Der Neue Merker

BUDAPEST/ Ungarische Staatsoper: „A KALÓZ“. – begeistert aufgenommene Ballettpremiere von Le Corsaire

BUDAPEST/ Ungarische Staatsoper/ 21.4.2017: „A KALÓZ“. – begeistert aufgenommene Ballettpremiere von Le Corsaire

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Lili Felméry als betörende Schönheit Gulnare, angepriesen von Jurii Kekalo  (Lankedem). Copyright: Attila Nagy

Aus Ballettsicht war dieser Abend wohl der Höhepunkt des Budapester Frühlingsfestivals (31.3. – 23.4.): zum ersten Mal wurde das Ballett „Le Corsaire“ als eigene Produktion für das Ungarische Nationalballett choreografiert. Anna-Maria Holmes und Ballettchef Tamás Solymosi stellten ihre Fassung des Ballettklassikers nach Marius Petipa und Konstantin Sergejev vor. Basierend auf dem 1814 veröffentlichten Gedicht von Lord Byron entstand bald darauf das Ballett-Libretto von Jules-Henri de Saint-Georges und Joseph Mazilier zu einer dramatischen Liebesgeschichte zwischen der Sklavin Medora und dem Piraten Conrad. In der Romantik waren Piratengeschichten sehr en vogue; zahlreiche Werke zeugen davon –  so u.a. von Hector Berlioz, Giuseppe Verdi oder wie hier von Adolphe Adam. Für die ungarische Erstaufführung erstellte Anna Maria Holmes nach ihrer Version von 1997 für das Boston Ballet die Fassung für die Budapester Compagnie. Die Handlung wird mit Prolog und Epiloge in 3 Akten erzählt. Im Unterschied zur in Wien gezeigten Produktion von Manuel Legris tanzen die 3 Odalisken bereits im ersten Akt auf dem Marktplatz für Seyd Pascha, hilft der Sklave Ali seinem Meister Conrad, Medora zu befreien, wird auch Gulnare aus dem Harem gerettet, sie stirbt aber beim Gewitter ebenso wie Ali in den Fluten, nur die beiden Liebenden Conrad und Medora überleben den heftigen Sturm.

Um immer wieder neue effektvolle Tanzeinlagen zeigen zu können, wurde bereits für die ersten Ballett-Fassungen im 19. Jahrhundert zusätzliche Kompositionen für Divertissements integriert; Auch in Budapest kommen zur Musik von Adolphe Adam die üblicherweise verwendeten zusätzlichen Beiträge von Cesare Pugni, Léo Delibes, Riccardo Drigo und Pjotr Oldenburg zum Einsatz.

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Das Liebespaar innig vereint: Aliya Tanikpaeva (Medora) mit Gergely Leblanc (Conrad) und Ievgen Lagunov (Ali). Copyright: Attila Nagy

István Rózsa schuf ein opulentes Bühnenbild, das mit viel Liebe zum Detail den orientalischen Marktplatz, das Piratenversteck und den prunkvollen Palast mit Harem des Seyd Pascha als farbenprächtigen Augenschmaus auf die Bühne zaubert. Viele technische Tricks lassen das Schiff in den Wogen schwanken bzw. wird es durch das  unheilvolle Unwetter zum Untergang  gebracht. Blütenreiche Prospekte lassen in der Traumsequenz den Garten entstehen, in dem Gulnare und Medora für den Pascha tanzen. Nóra Rományi entwarf die passenden aufwändigen Kostüme. Kirk Bookman setzte das prächtige Setting ins rechte Licht.

Schien es zunächst, dass die Protagonisten aus nervöser Anspannung in dieser Premiere vielleicht ein wenig zurückhaltend agierten, so steigerten sie sich nach dieser anfänglichen Phase von Szene zu Szene. Die beiden weiblichen Hauptrollen wurden mit feiner Grazie interpretiert: Aliya Tanikpaeva gefiel als grazile Medora, die mit zunehmender Intensität im Ausdruck für ihren geliebten Conrad alles riskiert. Lili Felméry überzeugte als elegant-edle Gulnare. Die Männer punkteten beim Publikum vor allem mit kraftvollen Sprüngen und virilem Auftreten:  Gergely Leblanc war ein präsenter Conrad, Balázs Majoros ein fieser Birbanto und Iurii Kekalo ein gewiefter Lankedem. Ievgen Lagunov als treuer Sklave Ali zeigte sein technisches Können im Pas de sclaves. In der pantomimischen Rolle des Seyd Pascha war Levente Bajári zu sehen. Das Corps de ballet sorgte für das entsprechende tänzerisch-bunte Treiben wie als Säbel schwingende Piraten oder zarte Haremsdamen.

Dirigent Valery Ovsyanikov sorgte für schwungvolle temporeiche musikalische Begleitung, ging mit dem Orchester auch gut auf tänzergerechte Ansprüche ein. Von den Zuschauern gab es viel heftigen Applaus für die Protagonisten und das Leading-Team.

Ira Werbowsky

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