Der Neue Merker

BUKAREST: FESTIVALUL NATIONAL DE TEATRU vom 21. – 30.10.2016

BUKAREST: FESTIVALUL NATIONAL DE TEATRU vom 21. – 30.10.2016

Rumänien hat etwas, was Österreich(warum eigentlich?) nicht hat: ein nationales Theaterfestival. Die 26. Ausgabe davon ist soeben in Bukarest zu Ende gegangen. Innerhalb von 10 Tagen waren an die 50, von der Kuratorin und Theaterkritikerin Marina Constantinescu ausgewählte Produktionen zu sehen.
Wie bei jedem Festival gab es darunter naturgemäß gute, schlechte, sehr schlechte und sehr gute. Unabhängig von der Qualität einzelner Aufführungen war es für den ausländischen Besucher aber spannend und aufschlussreich, hier nicht einfach Inszenierungen wie überall, nur in einer anderen Sprache zu Gesicht zu bekommen, sondern festzustellen, sich überraschenderweise in einem eigentlich ziemlich unterschiedlichen kulturellen Einzugsgebiet zu befinden. Also z.B. Stücken von Autoren zu begegnen, die man in unseren Breiten nicht einmal dem Namen nach kennt : wie Yannis Mavritsakis, Jordi Galceran, Matei Visniec oder Dorota Maslowska. Und diese Texte dann auch noch in einer sehr eigenwilligen, nahezu autochthonen „rumänischen“ Ästhetik umgesetzt zu erleben.

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„Zwischen uns ist alles gut“. Copyright: Festivalul National de Teatru

Dorota Maslowskas jüngste Arbeit „Zwischen uns ist alles gut“ war dabei für ihren Berichterstatter das absolute Highlight der diesjährigen Auswahl. Die Maslowska ist so etwas wie die polnische Elfriede Jelinek: eine von glühender Liebe und glühendem Hass beseelte Polenbeschimpferin und „Nestbeschmutzerin“ mit einer sehr persönlichen, sehr überzeichneten, Neologismen mitnichten abgeneigten Kunstsprache. Als ob diese Vorlage nicht schon speziell und schräg genug wäre, hat sich ihrer auch noch Radu Afrim, das „enfant terrible“ der jungen rumänischen Theaterszene, angenommen. Afrim, bekannt für seinen durchgeknallten, dekonstruvistischen Pop-Trash-Stil, erhöht den Groteskheitsfaktor dieser Geschichte über eine dysfunktionale, nur aus Frauen bestehende polnische Hartz IV-Plattenbaufamilie noch um einige Potenzen. Ein extrem anregender, zum Schießen komischer, aber letztlich auch sehr berührender Abend, nicht zuletzt durch ein unfassbar großartiges und wandelbares Ensemble: Dorina Chiriac, Marius Mariole, Liliana Ghita, Natalia Calin. Istvan Teglas, Cezar Antal und Florentina Tilea.

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„Der blinde Fleck“. Copyright: Festivalul National de Teatru

Afrim inszenierte auch noch „Der blinde Fleck“ des griechischen Autors Yannis Mavritsakis. Hier gab es zwar ebenfalls wieder tolle Schauspieler und ein ziemlich geniales, vom berühmten „Drugstore“-Gemälde Edward Hoppers inspiriertes Bühnenbild des derzeitigen angesagtesten rumänischen Ausstatters Adrian Damian. Der Eindruck war aber viel schwächer. Und das verdankt sich in diesem Fall dem eindeutig schwächeren Text.

Auch mit gleich zwei Produktionen vertreten war der unbestrittene Matador des rumänischen Theaters, Altmeister Silviu Purcarete, dem man unvergessliche Abende zu verdanken hat. Heuer hatte er ein schwaches Jahr. Sein „Julius Cäsar“ scheiterte nicht nur an den nicht gerade überwältigenden Akteuren des Ungarischen Nationaltheaters Cluj, sondern vor allem auch an seiner unentschlossenen und beliebigen Zugangsweise zu diesem Klassiker (Und bitte bitte bitte kein Regen und keine Pfützen mehr auf einer Bühne! Das haben wir doch schon gefühlte einmillionenmal gesehen …)

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„Das Kaffeehaus“. Copyright: Festivalul National de Teatru

Für das Goldonische „Kaffeehaus“ stand ihm zwar ein bedeutend besseres Ensemble(des Nationaltheaters Iasi) zur Verfügung, hier haperte es eher daran, dass das eben nicht Goldonis bester Text ist…und dass Purcarete hier einige Ideen seiner genialen Inszenierung von Labiches “ Florentiner Strohhut“ ohne besonderes Brio recycelte…

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Fuchsiade““. Copyright: Festivalul National de Teatru

Purcaretes historischer Bühnenbildner, der seit 1977 im Exil lebende Rumänendeutsche Helmut Stürmer, stieg ein wenig aus und machte seine eigene kleine Show. Sein Projekt „Fuchsiada“ verwob Texte des rumänischen Avantgardisten Urmuz(1883 – 1923) mit Zitaten aus Müllers Werk und seiner Vita auf Achim-Freyersche Art und Weise zu einem optischen Gesamtkunstwerk. Man vestand zwar kein Wort, hatte aber während 70 Minuten viel anzuschauen, nachzudenken und zu phantasieren.
Interessant auch die Begegnung mit dem Stück „Marmor“ des russischen Lyrikers und Nobelpreisträgers Josef Brodsky, dessen dramatische Produktion die meisten Besucher(und auch der Unterzeichnete, wie er zu seiner Schande gestehen muss) bisher ignoriert haben.

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„Zu Befehl, mein Führer“. Copyright: Festivalul National de Teatru

Für eine heitere Note sorgte ein weiterer rumänischer Altmeister, Andrei Serban, mit seiner Musical-Version des „Liliom“-Stoffes, für eine düstere die rumänisch-jüdische Primadonna Maia Morgenstern mit ihrer Adaption von Brigitte Schwaiger „Zu Befehl, mein Führer !“, und ein absurdes Tüpferl fügte noch die Two-men-show “ L’Om DAdA “ zum 100jährigen Jubiläum der vom Rumänen Tristan Tzara gegründeten Dada- Bewegung hinzu.

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L’Om DAdA. Copyright: Festivalul National de Teatru

Alles in allem ein durchaus durchwachsenes Festival, aber voller unerwarteter Erfahrungen und inspirierender Anregungen.

Robert Quitta, Bukarest

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