicht primär stark intellektuell mit der Partitur unter der Lupe geprägt ist. Sofort auffällig sind die extremen dynamischen Ausschläge und das helle Klangbild. Schon bei der Rienzi Ouvertüre scheint die Zeit manchmal still zustehen, nur um dann in einer kunstvoll aufgebauten, langsamen Steigerung rasant dem Finale entgegenzueilen. Diese Fertigkeit, Bögen zu spannen, verbindet ihn mit Knappertsbusch. Die Klangtextur selber ist aber jederzeit transparent und sachlich. Die allerhöchste Akribie, die Durchhörbarkeit auch in den großen Aufschwüngen, das wie ein Uhrwerk präzise Erarbeitete und kontrolliert Passionierte sind Rosbauds Wagner-Interpretationen ebenfalls inhärent. Es ist einigermaßen verwirrend, Wagner so zu hören. Vor allem die eigenwillige Temporegie ist so eine Sache, die man mögen kann oder auch nicht.

Für das Vorspiel zu Wagners Parsifal braucht Rosbaud 13,26 Minuten und ist damit am langsamen Rand der Vergleichsskala. Von allen Aufnahmen, die ich habe, sind nur Knappertsbusch (Bayreuth 1951) und Karajan (Studioaufnahme) mit 14,14 Minuten, sowie Sir Mark Elder mit 14,10 Minuten noch gedehnter. Kubelik braucht in seiner Aufnahme mit dem Bayerischen Rundfunk 12,04 Minuten, die Flottesten sind Pierre Boulez (Bayreuth) mit 10,27 Minuten und, wer hätte es gedacht, Christian Thielemann an der Wiener Staatsoper mit 11,03 Minuten Spielzeit.

Die hohe Qualität in der Wiedergabe liegt aber wie schon angedeutet in der Beherrschung des Apparats, dem „Drill“ könnte man fast sagen, und in der starken Eigensicht auf die so oft gespielten Partituren. Das Klangbild ist trotz des Remasterings historisch, authentisch und klar. Eine interessante Neuerscheinung, die nicht nur das akustische Vermächtnis eines bedeutenden österreichischen Dirigenten erweitert, sondern auch der Interpretation manch reiner Orchesterstücke Wagners eine höchst eigenwillige, aber anregende Spielvariante hinzufügt.

Dr. Ingobert Waltenberger

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