Der Neue Merker

Thomas Oláh: VOM LEBEN UND STERBEN DES HERRN WINCKELMANN

 

Thomas Oláh:
WOZU MICH DAS GLÜCK NOCH BRAUCHEN WIRD?
Vom Leben und Sterben des Herrn Winckelmann
92 Seiten, Edition Ausblick, 2017

Ungelöste und unlösbare Rätsel sind die besten, sie halten ein Thema ewig frisch. Natürlich wäre Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) auch heute noch als Wissenschaftler weltberühmt ohne seinen spektakulär-tragischen Tod. Eine „schwule“, schmutzige Geschichte, wie allgemein angenommen wird (so starb etwa auch Pier Paolo Pasolini), besonders tragisch bei einem so feinsinnigen Geist wie Winckelmann. Nur – was Genaues weiß man nicht.

Thomas Oláh, Wiener, Jahrgang 1966, bekannt als Kostümbildner für Theater und Film, hat sich nun 300 Jahre nach dessen Geburt in Herrn Winckelmann, sein Sterben und das Drumherum vertieft. Er geht dem Problem unter dem Titel „WOZU MICH DAS GLÜCK NOCH BRAUCHEN WIRD?“ in einer aus „Rashomon“ bekannten Methode nach: Betrachte eine Sache von verschiedenen Seiten und du bekommst verschiedene Geschichten. Er tut es auch in einer Art von szenischen Monologen (er nennt es ein „Dramolett“), aber Theater ist es wohl nicht.

Es geht einfach darum, dass sechs Herren, darunter am Ende der sterbende Herr Winckelmann selbst, über ihn erzählen. Der Deutsche aus Sachsen-Anhalt war 1755 im Alter von 38 Jahren nach Rom übersiedelt und so ganz zum selbst gewählten Römer geworden, dass er nie wieder zurück wollte – als er tatsächlich 13 Jahre später aus beruflichen Gründen in deutsche Lande musste, war ihm das zutiefst zuwider. Er war in der Welt, wo ihn die geliebte Antike umgab, am für ihn idealen Ort.

Nun ergreifen die verschiedenen Herren das Wort, zuerst ein ehrenwerter Beamter namens Johann Veit Peichl von Ehrenleib, der über den Akten des Mordfalls Winckelmann brütet. Der Täter steht ja fest, aber Details sind seltsam und undurchsichtig, und es gibt natürlich andere Leute, die den Verblichenen nicht mochten. Egal, der Akt kommt zu den Akten.

Dann sinniert Kardinal Alessandro Albani, der berühmte Kunstfreund, vor sich hin. Winckelmann stand ihm nahe, aber sein Blick auf ihn ist unbestechlich: „Der Fremde in der Fremde, Zeit seines Lebens war er fremd: Als Deutscher in Italien, als Lutheraner im Kirchenstaat, als Plebejer unter Nobilitäten.“ Anerkannt wurde seine enorme Bildung, er sprach Griechisch und Latein, belächelt wurde sein sächsischer Akzent. „Nichts, was er lieber täte als sein Wissen zum Besten zu geben, er kann das Dozieren nicht lassen. Und ordnen. Einordnen, zuordnen.“ Entscheidend mitgearbeitet hat er an der berühmten Villa des Kardinals, Und blamiert hat er sich, als zwei Spitzbuben (einer kommt noch zu Wort) ihn absichtlich und bösartig hereingelegt haben…

Bartolomeo Cavaceppi, bekannter Bildhauer und vor allem Restaurator, wo es zur Fälschung nur ein Schritt war, hat Winckelmann gekannt, wenn auch nicht gemocht. Er war sein Begleiter bei jener Reise nach Deutschland, die dieser aus Widerwillen gegen Land und Leute abbrach und über Wien zurückkehrte, während Cavaceppi in den deutschen Städten groß „Antike“ verkaufte. Den „hitzigen“ Winckelmann („Schimpft über die Deutschen, als wäre er nicht selber einer“) hat er nicht gemocht. Von Cavaceppi erfährt man viel Klatsch – etwa, dass die Jesuiten hinter Winckelmann her waren. Warum?

Giovanni Battista Casanova, Bruder des Frauenhelden, wurde in Rom als Maler und Kupferstecher geschätzt. Gemeinsam mit dem deutschen Maler Anton Raphael Mengs (ist Winckelmann mit Frau und Herrn Mengs unter die Bettdecke geschlüpft?), hat er dem großen Wissenschaftler ein Bein gestellt – beide haben ihm für seine wissenschaftlichen Werke Illustrationen von angeblichen antiken Stücken geliefert, die es nie gegeben hat. Welche Blamage! Und Herr Casanova verachtet den Herrn Winckelmann auch noch – „Bei mir Zeichenunterricht nehmen, und dann erklären, wie man’s richtig macht? Ein Meister der Theorie, aber mit zwei linken Händen. Weiß alles, kann nichts.“

Mit dem professionellen Verbrecher Francesco Arcangeli ergreift dann der Mörder das Wort. Schildert, wie er als Zimmernachbar in Triest dem feinen Herren nächtlich zu Diensten war. Gesteht den Mord, aber nicht den Grund dafür. Brutal hat er gewürgt, dann zugestochen, aber er fürchtet sich nicht vor dem Tod – er ist ganz sicher, dass er, wie es ihm die Jesuiten versprochen haben, der Hinrichtung entgehen wird. Hat er es in ihrem Auftrag getan…? (Sicher weiß man, dass Arcangeli sich geirrt hat: Er wurde sehr wohl grausam hingerichtet.)

Wie man weiß, hat der schwer verwundete Winckelmann noch sechs Stunden gelebt, bevor er seinen Wunden erlegen ist. Er hat das letzte Wort. Seine „Geschichte der Kunst des Altertums“ hat er vollendet und herausgebracht (wenn auch mit ein paar falschen Illustrationen). Nun liegt er da – „in einem lausigen Albergo am stinkenden Hafen von Trieste, erstochen vom Zimmernachbar – ein Spitzel? ein Spion?“ So allerlei geht ihm noch durch den Kopf, die Abneigung gegen Deutschland, die Liebe zur Antike, seine Verachtung der katholischen Religion, und auch zu seinen schwulen Lüsten bekennt er sich… Ja, und dann: „Ich werde lesend sterben.“ Was? „Im Buch der Bücher.“ Welches dies ist, erfährt man nicht…

„Vom Leben und Sterben des Herrn Winckelmann“ hat man einiges erfahren, und gefühltermaßen hat sich der Autor auch stilistisch in frühere Welten begeben. Was hinter dem Mord nun wirklich steckte, das weiß auch Thomas Olàh natürlich nicht, wie soll er auch – die Jesuiten zu verdächtigen, ist genau so wohlfeil wie den Vatikan. Es spielt allerdings keine Rolle. Es ging um Winckelmann, und er ist auf diese Art von allen Seiten betrachtet und sehr lebendig, fassbar, menschlich geworden. Über seinen Tod ins Weiterleben angesichts des am 9. Dezember zu feiernden 300. Geburtstags.

Renate Wagner

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Michael Schottenberg: VON DER BÜHNE IN DIE WELT

BuchCover  Schottenberg

Michael Schottenberg:
VON DER BÜHNE IN DIE WELT
Unterwegs in Vietnam
208 Seiten, Amalthea Verlag, 2017

Michael Schottenberg hat im Sommer 2015 das Volkstheater nach zehnjähriger Amtszeit als Direktor wirklich (und nicht angeblich) freiwillig verlassen. Mein einstmals geliebter Beruf wurde mir mit den Jahren mehr und mehr zur Belastung, meint er dazu, er lebte zuletzt in einer Welt der Kompromisse, ist der Enthusiasmus vorbei, verkehren sich Mühen in Schmerzen.

Dass er nicht immer so weiter machen wollte, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass er nicht sofort in die Tretmühle des frei schaffenden Regisseurs und Schauspielers sprang, was er zweifellos hätte tun können. Vielmehr realisiert er mehr oder minder auf der Stelle das, was viele sich vornehmen und dann doch nie tun: Mit dem Rucksack in die Welt zu ziehen. Er tat es, ohne eine Bedenkpause einzulegen, am 26. August 2015, mit einem Flug nach Hanoi. Dass in seiner Abwesenheit „sein“ einstiges Theater von einer neuen Intendantin eröffnet wird, darauf verschwendet er aus der Ferne nicht mehr als einen Gedanken…

Vietnam also. Und auch hier hat er getan, was jeder Reisende beabsichtigt und so selten durchzieht: einen Monat lang unterwegs ein tägliches und genaues Tagebuch zu führen. Er tut es für eine geliebte Dame, deren Namen er nicht nennt und die den Leser nichts angeht (man weiß nur, dass es nicht Maria Bill ist…) – und WLAN ist auch in der Ferne wichtig, man bleibt in Kontakt (berichtet, dass man überlebt hat, wenn es kritisch war, hört sich auch Fußballspiele in der Heimat an, so ganz weg kann man also doch nicht sein).

Was Michael Schottenberg auf dieser Reise begegnet ist, daran lässt er nun nicht nur seine Theaterfans teilnehmen, sondern alle, die gerne reisen und sich für „Abenteuer“ im weitesten Sinn interessieren. „Von der Bühne in die Welt“ berichtet, was „Unterwegs in Vietnam“ so zu erleben war, wenn man jenseits von händchenhaltenden Reiseführern einfach wirklich ganz allein loszieht.

Natürlich hat Schottenberg in diesem Monat absolviert, was ein kulturell interessierter Tourist tut, sich nämlich die Sehenswürdigkeiten anzusehen – vom hinreißenden Wasserpuppen-Theater in Hanoi, der Schönheit der Halong Bay über die Pracht von Hue über das Würgen, das jeden Besucher in Saigon überfällt, wenn er sich pflichtbewusst das Kriegsrestemuseum ansieht, in dem die Schrecken des Vietnam-Kriegs zu besichtigen sind, inklusive Bilder der Mißgeburten, die aus den „Agent Orange“-Bomben der Amerikaner resultierten.

Er hat viel von dem Land gesehen und erzählt davon, gibt erworbenes Wissen weiter, und wer nach Vietnam reisen will, kann sich hier tatsächlich persönlich erlebte Informationen einholen. Aber es geht nicht nur um Geschichte – das Wesentliche an „Schottis“ Erlebnissen ist der Alltag, wenn er auf der Straße die Nudelsuppe isst (am Schutzumschlag des Buches dokumentiert), wenn er in den Hotels und den Absteigen, einfach schlendernd oder bei Besichtigungen die Menschen kennenlernt und sogar für die potentiellen Anquatscher („What is your name?“) liebevolles Verständnis aufbringt. (Ich bin süchtig nach Menschen, sagt er und beweist es in seinen Aufzeichnungen.)

Allen Imponderabilien zum Trotz ist diese unabhängige, nur von einem vagen Fahrplan gegliederte Art zu reisen wohl die reizvollste – zumindest, wenn man sie auf Buchseiten liest und nicht persönlich bis zum Knie im Wasser steckt. Schottenberg war nämlich in der Regenzeit unterwegs …

Am Ende verlegt er in der Hysterie der Abreise seinen Paß und findet ihn rechtzeitig wieder. Er schaut auf die Glücksmomente dieser Wochen zurück: Ich habe eine neue Welt kennen gelernt. Und er hat sie schön geschildert. Jetzt möchte man von ihm ein Buch über sein Theaterleben lesen.

Renate Wagner

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Herbert Lackner: DIE FLUCHT DER DICHTER UND DENKER

index

Herbert Lackner:
DIE FLUCHT DER DICHTER UND DENKER
Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen
208 Seiten, Verlag ueberreuter, 2017

Die Schicksale jüdischer und politischer Flüchtlinge vor den Nazis ist oft erzählt worden – von vielen Überlebenden in Autobiographien, dazu in den zahlreichen Biographien der oft sehr prominenten Betroffenen. Herbert Lackner, Journalist (u.a. bei der von den Sozialisten selbst gekillten „AZ“ und beim „profil“) und Zeithistoriker, geht das Thema nun anders an – chronologisch und nach Schauplätzen. Sein Buch „Die Flucht der Dichter und Denker“ beginnt am 1. September 1939 – als mit Kriegsbeginn die Lage für die Juden im Dritten Reich noch kritischer wurde, als sie davor war.

Lackner führt über die charakteristischen Stationen: Die meisten jüdischen Flüchtlinge wandten sich nach Westen, die USA im Visier, erste Station Frankreich, wo sich in Paris, später an der Küste die Künstler sammelten: Lackner zeichnet die Schicksale parallel, viele kommen an verschiedenen Stationen wieder, über die Pyrenäen, nach Lissabon, auf die Schiffe nach New York.

Da sind sie mit ihrem Anhang, Alfred Polgar, Joseph Roth, Walter Benjamin (der, wie auch Walter Hasenclver und später Stefan Zweig in Südamerika, das Handtuch wirft und Selbstmord begeht), Lion Feuchtwanger, auch Thomas und Heinrich Mann, Werfel mit seiner Gattin, der berüchtigten Alma, die Unangepasste mit den (beiden) jüdischen Gatten und den antisemitischen Bemerkungen sowie der absolut nicht passenden Flüchtlings-Pose – sie bleibt auch für den Autor ein Ärgernis… Da ist Ludwig Marcuse und Friedrich Torberg, Erwin Piscator und Hermann Kesten, Hannah Arendt und Lisa Fittko, Oskar Karlweis und Karl Farkas, Walter Mehring und Hertha Pauli, Alfred Döblin und Anna Seghers und viele andere. In der französischen Fluchthochburg Montauban wurde Daniel Cohn-Bendit geboren, einer von jenen, die später Geschichte schrieben…

Ausführlich geschildert wird die Mission des Varian Fry, von den USA (auf Initiative von Thomas Mann) losgeschickt, in Frankreich jüdische Flüchtlinge zu retten, was ihm in hohem Maße gelang. Da das Leben doch keine Heldengeschichte ist, vermerkt der Autor, dass sich später keiner der Geretteten je bei ihm gemeldet und sich bei ihm bedankt hat.

Weil Lackner selbst natürlich mit der ganzen sozialistischen Elite Österreichs besonders vertraut ist, kommen bei ihm die Flüchtlinge aus diesem Lager – sonst eher wenig beachtet –prominent vor. Darunter beispielsweise jener Sozialdemokrat Otto Binder, den Bruno Kreisky nach Schweden holen konnte und dem dort 1943 eine Tochter namens Margit geboren wurde, die später Heinz Fischer heiratete und lange Zeit Österreichs First Lady war…

In vielen Zitaten wird die Tragödie der Vertriebenen geschildert: „Man geht, wohin man einen noch lässt“, sagte Stefan Zweig, und das ist natürlich eine grundlegende Erkenntnis. Denn viele Staaten schotteten sich angesichts der Flüchtlingswelle ab, die Schweiz und Schweden waren nicht bereit, ihre Grenzen grenzenlos zu öffnen. Das Warten und Hoffen auf Papiere, endlose Bürokratie, die Ängste von Tag zu Tag waren das Schicksal der Flüchtlinge. Franz Werfel nannte sie „ahasverische Bettler auf der Schwelle einer fremden Grammatik und einer fremden Kultur“.

Am Ende erzählen der Galerist John Sailer und der Banker Thomas Lachs, beide als Kinder auf der Flucht mit ihren Eltern, in einem Interview dankenswert unemotional von ihrem Leben dort und hier – und wie der Mensch, als anpassungsfähigstes aller Lebewesen, sich in jeder Situation zurecht finden musst, um zu überleben.

Anzumerken ist, dass der Autor, der ungemein viel zeitgeschichtliches Material zusammen getragen hat,  zwar am Ende des Buches in Kurzbiographien aufzeigt, was aus den Überlebenden der Flucht nach dem Krieg geworden ist. Dennoch fehlt ganz dringend ein Register, da ja jeder Beteiligte an so vielen verschiedenen Stellen des Buches vorkommt, dass man sein Schicksal, wollte man es individuelle verfolgen, gar nicht komplett finden kann (es sei denn, man liest das Buch ganz, was viel verlangt ist, wenn man sich etwa nur für Polgar interessiert). Man versteht, dass sich ein Verlag die Mühe eines Personenregisters nicht machen wollte. Man fragt sich nur, ob der Leser nicht ein Anrecht darauf hat.

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Am Ende doch noch ein paar grundsätzliche Bemerkungen. Natürlich ist das Buch im Hinblick auf die gegenwärtige Flüchtlingssituation geschrieben, mit der verständlichen humanitären Warnung, als Gastländer nicht zu versagen. Aber die Eins zu Eins-Rechnung geht nicht auf, dazu sind die Situationen zu verschieden. Gewiß, weder die Juden waren damals noch sind die Flüchtlinge heute grundsätzlich willkommen. Aber der Antisemitismus, den die Juden nicht nur in Deutschland, sondern dann auch in Frankreich oder den USA vorfanden, beruhte auf Neid und Böswilligkeit (wie immer), als Personen fürchtete man sie nicht. Der Antiislamismus heute (den der Autor auf Seite 16 mit dem Antisemitismus einfach gleichsetzt) beruht hingegen auf blanker Angst, auf der Angst, was manche Mitglieder unter den Ankommenden anrichten können, was ja viele Male bereits tragisch bewiesen wurde.

Und zweitens hatten die Juden in ihren Gastländern nichts zu erwarten und waren ganz auf sich gestellt (darum berührt die Häme gegenüber den Hollywood-Studios seltsam, die bereit waren, zahlreiche Schriftsteller als angebliche „Drehbuchautoren“ fürs Nichtstun durchzufüttern – Dankbarkeit wäre da eher angebracht gewesen). Die Flüchtlinge, die heute nach Europa kommen, erwarten (und können erwarten), von einem sozialen System aufgefangen zu werden, das andere erarbeitet haben und bezahlen. Das macht die Situation ja doch sehr verschieden. Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling, die Betroffenen auf beiden Seiten erleben es heute anders als damals, als die Nazis zu ihrem verheerenden Kahlschlag ausholten.

Renate Wagner

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Sigrid-Maria Größing: HABSBURGS KAISERINNEN

BuchCover  Größing  Habsburgs Kaiserinnen

Sigrid-Maria Größing:
HABSBURGS KAISERINNEN
Rätsel und Schicksale der geheimen Herrscherinnen
188 Seiten, Verlag ueberreuter, 2017

Am Begriff der „Kaiserin“ hat man sich angesichts des Maria-Theresia-Jahres wieder einmal abgearbeitet, als sei sie „keine“ gewesen, nur „die Frau des Kaisers“. Was allerdings für den Titel und die Bezeichnung völlig genügte, die Krönung an der Seite des Gatten war keine Bedingung – abgesehen davon, dass es auch ungekrönte Kaiser gab, die dessen ungeachtet den Titel trugen und die Funktion ausübten. (Joseph II. war zum „Römischen König“, die Vorform des Kaisertums, gekrönt worden und schenkte sich dann die Kaiserkrönung…)

Wenn Sigrid-Maria Größing, bekannte Spezialistin zum Thema Habsburg, nun „Habsburgs Kaiserinnen“ in biographischen Porträts zusammen fasst, dann sind diese Damen (mit Ausnahme benannter Maria Theresia, die allerdings über ihre Erblande nicht als Kaiserin herrschte!) keinesfalls Herrscherinnen aus eigenem Recht, sondern „nur“ Gattinnen. Mit glücklicheren und unglücklicheren Schicksalen.

Wobei der Begriff „Habsburg“ es der Autorin ermöglicht, drei Damen einzufügen, die nicht an der Seite ihrer Habsburgischen Gatten „Kaiserinnen“ waren: Maria Amalia war zwar Kaisertochter (von Joseph I.), aber dass ihr Gatte, der Kurfürst von Bayern, nach dem Tod von Maria Theresias Vater die fast ungebrochene Linie der Habsburger als Kaiser des Heiligen Römischen Reichs durchbrechen sollte, war fast Zufall. Aber so wurde eine Habsburgerin als Bayernfürstin an der Seite von Karl VII. Kaiserin – allerdings nur wenige Jahre.

Zwei andere Kaiserinnen waren die Töchter von Kaiser Franz II / I: Marie Louise, die ihr Gatte Napoleon zur „Kaiserin der Franzosen“ machte, und Maria Leopoldina, die man an das Haus Braganza verheiratete, das ihren Gatten nach Brasilien schickte und zum Kaiser erklärte – in Brasilien ist übrigens die Erinnerung an die unglückliche „Dona Leopoldina“, die so jung starb, höchst lebendig.

Gattinnen-Schicksale also, wobei sich die Habsburger lange Zeit die Ehefrauen möglichst aus der weit verzweigten, seit Karl V. und Ferdinand I. in eine spanische und eine österreichische Linie geteilten Familie holten. Das nahm solche inzüchtige Formen an, dass Kaiser Leopold I. die Tochter seiner Schwester heiratete (und die Autorin seltsamerweise nicht erwähnt, dass es diese Margarita Teresa war, von der Velasquez unermüdlich seine berühmten Infantinnen-Bilder malte). Und Kaiser Franz heiratete in zweiter Ehe eine „doppelte“ Cousine: Beide Eltern von beiden waren Geschwister.

Später nahm man sich (wie es schon Maximilian I. mit Blanca Maria Sforza tat, in der Hoffnung auf ein Vermögen, das sich nicht einstellte) italienische Damen, vordringlich aus dem Hause Gonzaga, und dann waren auch einige Prinzessinnen aus deutschen Höfen dabei, darunter die Bayern.

Glücklich unter ihnen wurden wenige. Die meisten erfüllten ihre Pflicht, eine Menge Kinder zu gebären, und wenn nicht, wankte das Habsburger-Schiff – wie im Fall von Maria Theresia, der die Autorin spürbar gar keine Sympathie entgegenbringt.

Berühmt geworden ist außer besagter Maria Theresia ja doch nur die bayerische Cousine ihres Gatten (die Mütter waren Schwestern), Kaiserin Elisabeth, die geliebte „Sisi“ von Kaiser Franz Joseph, und Zita (eine Bourbonin, wie so manche vor ihr) hat ihren Ruhm wohl einzig der Tatsache zu verdanken, die letzte österreichische Kaiserin gewesen zu sein.

Denn das Heilige Römische Reich hatte sich 1806 verabschiedet, und das Kaisertum Österreich war nicht zuletzt auch deshalb konstituiert worden, um den glanzvollen Titel nicht zu verlieren… (Deshalb legten Preußens Könige später so viel Wert darauf, deutsche Kaiser zu werden.)

Der griffige und werbewirksame, wenn auch nicht sonderlich korrekte Untertitel des Buches, der von „Rätseln“ und „geheimen Herrscherinnen“ spricht, bewahrheitet sich kaum. (Das Titelbild erinnert übrigens am ehesten an Englands Elizabeth I., um die es hier gar nicht geht…) Dass „Kaiserin“ zu sein, wenig Glanz brachte, aber unendliche Bürde (wenn man sie nicht so kühn und rücksichtslos abwarf wie Kaiserin Elisabeth), macht die Autorin wieder einmal klar: „Regiert“ aus dem Hintergrund hat keine der Damen, und dämonische Gestalten waren auch nicht dabei.  Das Buch fügt der reichen Bibliothek von Habsburger-Spin-Offs, die sich aus Einzelschicksalen zusammen setzen, ein weiteres hinzu.

Renate Wagner

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WIENER STAATSOPER: Impressionen / Jahrbuch

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WIENER STAATSOPER:
Impressionen zur Spielzeit 2016 / 2017
532 Seiten, Wiener Staatsoper, Eigenverlag, 2017

DIE WIENER STAATSOPER
Jahrbuch 2017
Herausgegeben von den Freunden der Wiener Staatsoper
Redaktion Rainhard Wiesinger
252 Seiten Text, 92 Seiten Anhang, Verlag Barylli, 2017

Da sind sie wieder, die unentbehrlichen Bücher für Opernfreunde,
zumal jene in Wien,
die am liebsten in der Staatsoper „wohnen“ würden
(es gibt sie noch!).

Die Staatsoper selbst bietet in einem wahren „Riegel“ – quadratisch und sehr dick – die „Impressionen“ der letzten Spielzeit, was man vom Material her leicht tun kann: Michael Pöhn (bzw.  Ashley Taylor für Ballette) stehen ja in so gut wie jeder Vorstellung irgendwo am Bühnenrand oder sonst strategisch günstig, um wirklich jeden Künstler, der hier auf den Brettern steht, zu erfassen. Und diese Bilder könnten in ihrer Farbigkeit gar nicht besser zur Wirkung kommen als vor dem schwarzen Hintergrund, der hier herrscht.

Durch diese Fotos wird die reine Dokumentation tatsächlich zur „Impression“, die einen in die vergangene Spielzeit zurückführt. Denn an sich gibt es (nicht einmal ein Vorwort) lapidar die Theaterzettel jedes Werks, wobei jede Besetzungsalternative einen neuen Zettel bekommt, und – als Novität – daneben „im Passbild“ – jeden Dirigenten. Und dann kann man in die Besetzungen eintauchen, wobei es ja die Abwechslung ist, die besonders interessiert: Die Herrschaften mögen in denselben Rollen dieselben Kostüme tragen, aber jeder einzelne ist doch eine Individualität. (Kompliment der Gestaltung, hier ist wirklich der Versuch gelungen, immer wieder Sänger in gleichen Rollen und Szenen nebeneinander zu stellen). Und vieles kommt als „Moment“ ausdrucksstark – Groissböck, den Arm in die Hüfte gestützt, als jovial-bayerischer König Heinrich; Clemens Unterreiner als exzessiver Escamillo; der anteilnehmende Blick des Sharless von Boaz Daniel; die parodistische Grimmigkeit des Carlos Alvarez als Sulpice; Adrian Eröd in voller Ironie die Gitarre des Rossini-Figaros zupfend; Paolo Rumetz als Spitzbub-Falstaff; Simon Keenlyside als verstörter Macbeth; Daniela Fally ganz Koketterie als Papagena; ein entsetzensstarrer Michael Schade als Eisenstein (zumindest in dieser Sekunde); Nobert Ernst als Alfred lacht sich eins; das versonnene Lächeln der Charlotte von Sophie Koch; Adam Plachetka, der Mustafas Grimm genießt; Margarita Griskova, Bein zeigend und Berechnung im Blick als Maddalena; und und und – das sind nur einige der besonders berührenden oder amüsanten Momente.

Eine Welt für sich sind die Ballettfotos – bekanntlich besonders schwierig, genau in jener Zehntelsekunde abzudrücken, wo der Tänzer im Spagat hochspringt (und verwackeln darf das tunlichst auch nicht, was jedem Laien immer passiert…). Wunderschöne Impressionen, die möglichst jeden Tänzer einmal in den Mittelpunkt rücken. Und man nimmt wahr, wie groß der Anteil des Balletts derzeit an der Wiener Staatsoper ist.

Der Weg führt über das Repertoire immer wieder zu den Premieren (an sich ist der Ablauf chronologisch, nur werden spätere Vorstellungen derselben Oper zu den früheren gestellt). Zuerst „Armide“ mit dem seltsamen Bühnenaufbau (man muss sich auch an szenische Eindrücke erinnern, nicht nur an einzelne Sänger), dann „Falstaff“ (mit dem surrealen letzten Bild), die Kinderoper „Patchwork“, „Troubadour“ mit ein paar schönen Szenenbildern (die man bekanntlich von der Galerie nur mehr als unzureichend sieht…), „Parsifal“ mit dem Otto-Wagner-Spital für Amfortas-Therapie, und auch noch die seltsamen, nüchternen Betonquader für „Pelleas und Melisande“ – Erinnerungshilfen.

Schließlich ist auch der Opernball mit dabei mit den glanzvollen Fotos des Ereignisses (und den glanzvollen Stars wie Jonas Kaufmann…).

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Nicht nur zum Schauen, sondern vieles zum Lesen bietet das Jahrbuch der Wiener Staatsoper, das die Freunde des Hauses alljährlich nach dem sehr bewährten Rezept herausgeben, an dem man tunlichst nichts ändern soll.

Da sind zuerst die Artikel zu den Premieren der nächsten Saison, und gerade bei Werken, zu denen man vielleicht keine intensive Beziehung hat, ist das sehr nützlich – das gilt ja wohl für „Der Spieler“ ebenso wie für „Ariodante“, da ist man dankbar für die ausführlichen Informationen, die es hier gibt. Bei den bekannteren Stücken wird man an frühere Inszenierungen erinnert, beim „Freischütz“ etwa an die von Schenk 1972 (Böhm, Janowitz, Holm, King, Ridderbusch – das war etwas!) oder an die viel ödere von Alfred Kirchner (1995), die, wie erinnerlich, Ioan Holender selbst als Fehlgriff seinerseits bezeichnet hat… Kurz, man bekommt eine runde, grundlegende Information über die neu inszenierten Werke der kommenden Saison.

Dann „Künstler am Wort“, die viel geliebten, viel besuchten Live-Interview der Opernfreunde zum Nachlesen, die Ensemblemitglieder (KS Herwig Pecoraro, Daniela Fally), die Dirigenten (Adam Fischer), die Unvergessenen (KS Renate Holm, Melitta Muszely), die gastierenden Weltstars (KS José Cura, Ambrogio Maestri, Erwin Schrott, Ludovic Tézier), und alle Gespräche so ausführlich und in die Tiefe gehend, dass man wirklich etwas davon hat.

Und dann gab es noch „Opernsalon“ genannte Gruppengespräche vor Premieren, zum „Troubadour“ mit Anna Netrebko, Daniele Abbado, Marco Armiliato und Ludovic Tézier ; zu „Parsifal“ mit Christopher Ventris, Gerald Finley, Jochen Schmeckenbecher und Hans-Peter König (der die Premiere ja nicht gesungen hat); und zu „Pelleas und Melisande“ mit Adrian Eröd. Olga Beszmertna und Marco Arturo Marelli – konkrete Arbeitsgespräche über konkret Entstehendes. Und auch das Musical-Crossover hat man weitergeführt.

Der dritte Teil des Buches bietet dann die Fotos zu den Premieren der letzten Spielzeit, die Chronik des Hauses (ein schrecklicher Verlust war mit Johan Botha zu verzeichnen, sonst gab es mehr Geburtstage und Ehrungen), und schließlich das so wichtige, übersichtliche, die Opern alphabetisch ordnende Verzeichnis aller Aufführungen der vergangenen Saison. Da Opernfreunde ja so gerne zanken, wer was wann gesungen hat… das steht es dann schwarz auf weiß. Ja, es war immer dieselbe Arabella in dieser Saison, aber drei verschiedene Rosinas in drei „Barbier“-Aufführungen. Auch das ist schließlich interessant!

Renate Wagner

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Tobias G. Natter: EGON SCHIELE. SÄMTLICHE GEMÄLDE 1909-1918

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Tobias G. Natter:
EGON SCHIELE. SÄMTLICHE GEMÄLDE 1909-1918
608 Seiten, Format XXL, Taschen Verlag, 2017

Ein englisches Sprichwort besagt: „Size matters“. Und manchmal kommt es tatsächlich auf die Größe an – etwa, wenn man den Riesenband betrachtet, der sich schlicht „Egon Schiele. Sämtliche Gemälde“ nennt und gar nicht schlicht ist. Ein Buch, das viel bietet – den ungeheuren Umfang von 30 x 41 cm, viele Kilo schwer. Ein Buch, das viel verlangt – Platz, wo man es hinlegen und aufschlagen und auch dort liegenlassen kann (denn zum dauernden Bewegen ist es zu schwer); Zeit, sich darein zu versenken; das Interesse, alles über Schiele genau wissen zu wollen; und die Begeisterungsfähigkeit, seine Werke in dieser Größe in exzellenter Wiedergabe genießen zu wollen.

Der Taschenverlag und Tobias G. Natter als einer der erfahrensten aller Forscher und Autoren machen es möglich. Was man 2018, zum hundertsten Geburtstag hätte erwarten können, ist vorweggenommen. Allerdings würde der Autor – auch wenn er am letzten Stand des derzeitigen Wissens operiert – für sich keinesfalls die ultimative Wahrheit postulieren. Die kann es nicht geben, nicht in der Kunst, nicht im Leben. Gerade die letzte Albertina-Ausstellung hat gezeigt, wie viel man immer wieder „neu“ interpretieren kann. Abgesehen davon, dass es immer noch etwas zu finden gibt…

Hier geht es erst einmal um das Schauen. Das Riesenformat ist eine große Sache, wenn man die Werke in dieser Größe und dieser stupenden farblichen Qualität genau betrachten kann – länger und ruhiger als in jeder Ausstellung. Was den Reiz des Originals nicht ersetzt, aber die Möglichkeit bietet, die es im wahren Leben nicht gibt – einfach „alle“ Gemälde von Schiele. Wobei Natter bei seiner Zählung der Werke mit dem Jahr 1909 einsetzt: Gerade bei Schiele war der Übergang von Graphik und Malerei fließend, Natter, der beide Genres bietet, unterscheidet sie für den Benutzer des Buches nicht zuletzt „haptisch“ – Gemälde auf Hochglanzpapier, Graphik (Bleistift, Kohle, Kreide, Gouache, Aquarell) auf gröberem Papier, kein Zweifel, was ist was.

Der Weg durch das Werk, den man solcherart betrachtend geht, legitimiert die grundlegenden Überlegungen von Tobias G. Natter in seinem Einführungsartikel: „Antiheld und Superstar“ untersucht Schieles Ausnahmestellung in unserer (Kunst)Welt, als „die Eingemeindung des Andersartigen“. Es ist im Grunde erstaunlich, dass ein Künstler, der so wenig gefällig, ja, der eigentlich so gut wie immer provokant, oft in seiner Bildsprache brutal ist, solche Popularität erreicht hat. Es wurde ein langer Weg zurückgelegt, bis sich das Verständnis der Öffentlichkeit einem Künstler angenähert hat, der vor hundert Jahren starb – und vielleicht erst heute als Zeitgenosse erscheint.

Denkt man nach dem ersten „Durchgang“ durch das Buch zurück, so hat man einen künstlerischen Kosmos durchschritten, dessen Fülle (auch quantitativ – Schiele starb mit 28 Jahren!) fasziniert. Die Städte und Landschaften, Wasser und Pflanzen, die Frauen in all ihren Variationen (auch in dem gnadenlosen Ausstellung der Sexualität), die teils nicht definitiv zu enträtselnden, düsteren Gemälde – und schließlich immer wieder er selbst in allen Variationen. Das alles auf einmal betrachtet, selbst wenn man sich Stunden dafür nimmt, hat fast schockierenden Effekt. In hohem Maße scheint Schiele ein Darsteller der gequälten Körper, die wohl als Gleichnis für den gequälten Menschen gelten dürfen.

Am Ende bietet das Buch Sammlungen von Schieles Briefen und Texten, weiters, reich mit Fotos bestückt, einen ausführlichen chronologischen Lebenslauf. Und schließlich, noch einmal, die Gemälde chronologisch im Kleinformat, mit ausführlicher Beschreibung, bei Natter 221 an der Zahl (frühere Autoren von Gesamtverzeichnissen kamen – je nach Zuschreibung oder Aberkennung – auf andere Mengen, Rudolf Leopold etwa auf 306).

Ein Buch wie dieses kann, etliche Kritiken haben es schon gezeigt, viele Kontroversen auslösen, aber diese betreffen die Wissenschaft, das sind Insider- Auseinandersetzungen (das Wort „Minenfeld“ kehrt in der Welt der Schiele-Forschung immer wieder). Das Buch wendet sich an Kunstfreunde, die sehen und begreifen wollen, und es bietet den paradoxen Effekt, dass man in Bildern schwelgen kann, die alles andere im Sinn hatten, als den Betrachter problemlos zu befriedigen. Aber ist Egon Schiele nicht immer ein Widerspruch in sich, der es schafft, seine Betrachter zwischen Bewunderung und Betroffenheit regelrecht zu „beuteln“?

Renate Wagner

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Brigitte Hamann: SO SCHÖN KANN WISSENSCHAFT SEIN!

BucCover Hamann

„SO SCHÖN KANN WISSENSCHAFT SEIN!“
ZEITKAPSELN AUS DER SAMMLUNG BRIGITTE HAMANN
Mit Kronprinz Rudolf im Unterricht,
mit Kaiserin Elisabeth von Schloss zu Schloss,
mit Arthur Schnitzler beim Villenkauf
Herausgegeben von Marcel Atze unter Mitarbeit von Kyra Waldner.
348 Seiten, 311 Abbildungen
Wien, Amalthea Verlag 2017

„Echte“ Historiker, deren Arbeit auf Quellenforschung und Zeitanalyse beruht, werden normalerweise keine Bestsellerautoren. Brigitte Hamann (1940-2016) war diesbezüglich eine Ausnahme. Sie hatte beim Schreiben ihrer Bücher nicht das Urteil der Kollegen und der gestrengen Fachpresse, sondern den „normalen Leser“ im Blick. Diesen wollte sie interessieren und zugegebenermaßen auch unterhalten. Dass ihr das nicht unbedingt die Sympathie vieler Kollegen eintrug, war klar. Letztendlich war ihr Prestige vor allem in Sachen Habsburg unangefochten, und auch Bücher über Bertha von Suttner, Hitlers Lehrjahre in Wien, Winifred Wagner und Hitlers Bayreuth fanden eine breite Leserschaft.

Brigitte Hamann, die in ihren letzten Lebensjahren die Alzheimer Krankheit auf sich zukommen fühlte, hat rechtzeitig dafür gesorgt, ihren Nachlass sorglichen Händen zu überlassen. Die Wienbibliothek im Rathaus kam in Besitz der rund tausend Hängemappen mit den Unterlagen zu ihren Büchern, ihres Briefwechsels und vor allem der zahllosen Autographen, die sie erworben hatte. Für Brigitte Hamann war der Weg „zu den Quellen“ die Grundlage des historischen Arbeitens, und sie hat weit mehr zusammen getragen, als sie selbst noch auswerten konnte.

Das Buch, das ihre Überzeugung „So schön kann Wissenschaft sein!“ reflektiert, ist der Begleitband zu der Ausstellung, die ihr die Wienbibliothek widmet (noch bis 26. Jänner 2018 zu sehen) und fächert Schwerpunkte ihrer Sammlung auf. Die „Zeitkapseln“, die hier geöffnet werden, beziehen sich in erster Linie auf Kaiserin Elisabeth – diese Biographie („Elisabeth. Kaiserin wider Willen“), 1981 erschienen, hat sie berühmt gemacht. Dann auf den Kronprinzen Rudolf, über den sie dissertierte und über den sie 1978 ihr erstes Buch herausbrachte („Rudolf. Kronprinz und Rebell“). Und Ausstellung und Buchtitel werben auch damit, dass Brigitte Hamann 1998 bei einer Auktion Materialen zum Kauf der Villa fand, die Arthur Schnitzler in der Sternwartestraße von der Schauspielerin Hedwig Bleibtreu erwarb.

Dazu und zu vielen anderen Materialien, die ihr „Wissen“ zufütterten, ohne selbst im Mittelpunkt von Werken zu stehen, gibt es in dem Buch ausführliche Artikel. Allerdings stets zur Sache selbst, weniger darüber, wie, wo und warum sie von Brigitte Hamann erworben wurden, was ihre Leser vermutlich sehr interessiert hätte. Natürlich ist sie als Person auch Teil der Ausstellung, weniger im Buch, und am Ende würde man hoffen, dass Brigitte Hamanns Sohn, selbst Schriftsteller, seiner Mutter selbst einmal eine Biographie widmen würde.

Es war doch ein hoch interessantes und keinesfalls friktionsreiches Leben, das sie von ihrer Geburtsstadt Essen nach Wien führte, wo die Geschichtsstudentin 25jährig den Historiker und Universitätsprofessor Günther Hamann heiratete, drei Kinder bekam, als seine Assistentin arbeitete und sich dann mit ihren Arbeiten über die Habsburger – später so erfolgreich, anfangs verlagsmäßig kaum an den Mann zu bringen! – emanzipierte und profilierte. Für alle TV-Stationen avancierte sie zur Referenzpersönlichkeit in Fragen über die Familie Habsburg, hat aber dann ihren Interessenskreis – nach dem „Umweg“ über Bertha von Suttner – mit Hitlers Welt interessant erweitert. Angriffen stand sie gelassen gegenüber – sie wusste sich stark gestützt: Von Hunderttausenden von Lesern. Was nun quasi als ihr „letztes Buch“ vorliegt, zeigt, wie grenzenlos ihr historischer Horizont war.

Renate Wagner

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Haberfeld / Bauer: WIELAND WAGNER

BuchCover Wieland Wagner

Oswald Georg Bauer , Till Haberfeld
WIELAND WAGNER
REVOLUTIONÄR UND VISIONÄR DES MUSIKTHEATERSS
312 Seiten mit 100 farbigen und 121 schwarzweißen Abbildungen,
Deutscher Kunstverlag, 2017

Wer konnte in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg irgendein Mitglied der Familie Wagner ins Auge fassen, ohne in erster Linie das Verhältnis aller zu Hitler zu beleuchten? Ein breitformatiger Band, den Till Haberfeld (Gatte von Gwyneth Jones) als Herausgeber und Oswald Georg Bauer, von allen Bayreuth-Mitarbeitern „hinter den Kulissen“ der wohl getreueste und kenntnisreichste, jetzt vorlegen, will nichts anderes als – reich bebildert – den Blick auf die Leistung legen.

Seltsam, dass das nicht längst geschehen sei, sagt eine Wagner-Tochter im Vorwort – interessanterweise nicht Nike, die so oft im Blickfeld steht, sondern Daphne (wohl weil Nike ein eigenes Werk über Wieland Wagners Opernarbeit vorbereitet…). Egal. Die Wieland-Familie ist froh, dass der Vater in aller Ausführlichkeit gewürdigt wird, wo doch die Wolfgang-Familie scheinbar „siegreich“ in Bayreuth geblieben ist.

Richard Wagners Sohn Siegfried und seine englische Gattin Winifred hatten bekanntlich vier Kinder, darunter zwei Söhne. Als nach dem Dritten Reich das schwerst belastete Bayreuth neu zu erfinden war, war jedermann klar, dass Wieland der „begabtere“ der Wagner-Enkel war, der die erste prägende Arbeit übernahm. Aber der Wolfgang hatte ein anderes As einzusetzen: Der jüngere Bruder überlebte den älteren um 44 Jahre (!!!) und nütze diese, um Bayreuth nach seinen Vorstellungen zu formen. Der Nachwuchs beider Brüder stand sich so feindselig gegenüber, Cousins und Cousinen, aber auch Geschwister untereinander, wie es ein blutiges Königsdrama erfordert…

Nun ist Wieland Wagner (1917-1966) seit über 50 Jahren tot, Wolfgang (1919-2010) nun auch schon seit sieben, und ob Bayreuth nach Katharina in Wagner-Familienhand bleiben wird, scheint ziemlich ausgeschlossen, weil einfach die kompetenten Nachkommen ausgeblieben sind. Die Zeit, einigermaßen unaufgeregt zurückzuschauen, ist allerdings gekommen – schließlich ist auch Wielands 100. Geburtstags zu gedenken. Und hier geschieht es mit seinem reich bebilderten, großen, aber querformatigen (so kommen die Bühnenbilder „breitwandig“ zur Geltung) Buch über seine Arbeiten.

Es handelt vordringlich von seinen Bayreuther Inszenierungen und ist nicht nur ein Stück Nostalgie, sondern bietet die analytische Aufarbeitung dessen, was einst geschehen ist – was es damals bedeutet hat und für uns noch bedeutet. Nebenbei ist auch zu sehen, was Wieland in Berlin, Stuttgart, Frankfurt gezeigt hat. Der Wiener Opernfreund, der zwischen 1965 und 1967 immerhin seine Inszenierungen von „Lohengrin“, Elektra“, „Salome“ und „Der fliegende Holländer“ gesehen hat, wenngleich die letzten beiden posthum auf die Bühne gebracht, weiß allerdings, dass diese fehlen – oder betrachtet man sie nur als letzten, unwichtigen Aufguß? (Die Wiener Besetzungen konnten sich jedenfalls sehen lassen…)

Sehen kann man jedenfalls viel in dem Buch, und da braucht man gar keine Texte, um selbst einfach aus dem Bild zu ermessen, worin Wielands Leistung (der „kompromisslose Neuanfang“, den er postulierte und den er lieferte) bestand – das Denken in Bildern, in denen er Mythos beschwor und archaische Wucht, die Abstraktion, die die Konzentration auf das Wesentliche bedeutete (denkt man, wie kleinteilig heute eine Kosky- oder Herheim-Inszenierung ist, um die besten zu nennen), seine Fähigkeit, die geballte Macht des Chores auch durch dessen Aufstellung zu vermitteln. Das war teils minimalistisches und gleichzeitig immer großes Theater zugleich, dem ein konzeptioneller Überbau innewohnte.

Dabei hat sich seine Bildersprache gewandelt, Wieland war – weit mehr als Wolfgang, der auch seine eigenen Ausstattungen besorgte – ein imaginativer Künstler, der seine Phantasie walten ließ: Selbst auf Fotos ist noch die vibrierende Kraft zu spüren, mit der Wieland den Auftritt der „schwarzen Venus“ Grace Bumbry flirrend umgeben hat.

Jeder Opernfreund, zumal jener mit eigenen Bayreuth-Erinnerungen (wenn sie auch für Wieland-Inszenierungen sehr, sehr weit zurückgehen müssen), wird das Buch erst einmal durchblättern. Aber es gibt auch vieles zu lesen, zu Wagner ist immer viel zu sagen, wobei die Artikel von 1951 bis 1966 sowohl Grundsätzliches wie auch einzelne Werke behandeln. Zeitungsartikel und Briefe komplettieren die Materialsammlung, die nicht nur eine Leistung umreißt, sondern noch stark in die Gegenwart leuchtet. Man könnte sich ein „Revival“ mancher Wieland-Inszenierung vorstellen – und würde diese am Ende sogar als „modern“ empfinden…

Renate Wagner

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Michael Heinemann: CLAUDIO MONTEVERDI – Die Entdeckung der Leidenschaft / Schott-Verlag

BUCH / Michael Heinemann: CLAUDIO MONTEVERDI. Die Entdeckung der Leidenschaft.

Schott-Verlag Mainz, 2017; 178 Seiten, zahlreiche s/w und einige farbige Abbildungen sowie Notenbeispiele. Hardcover mit Schutzumschlag. ISBN 978-3-7957-1213-6; 24,50€)

Bildergebnis für michael heinemann claudio monteverdi

Rechtzeitig zum 450 Jahre-Jubiläum von Claudio Monteverdi erschien dieses Buch. Der Musikwissenschaftler Michael Heinemann beleuchtet darin nicht nur das Leben des berühmten Komponisten, sondern setzt sich intensiv mit seiner Musik auseinander. Allseits bekannt ist vor allem „L´Orfeo“, wurde doch 1607 mit dieser musikhistorisch bedeutenden Aufführung ein neues Zeitalter begründet und ein wichtiger Meilenstein für die Entstehung der Kunstgattung Oper gesetzt. Der Bedeutsamkeit des Komponisten und seiner zahlreichen Werke umfassend auf den Grund gehend, gliedert sich das Buch in insgesamt zehn Kapitel, denen ein Vorwort des Autors vorangestellt ist. Anmerkungen als Texterläuterungen, Literaturhinweise zu weiterführender Literatur und das Abbildungsverzeichnis vervollständigen den Text.

In einer gründlichen Auseinandersetzung mit Monteverdi lernt der Leser Daten und Fakten aus dem Leben des Komponisten sowie Gegebenheiten der damaligen Zeit und damit auch geografische und kulturgeschichtliche Details kennen. Gleichzeitig wird man mit feinen musiktheoretischen Informationen vertraut gemacht, die sich trotz der notwendigen Verwendung von einschlägigen Fachbegriffen und zahlreicher Notenbeispiele auch für den Musiklaien interessant lesen. Der aktuellen Popularität Monteverdis Rechnung tragend, ist dieses Buch für den Opernfreund wie für den an alter Musik Interessierten eine empfehlenswerte Lektüre.  

Ira Werbowsky

 

 

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Alfred A. Fassbind: MAX LICHTEGG – Nur der Musik verpflichtet

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Alfred A. Fassbind:
MAX LICHTEGG – Nur der Musik verpflichtet

Buch: Römerhof Verlag – Box mit 4 CDs: Andromeda – beide 2016

«Ein Vergessener meldet sich zu Wort»

Alfred A. Fassbind, der Autor dieser bisher einzigen Biographie Max Lichtegg – Nur der Musik verpflichtet (1. Auflage 2016), hat wie bei seiner viel beachteten Arbeit über den Tenor Joseph Schmidt, (der ebenfalls mit der Schweiz verbunden war, wenn auch nicht auf so glückliche Weise wie Max Lichtegg) hier eine Biographie vorgelegt, die sich durch eine höchst sorgfältige Recherchenarbeit auszeichnet, wie durch eine zwar verehrende, doch auch kritisch-distanzierte Stellungnahme. Dabei verdient es der Tenor Max Lichtegg, Schweizer Tenor mit galizisch-wienerischen Wurzeln, dem Vergessen entrissen zu werden, denn – wie es die gleichzeitig erschienene Box mit 4 CDs beweist – Max Lichtegg war ein ausserordentlicher Sänger.

Als Munio Lichtmann 1910 in Galizien geboren, kam er bereits als achtjähriger Junge nach Wien, errang schon mit seinem Knabensopran in der Synagoge Aufmerksamkeit und liess seine Stimme ausbilden. Schon bald sang der lyrische Tenor bei jeder Gelegenheit, vor allem im Metier des sogenannten «leichten Fachs», das sich als seine eigentliche Domäne herauskristallisieren sollte. Mit dem Aufkommen der Nazis beschloss Max Lichtegg, wie er sich fürderhin nannte, in der Schweiz ein Engagement anzunehmen. Er ging ans Stadttheater Bern, wo er 1936-37 alles sang, was nicht niet- und nagelfest war. Bevor er ans Stadttheater Zürich (= später Opernhaus Zürich) engagiert wurde, war er «Gast in Permanenz» am Stadttheater Basel, wo sich neben dem jungen Hans Beirer als Operettentenor (!) keine Vakanz für eine Festanstellung für Lichtegg ergab. Dann kam seine grosse Zeit am Stadttheater Zürich, wo er von 1940 bis 1947 der führende lyrische Tenor war. Er hatte Glück: Max Lichtegg hatte die Bernerin Olga Kaufmann geheiratet, konnte in schlimmen Zeiten in der Schweiz bleiben und eine höchst renommierte Karriere aufbauen. Er sang sowohl in Operetten – wodurch er in diesen Jahren auch durch viele Radio-Sendungen ein «Haushalt»-Name wurde -, als auch im lyrischen Fach (Tamino, Belmonte etc.) und in der Fach-Erweiterung als Tom in der deutschen Erstaufführung von Strawinskys «The Rakes Progress». Nicht nur als Sou-Chong, sondern auch als Lohengrin war Lichtegg ein Garant für volle Häuser. Nach dem Krieg entwickelte sich auch seine internationale Karriere, die ihn unter anderem auch in die USA führte. In Kalifornien sang er in einem konzertanten 1. Akt der «Walküre» (ab 3. Szene) einen respektablen Siegmund mit Rose Bampton, Sieglinde an der Met und bei Toscanini. Aber auch an der Staatsoper in den Ausweichquartieren war er oftmals als gern gesehener und gehörter Gast, neben in Operetten auch als Tamino und Lohengrin mit Maria Reining als Elsa. In Zürich begleitete er auch die frühen Jahre der jungen Lisa Della Casa und sang am Ende seiner Karriere, die gut 50 Jahre dauerte, sogar noch mit Dagmar Koller.

Sein «Set-Back» war, dass er von den Operndirektionen nur mehr als Operettentenor wahrgenommen wurde, während er um seine Opernpartien richtiggehend kämpfen musste. Einen Wechsel ins Charakterfach (Herodes, Kaiser in Turandot) lehnte er entschieden ab. Dafür konzentrierte er sich auf seine Konzertauftritte in Operettenabenden, in Oratorien und im Liedgesang. Hatte er doch 1947 den jungen, damals noch unbekannten Georg Solti als Klavier-Begleiter in eine Aufnahmesitzung der Decca mitgebracht, wonach sich dessen Karriere blühend entwickelte. Auch in Konzertauftritten, bspw. mit Schuberts Müllerin, begleitete ihn Solti, der es ihm aber später nicht mit Gegen-Engagements vergalt…

Max Lichtegg war – trotz vielen Zurücksetzungen, menschlichen Enttäuschungen und mitunter auch antisemitischen Anfeindungen – trotz allem ein «Glückspilz» und liebte sein Leben, hielt nichts von Rachegefühlen und war allseits nicht nur eine Berühmtheit, sondern auch ein liebenswürdiger Gentleman, wie sich eine berühmte Sopranistin erinnerte. In zweiter Ehe war er mit Marietta Winterhalder verheiratet. Aus der ersten Ehe stammen Sohn Theodor und die 1973 leider früh verstorbene Tochter Rachel. Sohn Theodor Lichtmann wurde Konzertpianist und lebt in den USA, begleitete auch oft seinen Vater bei Liederabenden.

Das in gutem flüssigem Stil geschriebene Buch von Alfred Fassbind liest sich ausgezeichnet und fächert die Opern-Szene der Kriegszeit in der Schweiz ebenso auf, wie sie ein Bild der Nachkriegszeit bis in neunziger Jahre abgibt. Lichtegg verstarb 1992. Reichlich abgebildete Theaterzettel nennen berühmte Leute und ein reiches Foto-Material ergänzt das aufschlussreiche Buch. Ein ausführliches Rollenverzeichnis und eine Diskographie vervollständigen diese wertvolle Arbeit. Leider fehlt ein Personen-Nachschlage-Register.

Die gleichzeitig mit dieser Biographie veröffentlichte CD-Box «Max Lichtegg «A Voice for Generations» der Firma Andromeda zeigt auf je einer der 4 CDs seine Fächer auf: Oper, Operette, Lied und Geistliche Gesänge, wo vor allem der Live-Mitschnitt der Uraufführung der Kantate «Vision eines Propheten» von Ben-Haim (Paul Frankenburger) vom 27.8.1962 aus Israel, Dirigent Gary Bertini, ein bewegendes Zeugnis liefert. Erstaunlich stilsicher ist das Tenor-Solo aus Verdis Requiem. Sehr schön auch die frühen Opernaufnahmen mit dem Lied vom Kleinzack und der heiklen Arie des Fra Diavolo, während die beiden Mozart-Arien eher etwas antiquiert anmuten, da hat sich doch Einiges verändert; dies soll aber nicht die stimmliche Perfektion in Abrede stellen, mit der Lichtegg diese Arien singt. Charmant und sauber gesungen sind durchweg alle Operetten-Arien, besonders gefällt das frech gesungene Couplet: Fräulein Mizzi und ihr Leutnant aus Oscar Straus’ «Walzerparadies». Zeitlos wirken sein Schujskij (Live-Aufnahme aus Monte-Carlo von 1955 mit Nicola Rossi-Lemeni als Boris, Dirigent: Otto Ackermann, russisch gesungen) und der leider nur in einem Ausschnitt (Klavierbegleitung: Erich Widl) vorhandene «Rake» Tom. Max Lichtegg sang die Erstaufführung der deutschen Fassung 1951 in Zürich, wozu ihm der Komponist selbst gratulierte. Ganz fabelhaft sind die beiden englisch gesungenen Léhar-Titel, wo Lichtegg beweist, wie man diese «Schmankerl» wunderbar auf dem Atem klingend singen kann. Leider fehlt eine akustische Erinnerung an seinen Lohengrin. Dafür entschädigt die oben erwähnte 3. Szene des 1. Walküre-Aufzuges mit Rose Bampton (Los Angeles Symphony Orchestra, Dirigent: Alfred Wallerstein). Ganz fabelhaft auch der «Erlkönig» in der Orchesterfassung von Max Reger und ebenfalls von Schubert das «Ständchen» (Orchesterfassung von Felix Weingartner) – beide hervorragend gesungen und bewegend interpretiert.

Wie überhaupt in allen Aufnahmen durchweg die perfekte Technik des Sängers beeindruckt und begeistert: eine reine Intonation, die auch in den späten Jahren nicht nachlässt, ein gutes, gestütztes Legato, eine sichere Höhe, eine deutliche, aber nicht manierierte Diktion und ein interessantes Timbre, das von einem leichten Schleier umgeben ist. Max Lichtegg ist trotz der sicher strahlenden Höhe kein «Blender»-Tenor, sondern ein Sänger mit einer kultivierten Stimme, der man nur zu gerne zuhört!

John H. Mueller  

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