Der Neue Merker

Eva Gesine Baur: EINSAME KLASSE – Das Leben der Marlene Dietrich

BuchCover Baur, Marlene Dietrich

Eva Gesine Baur: 
EINSAME KLASSE   
Das Leben der Marlene Dietrich
576 Seiten, C.H.Beck Verlag, 2017 

Unter den deutschen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts war Marlene Dietrich gewiß nicht die beste, aber mit Sicherheit die enigmatischste. Das ging schon von ihrem perfekt gestylten Gesicht aus – und dann war es ihre Biographie, die schon die Mitwelt faszinierte. Und wie viel mehr die Nachwelt. Es gibt – neben den (von ihr weidlich manipulierten) Eigenaussagen und den voluminösen Erinnerungen ihrer Tochter – zahlreiche Bücher über Marlene. Hier ist ein neues, und es liest sich über weite Stellen wie ein Roman.

In großem Bogen geht Eva Gesine Baur, die nicht nur eine bekannte Biographien-Schreiberin, sondern auch historische Romanautorin ist, dieses Schicksal an. Sie erzählt es bis ins Detail – und vor allem aus dem Gesichtspunkt des allwissenden Erzählers, der uns immer auch berichten kann, was sich in Kopf, Herz und Seele seines Geschöpfs abspielt. Dazu bezieht sie sich auf reich zitiertes Originalmaterial – Marlene führte Tagebücher, schrieb zahllose Briefe, und es wurde unendlich viel über sie geschrieben. Wenn sich hier folglich immer wieder Widersprüche ergeben, ist es umso spannender…

Sie hieß tatsächlich Dietrich, war keine „von Losch“, preußisch adelig, wie man es oft las, Herr von Losch war erst ein späterer Gatte der strengen Mutter. Marlene hat an der eigenen Legende gestrickt (1901 geboren, ging das von ihr behauptete „1904“ sogar in ihren US-Paß ein). Es war absolut nicht immer dasselbe, was sie von sich erzählte, aber sie wusste immer, was sie wann, warum tat. Die Mitwelt wusste es nicht. Das machte sie umso „irisierender“…

Marie Magdalene, die sich selbst zur mondänen „Marlene“ machte, hatte einen erschütternd erfolglosen Vater, Polizist, gestorben an Syphilis. Und ein „Loner“ war sie schon von Kind an. Klagen, wie einsam sie sei, wie sinnlos ihr Leben, ziehen sich durch Tagebücher und Briefe. Dass sie geradezu krampfhaft versucht hat, sich Liebe und Bestätigung zu „erkaufen“, zeigen das „Helfersyndrom“ ihres Lebens, das dann weniger aus Nächsten-, als aus Eigenliebe erwuchs, und ihr „Liebesleben“, das wohl kaum als solches zu bezeichnen ist, ging ihre Promiskuität doch nur in den seltensten Fällen mit echten Gefühlen Hand in Hand.

Man muss es der Autorin zugestehen, dass sie gerade diese Fläche in Marlenes Leben zwar ausführlich, aber ohne süffige Sensationslust und moralische Entrüstung beschreibt, sondern gewissermaßen so nüchtern, wie Marlene es selbst betrieben und gelebt hat. Wobei die Geschichte einer lebenslangen Ehe, die ein – zweifellos doch auch gefühlsstarker – Pakt mit einem Mann war, der sein Leben mit einer Geliebten an seiner Seite führte, nur von ganz seltsamen Menschen so betrieben werden konnte: Rudolf Sieber lebte stets auf Marlenes Kosten, ebenso wie ihre Tochter Maria, die die Mutter nicht mochte, es ihr immer zeigte (und ihr ein erschütterndes „Erinnerungs“-Buch ins Grab nachschickte). Hier nicht geliebt zu werden, wo sie es ersehnte, war zweifellos eine Last auf Marlenes „Seele“ (so sie eine hatte), und auch sonst war es mit Gefühlen nicht weit her.

Zweifellos gehörte Marlene als „die Frau, die mit den meisten Prominenten ihrer Epoche geschlafen hat“, ins Buch der Rekorde. Manche Männer hingen, schlecht behandelt, dennoch lebenslang an ihr (wie Erich Maria Remarque), andere (wie Jean Gabin) ließen sich ihre permanente Untreue nicht gefallen, wieder andere (wie Yul Brynner) waren ihr überlegen, indem sie sie gleichgültig behandelten. Mit Joseph Kennedy scheint sie es öfter getrieben zu haben, mit John F. Kennedy offenbar nur einmal, ein Quickie im Weißen Haus. Die Liste ihrer Bettpartner, die sie entweder für Karrierezwecke oder für ihr Ego benützte, reichte von Regisseur Josef von Sternberg über Willi Forst, die Hollywood-Filmpartner Gary Cooper, John Wayne bis zu mehreren Damen (darunter in späteren Jahren die Piaf), denen sie schon in ihrer Berliner Zeit grundsätzlich nicht abgeneigt waren.

Wenige lehnten ihre Aufforderung ab, in ihr Zimmer zu kommen, wie Burt Bacharach, der sie lange bei ihren Show-Auftritten begleitete. Andere waren vielleicht „nur“ treue Freunde wie „Papa Hemingway“ oder Friedrich Torberg, der als unermüdlicher Briefpartner erlebte, wie Marlene Menschen gebrachte und fallen ließ… Es gibt tatsächlich viel Literatur zu Marlene, aus der man zitieren kann, und die Autorin ist dabei so nüchtern und angenehm wenig lüstern wie ihr Gegenstand.

In dem Moment, als sie mit „Der blaue Engel“ ihre große Chance erhielt, hat Marlene Dietrich ihre Karriere selbst in die Hand genommen und sehr bewusst an Josef von Sternberg gehängt (immer die Welt wissen lassend, wie er sie bei Dreharbeiten „folterte“), der sie nach Hollywood mitnahm. Immer mit Gatten und einem ganzen „Clan“ behangen, dessen Lebensunterhalt viel Geld kostete, wurde das „Geldverdienen“ für sie zur Manie.

So widersprüchlich die von der Autorin ausführlich zitierten Meinungen auch sein mochten, fest steht, dass Marlene Dietrich keine genuin begabte Schauspielerin (und auch keine wirklich gute Sängerin) war, aber sie verstand mehr als alle anderen davon, ihr „cooles“, rätselhaftes, immer ein wenig der Realität „entfremdetes“ Image aufzubauen: Auch für diese Bewusstheit der „Marke Dietrich“ können viele Beispiele gebracht werden – und sie wurde nach ihrer Filmkarriere zementiert, als sie als „Showstar“ durch die Welt tingelte. Wiederum, um Geld zu verdienen.

Allerdings – auch wenn die Schauspielerin Marlene Dietrich niemand ist, deren Kunst man wirklich analysieren müsste, so sind es letztendlich doch die Filme, die von ihr geblieben sind, und denen hätte die Autorin mehr Aufmerksamkeit widmen können. Doch ihr war es wichtiger, die Hetzjagd dieses Lebens von einem Ort zum anderen mit dem wechselnden Personal nachzuzeichnen.

Indem Eva Gesine Baur natürlich niemals vergisst, die politischen Ereignisse der Zeit nachzuzeichnen (und Marlene keinesfalls zur politischen Person, zur Kämpferin gegen die Nazis macht, sondern immer nur zur Kämpferin für sich), bettet sie die Dietrich erfolgreich in das 20. Jahrhundert ein, das an so vielen Lebensgeschichten „mitgeschrieben“ hat. Und sie bekommt diese Persönlichkeit, die von dem „preußischen Duktus“ ihrer Kindheit geprägt wurde, gut in den Griff: Das „Landgraf, werde hart“, das daheim immer wieder zitiert wurde, schrieb sie noch in späten Jahren in einem Brief an Torberg, und ohne ihre unerschütterliche Disziplin wäre ihr unglaubliches Arbeitsleben, das sie – soweit es in ihrer Macht lag – immer weiter drängte und in Gang hielt, nicht möglich gewesen. Manchmal wird einem beim Lesen schwindlig schon angesichts des dauernden Szenenwechsels zwischen Europa und Amerika, das sie so benützt hat wie Menschen und letztlich nie mochte (kein Zufall, dass sie in Paris starb – wohl nicht ihr Wille, dass man sie in Berlin beerdigt hat). Auch, dass die Dietrich nach üblichen Kriterien in ihrem Verhalten nie wirklich „normal“ war, wird klar, ebenso ihr spätes Abdriften in absolut pathologisches Verhalten, das mit Altersstarrsinn nur geringfügig umschrieben ist…

Zusammenfassend: Noch nie hat man sich dermaßen  gewissenhaft-detailreich durch dieses dicht gedrängte Leben gelesen. Einschränkend: Wenn schon die Filmarbeit eher am Rande behandelt wird, wäre eine Filmographie im Anhang sinnvoll gewesen. Und: Wer immer sich für die Dietrich interessiert und viel über sie gelesen hat, wird in diesem Buch letztendlich nichts Neues finden. Das Alte aber in aller Ausführlichkeit.

Renate Wagner

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Barbara Stollberg-Rilinger: MARIA THERESIA

BuchCover Stollberg, Maria Theresia

Barbara Stollberg-Rilinger:
MARIA THERESIA
Die Kaiserin in ihrer Zeit
Eine Biographie
1084 Seiten, Beck Verlag, 2017

Vor 300 Jahren, am 13. Mai 1717, wurde am Wiener Hof eine Erzherzogin geboren, die 23 Jahre später gegen alle denkbaren Widerstände vier Jahrzehnte lang die Schicksale Europas entscheidend mitbestimmen würde. Die Distanz von drei Jahrhunderten setzt uns scheinbar in eine komfortable Situation, dieses Leben der „Kaiserin Maria Theresia“ zu betrachten und zu bewerten, sind doch die Dokumente und Materialen vielfach aufgearbeitet.

Tatsächlich gab es zu diesem Jahrhundert-Termin eine große Zahl neuer Betrachtungen des Themas. Wenn der Wettkampf der bedeutenden neuen Biographien zum großen Maria-Theresia-Jahr nach der Dicke der Bücher entschieden wird, dann siegt der Beck-Verlag mit seinem Werk um Längen: Barbara Stollberg-Rilinger, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster, verbreitet sich auf 1084 Seiten, davon reicht der geschriebene Text bis Seite 855, der Rest ist Anmerkungsapparat. Mehr Platz als alle anderen.

Wenn Barbara Stollberg-Rilinger gleich zu Beginn an die Maria-Theresia-Hype der Habsburger-Monarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erinnert, dann betont sie neben der Aufstellung des Denkmals auf der Ringstraße auch das damals erschienene Standard-Werk von Alfred Ritter von Arneth, jene zehn Bände, die heute nur noch selten und teuer in Antiquariaten zu finden sind, die aber jeder, der über Maria Theresia arbeitet, für ihr Grundlagenwissen anzapft.

Man kann sagen, dass Barbara Stollberg-Rilinger ein ähnliches Basis-Werk für unsere Zeit geschrieben hat, obwohl (und weil) sie die Probleme der Geschichtsschreibung einräumt: Objektiv ist da gar nichts, jede Betrachtung nimmt ihren Standpunkt ein, der politisch gefärbt ist oder national, feministisch oder populistisch, in jedem Fall entscheidet das „Auge des Betrachters“. Immerhin gibt sich Barbara Stollberg-Rilinger selbst den Standpunkt: Die „Gräben, die die Gegenwart vom 18. Jahrhundert trennen“ sollen „gerade nicht eingeebnet und die scharfen Kanten der Figur gerade nicht abgeschliffen werden. Kurzum: Es soll keine falsche Vertrautheit mit Maria Theresia aufkommen. Man muss sich die Heldin vom Leibe halten.“

Dennoch kommt ihr die Autorin in ihrer klassisch chronologischen Sicht der Ereignisse, in die immer wieder Schwerpunktkapitel über das reale Leben eingefügt werden, Maria Theresia sehr nahe, wenn sie auch vielfach anders erscheint als sonst. Dass das „liebende Gattin“ und „liebende Mutter“-Klischee steinhart verfestigt war, weiß man. Wie wenig daran stimmt, wird hier klar, vor allem in der Schilderung des Gatten. Dass sie ihn liebte – keine Frage. Dass Maria Theresia immer zuerst Herrscherin war, auch keine Frage. Dass sie ab 1745, als Franz Stephan (mit ihrer starken Hilfe) zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs wurde, ihm als Herrscherin ihrer Erblande (ein Reich, dem damals noch eine Bezeichnung fehlte, das war noch nicht „k.u.k“, noch nicht die „Habsburger-Monarchie“, noch nicht das „Kaisertum Österreich“) politisch pro forma „untertan“ war, hat sie zweifellos gestört. Dass sie dem Gatten in der Regierung ihrer Länder scheinbar Rechte einräumte, die in der Realität nicht existierten, entsprach ihren herrscherlichen Umgangsformen – sie versuchte alles, was sie tat, so freundlich zu bemänteln, dass keine offensichtlichen Kränkungen für Menschen daraus wurden, sie aber letztlich genau erreichte, was sie wollte.

Wie dieser Franz Stephan wirklich war – die Nachwelt kann nur aus der Fülle der widerstrebenden Überlieferungen entscheiden, welches Bild sie sich von ihm machen möchte. Der Widerspruch zwischen dem Mann einerseits, der sich ins Private zurückzog, und dem andererseits, der vielleicht ganz gern mitregiert hätte, ist nicht aufzulösen. Auch nicht die groteske Situation, dass in Maria Theresias Staat dauernd Geldnot herrschte und er nebenbei seine Privatgeschäfte betrieb (die Autorin greift nicht den Verdacht auf, dass er den feindlichen Preußen Waffen geliefert hätte) – und man nach seinem Tod ganze Kisten mit Geld gefunden hat. Letztendlich definiert die Autorin das schwankende und meist negative Bild Franz Stephans aus der Tatsache heraus, dass die meisten (männlichen, traditionellen) Historiker ihm nicht verzeihen wollten, dass er den „Rollentausch“ zwischen seiner Frau und sich selbst doch so widerspruchslos akzeptiert hat – vielleicht um seiner persönlichen Ruhe und Bequemlichkeit willen.

Ähnlich genau und gnadenlos betrachtet Barbara Stollberg-Rilinger die „gute Mutter“ Maria Theresia, die diese nach unserem Verständnis keinesfalls war. Ihre Kinder waren dynastisches Material, wurden als solches geformt, benützt, vorgeführt, die Urteile der Mutter waren im allgemeinen harsch und gnadenlos, Verliebtheit in die Sprösslinge findet man nicht. Tatsächlich ist das Kapitel über das „Kapital der Dynastie“ eines der beklemmendsten, so genau ausgeführt wie alles andere auch, und was die „getreuen Untertanen“ betraf, die Maria Theresia als ihre hoch stilisierte „Mutter“ lieben sollten, so vermied sie doch tunlichst jede direkte Berührung mit dem „Volk“. Und wie später ihr Sohn Joseph entschied sie (in manchen Fällen – ob Juden, ob „gefallene Frauen“ – bis zur Brutalität), was gut für sie sei.

Die Autorin hat, da muss sie dem Verlag danken, sehr viel Platz – mehr als (Arneth ausgenommen) alle anderen Kollegen einst und heute. Und sie nützt es zu Überlegungen, die man in dieser Ausführlichkeit lange nicht angeboten bekam und die man – der Stil ist mitnichten professoral trocken – teilweise mit voller Faszination liest, ob es um Kriege geht oder Reformen, was ja im allgemeinen nicht die unterhaltendsten Themen sind. Der Kunstgriff der Autorin besteht darin, nicht trockene Fakten wiederzukäuen, sondern die Entwicklungen anhand der beteiligten Menschen zu erzählen. Tatsächlich lässt man sich hier auf eine nahezu wochenlange Beschäftigung mit dem Thema ein, schneller wird man das Buch, das seine Fragen nicht partiell, sondern wirklich gründlich angeht, kaum bewältigen, das ja auf den beiden Ebenen verläuft – die Frau und die Herrscherin.

Genaues Hinsehen auf die Überlieferung war für die Autorin wichtiger, als zuerst eigene Interpretationen anzubieten, wobei es vor allem die Quellen sind, die Barbara Stollberg-Rilinger ausführlich befragt hat: So zieht sie beispielsweise auch immer wieder die Aufzeichnungen des Grafen Khevenhüller heran, dessen Tagebücher (sofern sie vorliegen, leider herrschen große Lücken) penibel von Tag zu Tag das Leben am Hof aufzeichneten. Von vielen Historikern als „Klatsch“ abgetan, weiß sich Barbara Stollberg-Rilinger hier vorzüglich zu bedienen, ebenso wie bei dem Grafen Podewils, der der genau beobachtende „Spion“ Friedrichs II. von Preußen am Wiener Hof war.

Dass Barbara Stollberg-Rilinger viel zitiert, gehört bei einem Buch dieser Art dazu, dass man in dem voluminösen „Schinken“ immer hin-und herblättern muss, erleichtert die gewinnbringende Lektüre nicht wirklich – aber wer sagt, dass es ein Buch dieser Art den Lesern leicht machen muss (so gern sie die Fußnoten auch am Ende der Seiten fänden…)

Zu den Quellen, die man kritisch heranziehen muss, gehören auch die Selbstrechtfertigungs-Schriften der Kaiserin, die auf genauem Kalkül beruhten – dass diese Aussagen zur eigenen Person es schafften, von Historiker-Generationen als Fakten tradiert zu werden, zeigt, dass Maria Theresia (nach Meinung der Autorin) ihren Zweck erreicht hat, nämlich ihr Bild in der Geschichte über weite Strecken und Epochen selbst zu bestimmen.

Eines steht fest: Dass Maria Theresia eine Frau war, die über ihre Rolle als Herrscherin genau reflektierte und ihr Verhalten danach einrichtete, wenn es ihr nicht emotional entglitt, was selten der Fall war. Innere Stärke zeichnete sie selbst in den Perioden depressiver Niedergedrücktheit noch aus: Die Autorin konzediert ihr letztlich auch die bewundernswerte Leistung, dass Maria Theresia „ihre erstaunliche Willenskraft und Disziplin“ am Ende noch einmal verwendete, um „einen schönen Tod zu sterben“, wie es ihr als Christin ziemlich schien.

Nehmt alles nur in allem: Barbara Stollberg-Rilinger hat nicht nur das dickste Buch zum Jubiläum geschrieben, es ist auch das genaueste, es durchleuchtet die komplexen Strukturen der damaligen Zeit so sorgfältig wie informativ, und es kommt Maria Theresia und den Menschen ihrer Welt so nahe, wie man es sich als interessierter Leser nur wünschen kann.

Renate Wagner

 

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Ulrike Ladnar: FRANKFURTER SZENEN

BuchCover  Ladnar, Frankfurter Szenen

Ulrike Ladnar:
FRANKFURTER SZENEN
Historischer Roman
412 Seiten, Gmeiner Verlag 2017

Wie so viele Krimi-Autoren weiß auch Ulrike Ladnar um das Geheimnis von geglückten Fortsetzungen: Gib den Lesern und, in ihrem Fall wohl besonders, den Leserinnen eine Heldin, die man lieb gewinnt und auf deren weiteres Schicksal neugierig ist, dann wird nach den Büchern gegriffen. Sie hat in ihren ersten Romanen „Wiener Herzblut“ (2012) und „Wiener Vorfrühling“(2013) die unendlich sympathische Figur der jungen Intellektuellen Sophia von Wiesinger, später verheiratete, dann verwitwete Sachl, kreiert und sie nicht nur in spannende Mordfälle mit zeitgeschichtlicher Relevanz geschickt, sondern auch in die aufregende, tragische Epoche des Ersten Weltkriegs gestellt hat.

Der nächste Roman, „Das Geheimnis der fünf Frauen“ (2015), war dann zeitlich ein Sprung zurück, noch ohne Sophia, denn 1893 war  ihr sympathischer Vater noch ein junger Kriminalist, und es ging um Morde in einer Familie, in die fünf Frauen (jede für sich ein Paradigma möglicher Frauenschicksale in dieser Epoche) verwickelt waren. Prächtige historische Lektüre.

Nun ist Ulrike Ladnar zu Sophia zurückgekehrt, man schreibt das Kriegsjahr 1917, aber es gibt einen Schauplatzwechsel: Sophia (sie studiert, wie erinnerlich, Jus in Zürich) besucht ihre dem Leser, der Leserin bekannte Freundin Mascha in Frankfurt. Die kluge jüdische Ärztin hat sich an Sophia gewandt, weil in der Pension, in der sie wohnt und wo sich eine Menge „Theatervolk“ findet, seltsame und gruselige Dinge geschehen. Und kriminalistisch ist Sophia ja bekanntlich versiert.

Wieder kann man diesen Roman auf verschiedenen Ebenen lesen: Da ist die Krimi-Handlung, die von einiger Bedrohlichkeit durchzogen ist. Da sind die vielen, mannigfaltigen Frauenschicksale, die der Autorin besonders am Herzen liegen. Und da ist vor allem die Zeitschilderung, die brutale Realität eines Weltkriegs, der sich in alle Lebensbereiche – von Alltag bis Beziehungen – schmerzlich und grausam hineinfrisst.

Und dass, wer Frankfurt (die Wahlheimat der Autorin) gut kennt, von den historischen Reminiszenzen wohl entzückt ist, das beweist nicht zuletzt die Buchhandlung des Frankfurter Städel-Museums, wo dieser Roman als einziges „Nicht-Sachbuch“ unter der „Frankfurt-Literatur“ zu finden ist.

Renate Wagner

Ulrikes Buch im Staedl 2~1

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Edith Kneifl: DER TOD LIEBT DIE OPER

BuchCover Kneifl, Tod liebt die Oper

Edith Kneifl:
DER TOD LIEBT DIE OPER
Ein historischer Wien-Krimi
264 Seiten, Haymon Verlag, 2017

Gustav von Karoly ist wieder da, jener Fast-Edelmann (er ist unehelich, wird aber – versprochen – nach Papas Tod den Titel erben, da dieser ehelich nur Töchter hat), den Krimi-Autorin Edith Kneifl nun schon seit einiger Zeit durch das Wien um 1900 schlendern und Kriminalfälle lösen lässt. Als magische Anziehungspunkte waren schon Schönbrunn, das Riesenrad und der Stefansdom dran, jetzt ist es die Wiener Hofoper, in der gemordet wird.

Allerdings handelt der Roman eher von Gustav als von der Oper (die zweite Leiche auf der Bühne gibt es erst auf Seite 100), man ist also voll beschäftigt, ihm auf seinen Streifzügen durch Wien zu folgen. Wie immer ist er (wenn auch diesmal auffallend wenig) mit seinem Freund von der Wiener Polizei, Rudi, unterwegs, viel mehr mit seiner exzentrischen Halbschwester Marie Luise (die doch glatt einen mordverdächtigen Tenor versteckt), und seine Romanze mit der geliebten Dorothea, die von Zürich kurz auf Besuch heimkommt, gedeiht bis zum Verlobungsring, den er ihr an den Finger steckt – „ja“ hat sie allerdings noch nicht gesagt, aber man hat ja vermutlich noch viele Romane mit dem charmanten, liberalen Gustav vor sich… da wird sich diese Liebesgeschichte zweifellos unendlich weiter spinnen (auch wenn er sich zwischendurch fast von einer Opernsängerin verführen lässt).

Von Oper versteht die Autorin – man sagt es ihr als Opernfreund – nicht allzu viel, vielleicht hält sie deshalb dieses Segment des Buches eher schmal, dafür vermittelt sie – in die Romanhandlung eingeschmuggelt – viel Wissen über die Zeit, in der die Geschichte spielt. Überbordend werden ihre Kenntnisse, wenn sie die Handlung kurz entschlossen an die damalige „Österreichische Riviera“ versetzt, denn in Abbazia kennt sie sich aus, da sprudelt das Wissen nur so, da könnte man das Buch glatt als Reiseführer verwenden, wenn es einen wieder in diese schöne Gegend verschlägt (denn auch im kroatischen Opatija findet man noch jede Menge k.u.k.).

Am Ende war’s ein Mord aus Leidenschaft, bzw. gekränkten Gefühlen, die Lösung ist logisch und vage vorhersehbar, Nostalgiker werden eher zufrieden sein als Opernfreunde, die vielleicht des Titels wegen nach dem Roman greifen.

Und Gustav von Karoly – jederzeit wieder.

Renate Wagner

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Reinhardt, Angela; Smith, Gary: REID ANDERSON. Having it – vom Tänzer zum Intendanten

Reinhardt, Angela; Smith, Gary: REID ANDERSON. Having it – vom Tänzer zum Intendanten

Herausgegeben von Vivian Arnold und dem Stuttgarter Ballett. ((Henschel-Verlag Leipzig, 2017; 240 Seiten, 200 farbige und s/w Abbildungen. Hardcover. ISBN 978-3-89487-7; 39,95€)

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„Mein Leben übertrifft alles, was ich mir je erträumt habe.“ Mit diesem Zitat beginnt nach dem Vorwort von Vivian Arnold, der Direktorin für Dramaturgie und Kommunikation beim Stuttgarter Ballett das umfangreiche Werk über das Leben und Wirken von Reid Anderson. Auch wenn dieser Satz dem ersten Kapitel vorangestellt ist, so passt es gut als Zusammenfassung des Lebens, denn das Buch ist viel mehr als eine Biografie. Es spannt den Bogen sehr ausführlich und anschaulich vom kleinen Jungen mit glücklicher Kindheit (geboren 1949 in New Westminster, British Columbia) bis ins Jetzt mit Ausblick auf die nächste Generation an Ballettdirektoren aus der Schmiede Stuttgart; Dazwischen liegen fast 68 balletterfüllte Jahre. Es wird die Tänzerkarriere beschrieben, das choreografische Wirken, die Arbeit als Ballettmeister und die Zeit als Ballettdirektor beim Ballet British Columbia und National Ballet of Canada bzw. beim Stuttgarter Ballett:  gegliedert in vier große Abschnitte – Kindheit und Jugend – Tänzer in Stuttgart – Direktor in Canada – Intendant in Stuttgart – wird jeweils weiter unterteilt in zahlreiche kürzere Kapitel. Man begibt sich auf eine Zeitreise mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit aus der Tanzwelt und erinnert sich gleichzeitig an die vielen Stars, die in all diesen Jahren ebenfalls umjubelt auf der Bühne standen oder als Choreografen Erfolge feierten. Viele Wegbegleiter kommen im spannend zu lesenden Text zu Wort, runden das Gesamtbild der Eindrücke ab und machen dieses Buch äußerst bemerkenswert. Auch den weiteren Kapiteln im Buch wird jeweils ein Zitat vorangestellt und so kommen nach Anderson auch Valerie Wilder und Christian Spuck zu Wort. Sobald man eintaucht in das Leben und Wirken von Reid Anderson ist man gefesselt von seinen Erlebnissen und seiner Erfahrung und legt das Werk erst zur Seite, wenn es ausgelesen ist, um jederzeit gern wieder die eine oder andere interessante Begebenheit erneut zu studieren. Die im Werk genannten Künstlernamen von Tänzern und Choreografen lesen sich wie das „Who is who“ der Ballettwelt dieser Epoche.

Im Anhang sind nicht nur Andersons Lebensdaten aufgelistet sondern auch sein Rollenverzeichnis beim Stuttgarter Ballett, weiters gibt es Anmerkungen und Informationen zu den Autoren bzw. der Herausgeberin und den Bildnachweis der vielen (teils bisher unveröffentlichen) Aufnahmen.

Ein „must have“ für jeden Ballettinteressierten, ein lebendiges Stück aktuelle Ballettgeschichte,  wort- und bildreich so beschrieben, als wäre man beim Lesen selber mitten drin – und viele werden auch bei dem einen oder anderen besonderen Höhepunkt live dabei gewesen sein. So kann man es vor allem bei der Beschreibung der Stuttgarter Jahre fast als Familienchronik bezeichnen, sind doch (nicht nur) die Stuttgarter sehr eng mit ihrer Compagnie, dem Stuttgarter Ballett, verbunden und schätzen den Intendant Reid Anderson und seine Arbeit sehr.

Das Buch liegt auch als englischsprachige Ausgabe auf: REID ANDERSON. Having it – From Dancer to Director, ISBN 978-3-89487-790-3

Ira Werbowsky

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Bradler, Katharian (HG): Vielfalt im Musizierunterricht. Theoretische Zugänge und praktische Anregungen

Bradler, Katharian (HG): Vielfalt im Musizierunterricht. Theoretische Zugänge und praktische Anregungen

Schott, Mainz, Dezember 2016, 276 Seiten, 22,95 Euro, ISBN 978-3-7957-1087-3

Bildergebnis für vielfalt im musizierunterricht schott

Vielfalt als aktuelle Themenrelevanz liegt diesem Werk zugrunde. Herausgeberin Katharina Bradler erläutert im Vorwort Einführendes zu einem weiten Themenfeld die Begrifflichkeiten Diversity, Vielfalt, Integration und Inklusion sowie Heterogenität und gibt eine Anleitung zur Nutzung des Buches bezüglich Inhalt und Aufbau; außerdem beschreibt sie kurz die jeweiligen Kapiteln. Das Buch gliedert sich in zwei Teile: Theoretische Zugänge besteht aus acht Beiträgen, neun Beiträge finden sich unter Praktische Anregungen. Den Schlussteil bilden kurze Informationen zu den jeweiligen Autorinnen und Autoren. Werden zunächst Fragestellungen zum erstgenannten Themenbereich aus verschiedenen Perspektiven erörtert, so stehen danach die Ansätze für die Praxis im Mittelpunkt. Dabei reichen die präsentierten Anwendungsbeispiele von der Arbeit an verschiedenen Musikschulen über Chorarbeit, dem Einsatz in einem Tageszentrum für Seniorinnen und Senioren, elementarer Musikpädagogik sowie einem Kooperationsprojekt von Musikhochschule und Gesamtschule bis zur Schulband einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistiger Entwicklung. Interessant ist auch der Abschnitt über interkulturelle Musikarbeit.

Die Beschäftigung mit der theoretischen Auseinandersetzung von Vielfalt sowie der Einladung zum selbstständigen Ausprobieren der praktischen Anwendungsmöglichkeiten gibt einerseits zahlreiche Anregungen für die persönliche Professionalisierung in diesem Bereich und andererseits hilfreiche Ideen zur Umsetzung im eigenen Wirken sowohl im Instrumental- wie auch im Gesangsunterricht. Empfehlenswert für jede Fachbibliothek und den individuellen Gebrauch für Musiklehrende.

Ira Werbowsky

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KS LEONIE RYSANEK AN DER WIENER STAATSOPER

Cover Leonie Rysanek~1

KS  LEONIE RYSANEK AN DER WIENER STAATSOPER
Broschüre,
Eigenverlag der Wiener Staatsoper, 2016 / 17

Leonie Rysanek (1926-1998) – Opernfreunde vergessen ihre Lieblinge auch nicht, wenn sie tot sind. Im November letzten Jahres veranstaltete die Wiener Staatsoper anlässlich des 90. Geburtstages von Leonie Rysanek, den sie ja leider nicht erleben durfte, eine Ausstellung im Gustav Mahler Saal. Nächstes Jahr im März könnte man ihres 20. Todestages gedenken. Jedenfalls liegt nun eine jener Broschüren vor, die die Wiener Staatsoper wichtigen Ereignissen und bedeutenden Mitgliedern des Hauses widmet.

Peter Dusek, dessen „Liebe zu Leonie“ legendär ist (er konnte am Stehplatz von nichts anderem reden als von ihr), schrieb die Einführung, in der er das glühende Temperamentsbündel Rysanek zur „Primadonna des Herzens“ erklärt, Hubert Deutsch, der seit seinen Anfängen (er wurde 1955 Solo-Korrepetitor der Wiener Staatsoper) mit der Rysanek zusammen gearbeitet hat, findet gleichfalls Worte des Gedenken. Der Rest der Broschüre sind Bilder und Dokumente.

Leider werden nur die 13 Premieren aufgeführt, in denen die Rysanek am Haus sang, von der „Frau ohne Schatten“ 1955 bis zum „Parisfal“ 1979 (das war noch die Everding/Stein-Inszenierung mit Siegfried Jerusalem und Ridderbusch), und leider nicht die anderen Rollen – da muss man sich schon im Online-Archiv des Hauses zusammen suchen, was sie am meisten gesungen hat: 61 x die Marschallin, 53 x die Tosca, dann die beiden Rollen, in die man sie gefühlsmäßig meint, am öftesten gesehen zu haben, nämlich die Sieglinde (46x) und die Chrysothemis (45 x), weiters sang sie 38x Salome, 36 x Fidelio-Leonore, 35 x die Kaiserin, 30 x die Ariadne, 24 x die Amelia und vieles andere mehr. In den Jahren zwischen 1955 und 1991, in denen sie an der Wiener Staatsoper sang, hatte sie auch den Fachwechsel vollzogen, von Salome zu Herodias, von Elsa zu Ortrud, zu den großen „Altersrollen“ Janaceks, der Küsterin und Kabanicha. Schade, dass man hier nicht den Platz für die Liste und eine Analyse ihrer Figuren fand.

Der Foto-Teil zeigt sie in vielen Rollen, es gibt wichtige Theaterzettel, man sieht ihre Ehrungen, einen „10 Jahres Kalender“, bei den man sich nicht ganz auskennt, und viele bewundernde Worte von Kollegen, von Böhm und Karajan bis Pavarotti. Die „Star-Fotos“ vermitteln ihr grandioses Image, die Szenenfotos aus verschiedenen Werken ihre unvergessliche Magie.

Renate Wagner

 

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Herbert Blomstedt: MISSION MUSIK

BuchCover_Blomstedt_Henschel-Verlag

Herbert Blomstedt: 
MISSION MUSIK
Gespräche mit Julia Spinola
184 Seiten, HENSCHEL Bärenreiter Verlag, 2017

Es ist bekannt, dass viele Dirigenten sehr alt werden, und auch, dass viele von ihnen weit über das übliche Pensionsalter hinaus aktiv bleiben. Es muss ein „gesunder“ Beruf sein, aber geschenkt wird niemandem etwas: Der Schwede Herbert Blomstedt etwa, dessen 90. Geburtstag am 11. Juli 2017 gefeiert wird, hat ein Leben der Disziplin und ohne weitere opulente Laster (rauchen, trinken, Fleisch essen) hinter sich. Aber dafür scheint er sich tatsächlich von Musik zu ernähren…

Das Buch, das die Musikjournalistin Spinola über Herbert Blomstedt vorlegt, basiert auf Interviews, die sie mit dem Dirigenten an verschiedenen Orten seines Lebens geführt hat. Die Frage-Antwort-Struktur bleibt durchgehend erhalten, dennoch ist letztendlich eine Biographie / Autobiographie daraus geworden, in der Blomstedt sehr persönlich über seine Familie und Stationen seines Lebens und Schwerpunkte seiner Arbeit erzählt.

Dabei war es für ihn wahrlich nicht leicht, die Karriere als Musiker durchzusetzen. Sein Vater war Pastor der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und gerade in den USA tätig, als Sohn Herbert am 11. Juli 1927 zur Welt kam. Die Familie – sie sind Schweden – ging zwei Jahre später nach Europa zurück, teils nach Schweden, vielfach (je nach den Berufungen des Vaters) nach Finnland, wo die Schweden nicht sehr beliebt waren. Sowohl seiner Religion (er durfte am „Sabbat“ nicht in die Schule gehen) wie seines „Ausländertums“ wegen war Blomstedt von früher Jugend an gewöhnt, ein Außenseiter zu sein. Für den strenggläubigen Vater bedeutete Musik einfach nur  Zeitverschwendung – es war schwierig, diesen Beruf zu ergreifen, ohne sich von Familie und Religion loszusagen.

Blomstedt, ein Mann der Konzertmusik, der sich wenig aus Oper macht („Oper fand ich scheußlich, das war keine richtige Musik für mich“) und nur, in Dresden, ganz seltene Ausflüge in diese Welt unternahm, hat viele bedeutende Orchester der Welt geleitet, darunter (nahezu im Zehn-Jahres-Rhythmus) das Philharmonische Orchester in Oslo (1961-1967), das Dänische Radiosinfonieorchester Kopenhagen (1967-1977),  die Sächsische Staatskapelle Dresden (1975–1985), das San Francisco Symphony Orchestra (1985-1995), das Gewandhausorchester Leipzig (1998–2005).

Seither ist er „frei schaffend“ tätig, gibt die unglaubliche Zahl von rund 80 Konzerten pro Jahr – und für Wien ist es besonders erstaunlich, dass er erst spät berufen, 2011, erstmals die Wiener Philharmoniker dirigierte. Es gibt, wie man sich auch im Anhang überzeugen kann, kein großes Orchester der Welt, das Blomstedt nicht am Pult erlebt hat…

Folglich kann er viel über die Schwierigkeiten und auch Glückseligen berichten, die einzelne Klangkörper dem Dirigenten bereiten (die Musiker in Stockholm sagen ihm beispielsweise: „Wir haben dieses Stück schon mit sehr viel besseren Dirigenten als dir gespielt“). Er kann über verschiedene Klangvorstellungen berichten, wobei der „deutsche Klang“, der auf Wagner zurückgeht, anders ist als jener Mendelssohns – was er mit dem Konzept der Tempi erklärt.

Der Wechsel der Orchester und damit Wohnsitze bedeutete auch immer wieder das Eintauchen in neue musikalische Welten, da jede Stadt ihre eigenen Repertoire-Gesetze hat. Blomstedt ist offen und humorvoll, erzählt, aus welchen Komponisten er sich nichts machte, bevor man ihn eines Besseren überzeugte (immerhin Strauss und Mahler!), er spricht nüchtern und unbeschönigend über große Kollegen (wunderbar seine Erinnerungen an Leonard Bernstein), er erklärt, wie wichtig genaueste Vorbereitung ist und dass er noch immer nervös werden kann bei der Idee, er wisse nicht genug über ein Werk…

Am Ende steht der leidenschaftliche Bücherleser und Büchersammler Blomstedt im Mittelpunkt – und sein Plädoyer für die klassische Musik, um die er fürchtet: „Eine ganze Kultur ist gefährdet, wenn man unsere Kinder musikalisch verdummen lässt.“

Renate Wagner

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Mario Schlembach: DICHTERSGATTIN

BuchCover  Schlembach Dichtersgattin

Mario Schlembach: 
DICHTERSGATTIN
Roman
228 Seiten, Otto Müller Verlag, 2017

Man fühlt sich von Anfang an total vertraut mit Thema und Tonfall – als Leser springt man gewissermaßen in den Monolog einer Frau, die zu einer typisch österreichischen Schimpftirade ansetzt und diese ohne Unterbrechung durchzieht…. Offenbar ist sie mit ihrem Gatten Hubert, den sie dauernd anspricht, bei der Biennale in Venedig. Und dort gefällt ihr gar nichts, vor allem nichts von dem, was der Österreich-Pavillon zu bieten hat.

Von Seite 7, als das Buch beginnt, bis Seite 226 haben wir es mit etwas zu tun, das wir nur zu gut kennen, weil Bernhard bis Jelinek und viele Nachahmer dazwischen es immer wieder geliefert haben: ein geistig mittelbemitteltes, aber sich selbst so großartig, überlegen und unfehlbar vorkommendes bürgerliches Welt- und Kunstverständnis Wiener Prägung.

Das gibt Schmipftiraden über so gut wie alles, die Dame ist empörte Leserbriefschreiberin, nieder mit den Sozialschmarotzern, und früher war sowieso alles besser. Am wichtigsten aber ist die Kultur, wobei das Theater eine besondere, das Burgtheater gar die zentrale Rolle spielt. Wenn die Dame Hedwig allerdings auf die Ronacher-Zeiten (!) zurück blendet, fragt man sich, wann das spielt und wie alt die „Schimpferin“ ist. Erst am Ende erfährt man es: Sie ist 90, denn ihr eben verschiedener Gatte (ein „Tod in Venedig“, tatsächlich) war 85…

Dass Hubert während der Biennale stirbt und Hedwig den Monolog an seiner Leiche hält, ist eine „Pointe“ dieses Buchs von Mario Schlembach, die sich nach und nach herausschält. Hubert ist das Objekt ihrer lebenslangen Unzufriedenheit, denn er hat absolut nicht so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt hat. Als sie den jungen Mann aus dem Dorf in die Stadt holte, hielt sie ihn für einen potentiellen Dichter. Dichtersgattin wollte sie sein, er sollte ihre Träume erfüllen und das Burgtheater erobern. Aber er hatte eigentlich nur ein einziges Interesse im Leben, und das waren Begräbnisse: Er war Bestattungsangestellter, kein Dichter ist aus ihm geworden, ihr Hochkulturfanatismus konnte ihn nicht in ihre Richtung verbiegen. (Der Autor führt in seiner Vita übrigens auch die Berufe von Bestattungshelfer und Totengräber an, ist also Fachmann – für Hubert.)

Alles musste sie ihm beibringen, sprechen (der Dialekt!), essen, das Kulturleben. Unvorstellbar, mit welcher ermüdender Ausführlichkeit man das Burgtheater, die Burgschauspieler, die Burgtheater-Mentalität umkreisen kann, aber Hedwig tut es unaufhörlich, gewissermaßen ohne Luft zu holen. Da gibt es Meinungen aller Art, über Handke, Bernhard, Peymann (er hätte die nicht vorhandenen Stücke von Hubert inszenieren sollen!). Tatsächlich aber, sie macht sich nichts vor, hat sie den Gatten nur ins Burgtheater geschleppt, damit er da einschlafen konnte… (Und auf ihre Vorhaltungen hat er, wie es scheint, ohnedies gar nicht geantwortet…)

Natürlich kommt man auch auf den Faschismus, erst darf man Werner Krauss seine Juden-Figuren in „Jud Süß“ nicht übel nehmen, er hat sie ja nur gespielt, dann ihrem Vater nicht, dass er im Auftrag der Nazis Menschen vermessen hat.

Ja, und am Ende ist Hubert tot. So viel Arbeit hat sie in ihn hineingesteckt, und nichts ist aus im geworden. Soll man Hedwig jetzt bedauern? Wohl kaum, nachdem sie einem viele Lesestunden auf die Nerven gegangen ist. Und was die „Erkenntnisse“ betrifft, die sie der Welt mitzuteilen hat: Man hat das alles schon so oft gehört. Nicht nur einmal, viele Male zu oft. Und hier noch einmal…

Renate Wagner

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Sigrid Bauschinger: DIE CASSIRERS

BuchCover_Bauschinger  Die Cassieres

Sigrid Bauschinger: 
DIE CASSIRERS
Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen
Biographie einer Familie
464 Seiten, C. H. Beck Verlag, 2016 

Wer hierzulande „Cassirer“ sagt, meint  mit einiger Sicherheit zuerst einmal Paul. Paul Cassirer (1871-1926), der als Kunsthändler und Verleger so unerschütterlicher für die Moderne – die deutsche, die französische – kämpfte, der so wichtig in seiner Welt war, dass er seine zweite Gattin, die Schauspielerin Tilla Durieux, von Stuck, Corinth, Slevogt, Oppenheimer, Gulbransson, Kokoschka und sogar Renoir porträtieren lassen konnte, was wohl alles über seinen Wirkungskreis und seinen Einfluß aussagt. Man weißt auch, dass er inmitten wüster Scheidungsverhandlungen mit Tilla Selbstmord beging – aber auch in nur 55 Lebensjahren hat der Mann, dem man im übrigen einen mehr als unsteten Charakter nachsagte, aus besten und schlechtesten Eigenschaften gemischt, Unglaubliches geleistet.

In der Welt der Geisteswissenschaften ist es dann auch Ernst Cassirer (1874-1945), ein Cousin von Paul, der einen ganz besonderen Rang einnimmt, dessen Werkverzeichnis von imposanter Breite der Interessen zeugt, dessen Rezeption bis heute ungebrochen ist.

Und sie sind nur zwei aus einer riesigen Familie, die sich nach dem Stammvater über vier Generationen bis in die Gegenwart zieht, wobei die Cassirer heute nicht mehr in Deutschland zu finden sind… Der „ganzen“ Familie – auch wenn das angesichts der Fülle ihrer Mitglieder nur teilweise möglich ist – hat sich nun die deutsche Germanistin Sigrid Bauschinger angenommen. Sie ist schon während ihrer Arbeit an der Biographie von Else Lasker Schüler auf Paul Cassirer gestoßen (die beiden hatten eine keinesfalls friktionsfreie Beziehung), und sie hat den immerhin 400seitigen Briefwechsel zwischen Eva Cassirer-Solmitz und Rilke herausgegeben. Und nun also – alle Cassirer, die von Bedeutung waren. Und das waren viele.

Zuerst mag man sich wundern, dass man in dem Buch am Ende keine Stammtafel findet, aber bei so vielen Nachkommen – Stammvater Moses hatte sieben Söhne, sein zweiter Sohn Marcus zehn Kinder, neun von ihnen hatten jeweils bis zu sieben Kinder – gäbe es kein Buch, das dies in aller Breite im vollsten Wortsinn auf“zeichnen“ könnte, also ist die Aufzählung von Generation zu Generation sinnvoller, auch wenn man als Leser tatsächlich immer zurückblättern muss, wer nun eigentlich wer ist – es waren einfach zu  viele.

Jene Kapitel, die versuchen, die Familiengeschichte zusammen zu fassen, können daher auch durch die Fülle der Namen manchmal verwirrend werden. Aber sehr viel Grundsätzliches ist doch über die Cassirer zu sagen, die bemerkenswerterweise nach dem „Urvater“ Moses mit wenigen Ausnahmen (Salomon, Isidor) ihren Kindern keine jüdischen Namen mehr gaben. In Schlesien reich geworden, haben sie schon seit Max Cassirer (1857-1843) Geld vor allem in geistige und soziale Werte umgesetzt, wie es ja dem jüdischen Ideal entspricht. Sie hingen ganz eng zusammen, heirateten sogar stark untereinander (Cousins und Cousinen), suchten in Berlin stets in der Nähe der anderen zu wohnen, um für einander da zu sein.

Sie waren – mit wenigen Ausnahmen, die sich katholisch taufen ließen – gläubige, aber keinesfalls fanatische Juden, und sie verstanden sich als „Deutsche jüdischer Abstammung“ und nicht als deutsche Juden. 15 von ihnen dienten im Ersten Weltkrieg, und manch einer gab sich auch angesichts der herandämmernden Nationalsozialismus der Illusion hin: Dieses Land ist mein Land. Gestorben sind bereits die meisten Cassirer der zweiten Generation in der Emigration. Ungeachtet dessen, dass sie davor an Leistung erbracht hatten, was die Juden dem deutschen Geistes-, Wirtschafts- und Sozialleben nur beisteuern konnten.

Übersichtlich wird das Buch, wenn die Autorin dann in teilweise sehr langen und ausführlichen Kapiteln einzelnen Schicksalen Raum gibt: Aus der ersten Generation Max, deutscher Patriot, der den guten „preußischen“ Werten verbunden war, erfolgreicher Fabrikant, in der Folge seine Neffen Paul, Bruno (gleichfalls Verleger), der Musiker Fritz und vor allem der Wissenschaftler Ernst – sie alle, die unter dem Motto „Kunst und Wissenschaft“ zusammen zu fassen sind.

Edith Geheeb-Cassirer, die Tochter von Max, wird von der Autorin der Kategorie „Sozialarbeit und Pädagogik“ zugeordnet, hat sie doch die Odenwaldschule begründet und geführt.

All diese Schicksale werden zuerst bis zur Zäsur der Emigration erzählt – und dann in eigenen Kapiteln, wie es in anderen Teilen der Welt weiterging, ob Schweiz, England, Skandinavien, USA, Südafrika. Am Beispiel von Wolfgang Richard Cassirer, geboren 1924 in Berlin, der als Wilfrid Cass in England lebt (und die Verkürzung des Namens bedauert), kann die Autorin zeigen, dass sich die besten Eigenschaften der Familie über die Generationen hinweg erhalten haben – Talent, gepaart mit großem Fleiß, die Fähigkeit, rasche Entscheidungen zu treffen, monetären Gewinn nicht um seiner selbst willen zu suchen, sondern zu Wohltätigkeit zu verwenden, oft zur Unterstützung von Kunst und Künstlern. So haben die Cassirer, in Bewältigung aller Schwierigkeiten, auch in der Emigration ihren Weg gefunden, wobei man nicht weiß, ob es in der Familie wirklich kaum „schwarze Schafe“ gab, oder ob diese einfach in der Schilderung unter den Tisch gefallen sind.

Am Ende widmet sich die Autorin drei bedeutenden „angeheirateten“ Cassirer-Frauen, zuerst Tilla Durieux, die schon bei Paul prominent vorkam, aber hier noch einmal in der ganzen Breite ihres Schicksals ersteht; Eva Solmitz, die den Kunsthistoriker Kurt (Sohn von Max) heiratete und die u.a. eine bedeutende Rolle im Leben von Rilke spielte; und schließlich, das überrascht, Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer, die in zweiter Ehe mit Reinhold Cassirer verheiratet war, dessen Vater bereits den Weg nach Südafrika gefunden hatte. Die Cassirer haben, wenn sie nicht untereinander heirateten, auch bedeutende Frauen angezogen…

Schade jedenfalls, dass die Fähigkeiten der Familie Cassirer, dass ihre einzelnen Erfolgsgeschichten, in Zukunft nicht mehr ein beneidenswerter Teil der deutschen Geschichte sind.

Renate Wagner

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