Der Neue Merker

Carl Maria von Weber: EURYANTHE

Euryanthe x2~1

Carl Maria von Weber: EURYANTHE
Relief CR 1926 2-CD

Diese wiederaufgefundene Aufnahme aus dem Jahr 1957 und der ehemaligen DDR ist ein seltenes Dokument des damals 30-jährigen Maestro Kurt Masur. Diese Aufzeichnung stammt aus dem Berliner Rundfunk (mit dem Berliner Rundfunk Sinfonie-Orchester und dem Grossen Chor) und hat zum Gegenstand die im Schatten von Webers Freischütz stehende Oper Euryanthe. Mit dirigentischer Willenskraft und kompromissloser Musikalität dirigiert Masur die Musik Webers. Leider nach der Massgabe der seinerzeitigen Rundfunk-Bedingungen, wonach die im Radio ausgestrahlte Opernversion nicht länger als 100 Minuten dauern durfte, was natürlich einige Striche notwendig machte, zu denen Masur sich sicher nicht leicht hat entschliessen können. So leidet vor allem er 3. Akt unter den Kürzungen, aber seien wir froh, dass wir dieses Dokument überhaupt besitzen und das Originalband nicht irgendwelchen Löschaktionen zum Opfer gefallen ist.

Das schweizerische CD-Unternehmen Relief hat das gut erhaltene Band hervorragend aufgefrischt, ohne dabei der allgemein festzustellenden Tendenz zu verfallen, die originalen Band-Aufnahmen von jeglichen Nebengeräuschen zu reinigen und damit in ihrer Klang-Amplitude zu beschneiden, sodass diese zwar brillant, aber auch geschärft erklingen. Das ist glücklicherweise hier nicht der Fall: Die Aufnahme klingt unvermittelt, hat Wärme und dynamische Klang-Differenzierung. Das kommt auch dem vorzüglichen Ensemble von Sängerinnen und Sängern zugute, die im Westen quasi unbekannt geblieben sind, dabei aber eigenständig gutes und solides Sängerformat aufweisen.

Das ist der etwas im Timbre an Rudolf Schock erinnernde Tenor Gert Lutze, der den Adolar sowohl lyrisch als auch mit dramatischer Attacke singt. Als Euryanthe hören wir Ingeborg Wenglor, die wie Gert Lutze auch viel im Oratorienbereich gewirkt hat, und daher eine ansprechend unsentimentale, saubere Leistung als Euryanthe darbietet. Sie besitzt eine typisch deutsche Stimme, etwa in Richtung von Elfride Trötschel oder Trude Eipperle, und singt mit Herz. Das mag altmodisch klingen, überzeugt aber; im Schauspiel hat man dieses Fach früher als „Naive“ bezeichnen. Als ihre intrigante Gegenspielerin Eglantine ist die Mezzo-Sopranistin Sigrid Ekkehard zwar mit Engagement bei der Sache, aber die ungemein hohen Ansprüche der Partie führen sie an ihre stimmlichen Grenzen. Lysiart als ihr Partner beim „dunklen Paar“ ist Rudolf Gonszar, der als Charakterbariton auch im Westen auf verschiedenen Plattenaufnahmen (so in einer gekürzten Fassung der „Meistersinger“ als Sachs zu hören ist). Er überzeugt sowohl stimmlich als auch in der Diktion, wie überhaupt diese Aufnahme nicht nur deutsch gesungen wird, sondern auch in idiomatischem Deutsch ganz natürlich daherkommt. Da gibt’s keine Anglismen oder sonstige Verwaschungen, alles ist einfach richtig in der klaren deutschen Aussprache. Als König ist Herbert Rössler, ein zuverlässiger Bass, zu hören. In der kleinen Partie der Berta hört man gerne der frischen Stimme der Sopranistin Margot Dörr zu. Der Grosse Chor und das Sinfonie-Orchester des Berliner Rundfunks musizieren unter Kurt Masurs Leitung klangschön, exakt und mit Verve. Diese Aufnahme ist nicht nur ein nicht zu gering zu schätzendes Dokument, sondern es ist weit mehr: Es ist ein Zeugnis einer fast vergessen gegangenen Ensemble-Kultur. Keine Stars, die herausstechen, sondern alle Mitwirkenden wirken in einem ausgewogenen Ensemble zusammen, ohne ihre Individualität zu verlieren.

Bei den Bonus-Tracks hören wir u.a. Margarete Teschemacher in der Ozean-Arie, wo sie – zudem live – bei „…stellst du ein Schreckbild dar“ aufs hohe c‘ geht: fabelhaft!

John H. Mueller

Diese Seite drucken