Der Neue Merker

CHOPIN, CHOPIN, CHOPIN – Empfehlenswerte Neuerscheinungen

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CHOPIN, CHOPIN, CHOPIN – Empfehlenswerte Neuerscheinungen

Frédéric Chopin: VALSES – MARTIN IVANOV – spektakuläres Debüt GRAMOLA CD

Alles Walzer! Erstaunlich, wie ein junger Bulgare die 17 berühmten Walzer von Chopin im Grunde so unendlich tänzerisch angeht, als hätte er alle Zeit seines Lebens auf Wiener oder Pariser Bällen verbracht. Da stimmt alles: Seliger Schwung, Rubati, Sentiment, unmerkliches Innehalten und umso forscheres Drehen. Man höre nur den einleitenden Walzer in Es-Dur und schon ist der Hörer mitten in diesem verträumten musikalischen Universum gefangen. Natürlich weiss Ivanov um den Konzertcharakter, das Virtuose und Brillante, ja Weltumspannende dieser über die bloße Form des Tanzes weit hinausgehenden Stücke. Die unendliche Melancholie in der Valse in A-Moll, das Leichte, Spielerische und Unbeschwert-Träumerische des Walzers in F-Dur, das Perlend-Schwebende und doch Rasante im „Minutenwalzer“ in Des-Dur. Mit welch unfehlbarer Technik, welch hohem Musikantentum und traumwandlerischer Stringenz im Vortrag Martin Ivanov sich all diese Walzer angeeignet hat, ist atemberaubend. Da braucht sich der Hörer keine Sorgen um die richtigen inneren Proportionen oder die optimale Balance in den Tempi machen. Alles atmet, keine Sekunde kommt das Gefühl von Virtuosität und Kunstfertigkeit als Selbstzweck auf. Mit dem Pedal geht er sparsam um. Und dort, wo es allzu gefühlig werden könnte, wie etwa im „Abschiedswalzer“ in As-Dur, da spannt Ivanov einfach die Flügel auf und lässt diese Valse als Reminiszenz an ein Adieu golden aus der Ferne schimmern. Nicht nur die Franzosen werden diese CD lieben. Top!

Chopin: LES ÉTATS D‘ÂME, 24 Préludes OP. 28, Sonate Nr.  2, OP. 35 – JULIEN BROCAL, RUBICON CD – noch ein faszinierendes Tonträger-Debüt

Julien Brocal ist ein fantasievoller nachdenklicher Poet auf dem Flügel. Wie der begabte Südfranzose in den 1838/1839 entstandenen Kompositionen (die aufkeimende Beziehungen zu George Sand und der katastrophale Winter auf Mallorca waren hier im wahrsten Sinne des Wortes tonangebend) die Gemütslagen des Komponisten offenlegt, wie Brocal einen großen erzählerischen Bogen über die 24 großteils pianistischen Miniaturen der Préludes spannt, und dennoch jede wechselnde Stimmung, jeden Ausdruck überaus präzise trifft, zeugt von großer Intuition und lyrischem Sinn. Die leisen, feinen Töne, das gekonnte Wechselspiel zwischen Zurückhaltung und Loslassen bestimmen Brocals Vortrag, zudem das Introvertierte, Rätselhafte, bisweilen Verschämte. Keine Bange: Auch das Spontane, das Aufrauschend-Kochende und Leidenschaftlich-Wilde etwa in den Préludes 12, 14 oder 18, kommen nicht zu kurz. Insgesamt vermeint der Hörer jedoch einem intimen Gespräch zu lauschen. „Was wirklich bewegt, sind die versteckten Botschaften, die gehört, aber weder quantifiziert noch qualifiziert werden können“, meint der Pianist. Wie ein Goldschmied zieht Brocal die dramaturgischen Fäden auch hin zur Klaviersonate, wo er die pianistische Amplitude weiter ausschwingen lässt. 

Aber Julien Brocal ist ebenso ein Musiker, der sich Gedanken um gesellschaftliche Verantwortung macht. Gemeinsam mit der portugiesischen Pianistin Maria João Pires, mit der Brocal schon viele Konzerte gegeben hat, wurde das Partitura Project ins Leben gerufen. Es handelt sich um eine Bewegung, in der Künstler ihre Rolle und Verantwortung in ästhetischer, ethischer, sozialer pädagogischer oder spiritueller Hinsicht hinterfragen. Dass dürfte in einer Gesellschaft, wo viele Werte den Bach runter zugehen scheinen, ein besonders bemerkenswerter und wichtiger Ansatz zu sein. Auch Kunst lebt in keiner Blase.  

Chopin Legacy: KOTARO FUKUMA – 24 Préludes Op. 28, Sonate Nr. 3 h-moll, Op. 58 – ARS Production SACD 

Der in Berlin lebende Japaner Kotaro Fukuma will mit seinem neuen Album zwei Lebenszyklen verbinden: Der erste beginnt mit den 24 Préludes und endet mit der Berceuse, ein Stück, das für ihn wie ein Aufstieg in den Himmel klingt. Mit der Contredanse beginnt ein neuer Abschnitt, ein zweiter Zyklus, der mit dem Finalsatz der h-moll Sonate triumphal abschließt. Der sympathische Fukuma pflegt einen extrovertierten Stil, stellt das Dramatische und Widerstrebende der Musik Chopins in den Vordergrund, er scheut auch extreme dynamische Gegensätze nicht. In seiner Interpretation der Préludes kommt der experimentelle Charakter dieser Musik sehr gut zum Tragen.  Chopin hatte ja Bachs Wohltemperiertes Klavier zum Vorbild genommen und Stücke in allen Dur- und Molltonarten geschrieben. Kotaro Fukumo, der in seinem Ansatz wohl distanzierter und nüchterner als sein Kollege Julien Brocal wirkt, gelingt beispielhaft, die stilbildende Komponente dieser vollendeten Musik auf avantgardistische Komponisten wie Skrjabin, Szymanowski oder Debussy verständlich und hörbar zu machen. 

Die Bandbreite des Ansatzes und der pianistischen Mittel bei Fukuma ist stupend. Die Berceuse in Des-Dur, Op. 57 beginnt beispielsweise mechanisch wie eine Spieluhr, um ganz romantisch auszuklingen. Am beeindruckendsten gelingt Fukuma die Sonate Nr. 3 in h-moll, wo er Strukturen in aller Tiefe offenlegt und vielleicht auch mit manchen Hörgewohnheiten bricht. Mit der vorliegenden CD, seiner zehnten übrigens, die auch sein Debüt beim engagierten Label ARS Productions markiert, sollte auch eine Japan Tournee promotet werden, wo Fukuma die h-moll auf das Programm setzte. Auch Fukuma ist ein ernsthafter Künstler, der eine wichtige Botschaft bereit hält: „Die wichtigste Aufgabe eines Künstlers sehe ich heute darin, Menschen Hoffnung fürs Leben zu geben. Es gibt so viel Stress, Terror, Angst, Sorge aber auch Isolation in dieser Welt. Musik kann Menschen versammeln. Sie ist der schnellste Kommunikationsweg zwischen Herzen. Daran glaube ich, egal ob ich im Konzert spiele oder eine CD aufnehme.“ Ein wunderbares Statement, dem wir uns vollinhaltlich anschließend wollen!

Dr. Ingobert Waltenberger

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SIEGMUND von HAUSEGGER: BARBAROSSA

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SIEGMUND von HAUSEGGER: BARBAROSSA, Hymnen an die Nacht; cpo CD

Symphonische Dichtung in drei Teilen, drei Orchesterlieder

Wer hoch- bis spätromantische Musik von Wagner, Bruckner bis Mahler und Strauss mag und weder vor Epigonentum noch Deutschtümelei zurückschreckt, der wird auch Gefallen an der vorliegenden CD finden. Die 1897 erlassene Badenische Reform betreffend „die sprachliche Qualifikation der bei den Behörden in Böhmen angestellten Beamten“ ist beim deutschsprachigen Teil der Bevölkerung auf wütende Proteste gestoßen. Der Grazer Dirigent und Komponist Siegmund von Hausegger, der ab 1920 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker war, nahm dies aus persönlichem Erleben zum Anlass, eine symphonische Dichtung im Stile Franz Liszts zu schreiben: „Barbarossa“ erzählt Geibels Ballade nach von der Sage des Kaisers Friedrich I, der aus jahrhundertelangem Schlaf erwacht das bedrängte Volk befreit. „Die Not des Volkes“, „Der Zauberberg“ und „Erwachen“ heißen dementsprechend die drei Teile. Diese Hauseggers zweite große Tondichtung wurde mit größtem Erfolg seinerzeit in München ur- und in Berlin zweitaufgeführt.

„Barbarossa“ ist keine Programmmusik im landläufigen Sinn, das Absolute der musikalischen Sprache orientiert sich an Stimmungen der poetischen Vorlage. Natürlich gibt es sie, die musikalische Assoziationen und Hörerinnerungen, etwa zu Bruckners vierter Symphonie, der Karelius Suite von Sibelius, der Klangsprache Franz Liszts, Raffs oder Rimsky Korsakovs bzw. der sechsten Symphonie von Gustav Mahler. Kompositorisch und ideologisch befindet sich der Hörer im Fahrwasser der nationalen Schulen, wie es sie u.a. noch in Russland, Polen, der Tschechoslowakei, Finnland, Ungarn oder England gegeben hat.

Zu den „Drei Hymnen an die Nacht“ nach Versen von Gottfried Keller steht im Booklet trefflich vermerkt, dass „sich in diesen Gesängen die Tugenden und Eigenarten ihres Schöpfers zu einem Gesamtbild fügen, in dem die vertikalen Schichten und horizontalen Abfolgen ein harmonisches Ganzes bilden: eine Tondichtung in drei Sätzen von der eher träumerischen Einleitung („Stille der Nacht“) über die dramatisch aufschäumende, komplexe Szene „Unruhe der Nacht“ bis zum feierlich-versöhnlichen Finale „Unter Sternen“. Der ganz vorzügliche Hamburger Bariton Hans Christoph Begemann, singt mit voller satter Stimme äußerst differenziert und ausdrucksstark diese prächtigen Orchesterlieder. Seine Unterrichtsstunden bei Elisabeth Schwarzkopf und Hans Hotter haben offensichtlich gefruchtet. 

Dem Symphonieorchester Norrköping, einem der führenden Klangkörper Skandinaviens,  gebührt ein großes Kompliment, die komplexen und dichten Partituren so transparent und in allen Instrumentengruppen gleichermaßen leuchtend realisiert zu haben. Der niederländische Dirigent Antony Hermus hat gründliche Vorarbeit geleistet und durch sein Engagement dazu beigetragen, dass über das symphonische Werk Hauseggers wieder einmal diskutiert werden kann. Der wohl bekannteste Schüler Eugen Jochum hat Hausegger als wunderbaren Lehrer und spirituellen Musiker beschrieben. Hauseggers 1938 entstandene RCA Aufnahme der Originalversion Bruckners Neunter gilt heute noch vielen als Maßstab (derzeit auf Premier Records erhältlich).

Das Label cpo setzt mit dieser Neuerscheinung seine “Hausegger-Reihe” fort, die mit den Symphonischen Variationen über ein Kinderlied “Aufklänge”, den Symphonischen Dichtung „Wieland der Schmied” und  „Dionysische Phantasie“ sowie der Natursymphonie so erfolgreich und vielbeachtet begonnen hatte.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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REGULA MÜHLEMANN: CLEOPATRA

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REGULA MÜHLEMANN: CLEOPATRA – Barockarien; SONY CD

Das reinste Stimmwunder, diese Mühlemann!

Veröffentlichung: 8. September 2017

Die Terminkalender eines Künstlers ist der beste Karriere-Seismograph. Die junge Luzerner Sopranistin (lyrische Koloratur) Regula Mühlemann befindet sich ihren Daten und den klug gewählten Rollen nach zu schließen genau auf dem richtigen Weg: viel Mozart in Genf (Debüt Susanna), Neapel, Salzburg, London und Baden-Baden (wo sie an der Seite von Rolando Villazon als Papageno! die Papagena singen und für die Deutsche Grammophon aufnehmen wird), Haydn in Philadelphia, Budapest und Hamburg, die Fidelio Marzelline im Theater an der Wien, die 4. Mahler in der Semperoper in Dresden.

Dreimal steht auch das Programm der aktuellen CD, „Cleopatra“, auf Konzertankündigungen in München, Ludwigsburg und Fulda. Die Besucher dieser Konzerte dürfen sich freuen. Eine so gut geführte und technisch ausgereifte Stimme bei einer jungen Sängerin ward selten vernommen. Schon in der ersten wetterleuchtenden Arie „Tra le procelle assorto“ aus der Oper „Cesare e Cleopatra“ von Carl Heinrich Graun überzeugt Mühlemann nicht nur mit ihrer stupenden Virtuosität in den Koloraturen, den perlenden Sechszehntelgirlanden und aberwitzig temporeichen Verzierungen, sondern führt einen lyrischen Sopran der Sonderklasse mit warmer Tiefe, golden leuchtender Mittellage und akkurater Höhe vor. Eine Meisterin in lupenklarer Intonation, verständlicher Diktion und affektgeladener Wortausdeutung, findet Mühlemann noch genug Aufmerksamkeit, um aus den Arien kleine Dramen zu formen. Die Unbedingtheit und den Perfektionsdrang in stimmlicher und künstlerischer Hinsicht, dieses Glühen für die Sache und die hohe Präsenz hat sie mit der in ebenfalls in der Schweiz lebenden Cecilia Bartoli gemein. Mühlemanns Sopran funktioniert absolut bruchlos, der enorme Stimmumfang und der unbeschwerte und zu natürlicher Dramatik neigende Vortrag können bei vorsichtiger Entwicklung mittelfristig eine Verbeiterung des Fachs vermuten lassen. Jetzt müsste sie nur noch Triller wie einst Joan Sutherland lernen….

Zuerst wollen wir uns aber an der neuen CD erfreuen, die gespickt von Raritäten, nicht zuletzt dank der fetzigen Begleitung durch das La Folia Barockorchester unter dem temperamentvollen und zupackenden Dirigat von Robin Peter Müller garantiert jede schlechte Laune vertreibt. Zu den spektakulären wilden Barockfeuerwerken gehören Johann Adolf Hasses „Morte col fiero aspetto“ aus der Serenade „Marc’Antonio e Cleopatra“ sowie die kontrastreiche Wahnsinnsarie „Squarciami pure in seno“aus Antonio Vivaldis „La virtù trionfante dell’amore e dell’odio, ovvero Il Tigrane“ (zu der er nur den zweiten erhaltenen Akt verfasst hat). Hier darf die Sängerin die rot lackierten Krallen ausfahren.

Wer Bekannteres sucht, wird bei der Arie der Cleopatra aus Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare in Egitto“ fündig werden. Schon Cecilia Bartoli wandelte anlässlich ihrer ersten Spielzeit als Intendantin der Pfingstfestspiele in Salzburg 2012 auf Cleopatras und Händels Spuren. Dass Frau Mühlemann auch in dieser Rolle exzellente Figur macht, wird so manchen Operndirektor freudig aufhorchen lassen. Aber auch einfachere, liedhafte und intimere Stücke wie Giovanni Legrenzis „Se tu sarai felice“ aus der Oper „Antioco il Grande“ oder „Vò goder senza contrasto“ aus Alessandro Scarlattis Kammerkantate „Marc‘Antonio e Cleopatra“ verfehlen ihre Wirkung nicht. Das überaus erfreuliche Album schließt mit zwei deutsch gesungenen Arien aus Johann Matthesons Oper „Die unglückselige Cleopatra, Königin von Egypten oder Die betrogenen Staats-Liebe“. Eine Anekdote will wissen, dass bei dem an der Hamburger Gänsemarktoper uraufgeführten Werk anlässlich eines abstrusen Duells vor dem Theater den 19-jährigen Georg Friedrich Händel nur ein breiter Metallknopf vor dem tödlichen Degenstoß Matthesons bewahrt hatte. Tja, das war halt damals so. Der Komponist war auch Sänger der Hauptrolle und wollte nach seinem Bühnentod die musikalische Leitung der Oper von Händel übernehmen, was letzterer trotz derberer Handgreiflichkeiten ganz und gar nicht gestattete.

Warum bei 58,11 Minuten Spielzeit die Arie „Quando voglio“ von Antonio Sartorio aus dessen Oper „Giulio Cesare in Egitto“als Bonus Track ausgewiesen ist, mag verstehen wer will. Auf jeden Fall kommt das durch die Harfenistin und Sängerin Katerina Ghannudi angenehm verstärkte Stück (der Arie wurde eine Tarantella aus der Region Basilicata vorangestellt) höchst kokett und verführerisch daher.

Dass das neue Stimmwunder experimentierfreudig ist, hat sie u.a. in Paris 2014 bewiesen, als sie mit einem Undercover Kamerateam „bewaffnet“ in Parks und in der rammelvollen U-Bahn Sanftes versuchte und Koloraturen abschmetterte. Link: https://www.srf.ch/kultur/musik/regula-muehlemann-3-3-die-arie-am-falschen-ort

Wer sich dafür interessiert, wie charmant und sympathisch Mühlemann beim Singen agiert, der sehe und höre sich auf Youtube Mozarts „Exsultate Jubilate“ – ZDF Adventskonzert 2016 aus der Frauenkirche in Dresden mit der Staatskapelle Dresden – an 

Dr. Ingobert Waltenberger

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ARMIDA QUARTETT: FUGA MAGNA

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ARMIDA QUARTETT: FUGA MAGNA – Fugen für Streicher, CAvi-music CD

Von mathematischen Plänen und Gottes ordnender Hand

Kann einer eine tolle Fugen schreiben, gilt das als höchster Maßstab technisch kompositorischer Kunstfertigkeit. Kombinatorische Kunstgriffe wie Kanon, Umkehrungen, Spiegelungen, Vergrößerungen, Stauchungen etc. erhöhen noch die Wirkung des Ganzen. Die Technik besteht im wesentlichen darin, durch Imitation der Intervalle und Rhythmen einer zuerst eintretenden Stimme – Dux genannt – seitens des ihm nachfolgenden Comes eine sinnfällige Verknüpfung herzustellen (Reinhard Goebel). Erlernbares Handwerk, schlichte Beherrschung von mathematisch planbaren Zahlen oder Beweis für die wundervolle hermetische Durchstrukturierung selbst des Tonraums durch die ordnende Hand Gottes? Theoretische Abhandlungen dazu gab es zuhauf. Jetzt wollen wir den Sprung ins akustische Abenteuer wagen.

Auf ihrer neuen CD stellt das Armida Quartett in einer Art Zeitreihe mit „Sieben-Meilen-Stiefeln“ Kontrapunktisches von sechs Komponisten vor: Valentin Haussmann, Alessandro Scarlatti, Johann Sebastian Bach, Johann Gottlieb Goldberg (bei dessen Sonate in C-Moll verstärkt durch Raphael Alpermann am Cembalo), W.A. Mozart und Ludwig van Beethoven.

Hausmanns streng-archaische Fugen stellen die beiden frühesten gedruckten deutschen Werke für Instrumental-Ensemble überhaupt dar. Welch Unterschied zu der lichtdurchfluteten quirligen Sonata á quattro von Alessandro Scarlatti voller verspielter Ironie und lachendem Temperament. Über die Contrapuncti 1, 4 und 11 aus der Kunst der Fuge von Bach braucht nicht viel gesagt werden, Höhepunkte abendländischer Musikkunst, die durch das lebendige, virtuos schnörkellose und ungemein präzise Spiel des Armida Quartetts ihre volle spirituelle Kraft entfalten können. Die spätbarocke Quartett-Fuge des Bach-Schülers Goldberg rockt im wahrsten Sinn des Wortes (Giga). Sie ist, um wieder Goebel zu zitieren „“ein Feuerwerk des Geistes und der Finger, ein Akademie-Stück, das Kenner nach dem Hören analytisch sezieren und diskutieren, um den sinnlichen Genuss durch geistige Erkenntnis zu erhöhen.“

Mozarts Fuge in C-Moll, ursprünglich ein Gelegenheits-Werk für 2 Klaviere aus dem Jahr 1783, wurde 1788 für die Drucklegung eine Quartett Fassung mit einer Adagio-Einleitung hinzugefügt. Wie aus einer anderen Welt scheint diese Musik zu kommen. Das Armida Quartett hüllt das Adagio in einen geheimnisvollen Klangschleier, um die nachfolgende Fuge mit noch größerer Stringenz und klarer Kontur in eine kosmische Sphäre zu führen. 

Beethovens Meisterwerk, die Große Fuge in B-Dur Op. 133, stieß bei Zeitgenossen durchaus auf Unverständnis, „wie Chinesisch“, hat es die Allgemeine musikalische Zeitung 1826 formuliert. Die Fuge, „um Aura und Nimbus beraubt“, war aus der Mode gekommen. Für uns heute gibt es aber wohl kaum ein größeres kammermusikalisches Vergnügen, als dieser „babylonischen Verwirrung“ zu lauschen. Man könnte meinen, die Musikgeschichte hat seither 100 Jahre den Atem angehalten, um dort, wo Beethoven aufhörte, mit Schoenberg, Berg etc. wieder anzusetzen. Das Armida Quartett serviert diesen gigantischen Geniestreich Beethovens so kompromisslos schroff wie solitäre Felsformationen in der Negev-Wüste. Es kostet alle Dissonanzen mit Lust und Verve aus und steigert sich im Finale nochmals in einen echten Spielrausch. Auch aufnahmetechnisch ist dieses Album von Feinsten!

Dr. Ingobert Waltenberger

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FRANZ SCHUBERT: KLAVIERMUSIK VIERHÄNDIG

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FRANZ SCHUBERT: KLAVIERMUSIK VIERHÄNDIG – Andreas Staier, Alexander Melnikov, harmonia mundi CD

Muss man romantische Musik auf Hammerklavier mögen? Nein. Eindeutig beschränkter sind die dynamischen und klanglich-expansiven Möglichkeiten im Vergleich zu einem modernen Konzertflügel. Alles eine bloße Frage der verflixten Hörgewohnheiten? Vielleicht. Die hier vorgestellte CD mit Schuberts vierhändig zu spielender Klaviermusik wurde von zwei der wohl besten Pianisten für dieses Interpretationsabenteuer aufgenommen. Dem Cembalo und Hammerklavier Wegbereiter Andreas Staier sowie dem formidablen russischen Virtuosen und Partner der Geigerin Isabelle Faust, Alexander Melnikov, der als Kind zwei Musikkassetten besessen hat: Schuberts C-Dur-Quartett und die Hornkonzerte von Mozart.

Sie spielen auf einem von Christopher Clarke nachgebauten Fortepiano Graf. Instrumente von Conrad Graf gelten als Höhepunkte des süddeutschen und Wiener Klavierbaus und als Prototypen des Übergangs zum romantischen Klangideal im Klavierbau. Beethoven und Chopin haben auf solch einem „Graf“ gespielt. Die Spezifika von Hammerklavieren sind, dass neben dem üblichen linken und rechten Pedal noch weitere Effekte mechanisch abrufbar sind: der Fagott-, der Janitscharen- und der Harfenzug. Besonders der Janitscharenzug mit Zimbel, Schellen und großen Trommeln gewürzt hat es auch unserem Duo angetan, die ihn bei der Marche Caractéristique D. 886 in C mit großem Geschick und zur Belustigung des Hörers parodierend einsetzen. Hat so Hausmusik im Biedermeier-Kammerl geklungen, als Schubert mit Lachner oder Caroline von Esterhazy selbst in die Tasten hieb?

Die CD wartet abseits der erwähnten Märsche mit drei großen Meisterwerken auf: Der Fantasie Op. 103, D. 940, den As-Dur Variationen über ein eigenes Thema, Op. 35, D. 813 und dem Rondo Op. 107, D. 951. Daneben erklingen Petitessen, wie die vier Ländler D. 814, die Polonaise Op. 61, D. 824 und noch ein Schwergewicht, die Grande Marche Op. 40, Nr. 3, D. 819. 

Was Andreas Staier und Alexander Melnikov beim Schubert Spiel an Ausdrucksfinessen, feinst abschattierten Tönen und räumlicher Tiefenstaffelung entwickeln, wie sie in raschen Rhythmen frei rhapsodierend in der späten Fantasie den echohaften Spuk einfangen oder verspielt in der Oberstimme Ornamente improvisieren, das ist ereignishaft. Gerade die leiseren Töne des Instruments an der unteren Skala erlauben immense Kontraste, die die beiden Virtuosen von intimer Schwelgerei bis hämmernde Rhythmen mit Emphase wahrnehmen. Glasklaren tieferen Registern stehen gedeckte Höhen gegenüber, der leichte Nachhall mildert den bisweilen körnigen Klang ab. Beim öfteren Hören könnte man direkt süchtig werden nach diesem so sonderbaren Sound, der verstörend und faszinierend zugleich wirkt.

Dr. Ingobert Waltenberger

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DUO ROSA „RETURN“ – Eine Liedreise von Luxemburg bis in die Dominikanische Republik

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DUO ROSA „RETURN“ – Eine Liedreise von Luxemburg bis in die Dominikanische Republik – Stephany Ortega bezaubert mit apart leuchtendem Sopran – ET’CETERA CD

Was für eine originelle Idee dieser in der dominikanischen Republik geborenen Koloratursopranistin, die in Luxemburg Gesang, Klavier und Chordirigieren studierte. Stephany Ortega hat nämlich für ihr erstes Album eine imaginäre Reiseroute zu ihren Wurzeln gewählt. Der Hörer checkt daher zu dieser musikalischen Promenade in Luxemburg ein. Da trifft er auf Camille Kerger, einen zeitgenössischen Luxemburger Komponisten, der für das Duo Rosa (zu Stephany Ortega gehört auch die belgische Pianistin Léna Kollmeier) das 10 Minuten einleitende Stück „Aller-Retour“ nach Texten von Jean Portante verfasst hat. Dem stilistischen Parforceritt auf den Spuren von Schoenbergs Brettl-Liedern folgt ein bunter Reigen an eher weniger als mehr bekannten lyrischen Kostbarkeiten von Frankreich über Spanien bis nach Lateinamerika. Spannend ist nicht zuletzt, welche Verbindungen und unsichtbare Einflüsse hier zwischen der musikalisch Alten und der Neuen Welt hörbar werden.

Das musikalische Gravitätszentrum des Ausflugs in exotischere Gefilde liegt eindeutig in Frankreich: Camille Saint-Saëns, Gabriel Fauré, Henri Duparc, Ernest Chausson und Claude Debussy entführen uns auf pastellfarbene, impressionistische Fluren, während Enrique Granados und Manuel de Falla der pfeffrig bis melancholischen spanischen Folkore tönende Denkmäler setzen. Freilich griffen auch französische Meister wie Saint-Saëns („Guitares et mandolines“) spanische Rhythmen auf. Joaquín Rodrigo und Fernando Obradors sind auf dem Album am häufigsten mit jeweils drei bzw. vier Titeln vertreten. Die können auf der Überfahrt nach Lateinamerika ausgekostet werden, bevor den Musikfreund die urwüchsig-bunteren musikalischen Sprachen von Heitor Villa-Lobos in Brasilien, María Grever in Mexiko, Astor Piazzola in Argentinien und Luis Rivera sowie Rafael Solano in der Dominikanischen Republik erfreuen. Das erlaubt einen kleinen sidestep zurück nach Frankreich, wo die meisten der spanischen und lateinamerikanischen Meister ihre Kunst perfektionierten.

Stephany Ortega nennt einen mädchenhaften, spezifisch exotisch timbrierten hohen Sopran à la Kathleen Battle ihr eigen. Nach oft (zu) geraden Tonansätzen folgt bisweilen ein sehr kurzes Vibrato. Ortegas Vortrag ist temperamentvoll, voller Emotion und Charme. Die Verzierungen gelingen durchwegs überaus präzise, die bruchlos geführte Stimme funktioniert in allen Lagen gleich gut. An einer besseren Textverständlichkeit und manchmal Intonation kann allerdings noch gearbeitet werden. Auch ein sparsamerer Einsatz von  Portamenti bei größeren Intervallen nach oben könnte bisweilen nicht schaden. Insgesamt lässt die neue CD mit einer ansprechenden Talentprobe einer vielversprechenden jungen Sängerin aufhorchen.

Dr. Ingobert Waltenberger

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ANTON BRUCKNER: 9. SYMPHONIE

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ANTON BRUCKNER: 9. SYMPHONIE – CSO – Riccardo Muti, CD CSO Resound

live  Orchestra Hall Chicago Juni 2016

Die amerikanische Wunderformation, das Chicago Symphony Orchestra, hat unter ihrem Chefdirigenten Riccardo Muti auf ihrem Eigenlabel CSO Resound schon mehrere beachtliche live Einspielungen von Berlioz bis zu Prokofiev, von Schoenberg und Shostakovich bis zu Mason Bates vorgelegt. Nun ist also ein Mitschnitt der 9. Symphonie von Anton Bruckner als achte CD Mutis mit dem CSO auf den Markt gekommen. Wiederum sind Mutis hohe Eleganz im Musizieren, sein Fingerspitzengefühl für Proportionen und Maß, seine klassizistische Attitüde fern jeglichen urromantischen Schwärmens zu bestaunen. Freilich sendet da so manche Orange ihren spätsommerliche Duft, ist viel Italianità auszumachen in den tektonisch so komplex geschichteten Klangtürmen, in all den blitzenden Blechfanfaren und chromatischen Sehnsuchtsappellen, wie dies auch bei Carlo Maria Giulinis Bruckner der Fall war. 

Bruckners Letzte ist mit nur drei Sätzen eine unvollendet gebliebene Symphonie. Kein Wunder, allein vom Finale existieren 200 Versionen, mit zittriger Schrift verfasst, die von der nachlassenden Kraft des Komponisten künden. Außerdem hat der Meister aus St. Florian sich mit endlosen Revisionen seiner Symphonien, wie sie ihm von seinen Schülern vorgeschlagen wurden, im wahrsten Sinne des Wortes verzettelt. Von D-Moll zu D-Dur wie in Beethovens Neunter sollte wohl die harmonische Reise von allerlei Mäandern und Windungen durchzogen gehen. Riccardo Muti wählt getragene, dennoch flüssige Tempi, lässt die Steigerungen organisch kulminieren und hält die dynamischen Zügel straff gespannt. Die von ihm gewählten Kontraste folgen einer streng abgesteckten Dramaturgie, extreme Zuspitzungen sind ihm ein Gräuel. Insoweit ist Muti in seiner musikalischen Sicht der Dinge genau der Antipode zum heurigen zweiten Dirigentenstar Teodor Currentzis.

Das Chicago Symphony Orchestra folgt den Zeichen des Chefs buchstäblich: Marmorn schillernd-luxuriös im Klang, stupend in der Ausgewogenheit der Gruppen, leuchtend im kleinsten lyrischen Detail und kraft- bis gewaltvoll in den ffff-Tutti. Nur einmal im ersten Satz verheddern sich die Michiganer ein wenig in einer von Muti offenbar unerwartet flott genommenen Beschleunigungskurve. Im düsteren Scherzo blinken die pizzicati unheilvoll am wetterleuchtenden Himmel, monumental unerbittlich drängend gleißt der Übergang zum ruhigeren Trio. 

Mutis erste musikalische Auseinandersetzung mit der 9. Bruckner auf CD (meines Wissens gibt es bisher überhaupt nur „seine“ zweite Bruckner mit den Wiener Philharmonikern auf Tonträger) ist ein Meisterstück geworden. Vielleicht ist der erste Satz nicht so kantig und schlagkräftig wie ihn sich so mancher vielleicht erträumt hätte, dafür aber setzt Muti im zweiten Satz und abschließenden Adagio auf eine unglaubliche Innenspannung. Der sublime Orchesterklang trägt das seine dazu bei, dass der Musikfreund nun nach mehr gieren wird. Toll wäre ein ganzer Zyklus des Maestro mit dem CSO, der dann nach der berühmten Solti Einspielung mit diesem Orchester wohl ebenfalls für Furore sorgen würde. 

Dr. Ingobert Waltenberger

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ANTONIO VIVALDI / HENNING KRAGGERUD: „BETWEEN THE SEASONS“

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ANTONIO VIVALDI/HENNING KRAGGERUD: „BETWEEN THE SEASONS“; Simax Classics CD – Arctic Philharmonic Chamber Orchestra

Veröffentlichung: 25.8.2017

Kremer und Desyatnikov haben die erste Erweiterung mit dem Album „Eight Seasons“ inkl. Musik von Piazzola vorgeführt, es gibt sie „recomposed by Max Richter“ (bei der Deutschen Grammophon), arrangiert für Flöte & Streicher (Francois Lazarevitch, Les Musiciens de Saint-Julien) oder, wie dies Hansjörg Albrecht elegant zelebrierte, auf Orgel gespielt: Die Rede ist von Vivaldis Dauerbrennern, den unverwüstlichen und unverwüstbaren Concerti op.8 Nr.1-4 „, unter dem programmatischen Namen „Die vier Jahreszeiten“ Teil aller Wunschkonzerte. Es gibt Musik, die wird auf Tonträgern eigentlich immer sehr bis recht gut bedient, dazu zählt auch Vivaldis saisonales Vierergespann. Erst kürzlich hat das Concerto Köln mit Shunske Sato eine herausragende Interpretation vorgelegt.

Und schon wieder ist ein toller Renner am Start: Gar nicht arktisch, sondern temperamentvoll und sommerlich hitzig geht es zu in Henning Kraggeruds neuer Lesart der Vier Jahreszeiten. Die vier dreisätzigen Konzerte des Vivaldischen Op. 8 werden jeweils vier Kompositionen des Geigers, Komponisten und Dirigenten Henning Kraggerud („Preghiera“, „Postludium in B-Moll“, „the last leaf – Magnus in memoriam“ und „Victimae Paschali“) gegenübergestellt. Es sind sehr persönliche Jahreszeiten geworden. Vivaldis Konzerte werden auf dem neuen Album traumhaft schön und glutvoll intensiv musiziert, die akustisch verblüffend gut kommentierenden Eigenkompositionen des Solisten Kraggerud steigern noch einmal das Hörvergnügen. 

Das eigene Erleben mächtiger Winde haben  den Norweger Kraggerud inspiriert und hauchen ein Stück existenzielle Urgewalt in Vivaldis Kosmos. Letzterer wiederum lebte in einer Zeit meteorologischer Extreme (die „kleine Eiszeit“), wo es im Norden so kalt war, dass Vögel aus Kälte tot vom Himmel fielen und man von einer dänischen Insel zur anderen auf Schlittschuhen laufen konnte. Daraus schließt Kraggerud, dass die Jahreszeiten und das Gefühl für die dramatischen Wetterkontraste eines ganzen Jahres im Italien an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert ähnlich gewesen sein müssen wie bisweilen im südlichen Norwegen heute. Und genau diese Wahrnehmung abseits allen Auto- und Flugzeuglärms ist in Vivaldis theatralischer Wetterkunde zu hören. Jedes der vier Konzerte kann nicht nur als Sinnbild der Jahreszeiten gelten, sondern als Gleichnis für den Bogen des Leben eines Menschen selbst. Wien genau Vivaldi gefühlt hat, ist aus den jeweils vier vierzehnzeiliges Sonetten für jede Jahreszeit zu ersehen. In diesen Gedichten wird das Zeitgefühl wunderbar passend beschrieben, wahrscheinlich hat Vivaldi die Verse selbst verfasst.

Der Komponist Kraggerud versteht die Musik Vivaldis als Speichen eines Rades, denen er zu Kontrast und Kommentar weitere Sprossen hinzufügt. Und siehe da, die Übung ist höchst gelungen, gar flott und bisweilen rumpelig vom Sturm und Gewitter umsaust dreht sich dieses Wagenrad des Lebens. Was das von ihm auch künstlerisch (vorerst bis 2020) geleitete Arctic Philharmonic Chamber Orchestra hier klanglich suggestiv und rhythmisch elementar leistet, ist phänomenal. Henning Kraggerud selbst spielt die Geige, wie sie wohl einst der legendenumwobene Vivaldi selbst beherrscht haben muss. 

Eine wunderbare, nie sensationshaschende CD, die nicht nur für jeden, der Gidon Kremers Sicht auf das Meisterwerk Vivaldis schätzt („Eight Seasons), unverzichtbar sein wird.

Dr. Ingobert Waltenberger

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Pittsburgh Symphony Orchestra: Schostakowitsch / Barber

coverCD Schostakowitsch

Dmitri Schostakowitsch: Symphonie Nr. 5
Samuel Barber: Adagio
Pittsburgh Symphony Orchestra
Dirigent: Manfred Honeck

CD Reference Recordings / Hybrid SACD – DSD

Für den aus Vorarlberg stammenden österreichischen Dirigenten mit internationaler Reputation, Manfred Honeck, wird die nächste Saison bereits die zehnte sein, der er dem Pittsburgh Symphony Orchestra (kurz PSO) als Music Director vorsteht. Zwei Werke gibt es nun neu auf CD:  Die Live-Aufnahmen sind zwar nicht ganz neu (die Werke wurden 2013 in der berühmten Heinz Hall – ja, sie heißt nach den Stiftern, der Ketchup-Familie – aufgezeichnet), aber sie klingen frisch genug. Es ist bereits die siebente Aufnahme einer „Pittsburgh Live!“-Serie und wird mit aller technischen Kunstfertigkeit aufgenommen und ediert.

Mit Werken von Dmitri Schostakowitsch und Samuel Barber, entstanden zeitlich in unmittelbarer Nähe, aber auf zwei Kontinenten, in zwei Welten, bietet die CD einen wirklich spannenden Kontrast – und dabei passen sie passen unglaublich gut zusammen. Denn wenn zuerst die 5. Sinfonie in d-Moll op. 47 von Dmitri Schostakowitsch erklingt, die im Jahre 1937 entstanden ist, dann fügen sich zu diesen rund 50 Minuten noch die 10 Minuten des „Adagio“ des Amerikaners Samuel Barber, entstanden ursprünglich 1936, wie ein elegischer Epilog daran, um eine packende Stunde Musik noch „runder“ zu machen.

Die Fünfte von Schostakowitsch – man kennt das Problem. Ein Komponist, Jahrgang 1906, der schon in seinen jungen Jahren mit seinen ersten Symphonien berühmt wurde, und das auch außerhalb Russlands. Ein Avantgardist, dessen Oper „Die Nase“ beispielsweise noch heute verblüffend modern anmutet, dessen „Lady Macbeth von Mzensk“ ab 1934 die Opernbühnen eroberte. Und doch geriet er gerade mit diesem Werk in das Blickfeld Stalins und, da Diktatoren offenbar immer einen rückwärts gewandten Geschmack haben, in dessen Kritik. Was macht ein Künstler, der seine Heimat nicht verlassen kann und will? Die „Fünfte“ gilt als Werk der Anpassung, aber wer den „Sound“ von Schostakowitsch kennt, weiß, dass er sich nicht untreu geworden ist, dass er vielleicht äußerlich ein wenig gefälliger scheinen mochte, aber trotzdem ein komplexes, packendes Werk geschrieben hat, aus dem die Machthaber ihren befohlenen Jubel heraushören mochten, wenn sie denn wollten – immerhin beginnt der vierte Satz mit nahezu Tschindarassa-Paukelwirbel, den man einst als Diktatorenfutter begreifen konnte. Aber wie ist das weiter geführt, durchgeführt! Wie führt das nie in billige tonale Abfolgen und schlichte Rhythmik!

Die Nachwelt hört genau, zumal wenn man die Politik einmal außer Acht lässt, dass es sich hier um große Musik handelt, und das Orchester unter Honeck spielt alle Stückeln von Schattierungen und Emotionen, hier ist technisch und interpretatorisch einiges zu leisten – und es geschieht.

Der Amerikaner Samuel Barber (1910-1981) war gewissermaßen ein Zeitgenosse von Schostakowitsch (1906-1975), doch der Teil der Welt, in dem er leben durfte, bescherte ihm ein vergleichsweise ungestörtes Künstlerdasein. Zu seiner Zeit war Barber so populär, dass man ihm die Auftragsoper für die Eröffnung der neuen Met im Lincoln Center erteilte, aber „Anthony and Cleopatra“ (1966) ist von der Nachwelt ebenso vergessen wie sein anderes Opernwerk, „Vanessa“ (1958). Tatsächlich lebt er fast ausschließlich mit dem „Adagio“ als seinen zehn Minuten Weltruhm in den Konzertsälen weiter – der zweite Satz eines Streichquartetts von 1936, von ihm selbst mehrfach arrangiert. Das Werk wird des tragischen Untertons wegen gern bei Begräbnissen – u.a. von John F. Kennedy – gespielt. Auch als Filmmusik kehrt es oft wieder, bei You Tube wurde es tatsächlich viele Millionen Male abgerufen. So, wie Honeck und die Pittsburgher diese elegische „Draufgabe“ zu Schostakowitsch spielen, meint man die Verwandtschaft zwischen zwei großen Komponisten in einer geteilten Welt zu spüren, die durch die Musik bekanntlich immer zusammen geführt werden kann.

Renate Wagner

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TRIO KHALDEI: Shostakovich / Prokofiev

CD Schosta

TRIO KHALDEI: Dmitri Shostakovich Klaviertrios, Werke von Sergei Prokofiev; paraty CD

Das belgische Klaviertrio ist auf russische Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spezialisiert. Folgerichtig leitet sich der Name des Trios von einem der bemerkenswertesten Fotographen des 20. Jahrhunderts ab. Jewgenij Ananjewitsch Khaldei war offizieller Photograf des Stalin-Regimes und hat als Kriegsberichterstatter u.a im Mai und April 1945 die Eroberung Berlins durch die sowjetischen Truppen auf Bild festgehalten. Universelle Dokumente einer zerstörten Welt. Die Suche nach Wahrheit, Authentizität und Nuancen, die seine Arbeit bestimmte, will das Trio programmatisch auf seine Interpretation übertragen wissen. 

Auf der neuen CD haben die drei großartigen Musiker (Barbara Baltussen Klavier, Pieter Jansen Violine und Francis Mourey Cello) die beiden Klaviertrios von Dmitri Shostakovich sowie die Ballade für Cello und Klavier in C, Op. 35, und 5 Mélodies von Sergei Prokofiev eingespielt.

Jugendlich schwärmerische Kammermusik wie das erste Trio des gerade einmal 17-jährigen Shostakovich oder die Celloballade von Prokofiev stehen reifere, technisch und musikalisch anspruchsvollere  Werke gegenüber. Den größten Eindruck hinterlässt das zweite Klaviertrio, Op. 67, von Shostakovich. In diesem kammermusikalischen Spitzenwerk werden alle objektiven und subjektiven Schrecken des Krieges zu Ton. Höchstmögliche Kontraste vom zartesten Pianissimo, dem einleitenden Kanon bis zu einem obszön makabren Tanz, vom wie verloren wirkenden Klaviersolo im dritten Satz bis zur stampfenden Passacaglia spielt das Trio Khaldei mit einer  maximal imaginierten Klarheit auf Basis der Empathie des Wissenden um Schrecken und Schmerz.  Das finalen Allegretto, eine musikalische Höllenfahrt sondergleichen, mischt politische Apokalypse mit der persönlichen Trauer eines Requiems. Während der Komposition des Trios war einer der wichtigsten Freunde in Shostakovich‘ Leben, Ivan Sollertinsky, gestorben. 

Was beim Spiel der drei jungen Musiker sofort auffällt, ist die grell gefärbte erzählerische Artikulation der drei Solisten, ihre dramatisch-expressive Gebärde. Besonders der Cellist Francis Mourey vollbringt nahezu Wunder an klanglicher Intensität und Entäußerung. Das Spiel des Trio Khaldei enthält eine klare Botschaft im Sinne von „Hört her, lernt von dem, was ihr vernehmt.“ Wenn man zum zweiten Trios von Shostakovich im Internet die Bilder des zerstörten Berlin von Khaldei betrachtet – auf dem Cover ist das berühmte Foto des von Hawker Hurricans überflogenen Rentiers abgebildet – braucht man keine Worte mehr, um verstanden zu haben. 

In den lyrischeren Passagen des ersten Trios von Shostakovich und den Mélodies  von Prokofiev weiß das Trio Khaldei mit gedämpfteren Farben, dunklen Ausläufern der Spätromantik, zu faszinieren. Hier gerät die Interpretation märchenhaft plastisch, zeugt von hoher suggestiv poetischer Kraft und dem Einander bedingungslos Vertrauen in stilistischer Hinsicht. Weltklasse!

Dr. Ingobert Waltenberger

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