Der Neue Merker

BUDAPEST /MüPa Festival Theatre: „CLASSIC 47°N19°E“. – Getanzte Exzellenz –

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Neoklassische Ästhetik: Aliya Tanykpaeva inmitten des Mädchen-Corps de ballet. Credit: Szilvia Csibi / Hungarian State Opera

BUDAPEST /MüPa Festival Theatre: CLASSIC 47°N19°E“. – Getanzte Exzellenz – am 25.11.2017

Hinter diesem geografischen Titel zur Ortsbeschreibung von Budapest verbirgt sich das neueste zweiteilige Programm des Ungarischen Nationalballetts.  Da die Staatsoper derzeit renoviert, modernisiert und generalsaniert wird  und noch bis Anfang 2019 geschlossen ist, werden vermehrt andere Bühnen bespielt. In erster Linie finden mehr (Opern)Vorstellungen im Erkel Theater statt, das Ballett weicht darüber hinaus u.a. in Kooperation mit dem National Dance Theatre ins Müpa (Abkürzung  für Művészetek Palotája – übersetzt Palast der Künste) aus. Der moderne Komplex liegt auf der Pester Seite an der Donau nahe der Lagymányos Brücke und bildet gemeinsam mit dem nebenan gelegenen Nationaltheater eine bedeutende kulturelle Einrichtung. 2005 nach dreijähriger Bauzeit eröffnet,  beherbergt das große Gebäude mit auffälliger Glasfront insgesamt drei unterschiedliche Bereiche: den Béla Bartók-Konzertsaal, die  Ausstellungsräume sowie den Veranstaltungssaal des Ludwig-Museums zeitgenössischer Kunst und das Festival Theater, in dem nun verstärkt Ballett aufgeführt wird.

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Kraftvoll und elegant: Gergely Leblanc inmitten des Ensembles. Credit: Szilvia Csibi / Hungarian State Opera

Mit der Premiere am 15. November im Müpa Festival Theatre gelangte „Thema und Variationen“ sowie „Études“ zur Aufführung. Einziger kleiner Wermuthstropfen – hier kommt die Musik vom Tonträger und wird nicht live vom Orchester gespielt. Während letzteres Stück des Dänen Harald Lander bereits seit 2014 im Repertoire der Compagnie ist,  erlebte ersteres als bekanntes Meisterstück von George Balanchine erst jetzt seine ungarische Erstaufführung. An beiden Piecen lässt sich die Qualität einer Compagnie gut bemessen, erfordern sie doch beide flinke Beinarbeit, technische Präzision und Perfektion sowie temporeiche Wiedergabe. Und das ungarische Nationalballett nimmt diese neoklassische Herausforderung mit tänzerischer Leichtigkeit an. Bei „Téma és variációk“, wie das Stück im Ungarischen heißt, wird in einem imperial anmutendem Ballsaal mit zentralem Kristallluster und korinthisch verzierten Säulen an den Seiten zur bei Balanchine üblichen blauen Bühnenrückwand in edler neoklassischer Ästhetik in prächtig verzierten apricotfarbenen Tutus und ebenso gefärbten Oberteilen bei den Männern  getanzt. Die noble Ausstattung entwarf István Rózsa, die edlen Kostüme schuf Nóra Rományi, das Lichtdesign stammt von  Ballettchef Tamás Solymosi. In den 12 musikalisch charakterlich unterschiedlichen Variationen zu einem Thema von Peter I. Tschaikowsky (4. Satz Suite No.3) brillieren Aliya Tanikpaeva und Gergely Leblanc als Hauptpaar – auch das Corps de ballet überzeugt. Wenn die zierliche gebürtige Kasachin, die von 2004-2009 als Erste Solotänzerin an der Wiener Staatsoper engagiert war, bevor sie für drei Jahre nach Zürich wechselte und seit 2011 dem Ungarischen Nationalballett angehört und in der laufenden Saison als Etoile geführt wird, auch nicht ganz dem langgliedrigen großgewachsenen Ideal einer Balanchine-Tänzerin entspricht, so ist sie jedenfalls technisch perfekt und zeigt viel Ausstrahlung. Leblanc wurde an der ungarischen Ballettakademie und in der Royal Ballet School in London ausgebildet und tanzt ebenfalls seit 2011 im Ungarischen Nationalballett. Der Principal ist hier ein guter wie eleganter Partner.

Für „Études“ (Musik: Carl Czerny) kommt bei den Hauptpartien vornehmlich die junge Garde zum Zug und kann sich entsprechend behaupten: neben dem routinierten Principal Dmitry Timofeev gefällt die Halbsolistin Minjung Kim außerordentlich gut. Halbsolist András József Rónai (erst seit dem Vorjahr im Ungarischen Nationalballett und zuvor beim Boston Ballet und beim Orlando Ballet engagiert gewesen) nützt seine Chance und brilliert mit Sprungstärke und tänzerischer Gewandtheit in der temporeichen und technisch sehr anspruchsvollen Choreografie. Auch hier zeigt das Corps de ballet geschlossene Stärke.

Das Publikum war begeistert  und spendete zu recht sehr viel Beifall.

Ira Werbowsky

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