CARL AUGUST NIELSEN: Gesamtaufnahme der Symphonien Nr. 1-6 / Paavo Järvi

by D. Zweipfennig | 22. Januar 2016 15:08

 

nielsen CARL AUGUST NIELSEN: Gesamtaufnahme der Symphonien Nr. 1-6, HR Sinfonieorchester – RCA 3 CDs – Paavo Järvis Geburtstagsgruß zum 150. Geburtstag des kühnen Komponisten

„Nirgends sind Anklänge an irgendetwas zu entdecken, auf selbstgefundenen Pfaden wandelt dieser fest in sich abgeschlossene Künstler sicher und stolz dahin.“ Musikalisches Wochenblatt , Berlin 1897

Der estnische Chefdirigent des Frankfurter Radio-Symphony Orchesters, Paavo Järvi, hat in den Jahren 2009 bis 2013 alle sechs Symphonien des originell, schräg-modernen Dänen Nielsen in Wiesbaden und Frankfurt eingespielt. Zum 150. Geburtstag des Komponisten 2015 hat RCA diese grandiosen Einspielungen nun in einer Box zusammengefasst herausgebracht. Ein wichtiges und maßstabsetzendes Projekt. Vor ihm haben Dirigenten wie Herbert Blomstedt, Colin Davis, Michael Schönwandt, Roshdestvensky oder Leonard Bernstein um gültige musikalische Aussagen der herb wuchernden Symphonik Nielsen gerungen. Anders als in Dänemark sind die sechs Symphonien dieses avantgardistischen Tonsetzers im Ausland wohl bis heute nicht so recht populär geworden. Nielsen macht es einem auch beleibe nicht einfach. Das Ohr kann sich nirgends „einhängen“, es klingt nicht nach irgend etwas anderem. Da ist nichts Nach-Wagnerianisches zu genießen, kein sentimentales Schaumbad, in das sich der Hörer gleiten lassen könnte. Sein symphonisches Werk hat aber auch so gar nichts mit Schönberg oder Alban Berg zu tun. 

Als Meister sondergleichen der absoluten Musik erkundet Nielsen lieber die Inhalte von Intervallen und Tonarten, ganz unprofessoral lässt er seine symphonischen Luftschlösser wachsen, leuchten, schillern, um die Vision unerwartet platzen zu lassen. Dann geht es wieder von irgendwo los. Wohin, das kann weder der Hörer ahnen, noch hat es wahrscheinlich Nielsen selbst schöpferisch-planend vorausgesehen. Das Verdienst Paavo Järvis ist es gerade, den Hörer wie bei einem Naturspektakel am instrumentalen Werden und Wachsen zwischen tönender Ruhelosigkeit und kontrapunktischer Strenge Teil haben zu lassen. Im Gegensatz zu Bernstein klingt nichts süffig bzw. human Beschwichtigendes mit. Im P. Järvis Verständnis dieser 1891 bis 1916 entstandenen Werke treten die linearen Strukturen deutlich hervor, nichts darf an der Oberfläche verharren. Düster wird es nach dem Gleißen, der schöpferische Stachel wird durch jeden lauschigen Sitzpolster hindurch fühlbar.  Das manchmal etwas trocken klingende Frankfurter Radio Symphony/HR-Sinfonieorchester lässt die Modernität von Nielsens Schöpfungen nur um so deutlicher zu Tage treten. Wir erleben keinen kulinarischen Luxusklang, dafür dürfen wir an transparenten und luziden Wiedergaben dieser Symphonien teilhaben. Die zweite („Die vier Temperamente“), die dritte („Sinfonia espansiva“), die vierte („Das Unauslöschliche“) und die sechste („Sinfonia semplice“) tragen Titel, die aber kein Programm sind noch sein wollen. Das wäre ja doch wohl zu simpel.

Vielleicht tragen diese Einspielungen  nicht unbedingt zur Vergrößerung der Fangemeinde des dänischen Nationalhelden bei, der sich erfolgreich allen musikalischen Strömungen verweigerte. Sie sind aber jedenfalls ein mächtiges Manifest für den unerschöpflichen skandinavischen Klangkosmos und ein gar würdig-wildes Geburtstagslied. Möge er lang in unseren Ohren leben, dieser unermüdliche und privat unglückliche  Mann, der 1931 an einer Herzschwäche stirbt, nachdem er auf der Opernbühne an einem Tragseil des Schnürbodens hochgeklettert ist.  

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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