Der Neue Merker

BUDAPEST/ Erkel-Theater: HUNYADI LÁSZLÓ

Erkel Theater Budapest Ferenc Erkel HUNYADI LÁSZLÓ 17.3.2017
Premiere am 29.9.2012.

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Fotocredit: Péter Rákossy

Ferenc Erkel (1810-93), der Begründer der ungarischen Nationaloper, verband in seinen insgesamt neun Opern den italienischen Stil Rossinis mit ungarischen Volkstänzen. Darüber hinaus kann man in dieser Oper noch musikalische Einflüsse von Beethoven, Donizetti, Halévy,  Meyerbeer und Spontini erkennen. Im Repertoire der Ungarischen Staatsoper haben sich aber lediglich Erkels Hunyadi László und Bánk Bán gehalten. Dauerhaften Erfolg erzielte der Koponist jedoch mit seiner Melodie der ungarischen Nationalhymne (Himnusz).

Béni Egressy (1814-51), ein ungarischer Komponist, Librettist, Übersetzer und Schauspieler, verfasste das Libretto zu der dreiaktigen romantischen Oper Hunyadi László nach dem gleichnamigen Schauspiel von Lőrinc Tóth (1814-1903). Der Titel setzt nach dem ungarischen Sprachgebrauch stets den Familiennamen vor den Vornamen und wäre ins Deutsche korrekterweise  als Ladislaus Hunyadi zu übersetzen. Die Handlung der Oper, die in den Jahren 1456/57 spielt, konzentriert sich auf die Rivalität zwischen dem ungarischen Adelsgeschlecht der Hunyadis und dem erst sechzehnjährigen Habsburger König Ladislaus V., genannt Ladislaus Postumus, ungarisch V. László. Die Uraufführung der Oper fand am 27. Januar 1844 im Pesti Nemzeti Magyar Szinház statt. Die Hauptcharaktere der Oper László, Erzsébet und Mária gleichen jenen eines Passionsspieles, indem Erzsébet als mater dolorosa und Mária als mater gloriosa Hunyadi László als unschuldig-schuldiges Opfer bei seinem Heldentod begleiten. 

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Fotocredit: Péter Rákossy

Zum Inhalt: Die Anhänger des soeben verstorbenen ungarischen Reichsverwesers János Hunyadi erwarten König Ladislaus V. auf der Burg Nándorfehérvár in Belgrad. Sie sind ob der Intrigen von dessen Gouverneur und Berater Cilley äußerst besorgt. Der 13 jährige Mátyás Hunyadi sehnt sich in seiner Cavatine „Csak az, mit fájlal a szivem“ (Nur das Eine schmerzt mein Herz) nach einem heldenhaften Kampf. Der König wird sodann von Mátyás älterem Bruder László Hunyadi mit allen Ehren empfangen, aber die Ungarn verwehren den deutschen Söldnern des Königs  den Einlass in die Burg. Der König erteilt hierauf seinem Berater Cilley Vollmacht, die Hunyadis zu verhaften. Als Cilley den unbewaffneten László angreift wird der Despot von dessen Anhängern getötet. In der Familienburg der Hunyadis in Temesvar erwarten die Hofdamen von Erzsébet Szilágyi, der Mutter der beiden Hunyadis, mit Spannung die Ankunft des Königs. Doch die verwitwete Mutter wird von düsteren Vorahnungen (Arie „Mint a tenger“ – Wie das Meer) geplagt und sieht in einer Vision die Hinrichtung ihres älteren Sohnes und bricht zusammen. Der König erscheint und ist sofort von den Liebreizen von Mária Gara, der Braut László Hunyadis  angetan. Der Palatin Miklós Gara, ihr Vater, aber sieht nun seine Zeit reif, um den verhassten König zu stürzen und selbst die Macht zu übernehmen (Arie „Az égen csillagom“ – Mein Stern am Himmel). Er behauptet, die Hunyadis wollten den König töten, verspricht dem Souverän die Hand seiner Tochter Mária und erhält die Erlaubnis, László gefangen zu nehmen. Die Intrige gelingt. László wird mit einem Trauermarsch zum Schafott geführt. Erzsébet fleht um Gnade für ihren Sohn „Ó ég és föld irgalmas Istene“ (Oh, barmherziger Gott des Himmels und der Erde). Dreimal schlägt der Henker vergeblich zu, doch das Haupt wird nicht abgetrennt. Erzsébet glaubt darin den Willen Gottes zu erkennen, doch der König winkt dem Henker noch einmal zu und beim vierten Mal fällt Lászlós Haupt schließlich zu Boden.

Regisseur Gábor Szűcs gelang es leider nicht die Handlung in nachvollziehbaren Bildern zu schildern und mit Spannung zu beleben. Ein mittels Videoprojektion eingeblendeter schwarzer Rabe, den auch der junge Mátyás in Papierform auf einem Stab hochhält und spielend herumschwingt, soll wohl als Symbol für das tragische Schicksal gelten. Die Idee ist aber nicht neu, denn schon Ruth Berghaus hat sie in ihrer Inszenierung von Schuberts Fierrabras im Theater an der Wien 1988 wenig schlüssig verwendet. Zu Beginn wird uns das Gefolge der Hunyadis als moderne Geschäftsleute in dunklen Anzügen vorgeführt. Später wechselt die Ausstattung aber in die Zeit der Entstehung der Oper in den 1840er Jahren. Zu jener Zeit wurde das habsburgische Reich von dem wenig erfolgreichen Ferdinand I. (1793-1875) regiert, der als Ferdinand V. ab 1830 auch König von Ungarn und Kroatien war. Ungeachtet dieses historischen Kontextes trägt König Ladislaus V. in dieser Inszenierung jedoch mehr die Züge von Kaiser Franz Joseph, einem zwar gleichfalls verhassten, jedoch im Vergleich zu Ferdinand V. weniger unbeholfenen Herrscher. Die Idee des Regisseurs, die Hosenrolle des jungen Mátyás aufzuteilen, empfand ich als nicht besonders geglückt. Während dieser nun von einem Knaben stumm dargestellt wird singt ein Mezzo seinen Part als „nicht agierender“ Begleiter. Als störend empfand ich auch die Tanzeinlagen (Choreographie: Csanád Gergely Kováts), die wie aufgesetzt wirkten und auch die Bewegungsregie des Chores gefiel sich in eher beiläufigen Stereotypen. Die Burgen von Nándorfehérvár, Buda und Temesvár waren in dieser Inszenierung äußerlich kaum zu unterscheiden. Bei den Kostümen von Enikő Kárpáti war das 19. Jhd. vorherrschend, die Ungarn in prächtiger Nationaltracht, die österreichischen Soldaten in Uniform. László Hunyadi wiederum wirkte in seinem Ledermantel,  den er während der ersten beiden Akte trug, mehr wie ein Rocker als ein ungarischer Edelmann. Und auch Cilleis Uniform beschwor düstere Zeiten deutscher Wehrmacht herauf als jene der damaligen kaiserlichen Armee. 

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Fotocredit: Péter Rákossy

Musikalisch gesehen war die Aufführung aber ein, von wenigen Abstrichen abgesehen, höchst erfreulicher Abend. Dies ist zunächst dem Dirigenten des Abends, Péter Oberfrank, am Pult des Orchesters der Ungarischen Staatsoper geschuldet, der die farbige Pracht dieser Bel Canto lastigen und von Ungarischer Volksmusik durchzogenen Oper in allen Nuancen funkelnd erstrahlen ließ. Und auch der Chor der Ungarischen Staatsoper sang bei dieser Nationaloper unter der verdienten Leitung von Kálmán Strausz auf höchstem Niveau. Hajnalka Orsolya Rőser bot ein überwältigendes Erlebnis als Erzsébet Szilágyi. Spielerisch bewältigte sie die mit halsbrecherischen Koloraturen überreich ausgestattete Partie. Sie hielt auch eine beeindruckende Balance in der Darstellung der besorgten Mutter und ihrer Würde als Witwe des letzten ungarischen Reichsverwesers. Kinga Kriszta als Mária Gara hatte etwas weniger zu singen, aber ihre Cabaletta „Mi égi báj ez, mi pillanat, hevül a vérem, erem dagad“ (Was himmlische Freude, welcher Moment, mein Blut brodelt, meine Adern schwellen) war gleichfalls mit äußerst anspruchsvollen  Koloraturen gespickt. Schade, dass Gabriella Balga mit ihrem ausdrucksstarken Mezzosopran die Hosenrolle des Mátyás nur singen durfte, sie hätte wohl auch in darstellerischer Hinsicht in dieser Produktion weitaus besser zum Einsatz gebracht werden können. Den szenischen Part des jungen Mátyás übernahm rollengerecht Dénes VéghAttila Fekete bewies in der Rolle des Hunyadi László Stehvermögen und es gelangen ihm auch zahlreiche schöne Momente trotz oder gerade wegen seiner äußersten Kraftanstrengung. Der Tenor von István Horváth als König László V. schwächelte ein wenig, lediglich seine lyrische Cabaletta „Tündér, te bájos, szép Máriám!“ (du liebliche Elfe, meine schöne Maria!) trug er betont gefühlvoll vor. Marcell Bakonyi unterlegte seinen intriganten Ulrik Cillei mit gefälligem und gut geführtem Bassbariton. István Kovács als Palatin Miklós Gara war der Bösewicht der Oper par excellence mit seinem dunklen und eindringlichen Bassbariton. Rollengerecht ergänzten noch Sándor Egri als Mihály Szilágyi, der Bruder Erzsébets,  mit seinem unverkennbaren Bass, und András Káldi Kiss als Rozgonyi, Offizier und Freund Hunyadi Lászlós mit seinem noblen Bariton.

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Fotocredit: Péter Rákossy

Das begeisterte Publikum schenkte den verdienten Interpreten seiner Nationaloper begeisterten Beifall, dem sich der Rezensent, trotz einiger Vorbehalte, schlussendlich doch nicht enthalten konnte. Bravo!

Harald Lacina

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