Der Neue Merker

MARIA THERESIA. Briefe an ihre engste Freundin

BuchCover Maria Theresia~1

Monika Czernin / Jean-Pierre Lavandier
LIEBET MICH IMMER
MARIA THERESIA
Briefe an ihre engste Freundin
200 Seiten, Verlag Ueberreuter, 2017

Es ist erstaunlich, dass es zu Persönlichkeiten, die man für gänzlich „erforscht“ hielt, immer doch noch Neues zu finden gibt. Briefe von Maria Theresia an ihre Hofdame Gräfin Sophie Enzenberg waren teilweise bekannt, einige wurden im französischen Original veröffentlicht. Aber erst der Fund eines Konvoluts von Maria Theresia-Briefen an die Gräfin auf Schloß Tratzberg ermöglichte genaue Einsicht, Kenntnis, Übersetzung und Publikation. Die Übersetzung stammt von dem Germanisten und Historiker Jean-Pierre Lavandier, das dazugehörige Buch hat die Kulturjournalistin Monika Czernin geschrieben.

Von den Briefen sind nur jene der Kaiserin erhalten, mit einer Ausnahme – ein Brief der Gräfin existiert, weil Maria Theresia die Antwort gleich auf die Rückseite schrieb. Ansonsten wurden private Briefe, die Herrscher im Lauf ihres Lebens empfangen hatten, gleich nach deren Tod vernichtet (Kaiser Joseph II. verfügte es auch bei seiner Mutter), deren Briefe hingegen wurden von den Empfängern wohl aufbewahrt wie in diesem Fall, wo sie sich Generationen später im Familienbesitz in Tirol fanden, wo die Enzenberg lebten.

Nun sind die erhalten Briefe zwar inhaltlich nicht wirklich bedeutend, es sei denn, man wollte sich wieder einmal wundern, um wie viele Details des täglichen Lebens sich Maria Theresia tatsächlich kümmerte. Interessant daran ist, wie sie dieser Freundin – selbstverständlich immer „per Sie“ bis zum letzten, wahre Intimität konnte eine Kaiserin mit niemandem pflegen – Auskünfte über ihren oft mehr als gedrückten Gemütszustand gab, etwas, das sie vor ihrer Umwelt gerne verbarg. Aber tatsächlich kann man schließen, dass Maria Theresia nicht erst seit dem Tod ihres Mannes schwere depressive Schübe erlitt, die sich mit Perioden manischer Arbeitswut abwechselten. Die ehrliche Schilderung ihrer Befindlichkeit in den Briefen macht klar, wie nahe sich die Kaiserin Sophie Enzenberg, die zehn Jahre älter war als sie, fühlte.

Die Bekanntschaft ging auf das Jahr 1745 zurück. Damals war Sophie  Amalia Freiin von Schack zu Schackenburg „arbeitslos“, da ihre Dienstgeberin Elisabeth-Therese von Lothringen, eine Schwester von Maria Theresias Gatten Franz Stephan, verstorben war, nicht ohne den Auftrag, Sophie zu versorgen. Folglich brachte Anna-Charlotte von Lothringen, die Tochter der Verstorbenen, Sophie nach Wien mit, wohl um sie Maria Theresia „anzubieten“.  Die beiden Frauen waren einander sofort sympathisch, und obwohl die Kaiserin bereits über eine Entourage von 15 Hofdamen verfügte (die Autorin nennt diesen Hof im Hof den „allerhöchsten Taubenschlag“), nahm sie auch Sophie in diesen Kreis auf.

Diese blieb allerdings nicht lange dort, denn die Hofdamen der Kaiserin waren begehrte Heiratsware. Obwohl Sophie mit 39 über das damalige Heiratsalter hinaus war, konnte sie dennoch eine Jugendliebe, Kassian von Enzenberg, einen der hohen Beamten im Land Tirol, heiraten. Die Kaiserin richtete der geschätzten Hofdame 1746 (Sophie war also kaum ein Jahr bei ihr im Dienst gewesen) die Hochzeit sogar in Schönbrunn aus. Dann zog die Neuvermählte mit ihrem Gatten nach Tirol, erst nach Meran, dann nach Innsbruck. Der einzige Sohn des Paares, „Franzl“, war ein Patenkind der Kaiserin, um den sie sich sehr kümmerte.

Offenbar hatten Maria Theresia und Sophie eine so enge Beziehung aufgebaut, dass nun durch die Trennung ein Briefwechsel entstand, vieles von Maria Theresia eigenhändig (!) geschrieben. Nichts Bedeutendes, wie gesagt, obwohl eine Menge Personelles da auf persönlicher Ebene verhandelt wurde (Empfehlungen, Anfragen), aber vor allem ein Kontakt, der auf Vertrauen, gegenseitigem Verständnis und Zuneigung basierte.

Das Buch bringt nun nicht Brief für  Brief, sondern bettet sie in eine quasi „private“ Geschichte Maria Theresias ein, und da die neuen Biographien sich in hohem Maße mit den politischen Aspekten ihres Lebens und ihrer Herrschaft befassen, ist dieser private Blick aus der Nähe sehr eindrucksvoll.

Es gibt auch neue Erklärungen für manche Dinge. So hat man sich immer gefragt, wie es kam, dass der Hof die Hochzeit von Erzherzog Leopold mit der spanischen Infantin Maria Ludovica im August 1765 ausgerechnet in Innsbruck feierte, was der Entfernung wegen ein enormes logistisches Problem darstellte. Die Antwort lautete bisher, damit die Braut keinen so weiten Weg von Spanien her hatte, weil das Paar dann von Tirol aus gleich in die Toskana weiterreisen konnte. Tatsächlich aber tat es Maria Theresia vielleicht auch der Freundin zuliebe, die in Innsbruck als ihre Agentin und verlängerte Hand fungieren konnte und für deren Gatten eine kaiserliche Hochzeit natürlich enormes Prestige bedeutete. Tatsächlich hatte Sophie schwer damit zu tun, alle Wünsche der Kaiserin zu erfüllen, die sogar genaue Vorstellungen hatte, wer in der Hofburg neben wem zu wohnen hatte – und wer den oder jenen sicherlich nicht in der Nachbarschaft haben durfte… wobei auch die Interpreten der Briefe nicht genau wissen, was hinter manchen Anweisungen steckt.

Innsbruck 1765 bedeutete ja dann die Katastrophe im Leben Maria Theresias, weil ihr Gatte, Franz Stephan von Lothringen, als Franz I. Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, wenige Tage nach Leopolds Hochzeit mitten in einem anstrengenden Reigen von Festivitäten (für die Maria Theresia auch Anweisungen gegeben hatte) starb.

Von da an mehren sich die Klagen einer lebensmüden Kaiserin in den Briefen, aber wie die chronologische Darstellung zeigt, hatte sich auch nach dem Tod des Gatten noch sehr viel zu tun – die Hochzeiten der Töchter in Richtung der Bourbonischen Machtzentren standen noch bevor, und Maria Theresia war die treibende Kraft. Die Autorin schildert den Zwiespalt einer Mutter, die vor sich verantworten musste, der Lieblingstochter die Liebesehe zu gestatten (Marie Christine und Albert von Sachsen-Teschen), drei andere Töchter aber in Schicksale zu zwingen, wo sie wusste, wie bedauernswert sie waren („Ich muss die arme Josepha als ein Opfer der Politik betrachten“ – nur dass diese Tochter starb und Maria Carolina es dann erleben musste, in der Hochzeitsnacht regelrecht vergewaltigt zu werden). Maria Theresia arrangierte diese Heiraten als Bündnisse dennoch – das Dynastische siegte fast immer über das Persönliche. (Sie wusste auch, was sie Joseph mit der Heirat mit seiner bayerischen Cousine antat: „Mein Sohn ist im Endeffekt zu beklagen…“)

Als Witwe verschenkte Maria Theresia all ihren Schmuck, trug nur noch schwarz, litt zunehmend an Beschwerden, die vor  allem mit ihrer Leibesfülle zusammen hingen (hätte sie nicht eine so eiserne Konstitution besessen, wäre sie vermutlich gar nicht so alt geworden), und sie bekämpfte ihre Depressionen mit aller ihr zur Verfügung stehenden Disziplin. Vielleicht schrieb sie wirklich nur Sophie, wie sie sich fühlte: „Für mich gibt es nur noch die Gruft.“ Neben den hektischen Heiratsverhandlungen waren es dann auch die Verstimmungen zwischen ihr und ihrem Sohn Joseph II., die an ihren Kräften zehrte und ihr das Gefühl gab, nicht mehr in „ihrer Welt“ zu leben. Aber sie hat ihr erstaunliches Arbeitspensum bis kurz vor ihrem Ende aufrecht erhalten.

1772 wurde auch Sophie Witwe. Maria Theresia sorgte persönlich für ihre finanzielle Sicherheit und kümmert sich nachdrücklich um „Franzl“, dessen Ehe und Karriere. Der letzte erhaltene Brief Maria Theresias stammt aus diesem Jahr, aber angesichts großer Lücken in der Korrespondenz muss man annehmen, dass man sich weiter schrieb und Sophie auch Briefe der Kaiserin verbrannt hatte.

Nach Maria Theresias Tod 1780 gibt es noch drei höfliche Briefe von Joseph II. – im letzten konnte er Sophie allerdings ihre Wohnung in der Innsbrucker Hofburg nicht mehr zugestehen. Wo die Gräfin bis zu ihrem eigenen Tod 1788 gelebt hat, ist nicht bekannt.

Renate Wagner

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Thomas Lau: MARIA THERESIA DIE KAISERIN

BuchCover  Lau, Maria Theresia

Thomas Lau: 
MARIA THERESIA 
DIE KAISERIN
440 Seiten, Böhlau Verlag, 2017 

Es ist „Maria-Theresia-Jahr“, neue Biographien stapeln sich bereits in den Buchhandlungen, kaum jemand wird jede davon lesen können und wollen, Interessenten müssen sich entscheiden. Wer es genau wissen will und den langen Atem für viele, intensive Lesestunden aufbringt, ist mit dem Historiker Thomas Lau gut bedient. Dieser ist Privatdozent in Fribourg in der Schweiz, und der Blick von außen hat sich bei der Betrachtung von „Ikonen“ immer als nützlich erwiesen – da fehlen dann glücklicherweise die Emotionen, mit denen die Österreicher „ihre“ Maria Theresia umspülen…

Thomas Lau ist, und das ist seine Stärke, ungemein anschaulich. Er fragt sich und erzählt uns, wie die Welt 1717 aussah, als die kleine Erzherzogin Maria Theresia zur Welt kam, und er behält diesen „nahen“ Blick auf die Verhältnisse bei. Die Gefahr, sich entweder nur in politisches Gerangel zu verstricken oder nur feulletonistisch in die Kinderzimmer zu schauen, besteht bei ihm nicht. Er fragt, wie sich die Geschehnisse für die damals Lebenden darstellten – und daraus ergibt sich dann das Handeln, daraus folgen die Entwicklungen, resultieren die historischen Ereignisse. Nicht das Hinstellen von Fakten, sondern der Blick hinter die Kulissen.

Da ist so viel Detailreiches von Anfang an interessant und informativ – was bedeutete etwa jeder einzelne Vorname, den man diesem kleinen Mädchen gab? Welche Rolle fiel ihr zu an einem Hof, wo sie im Moment das einzige Kind war (der kleine Bruder war ein halbes Jahr davor, nur sieben Monate alt, gestorben)? Wie sehr ihr Vater – zu Recht, wie die Geschichte zeigte – um die Nachfolge im Haus Habsburg besorgt war, zeigte ja die schon vor der Geburt des ersten Kindes erlassene „Pragmatische Sanktion“, die seiner Nachkommenschaft – ob männlich, ob weiblich – auf jeden Fall die Herrschaft sichern sollte: Hatte Karl VI. nicht selbst erlebt, wie in seiner Generation Spanien den Habsburgern verloren ging, weil nicht genügend Erben da waren…?

Lau zeichnet nun auf im ganzen 440 Seiten den Weg dieser Maria Theresia nach, die ihre Habsburgischen Erblande verteidigen konnte – nur die Krone des Heiligen Römischen Reichs war für eine Frau unerreichbar. Der Glücksfall war, dass man sie (nach einigen Umwegen) für ihren Gatten, dann ihren Sohn sichern konnte. Und weiterer Glücksfall, dass das „Reich“ mit seinen Querelen sie gar nicht interessierte: Sie hatte genügend mit den Ländern zu tun, die ihre Ahnen (voran Maximilian I.) zusammen erobert und vor allem erheiratet hatten…

Maria Theresia war gescheit und gut ausgebildet, später haben viele die Umsicht und Einsicht bewundert, mit der sie Regierungsgeschäfte tätigte, aber auch die Geschicklichkeit, mit der sie Menschen behandelt – oft schwierige, die sie mit weiblichem Charme besänftige, auch gerne zu Geschenken griff, wohl wissend, dass dies ein wirkungsvolles Element der Befriedung darstellte. Sie war, als ihr Vater starb, nicht unvorbereitet – obwohl sie es selbst gerne so darstellte.

Dass diese Maria Theresia keine naiv-weibliche Unschuld, sondern eine wohl taktierende Frau war: Der Autor analysiert es aus vielen ihrer Handlungen und Selbstdarstellungen (wo sie sorglich an ihrem eigenen Bild in der Öffentlichkeit feilte, nicht zuletzt als „Mutter ihrer Völker“). Sie „spielte je nach Bedarf die Rolle der schüchternen Schülerin, der schutzbedürftigen Mutter oder der häuslichen Ehefrau“. (Mundus vult decipi.) Lau meint auch beweisen zu können, dass sie zwar großen Wert auf das Image der Frau legte, die Krieg verabscheute – aber in den später „Siebenjährigen“ genannten ist sie offenen Auges und willig gegangen, längst wissend, dass man sich in einer Welt harter Männer und harter Gegner mit weiblichen Qualitäten nicht durchsetzen konnte…

Obwohl Lau chronologisch erzählt, was natürlich der einzig richtige Weg ist, ein Leben in den Griff zu bekommen, gibt er sich „Inseln“ des Verweilens, wo es um gewisse Menschen und Beziehungen geht: So widmet er sich etwa ausführlich der Persönlichkeit von Franz Stephan, der als Ehemann der besonderen Art für Maria Theresia so wichtig war. Wenn er dabei Berichte von Zeitgenossen zitiert, so tut er es nicht, um deren Urteile apodiktisch zu übernehmen, sondern fragt sich, wer wem was warum schrieb – was wollte Friedrich II. von Preußen von seinem Gesandten Podewlis hören und lesen, wenn ihn dieser nicht nur mit Fakten, sondern auch Klatsch vom Wiener Hof versorgte? Wie sind die Erinnerungen anderer Leute gefärbt, wie sind sie einzuschätzen? Allein durch diese Entschlossenheit, nichts ungefragt zu übernehmen, werden die Bilder, die Thomas Lau hinstellt, so schillernd und interessant.

1740: In Wien kommt die 23jährige Maria Theresia zur Herrschaft, in Berlin der 28jährige Friedrich, beide nach dem Tod der Väter. Ein klassischer Generationenwechsel, der völlig neue politische Verhältnisse schuf – plötzlich war Preußen dort im Norden nicht mehr der unauffällige Verbündete, sondern ein potentieller Feind, der sich überhaupt keine Zeit dabei ließ, seine Großmachtsbestrebungen auf Kosten von Habsburg zu postulieren. Lau schildert genau, wie Friedrich auf alle Friedensideen pfiff, als er meinte, in einer Frau einen leichten Gegner in Bezug auf seine Forderungen nach Schlesien zu finden: der „aufgeklärte“ Friedenskönig wurde zum entschlossenen Kriegsgott, und Maria Theresia hatte mehr oder minder zeitlebens ihre Nemesis im Norden.

Abgesehen davon, dass Friedrichs Attacke alle anderen Feinde auf den Plan rief (vor allem die Bayern und Sachsen, die meinten, durch ihre Ehen mit Maria Theresias Cousinen, Töchter von Karl VI. älterem Bruder, Reche auf die Habsburgischen Land zu haben – und diese auch erhoben).

Da musste also eine junge Herrscherin nicht nur alle Befürchtungen im eigenen Land beruhigen, ob sie auch fähig sein würde, das Schiff zu führen und zu lenken, sie bekam keine Atempause, bevor sie in Kriege verwickelt wurde, die sie nun damals wirklich (noch) nicht wollte. Wobei Lau durchaus auch Friedrichs Tücke ausbreitet, mit der er „Rechtsansprüche“ an Schlesien vorgab…

Zwischen Buchseiten liest es sich geradezu spannend, in der Realität muss es eine Zeit der Katastrophen gewesen sein, zumal Maria Theresia ja auch einen männlichen Erben brauchte – Joseph kam dann endlich 1741 nach drei Töchtern zur Welt. Maria Theresia brachte im Abstand von 20 Jahren 16 Kinder zur Welt, das bedeutet, dass sie sich die meiste Zeit im Zustand der Schwangerschaft befand (mit Kindbetten hielt sie sich nicht weiter auf) – auch das weitgehend unvorstellbar. Thomas Lau schätzt ihre Arbeitsleistung nie gering, man erfährt auch, dass sie sich selbst bei Spaziergängen im Park Akten mitnahm, die sie sich um die Taille schnürte…

Noch unglaublicher wird die Leistung dieser Maria Theresia, wenn man sich vom Autor schildern lässt, wie so ein Alltag in der „kaiserlichen Familie“ ablief (der Gatte war ab 1745 Kaiser, die Bezeichnung „Kaiserin“ für Maria Theresia ist völlig legitim, auch wenn sie unter Vorwänden auf die Krönung in Frankfurt an der Seite des Ehemannes verzichtete). Gewiss verbrachte man so viel Zeit wie möglich in Schönbrunn, weil es dort „gemütlicher“ war als in der Hofburg, Maria Theresia reiste auch sehr ungern (sie holte sich die ungarische und böhmische Krone ab, sonst bewegte sie sich nicht weit), aber dennoch war man in den umliegenden Schlössern unterwegs, von Hetzendorf bis Schlosshof, man besuchte auch die Esterhazy, und selbst wenn man für eine abendliche Aufführung „in der Burg“ von Schönbrunn in die Stadt hinein fuhr (das Schloß lag „am Land“, die Innere Stadt war klein und ummauert), brauchte dies damals Stunden…

Tägliche Messen, gemeinsame Essen (denen sich Maria Theresia aus Zeitgründen mehr und mehr entzog) kosteten viel Zeit, und lange Jahre ihres Lebens war sie auch nach dem „Pharao“-Spiel süchtig, einem Kartenspiel, wo einer die Bank hielt und die anderen auf Karten wetteten (wobei sich viele Aristokraten finanziell ruinierten), die täglichen Berichte über die Kinder und nebenbei noch pausenlos ein Riesenreich regieren … schwer vorzustellen, wie das überhaupt zu schaffen war, wie viel Kraft es brauchte (zumal im so häufig schwangeren Zustand). Es sind diese Schilderungen, die das Buch so lebendig machen – und die Frau, die man aus allen Blickwinkeln umkreist, erst recht.

Natürlich geht es ohne Außenpolitik, Innenpolitik nicht ab, und viele bewundernswerte Reformen gingen auf ihre Initiative zurück. Wobei Thomas Lau an Maria Theresias Eigenschaften nicht nur die Selbstdarstellung bewertet, sondern auch die nüchterne Einstellung zum Geld, das sie immer wieder benötigte: So hat sie (und man glaubt es gern) die „Keuschheitskommission“ nicht nur aus moralischen oder gar religiösen Gründen eingesetzt (sie war fromm, ja, aber mitzureden hatte der Klerus bei ihr nicht), sondern auch aus praktischen Erwägungen: Erstens wurde viel zu viel bürgerliches Geld in die Kanäle der Prostitution abgezogen – und zweitens waren die Geschlechtskrankheiten, die die ungetreuen Männer befielen, eine Plage…

Mit Geld konnte man auch ihren Antisemitismus besiegen: Prager Juden aus der Stadt zu weisen, hatte sie kein Problem, aber als klar wurde, wie sehr das der Stadt wirtschaftlich schadete, durften jene, die es sich erkaufen konnten, wieder zurück… Das war damals übrigens relativ typisches Verhalten, erst ihr Sohn hatte wirklich Sinn für den Pluralismus von Glauben und Ethnien. Apropos Geld: Wo Maria Theresia ihren Völkern die Herrscherin zeigen wollte, also vorspielen musste, scheute sie auch keine Kosten. Sie kannte das Spiel.

Interessant kurz hält Thomas Lau (wohl auch, weil diese Themen bereits so ausgeschlachtet wurden) die Geschichte der überlebenden Kinder und ihrer Ehen, nur die scharfen Gegensätze zwischen Maria Theresia und ihrem letztlich nicht zu bändigen Sohn Joseph werden herausgearbeitet (wobei Joseph von ihr gelernt hatte, dass man sich als Herrscher auch der Umwelt als solcher zu zelebrieren hatte).

Am Ende erzählt der Autor ausführlich von ihrem Sterben – eine tapfere Christin, die an ein Jenseits glaubte, die den Doppelsarkophag in der Kapuzinergruft früh bestellt hatte, die ihrem Tod wissentlich entgegen gehen wollte.

Bewundernswert bis zuletzt, daran lässt auch ein Autor keinen Zweifel, der das Bild dieser Maria Theresia überaus differenziert, aber nie abwertend und gehässig zeichnet.

Renate Wagner

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WHO IS WHO BEIM WIENER KONGRESS

BuchCover  Europa in Wien, Who is who Wr. Kongress

Karin Schneider, Eva Maria Werner
EUROPA IN WIEN
Who is who beim Wiener Kongress 1814 / 15
388 Seiten, Böhlau Verlag, 2015

Es gibt Bücher, auf die man gewartet hat. Bücher, die nicht über Themen „hinwegschreiben“, sondern konkrete Fragen stellen. Darstellungen des Wiener Kongresses zählen üblicherweise die immer gleichen Verhandlungen und Ergebnisse auf und nennen immer dieselben Personen. „Praktische“ Fragen etwa der Organisation der Verhandlungen oder so schlicht-interessante Fakten wie nach den Quartieren – und vor allem: Wer war aller hier? findet man nirgends beantwortet.

Hier ist nun das Buch zum Thema, das Persönlichkeiten, Orte und Kommunikationssituationen durchleuchtet, und zwar auf der Basis der ungeheuren Konvolute der damaligen Polizeiberichte. Außerdem haben viele Beteiligte, auch solche, die nicht in der ersten Reihe standen, ihre Eindrücke und Erinnerungen dargelegt. Das Ergebnis: der echte Blick hinter die Kulissen. Auch wenn die Autorinnen Karin Schneider und Eva Maria Werner zugeben, dass viele Fragen offen geblieben sind, weil die Quellen doch immer wieder ausgelassen haben…

Wo tagten sie, wo nächtigten sie, wie hat man sich fortbewegt, wo hat man sich nach der Arbeit vergnügt, wie haben die Wiener mit der unglaublichen Fülle von Gästen interagiert, was stand in den Zeitungen und was wurde nur unter vorgehaltener Hand berichtet  – hier wird dieser Kongress, der zwar ein Ende hatte, aber keinen wirklichen Anfang, wie man erfährt, tatsächlich fassbar.

Wenn man zum zentralen Teil des Buches gelangt, nämlich dem tatsächlichen Who is who, dann muss man bedenken, welche Fülle von Personen mit dem Kongress nach Wien kam – die russische Delegation, die keine Geldprobleme hatte, umfasste nicht weniger als 76 Teilnehmer (!), aber auch Kleinstaaten kamen mit vielen Leuten (Sachsen-Weimar-Eisenach mit immerhin 17). Die Kurzbiographien, die durchschnittlich von einer halben Seite bis zu zwei Seiten lang sind (wenn es um die wichtigen Protagonisten, die Fürsten, geht), geben Namen, Daten und Funktion und Lebenslauf, wobei nicht nur die verhandelnden Herren, sondern auch die flankierenden Damen, von Fanny Arnstein bis zu Melanie Zichy, „auftreten“.

Wo möglich, hat man eruiert, wann die Gäste kamen, wo sie  wohnten, was sie taten – auch wenn das nicht unbedingt lobenswert war, wie die Aktionen jenes Herrn Danz, Vertreter der Stadt Frankfurt, der dafür sorgte, dass die Ansprüche der Judenschaft auf rechtliche Gleichstellung hintertrieben wurden…

Man liest solche Biographien nicht von A bis Z, man blättert, bleibt punktuell an gewissen Namen hängen, erfährt oft durch Zufall Erstaunliches, das einem noch nie untergekommen ist – etwa, dass der Fürst Boncompagni-Ludovisi den römischen Aristokraten Giuseppe Vera als Bevollmächtigten zum Wiener Kongress sandte, um jene Insel Elba zurück zu erhalten, die einst Napoleon zugesprochen worden war, sowie jene Gebiete, die dieser im Bonaparte’schen Familiensinn seiner Schwester Elisa zugeschlagen hatte, ohne sich viel um die ursprünglichen Besitzer zu kümmern …

Und am Ende kann, wer will – und es ist wirklich interessant – , noch Listen lesen, die Aufzählung von Monarchen (die Schwester von Kaiser Franz, Maria Theresia, war in ihrer Eigenschaft als Erbprinzessin von Sachsen beim Kongress!), von Delegierten, von Kommissions-Mitgliedern… was der Käufer eines „Who is who“ eben wissen will.

Renate Wagner

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Helmut Luther: ÖSTERREICH LIEGT AM MEER

BuchCover  Luther  Österreich liegt am Meer

Helmut Luther:  Erstellen
ÖSTERREICH LIEGT AM MEER
Eine Reise durch die k.u.k. Sehnsuchtsorte
288 Seiten, Amalthea Verlag, 2017

Wenn man selbst zu jenen Leuten gehört, die immer wieder sehnsuchtsvoll zwischen Venedig, Triest und Abbazia, Pula und Fiume herumreisen, natürlich auch mit einem Sprung nach Brioni, dabei trotzig noch die alten Namen im Kopf, immer in dem Gefühl, die Zeit möge stehen geblieben sein… dann wird man dem Autor Helmut Luther nur allzu gern bei seinen Berichten über Streifzüge zu den „k.u.k. Sehnsuchtsorten“ folgen. Dorthin, wo Österreich war, als es noch „am Meer“ lag. Jeder erlebt schließlich anderes, und man kann immer noch Neues lernen…

Wie so mancher Österreicher hatte auch Luther eine Großmutter, in deren Nähe die Welt der Monarchie lebendig wurde, und man muss ja nur der Südbahn folgen (die heute nicht mehr durchfährt wie einst!!!), um jene nördliche Adria-Küste zu erreichen, die einst ebenso elegant und gesucht war wie die Riviera. Heute sind die „Reste“ von einst durchaus noch aufzufinden, verbunden mit Geschichten, die man sich gerne erzählen lässt.

Luther, der zwischendurch fallen lässt, dass er als Junge als Bote für das Blumengeschäft der Eltern die Hotels von Meran belieferte, war Geschichtslehrer, ist aber auch Feuilletonist und offenbar selbst leidenschaftlicher Reisender. Er kann die Landschaft mit vielen Begegnungen, historischen und durchaus lebendigen, beleben.

Er beginnt seine  Reise in seinem heimatlichen Südtirol, wenn er sich in Cles im Nontal auf die Spuren der Brüder Strudel setzt, die im 17. Jahrhundert eine bedeutende Künstlerdynastie waren (Paul Strudel erhielt von Kaiser Leopold I. die Projektleitung für die Pestsäule am Wiener Graben, heute noch zu bewundern). Es gibt Orte, an denen Reisende vorbeifahren, weil sie gar nicht wissen, was dort zu sehen wäre, etwa Villa Lagarina, wo es eine prachtvolle Barockkirche gibt, die von Fürsterzbischof Paris Lodron in Auftrag gegeben wurde…

Und so reist man weiter, von Luther an der Hand genommen, nach Venedig, nach Görz (natürlich ist hier der Abstecher zu der Schauspielerin Nora Gregor unvermeidlich), nach Triest, wo es so viel zu entdecken gibt, nicht immer Schönes auch wie die Schatten der Vergangenheit in Opicina oben… Luther trifft immer wieder alte Leute, die ihm Ereignisse der Geschichte aus ihrer Sicht her berichten.

Ob Illy-Kaffee, ob Lipizzaner, ob Josef Ressel mit seiner Schiffsschraube oder Paul Kupelwieser  mit seiner „Erfindung“ von Brioni (nur dass Arthur Schnitzler dort auch gerne Sommergast war, erzählt der Autor nicht), Alt-Österreich setzt sich aus Bekanntem und weniger Bekanntem zusammen.

Eines ist sicher: Wenn man wieder einmal hinunter fährt, was ja unvermeidlich ist, hat man den „Luther“ im Gepäck, und das ist kein Gebetbuch, sondern ein Reiseführer.

Renate Wagner

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Houchang Allahyari: NORMALSEIN IST NICHT EINFACH

BuchCover  Allahyaria  Normalsein

Houchang Allahyari: 
NORMALSEIN IST NICHT EINFACH
Meine Erlebnisse als Psychiater und Filmemacher
Aufgezeichnet von August Staudenmayer
240 Seiten, Amalthea Verlag 2017 

Man kann Promis, die ihre Erinnerungen vorlegen, nicht befehlen, was sie zu schreiben haben. Möglicherweise erwartet man dann als Leser anderes als man bekommt. Das könnte bei Houchang Allahyari der Fall sein, einer von Österreichs „Haus-Persern“ (wie auch Michael Niavarani), die untrennbar zum Kulturleben des Landes gehören. Allahyari, 1941 geboren, feierte im Vorjahr seinen 75. Geburtstag, ist ein hoch geachteter Filmemacher und hätte, so meint man, darüber viel zu erzählen.

Tatsächlich aber bezieht sich der Titel des Buches, der  „Normalsein ist nicht einfach“ lautet, weit eher auf Allahyaris langjährige und trotz seines Pensionsalters offenbar noch immer ausgeführte Tätigkeit als Psychiater. Man springt in dieses Buch hinein – nein, man erfährt nicht, wie es kam, dass ein junger Iraner mit 19 Jahren nach Österreich kam und wieso er hier blieb. Dieser Teil der Geschichte ist immer verwaschen, auch im Internet liest man Verschiedenes, er kam, um Theaterwissenschaft zu studieren, nein, er kam, um Medizin zu studieren (sicher nicht „Psychiatrie“ per se, wie es am Schutzumschlag heißt, denn das geht nur mit Medizin Hand in Hand), er kam mit Mutter, Großmutter, Schwester… nein, was Genaues weiß und erfährt man nicht, und man fragt sich, warum.  Erst ganz am Ende berichtet er von seiner Rückkehr, Heimkehr in den Iran im Vorjahr, um auch daraus einen Film zu machen. Und wieder ist es vage.

Nein, man springt in dieses Buch, der Erste, der einem hier begegnet (und man versteht, bei aller Bedeutung, die er für Allahyaria hatte, nicht, wieso das der Einstieg ist), ist Paul Wittgenstein, der bekannte „Wittgensteins Neffe“, nicht der berühmte einarmige Pianist, sondern der Philosoph, der 1979 in Linz starb, manisch-depressiv und deshalb in jener Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg Linz untergebracht, an der Allahyari als junger Arzt und Psychiater arbeitete.

Über weiteste Strecken hat man nun Ärzte-Erinnerungen des „Doktor Huschi“ vor sich, reichlich versetzt mit den üblichen Krankenhaus-Anekdoten, und auch wenn er dann beginnt, von seiner Filmarbeit zu berichten, geschieht das eher anekdotisch als zumindest so weit analytisch, wie man es erwarten könnte. Auch wenn er möchte, dass ein breites Publikum sein Buch liest. Aber, um die Wahrheit zu sagen, für diese „breite Publikum“ sind seine Filme ja auch nicht geeignet…

Natürlich, wenn man liest, wie sich Waltraut Haas oder Erni Mangold, Gunther Philipp oder Leon Askin bei Dreharbeiten benehmen, mag das stellenweise ganz lustig sein, aber das, was man von Allahyari wissen möchte, ist es nicht. Wobei einer seiner wichtigsten Filme, „I love Vienna“, weder im Text noch im Anhang vorkommt. Schade, Ärzte gibt es viele, Filmemacher, die man ausführlich befragen möchte, nur wenige.

Renate Wagner

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CHORUS. WIENER STAATSOPER

BuchCover  Chorus

Dominique Meyer, Thomas Lang, Andreas Láng, Oliver Láng, Mario Steller, Lois Lammerhuber:
CHORUS. WIENER STAATSOPER
252 Seiten, Großformat,
Edition Lammerhuber, Baden/Wien 2017

Man kennt sie schon, die großformatigen Bände, mit denen Dominique Meyer eine „Art Enzyklopädie über Musiktheater am Fallbeispiel der Wiener Staatsoper“ vorlegt, was später auch eine Dokumentation über seine Jahre als Direktor dieses Hauses sein wird. „On Stage“ wurde „backstage“ über die Entstehung einer Aufführung berichtet, mit allem, was dazu alles nötig ist. „Glamour“ widmete sich den Kostümwerkstätten des Hauses. „Harmony“ galt einer Präsentation des hauseigenen Ensembles der Spielzeit 2014/15, „Genesis“ berichtete am Beispiel der „Don Paquale“-Neuproduktion über alle Arbeits schritte vom ersten Konzept bis zum Heben des Premierenvorhangs. „(E)Motion“ war dem Wiener Staatsballett gewidmet, und „Passion“ galt den Wiener Philharmonikern in ihrer Eigenschaft als Staatsopernorchester.

Und nun liegt „Chorus“ vor.

Künstler kommen und gehen. Aber es gibt einige „fixe“ Bestandteile, ohne die ein Opernhaus nicht existieren kann: ein Orchester, ein Chor sowie eine technische und eine administrative Mannschaft. Einzelne Mitglieder mögen Abend für Abend „fluktuieren“, aber als Ganzes ist so etwas wie ein „Chor“ eine Institution. Jener der Wiener Staatsoper ist berühmt. Da zitiert man doch sehr gerne Christian Thielemann: „Das ist ein wunderbarer Chor, ein grandios guter Chor. Mit einer stilistischen Vielseitigkeit – einmalig!” Und tatsächlich – anders als andere berühmte Chöre, etwa jener von Bayreuth, sind die Wiener Sänger so gar nicht spezialisiert. Sie müssen „alles“ können. Und vieles außerdem: 2016 mussten die 92 Herrschaften aus aller Welt, in mehr als 300 Aufführungen 57 verschiedene Werke bestreiten…

Sie sind also wichtig genug, ihnen ein großformatiges Werk zu widmen, das beim Opernball als Herrenspende vergeben wurde. Opernfreunde aber werden zweifellos geneigt sein, das Buch auch zu kaufen – ein prächtiger Foto-Spaziergang von Lois Lammerhuber, der mehr als sechs Monate lang die Arbeit des Chores fotografisch begleitet hat. Schon das ist einmal ein Schauvergnügen hinter die Kulissen – da erscheinen sie natürlich immer wieder als Kollektiv auf der Bühne, teils in atemberaubenden Stellungen, darunter auch Probenfotos der „Turandot“-Neuinszenierung. Ein Foto der Herrschaften, für den „alpenländischen“ Lohengrin gekleidet, ist angesichts der asiatischen Kollegen besonders lustig. Die Sänger splittern sich aber auch in Einzelpersönlichkeiten auf, die Gesicht und (in den Bildlegenden) einen Namen bekommen – und die schließlich alle einmal ein mehr als anspruchsvolles Vorsingen für sich entscheiden konnten, an dem viele andere scheitern…

Natürlich darf so ein Buch textlich nicht untergehen, es ist ja vieles zu wissen, vieles zu berichten, was normalerweise nur Insider-Kenntnis darstellt. Dominique Meyer leitet ein, Thomas Lang, der den Wiener Chor seit 10 Jahren leitet, berichtet von ganz konkreter Arbeit (und dass er bei geschlossenen Augen jeden einzelnen seiner Chormitglieder erkennen kann!), Wolfram Igor Derntl, Chorsänger mit immer mehr solistischen Verpflichtungen, berichtet von einer Karriere im Kollektiv (und bekommt noch eine private Foto-Show), Thomas Lang erzählt, was ein Regisseur (in diesem Fall Marco Arturo Marelli – dem in einem Foto die Falzung der Doppelseite genau durchs Gesicht fährt) vom Chor fordert (wobei das Werk, nach zehnjähriger Pause wieder am Haus, für die meisten Chormitglieder völlig neu war), Mario Steller berichtet über die Chorakademie, wo man sich den Nachwuchs ausbildet, und Oliver Lang grübelt nach, in welcher Oper der Chor als „Hauptdarsteller“ betrachtet werden könnte…

Und zwischendurch singen sich die Damen und Herren auf den Fotos die Seele aus dem Leib, so, wie man es gerne hat…

Renate Wagner

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Größing: KAISER MAXIMILIAN I. & DIE FRAUEN

BuchCover  Grössling, Maximilian und die Frauen

Sigrid-Maria Größing: 
KAISER MAXIMILIAN I. & DIE FRAUEN
224 Seiten, Amalthea Verlag, 2016

Dass ein Herrscher des ausgehenden Mittelalters – also gut ein halbes Jahrtausend von uns entfernt – Held einer dreiteiligen Fernsehserie wird, kann nur mit einer Liebesgeschichte erklärt werden. Und die hatten Maximilian von Habsburg, der spätere Kaiser Maximilian I., und Maria von Burgund, eine der schönsten und reichsten Erbinnen Europas, wahrlich zu bieten. Eine Romanze, eine glückliche Ehe, ein tragischer früher Tod – ja, der Stoff aus dem Fernseh-Dreiteiler sind.

Doch wie jeder Mensch war Maximilian von Frauen, von  „Familie“ umgeben, hatte Mutter, Schwester, Ehefrauen, Tochter, Schwiegertochter, Enkelinnen. Sigrid-Maria Größing, eine souveräne Autorin vieler Habsburgischer Familiengeschichten, bietet in „Kaiser Maximilian I. & die Frauen“ eine Reihe von hoch interessanten Porträts weiblicher Schicksale und macht dabei unmissverständlich klar, dass es keinesfalls glücksverheißend war, in eine Herrscherfamilie hineingeboren zu werden. Denn in einer Zeit, wo Frauen für Macht und auch sehr stark für Geld verschachert wurden, war der Spielraum für persönliches Glück gering.

Das hat auch Eleonore von Portugal gespürt, die von Lissabon nach Rom kam, um 1452 dort jenen Friedrich III. zu heiraten, der eben vom Papst zum Kaiser gekrönt worden war. Sie gebar sechs Kinder in der Residenz in Wiener Neustadt, nur zwei, Maximilian und Kunigunde, überlebten, bevor die Mutter mit 30 Jahren starb… Das Kindergebären am laufenden Band gehörte zu den dynastischen Pflichten, viele Frauen haben sich dem unterzogen, viele sind daran zugrunde gegangen.

Maximilian war acht Jahre alt, als Eleonore, die er innig geliebt hatte, starb, seine Schwester Kunigunde gar erst zwei. Die Geschwister schlossen sich eng aneinander an, und für Maximilian hat die Reizlosigkeit des jungen Mädchens wohl keine Rolle gespielt. Aber was schadete das bei einer Kaisertochter? Der bayerische Herzog Albrecht IV. wusste, was es bedeutete, hier zuzugreifen – auch wenn er den Fehler beging, sich mit dem kaiserlichen Schwiegervater zu überwerfen. Kunigunde musste nur beschwichtigen und mit ihrem Geld einspringen. Ihren geliebten Bruder Maximilian, der 1519 starb, überlebte sie nur um ein Jahr. Ehen zwischen Habsburgern und Wittelsbachern zogen sich durch die weiteren mehr als fünfhundert Jahre der Familiengeschichten.

Maximilians erste Gattin, die schöne Maria von Burgund, bot einem finanziell armen Erzherzog alles, was er sich wünschen konnte – eine geliebte, kluge, schöne Gemahlin und ihren Reichtum, den er tatsächlich für die Familie (und seine dynastischen Bestrebungen, die vielfach erkauft werden mussten) einkassieren konnte. Tu felix austria nube – niemand hat die Habsburgischen Besitzungen entschlossener erweitert als Maxmilian. Maria brachte Burgund, noch lange Zeit herrschten die Habsburger über niederländische Gebiete.

So untröstlich er über Marias Tod sein mochte – sofort warf er den Blick auf die nächste reiche Erbin. Am Beispiel von Anne de Bretagne zeigte sich, wie schamlos hier Frauen verschachert wurden. Maximilian heiratete sie per procurationem, kam aber nie dazu, die Ehe zu vollziehen. Der  französische König Karl VIII. hatte gleicherweise ein Auge auf sie geworden – um sie zu heiraten, musste sowohl die Ehe mit Maximilian für ungültig erklärt werden wie auch die „Hochzeit“ Karls mit der dreijahrigen (!) Tochter von Maximilian und Maria, Margarete…

Kein Ruhmesblatt für Maximilian ist schließlich seine dritte, oder, wie man es nimmt, zweite Ehe mit Bianca Maria Sforza aus dem norditalienischen Fürstenhaus, das gerne bereit war, für die Heirat mit dem mächtigen, aber finanzschwachen Habsburger viel an Mitgift springen zu lassen. Maximilian nahm das Geld, seine Gattin hingegen nahm er kaum war. Sie lebte allein mit ihrem Hofstaat unter schäbigsten Bedingungen und ist möglicherweise an körperlicher und seelischer Verwahrlosung gestorben…

Das Buch befasst sich auch mit den vielen unehelichen Kindern von Maximilian (wobei man von deren Müttern kaum etwas weiß), aber mit seinen beiden einzigen überlebenden Kindern aus der Ehe mit Maria von Burgund hat er wahrlich familienpolitisch „gewuchert“. Sohn Philipp und die um zwei Jahre jüngere Tochter Margarete wurden in einer spektakulären Doppelhochzeit mit zwei Kindern der „Katholischen Könige“, Ferdinand und Isabella, verheiratet.

Margarete – nach der kindlichen „Ehe“ mit dem französischen König nahm sie den Weg nach Spanien – liebte ihren Johann über alles, er sie auch, und dass er ein halbes Jahr nach der Hochzeit mit 21 Jahren starb, war eine Tragödie. Margarete hatte „Glück“, dass sie auch in ihrer zweiten Ehe mit Philibert von Savoyen einen Mann fand, mit dem sie ebenfalls glücklich war, aber auch er starb bald – sie waren beide 24, als Margarete nach dreijähriger Ehe zum zweiten Mal Witwe wurde.

Von da an ließ sie keine weiteren Heiratspläne zu und kümmerte sich um die Kinder ihres verstorbenen Bruders – vor allem den späteren Karl V., der 1519 seinem Großvater in die Kaiserwürde folgte, hat sie zu einem wahren „Flamen“ herangezogen… abgesehen davon, dass sie wie viele Frauen des Hauses Habsburg eine überaus begabte Statthalterin abgab (aber sie hatte natürlich auch den Bonus im Land, die Tochter der geliebten Maria von Burgund zu sein).

Die Habsburgischen Gebietserweiterungen ergaben sich immer wieder durch die Tode junger Männer. Margaretes Gatte, Johann, war als der Erbe von Kastilien und Aragon vorgesehen gewesen. Als er starb, trat Johanna, die Gattin von Margaretes Bruder, die Erbschaft an (ihre älteren Schwestern waren an die Könige von Portugal und England verheiratet – die berühmte Katharina von Aragon, Gattin von Heinrich VIII.). Philipp, „der Schöne“ genannt, der alles andere als ein Mustergatte war, wurde von Johanna nichtsdestoweniger exzessiv geliebt, und als er 28jährig starb, betrieb sie einen Kult um seine Leiche, der ihr den Beinamen „die Wahnsinnige“ eintrug. Mit Spanien, den Niederlanden, den österreichischen Gebieten und den Eroberungen der Spanier in der Neuen Welt ging im Reich von Maximilians Enkel Karl „die Sonne nicht unter“…

Maximilian, der 1519 starb, alle Gattinnen (auch die nicht wirkliche Gattin Anne de Bretagne) überlebte, der seinen Sohn zu Grab trug, erlebte, dass Schwiegertochter Johanna das Habsburgische „Heiratsmaterial“ mit zwei Söhnen und vor allem vier Töchtern entscheidend bereichert hatte. Zwei der Enkelinnen, Eleonore (die in zweiter Ehe unglückliche Königin von Frankreich wurde) und Katharina, wurden an Könige im benachbarten Portugal verheiratet, Isabella erlitt ein besonders tragisches Schicksal an der Seite des Dänenkönigs.

Aber mit Maria gelang Maximilian der besondere, der letzte „Heirats-Coup“ seines Lebens. Wieder eine Doppelhochzeit mit Geschwistern: Während Karl, der spätere Karl V., auch mit einer portugiesischen Prinzessin verheiratet wurde, traten der zweite Sohn Ferdinand und die Infantin Maria an, 1515 im Stefansdom jene Hochzeit zu feiern, die den Habsburgern Böhmen und Ungarn einbrachten. Denn während Ferdinand mit seiner Anna, der Tochter von König Vladislav II. von Böhmen und Ungarn, lange und glücklich verheiratet war und viele, viele Kinder bekam, starb Marias Gatte, der junge Ludwig II. König von Böhmen und Ungarn, 1526 in der Schlacht bei Mohács gegen jenen Sultan Suleyman, der drei Jahre später Wien belagerte…

Das Erbe des toten Gatten fiel an die Habsburger, die kinderlose Maria folgte ihrer Tante Margarete als Statthalterin der Niederlande, und so, wie die politischen Verhältnisse gar nichts mit den menschlichen Bindungen zu tun hatten, stand sie im Krieg gegen Frankreich ihrem Schwager Franz I., dem zweiten Gatten ihrer Schwester Eleonore gegenüber… Sie gewann die Schlacht übrigens.

Nicht die einzige Frau im Umkreis von Maximilian I. und seinem Enkel Karl V., die sich im Dienst der Familie bewährt hat, persönlich aber nicht sehr glücklich geworden ist.

Renate Wagner

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DIE GARTENMANIE DER HABSBURGER

BuchCover   Gartenmanie der Habsburger

Christian Hlavac / Astrid Göttche:
DIE GARTENMANIE DER HABSBURGER
Die kaiserliche Familie und ihre Gärten  1792-1848
160 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016

Neuerdings ist es üblich, kein gutes Haar an der Familie Habsburg zu lassen, wobei die Herrscher des Hauses am ehesten in ihrer Politik angreifbar waren. Privat, in ihren Interessen und Talenten, waren sie eine bemerkenswerte Familie – es gibt große Musiker unter ihnen, bedeutende Kunstsammler, viele hatten großes Interesse an der Wissenschaft. Und sie liebten die Natur.

Eine schöne Ausstellung im Kaiserhaus in Baden hat es gezeigt, ein Buch hält es in der Folge fest, nämlich das, was man gut und gern die „Gartenmanie der Habsburger“ nennen konnte. Dabei zentriert man sich rund um Kaiser Franz II./I.,  der ja gerne mit der Gartenschere in der Hand gezeigt wird, und das war echt, in keiner Weise in unserem Sinne „medial“ gedacht. Eine hier mitgeteilte Anekdote erzählt von einem Hofgärtner, der sich überflüssig fühlte, weil der Kaiser im Garten alles besser könne.

Gewiß passte es zu dem „bürgerlichen“ Image, das Franz II. / I.  sich gerne gab, aber sein grüner Daumen ist ebenso unbestritten wie fundamentale Kenntnisse der „Garten“-Materie. Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang ja auch, wie viele Naturwissenschaftler er beispielsweise mit seiner Tochter Leopoldine nach Brasilien geschickt hat, damit diese Pflanzen und Tiere für die Wiener Museen mitbringen mögen… Und in den Habsburgischen Gärten fanden sich „unermessliche Pflanzenschätze“.

Aber der Kaiser war nicht der einzige, auch einige seiner Brüder – etwa Erzherzog Anton, in dessen Bibliothek sich Prachtausgaben botanischer Werke fanden, oder Erzherzog Karl oder auch Erzherzog Johann mit seinen vielen „Natur“-Projekten – fanden ihre Erholung in Gartenarbeit.

Das Buch bietet auch reichlich bildliches Anschauungsmaterial, die Gärten der Habsburger wurden immer wieder dargestellt. Blumenmuster zierten das Porzellan, aber auch Taschen, Strumpfbänder, Hosenträger von damals, natürlich auch die Biedermeier-Tapeten und Möbel-Bezüge: Natur war in Mode, und wenn man den Blumenschmuck von Bällen hier und heute bedenkt, dann ist sie es auch geblieben. Nur so viel Kompetenz wie bei vielen Habsburgern, die sich diesem Hobby hingaben, ist heute wohl nicht mehr zu erwarten.

Renate Wagner

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Georg Gaugusch: WER EINMAL WAR L – R

BuchCover Gaugusch 2

Georg Gaugusch:
WER EINMAL WAR   L – R
Das jüdische Großbürgertum Wiens 1800-1938
Ca. 1400 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016

Es hat eine zeitlang gedauert (an die fünf Jahre), aber das Meisterwerk, das Monsterwerk wurde fortgesetzt. Und nicht in einem Band, wie man 2011 erwarten konnte, als Georg Gaugusch den ersten Band über das Jüdische Großbürgertum Wiens von A bis K vorlegte. Nun ist er bis R gediehen, und man kann sich vorstellen, dass S bis Z (samt vielen Nachträgen) wieder ein ähnlich voluminöser Band wird, den man nur am Schreibtisch sitzend, das Buch vor sich liegend, lesen und benützen kann…

Die Geschichte der Juden Wiens ist mit der Stadt so eng verwebt, dass jede Kenntnis das Gesamtbild unendlich bereichert. Menschen binden sich – bei den Juden vielleicht noch stärker als anderswo – in Familien, und nach diesen geht Gaugusch vor. Wie viele Namen kennt man hier, teils bis heute, die Landesmanns beispielsweise, wie viele Namen haben Wirtschafts- und Sozialgeschichte mitgeschrieben (die Mautners etwa), wie faszinierend den Picks, Pollaks, Poppers oder Redlichs nachzuspüren, wo einzelne Familienmitglieder fest in der Geistesgeschichte des Landes stehen.

Zuerst gibt es zu den einzelnen Namen eine Übersicht über die ganze Familiengeschichte, das zumindest ist purer Lesestoff, berichtet über erstaunliche Leistungen (sehr oft auf wirtschaftlichem Gebiet, denn viele Juden waren begnadete Unternehmer), wobei viele Familien äußerst kinderreich waren und in viele „Zweige“ zerfielen (die gelegentlich auch durch Heirat wieder zusammen geführt wurden).

Dann geht es um die einzelnen Menschen – Daten, Orte, Adressen, Berufe, Lebensumstände, Lebenspartner, Tod (möglichst mit Todesursache), letzte Ruhestätte. Und die Nachkommen und deren Nachkommen… und oft steht man vor dem Schnitt, den das Jahr 1938 bedeutete, das Ende der Menschen und der Firmen, die sie geschaffen hatten. Und manchmal steht, es ist besonders beklemmend, hinter „gest.“ (gestorben) nur Punkt, Punkt, Punkt. Gestorben wann und wo? Welches Konzentrationslager?

Jeder Leser wird seine persönlichen Interessen hegen, aber wenn man beispielsweise rund um Arthur Schnitzler forscht, findet man gleich zu Beginn bei den Lackenbachers Details über jene Rebecca, die die Gattin von Carl Markbreiter und damit eine angeheiratete Tante von Schnitzler wurde – und auch heute am Zentralfriedhof dort zu finden ist, wo sich alle Gräber der riesigen, verzweigten Familie zusammen scharen, als wollte man auch im Tode mit den Verwandten eng beisammen sein… Und wenn man bei den Lackenbachers weiter liest (es ist grenzenlos interessant), erfährt man nicht nur, dass einer der Lackenbacher mit hoher Wahrscheinlichkeit Mozart 1000 Gulden geborgt hat, sondern findet auch eine andere Lackenbacher-Tochter, Fanny, die mit Philipp Freiherr Schey von Koromla verheiratet war und damit auch ein Mitglied der größeren Schnitzler-Familie wurde. Die familiären Netze sind auch durch die oft hohe Anzahl von Nachkommen (18 Kinder kamen vor) zu erklären: Da versprengen sich die Namen und Familien schier ins Unendliche.

Oder die Familie Lieben – verbunden mit den Königswarter, den Auspitz, den Schey von Koromla, den Todesco, kurz, wer diesem Buch verfällt, findet nicht so schnell wieder heraus.

Zusammen gesucht wurde das Material aus Genealogien und Sekundärliteratur, aus Archiven und Friedhöfen, aus Zeitungen und neuerdings auch aus dem Internet, wo ebenso starke wie erfolgreiche Bemühungen herrschen, jüdische Geschichte zusammen zu tragen. Es ist ein Nachschlagewerk, aber wer es zu benützen weiß, wird hineinfallen wie in einen großen Roman.

Ja, man wartet auf den dritten Band. Und irgendwann muss wohl auch das Gesamtregister erscheinen. Denn das ist eine Welt für sich.

Renate Wagner

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Phyllis McDuff: VILLA MENDL

BuchCover   McDuff   Villa  Mendl

Phyllis McDuff: 
VILLA MENDL
Leben und Schicksal der Ankerbrot-Erbin Bettina Mendl
288 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

Die Villa Mendl steht heute noch auf der Hohen Warte und wird von Mitgliedern der Familie bewohnt. Welche vergangene Schicksale dahinter stecken, das erzählt eine Frau aus der Ferne – Phyllis McDuff (heute 75) ist die Tochter jener Bettina Mendl (1909-1999), die (ungeachtet, dass es zwei Schwestern und zwei Brüder gab) das Ankerbrot-Imperium ihres Vaters Fritz Mendl (1864-1929) erbte.

Sie erlebte ein wildes, schillerndes Schicksal, das sich für die Tochter langsam aus persönlichem Zusammensein mit der exzentrischen Mutter, dann aus eigenen Recherchen zusammen gesetzt hat. Interessant und seltsam dabei, dass Phyllis McDuff, Tochter eines Australier und der emigrierten Wienerin, erst ganz spät die jüdische Abstammung mütterlicherseits begriffen haben will…

Phyllis McDuff, die 1942 im australischen Outback geboren wurde, bleibt in ihrem Buch und ausführlichen eigenen Jugendschilderungen lange in der australischen Welt, in der sie und ihre Eltern lebten (jahrzehntelang auf einer Farm, bis Bettina ins Altersheim kam), bevor sie die Welt betritt, die den Leser hierzuland interessiert: Wie eine reiche jüdische Familie lebte, wie das Schicksal einer jungen Frau verlief, die mit 22 Jahren (!) nach dem Tod des Vaters und eines Bruders die Anker-Großbäckerei zu leiten und das mehr als beträchtliche Vermögen der Familie (inklusive einem Schloß in Tirol!) zu verwalten hatte. Die Tochter beschreibt die Mutter als drahtig und laut, leidenschaftlich und intolerant, manchmal fast grausam, schön und furchterregend, kurz zumindest eine hoch interessante Frau.

Und verschlossen genug – es ist erstaunlich, wie viel von ihrer Lebensgeschichte offen bleibt, weil sie einfach nicht darüber reden wollte. Immerhin wird noch genügend über verrückten, exzentrischen Lebensstil und eine Familie voll von seltsamen Originalen klar. Bettina, die in Australien 1941 Joe McDuff, irischer Abstammung, geheiratet und mit ihm zwei Töchter hatte, war nach dem Krieg mit ihren Restitutionsforderungen recht tüchtig. So kam auch die junge Phyllis nach Europa, einbezogen in den unsteten Lebensstil der Mutter, wo es auch geheimnisvolle, nie erklärte Begegnungen mit der Vergangenheit gab (vielleicht waren Familienmitglieder für verschiedene Geheimdienste tätig?). 1952 konnten Bettina und ihre Töchter auch besuchsweise in die Villa Mendl einziehen. Man lebte ebenso in Italien, und lange Zeit schwankte Bettina zwischen Australien und der endgültigen Rückkehr nach Europa, wo sie allerdings mit der Familie – den Nachkommen der Geschwister – nicht wirklich auskam.

Rätselhaft bleibt bis zuletzt, was es mit den (angeblichen) Picasso-Zeichnungen auf sich hat, die sich in Bettina Mendls Besitz befanden, deren Echtheit aber nie wirklich bestätigt werden konnte. Nicht das einzige Rätsel rund um die wilden Ereignisse in der Ankerbrot-Familie…

Renate Wagner

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