Der Neue Merker

Ursula Prokop: ZUM JÜDISCHEN ERBE IN DER WIENER ARCHITEKTUR

BuchCover   Prokop, Jüd. Wiener Architektur

Ursula Prokop:
ZUM JÜDISCHEN ERBE IN DER WIENER ARCHITEKTUR
Der Beitrag jüdischer ArchitektInnen im Wiener Baugeschehen 1968-1936
276 Seiten, Verlag
Böhlau, 2016 

Man ist sich immer bewusst, wie groß seit dem 19. Jahrhundert und bis zum Anschluss der Anteil jüdischer Künstler und Wissenschaftler am Kulturleben Wiens und Österreichs war. Und doch wird man manchmal überrascht, wie viel mehr von Juden Geschaffenes zu finden ist, als man im Bewusstsein trägt. Die Kunsthistorikerin Ursula Prokop, deren Buch über Margaret Stonborough-Wittgenstein man kennt und schätzt, macht  beispielsweise auf dem Gebiet der Architektur darauf aufmerksam. Im Gegensatz zu Literatur und Musik, Theater und Film, wo der jüdische Anteil weitgehend aufgearbeitet ist, ist der Blick auf die Architektur unterrepräsentiert, „obwohl nicht wenige prominente und für das Stadtbild prägende Bauten jüdischen Österreichern zu verdanken sind“.

Mag es auch daran gelegen haben, dass viele Juden es seinerzeit vorzogen, ihr Judentum eher zu verstecken als öffentlich zu machen, um etwa bei Ausschreibungen nicht an – und sei es auch nur unterschwellige – Diskriminierungsschranken zu stoßen? Tatsache ist, dass das Buch überaus zahlreiche Namen und ebenso viele Gebäude aufarbeitet, von den Adelspalästen bis zu den Arbeiterwohnungen. Und etwa auch jenen Prunkbau im Renaissancestil hinter der Oper, den Wilhelm Fraenkel 1875 für Eduard Sacher errichtet hat und der das bis heute legendäre und höchst lebendige „Hotel Sacher“ ist, glanzvoll in Fernsehserien und in der Wirklichkeit.

Natürlich benötigten die Juden, deren Gemeinde in Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant anwuchs, auch ihre Kultbauten: Max Fleischer, ein Friedrich-Schmidt-Schüler, wurde Fachmann für Synagogenbauten, ebenso wie sein Kollege Wilhelm Stiassny, der noch den Exotismus der jüdischen Tradition betonte. Beide Herren haben übrigens ihre Gräber am Jüdischen Teil des Zentralfriedhofs (1. Tor), Fleischer eine eigene Kapelle, Stiassny ein Grabmal, das an einen antiken Tempel gemahnt.

Im Schatten dieser beiden Künstler standen viele, hoch begabte Kollegen, die, wie Karl König, der Schöpfer des weggebombten, einst pompösen Philipp Hofes neben der Albertina oder des durchaus noch existenten Hauses der Industrie am Schwarzenbergplatz, weitgehend vergessen sind.

Eine Großstadt wie Wien, die nach dem Bau der Ringstraße gleichsam „explodierte“, hatte neben Palästen und Arbeiterwohnungen auch neue Aufgaben zu bewältigen, etwa die großen Warenhäuser, der einst glanzvolle Herzmansky (Maximilian Katscher) beispielsweise, oder großartige Wohn- und Geschäftshäuser, von denen Oskar Mamorek (Nestroy-Hof, Rüdiger-Hof) einige schuf, die noch heute als Gebäude ins Auge stechen. Auch Banken oder große Krankenhäuser wollten ihr äußeres Bild repräsentativ gestaltet und wandten sich nicht selten an jüdische Architekten. Und als der jüdische Teil des Zentralfriedhofs hinter dem Ersten Tor nicht mehr für die Masse jüdischer Bürger reichte, musste man natürlich auch den neuen Teil  entsprechend gestalten: Die Eingangshalle von Ignaz Reiser beeindruckt noch heute.

Sie bauten Villen und Mietshäuser, und selten gingen  jüdische Auftragsgeber zu nichtjüdischen Architekten wie jener Sigmund Goldmann, der vis à vis der Hofburg das provokante Loos-Haus von diesem Künstler gestalten ließ. Und auch was man die „Zweite Wiener Moderne“ der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert nannte, war noch stark jüdisch geprägt, etwa von Josef Frank (um den Erhalt von dessen „Villa Beer“ in Hietzing wird derzeit noch gekämpft!) oder Oskar Strnad, der nicht nur für Theater und Film, sondern auch für prominente Kunden, etwa Jakob Wassermann, arbeitete. Zu Unrecht im Schatten dieser prominenten Künstler stand wiederum Oskar Wlach, der Gemeindebauten mit besonderem Stilwillen schuf.

Viele Namen tauchen auf, viele Gebäude, an denen man vielleicht achtlos vorbeigeht, lenken mit Hilfe der Fotos des Buches den  Blick auf sich: Wer weiß schon, dass das originelle Schokoladen-Haus in Hietzing, ein absoluter Blickfang des Bezirks, von Ernst Lichtblau stammt? Und die einzige Befriedigung, die das Buch in Bezug auf jüdische Künstler bereitet, sind die Karrieren jener, die emigrieren mussten und auch anderswo ihren Weg machten, ob Friedrich Kiesler, ob Richard Neutra, ob Victor Gruen.

Kurz, hier ist eine große Wissenslücke geschlossen worden, die endgültige „Ausrottung“ ist nicht geglückt – obwohl die Autorin der Stadt Wien, die viele Sünden auf sich geladen hat, auch beweisen kann, dass bis in unsere Tage jüdisch konnotierte, architektonisch wertvolle Bauten gnadenlos abgerissen wurden…

Renate Wagner

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Eva Demmerle: KAISER KARL

BuchCover  Kaiser Karl

Eva Demmerle:
KAISER KARL
MYTHOS & WIRKLICHKEIT
230 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 


Die Zeit rast, 2016, das Jahr, das in Österreich Franz Joseph „gehörte“, ist vorbei, schon ist 2017 da, in Besitz von Maria Theresia. Da hat man Kaiser Karl dazwischen kaum wahrgenommen, falls man es überhaupt als „Jubiläum“ betrachten konnte – denn der Tod von Kaiser Franz Joseph 1916 machte ja aus dem 29jährigen Erzherzog Karl den „Kaiser Karl“, den letzten Kaiser. Eine Figur, die in der Geschichte gewissermaßen „schräg“ zu hängen scheint.

Wenn nun Karl Habsburg, der Enkel des letzten Kaisers, das Vorwort zu der neuen Biographie von Eva Demmerle (langjährige Mitarbeiterin von Otto von Habsburg) schreibt, zeigt das a priori die Intention des Buches  –  Kaiser Karls Charakterbild soll zurecht gerückt werden, klarerweise in ausschließlich positive Richtung. Wozu die Autorin natürlich festhalten muss, welch negative Urteile / Vorurteile über Karl in Umlauf sind: Tatsächlich hat da eine sehr gezielte Propaganda von Anfang an (Karls Lebzeiten, vor allem während des Ersten Weltkriegs) so tief und nachhaltig gegriffen, dass diese Urteile bis heute immer wieder übernommen wurden.

Es geht also um einiges – und das Buch arbeitet die Dinge ab, stets in der Intention, sie von Schwarz auf Weiß umzudrehen. Nein, man kann nicht sagen, dass Karl unvorbereitet in sein Amt ging, keinesfalls war er schlecht ausgebildet. Schließlich stand spätestens seit 1900, als Thronfolger Franz Ferdinand (der ältere Bruder von Karls Vater Otto) für seine Nachkommen auf Thronansprüche verzichtete, fest, dass Karl der nächste Kaiser nach Franz Ferdinand sein würde (sein eigener Vater Otto kam aus vielen Gründen nicht in Frage, starb dann auch 1905).  Also, er war gut ausgebildet, er zerbrach sich ausführlich und kenntnisreich den Kopf über die Problematik der Monarchie, und er konnte natürlich  nicht – wie auch niemand sonst – voraussehen, dass sein Vorgänger nicht viele Jahrzehnte lang Franz Ferdinand heißen würde, sondern dass sich 1914 alles änderte.

Da war die Ermordung des Onkels in Sarajevo, der Weltkrieg, der alte Kaiser, der seinen nunmehrigen Thronfolger und Großneffen Karl freundlich heranzog, wobei scharfer Wind von Seiten der Generalität wehte, und schließlich der Tod von Kaiser Franz Joseph 1916, der Karl 29jährig mit einem Krieg und einer untragbaren Bürde unlösbarer Probleme konfrontierte. Es war nicht seine „Schwäche“, dass alles schief lief, will die Autorin ziemlich überzeugend vermitteln, es konnte zu diesem Zeitpunkt gar nichts mehr gut laufen.

Nun geht es um die Sixtus-Affäre, wie sie später genannt wurde. Eva Demmerle betont nicht zu Unrecht, dass aus heutiger Perspektive (fälschlicherweise werden Urteile über die Vergangenheit ohnedies of leichtfertig vom Heute aus betrachtet gefällt), Karl geradezu als Held gelten muss, weil er es gewagt hat, mitten in einem Krieg, der sich von der Bevölkerung und von den Krieg führenden Mächten her noch allgemeiner Akzeptanz erfreute, an den Frieden zu denken – aus seinem christlichen Bewusstsein, aus Schreckensbildern von der Front heraus.

Kaiser Karl war  ein oberster Entscheidungsträger, er meinte, zumindest einen Separatfrieden mit den Franzosen schließen zu können. Dazu bediente er sich seiner Bourbonischen Schwäger, den Brüdern seiner Gattin Zita, und damit wurde er in den Augen vor allem der deutschen Verbündeten doppelt zum Verräter – als „Aussteiger“ aus dem Krieg und als Mann, der bereit war, seinerseits die deutschen Ansprüche auf Elsaß-Lothringen den Franzosen zuzugestehen. Man hat es Karl nie verziehen, zumal die Bemühungen scheiterten: Als ob es nicht immer geheime diplomatische Verhandlungen gegeben hätte, wurde Karls Ruf durch seine besten Absichten gänzlich zerstört.

In eher schnellem Durchlauf wird das weitere Geschick des Kaisers, der zwar abdankte, aber nie auf seine Rechte verzichtete, gezeichnet: Man kann sich die Bemühungen um Ungarn, das Hin- und Herziehen im Exil, die tragische Ungewißheit der Situation der Familie um einiges „dramatischer“ vorstellen, als sie hier dargestellt wird. Dass er sein Schicksal mit Würde getragen hat, kann nicht angezweifelt werden. Die äußere Größe eines „Kaisers“ (die sogar der lächerlich polternde Wilhelm II. auf seine eigene, möglicherweise parodistische Art hatte) ist er der Welt schuldig geblieben. Das beschädigt sein Andenken bis heute.

Das Buch bemüht sich sehr um Karl, bringt auch Neues in Form von Augenzeugenberichten, wobei Kaiserin Zita wohl eine eher belletristische Quelle darstellt (nach ihren Berichten sei Franz Ferdinand im Mai 1914 überzeugt gewesen, „demnächst ermordet zu werden“!).

Mythos & Wirklichkeit stehen einander nach wie vor gegenüber, es wird, wie die Autorin richtig feststellt, auf den Blickwinkel des Betrachters ankommen, wie Karl erscheint – als humanitärer Held, als Heiliger, der stets das Gute wollte, oder als hoffnungslos überforderter Schwächling, der alles falsch machte.

Gut und übersichtlich interpretiert, lesbar dargestellt, ist das ein weiterer Mosaikstein im Bild der Karl-Darstellungen. Ein strahlend heller unter vielen dunklen.

Renate Wagner

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Herbert Haupt: JOHANN ADAM VON LIECHTENSTEIN

BuchCover  Liechtenstein Herr von Stand

Herbert Haupt
EIN HERR VON STAND UND WÜRDE
FÜRST JOHANN ADAM ANDREAS VON LIECHTENSTEIN (1657-1712)
390 Seiten, Verlag
Böhlau, 2016  

 Es gab Mitglieder des Hauses Liechtenstein, die auch in der Geschichte Österreichs eine große Rolle spielten, etwa jener Josef Wenzel (1696-1772), der als kaiserlicher Feldherr bedeutend war, desgleichen als Diplomat (und der, ein Stück Familiengeschichte, für den späteren Kaiser Joseph II. im goldenen Wagen dessen Braut aus Parma nach Wien brachte). So viel Ruhm hat dessen Verwandter, Fürst Johann Adam Andreas (1657-1712), nicht geerntet, aber wenn man nun dessen Lebensgeschichte liest, merkt man, dass es doch sehr viel über diesen Mann zu erzählen gibt, der immerhin die beiden Liechtenstein’schen Palais in Wien errichten ließ – in bewusster Konkurrenz zu dem mit ihm befreundeten Prinz Eugen von Savoyen…

„Ein Herr von Stand und Würde“ nennt der Kulturhistoriker Herbert Haupt seine – opulent bebilderte –  Biographie, die nicht nur viel vom ausgehenden 17. Jahrhundert erzählt, sondern auch klar macht, dass Fürst zu sein ein schweißtreibender „Unternehmer“-Beruf war. Dabei war Johann Adam Andreas in seinem Leben nicht sehr glücklich – dem Baby musste man die angewachsene Zunge freischneiden, er litt an Muskelschwund und hatte einen verkrüppelten Arm, war lebenslang kränklich. Seine Gattin, Maria Theresia von Dietrichstein, hatte er wohl selbst gewählt, aber nur Töchter überlebten, seine beiden Söhne musste er zu Grabe tragen. Nach seinem Tod erlosch sein Zweig der Familie, der Besitz ging großteils an die Liechtensteinische Linie „Gundakar“ über.

Kein Soldat, fand Johann Adam dennoch reiche Betätigungsfelder, wobei er auch am Hof von Kaiser Leopold eine zeitlang als Finanzexperte zahlreiche Funktionen innehatte. Aber sein zentrales Interesse galt nicht – wie das vieler anderer Adeliger – der „Höflings“-Existenz.

Vielmehr widmete sich der Fürst lieber der Verwaltung seines Besitzes, den er gewaltig vermehrte, reiche Besitzungen hatte er in Niederösterreich, Böhmen und Schlesien. Der Autor verschweigt allerdings nicht, dass der Reichtum auch auf der Ausbeutung der Bauern beruhte, die mit ihren schweren Lebensbedingungen nicht glücklich waren.

Zu den weiteren „Verdiensten“ dieses Fürsten für die Familie zählt seine Neigung, Kunst zu sammeln (was er mit vielen seiner Verwandten teilte), und er ließ das Palais Liechtenstein in der Bankgasse und das Gartenpalais in der Rossau errichten – bis heute barocke architektonische Prunkstücke Wiens, bis heute im Besitz seiner Familie.

Ein besonders interessantes Detail bietet der Autor, indem er die „Kavalierstour“ detailliert nachzeichnet, die Prinz Franz Dominik, damals der einzige noch lebende Sohn des Fürsten, in den Jahren 1707 bis 1709 unternahm. Man weiß von diesen fürstlichen Bildungsreisen, die durchaus auch der Kommunikation und Diplomatie galten, kann sie sich aber nicht so recht vorstellen.  Hier werden sie an einem zweifellos typischen Beispiel detailliert (und auch in den dazugehörigen logistischen Anforderungen) aufgearbeitet. Besonders tragisch, dass der Prinz zwei Jahre später, 22jährig, starb. Sein Vater folgte ihm 1712, nur 55 Jahre alt, in den Tod.

Interessant auch die ausführliche Schilderung der Schicksale seiner Witwe und seiner Töchter, wobei die Ehe der Prinzessin Maria Antonia mit einem rabiaten ungarischen Grafen eine Wiener Skandalgeschichte war. Zwei Töchter heirateten innerhalb der Familie Liechtenstein, und Prinzessin Maria Theresia wurde auf Vermittlung von Prinz Eugen mit einem seiner Neffen verheiratet und wurde Herzogin von Savoyen-Carignan.

Fürst Johann Adam Andreas, der in allen Lebensbereichen einen „Zug ins Großartige“ hatte, kann als Beispiel dafür genommen werden, dass ein Fürstenleben nicht Müßiggang im Luxus bedeutete, sondern schwere Arbeit, große Verantwortung und wichtige Entscheidungen. Hier hat er Bedeutendes geleistet. Besonders wichtig für die spätere Zeit wurde seine Erwerb der reichsfreien Herrschaften Schellenberg und Vaduz: Vermutlich gäbe es sonst das heutige Fürstentum Liechtenstein nicht.

Renate Wagner

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Peter Breuer – Tänzer Choreograph Ballettdirektor

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Salzburger Landestheater (Hrg.):
Ein Leben für den Tanz –
Peter Breuer Tänzer Choreograph Ballettdirektor.
2016.
ISBN 978-3-200-04828-7

Zwei Anlässe zu Feierlichkeiten liegen diesem Buch zu Grunde: einerseits der 70. Geburtstag von Peter Breuer und andererseits sein Dienstjubiläum von 25 Jahren als Ballettdirektor am Salzburger Landestheater. Dieses Doppeljubiläum wurde nicht nur am 12. November mit einer Ballettgala gewürdigt sondern dieser Tag war auch das Erscheinungsdatum des vorliegenden Programmbuchs. Als Eigentümer, Herausgeber und Verleger dieses farbenprächtigen Fotobandes zeichnet das Salzburger Landestheater mit Intendant Carl Philip von Maldeghem verantwortlich.

Auf rund 120 Seiten und gegliedert in fünf Kapitel werden die wichtigen künstlerischen Stationen im Leben von Peter Breuer mit zahlreichen Bildern festgehalten und mit Beiträgen von Wegbegleitern und Freunden sowie Statements von seinen Tänzern vom Salzburg Ballett ergänzt. So kommt neben dem Intendanten auch Breuers Dramaturgin Maren Zimmermann zu Wort. Ivan Liska und Jörg Weinöhl sind ebenso vertreten wie Günther Pick, aber auch ehemalige Tanzpartnerinnen wie Maina Gielgud, Joyce Cuoco und Monique Janotta. Weitere Beiträge stammen von Günther Pick, Moshe Kahn und Rainer Bonhof sowie Alfred Winter. Auch Auszüge aus Kritiken von Horst Koegler sind angeführt.

Imposant die Weltkarte mit den Städtenamen seiner Auftritte. Natürlich darf auch die Auflistung seines tänzerischen Wirkens und die Nennung der verliehenen Auszeichnungen ebenso wenig fehlen wie die Übersicht über seine Choreographien – bisher 51 abendfüllende Werke und 16 kleine Ballette. Ebenso kann die Laudatio von Birgit Keil zur Verleihung des deutschen Tanzpreises 2015 nachgelesen werden.

Wunderschön anzusehen sind die vielen großformatigen Fotos zu den beeindruckenden Momenten seiner Tänzerlaufbahn wie zu den erfolgreichen Produktionen seiner Kreationen. Aussagekräftig sind auch die vielen Fotos aus der Probenarbeit im Ballettsaal. Mit diesem umfassenden Werk wird der Jubilar Peter Breuer würdig gefeiert. 

Für den interessierten Ballettfreund ist das Buch um 20 € im Salzburger Landestheater (www.salzburger-landestheater.at) sowie in der Rupertus Buchhandlung (Dreifaltigkeitsgasse 12, 5020 Salzburg) erhältlich.

I.W.

 

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Ursula Oehme: Die Ruhestätten der Familie Wagner

Buch Wagner Ruhestätten

Ursula Oehme:
Die Ruhestätten der Familie Wagner auf dem Alten Johannisfriedhof zu Leipzig
Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung 5
Herausgegeben vom Richard-Wagner-Verband Leipzig
Sax Verlag Markkleeberg – Beucha 2016
144 Seiten, durchgehend Farbe, Broschur, 14,8 x 21 cm / 16,80 €
ISBN 978-3-86729-174-3174-3

Der rührige Leipziger Richard-Wagner-Verband, der in den Jahren 2009 bis 2012 die ersten vier Folgen seiner „Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung“ vorlegte und im Jubiläumsjahr 2013 mit einem Sonderband in größerer Aufmachung das „Internationale Colloquium“ zu Werk und Persönlichkeit Wagners publizierte, hat nun – 2016 – diese Reihe mit Band 5 fortgesetzt und damit zum Ausdruck gebracht, dass Leipzig weiterhin ein Zentrum der Wagner-Pflege und –Forschung bleibt.

Ursula Oehme hat als langjährige Mitarbeiterin des Leipziger Verbandes gründliche und wohl auch nur vor Ort mögliche Quellenstudien zu den „Ruhestätten der Familie Wagner auf dem Alten Johannisfriedhof zu Leipzig“ betrieben und das Ergebnis ihrer langjährigen Forschungen ist weit mehr, als ein kulturgeschichtlicher oder regionaler „Ortsführer“, sie hat ihre Studien ausgedehnt auf die Personen, deren Spuren sie gefolgt ist und legt damit erstmals eine grundlegende „Vorgeschichte“ der Familie Wagner in Leipzig vor, die sich in dieser Gründlichkeit bisher in keiner verfügbaren Wagner-Biographie findet. Vor allem werden nach der interessanten – oft geradezu kriminalistischen! – Lektüre ihrer Ausführungen zwei Dinge mit besonderer Deutlichkeit klar: erstens, dass Richard Wagners Wurzeln wirklich nicht zu-fällig, sondern weitverbreitet in einer Leipziger Bürgerfamilie liegen, die „von Amts wegen“ mit und zu der Stadt eine enge Beziehung hatte, zweitens, dass eben diese Stadt Leipzig mit ihrem berühmten Sohn und seiner Familie einen nicht gerade als besonders herzlich oder auch nur freundschaftlich zu nennenden Umgang gepflegt hat. Und einmal mehr ist es der Leipziger Richard-Wagner-Verband, der die Dinge ins rechte Licht stellt und hier – durch diese akribisch genaue Abhandlung – Aufklärung und letztlich auch Verbindung schafft.

Natürlich ist nicht alles neu, was Ursula Oehme uns mitzuteilen hat. Aber die bibliographischen Quellen, die sie heranzieht, sind in der Regel vor mehr als hundert Jahren publiziert worden und längst nicht mehr, oder doch zumindest sehr schwer zugänglich. Sie belässt es aber nicht bei Dingen, die der Insider möglicherweise kennt – hier besonders die, heute in vielen Einzelheiten überholte, sechsbändige Wagner-Biographie von Carl Friedrich Glasenapp, sowie die Veröffentlichungen des langjährigen Leipziger Museumschefs Walter Lange zur Familiengeschichte aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – sondern sie geht in die Tiefe und recherchiert in Leipziger Archiven, besonders der Stadt und der Kirchen, und kann auf diese Weise einen verlässlichen und notwendigen Überblick über Wagners Herkunft und auch die weiteren Verzweigungen seiner Familie in Leipzig schaffen. Neben authentischen Akten der Stadt und der Kirchen belegen historische Zeitungszitate und Brief-Ausschnitte den Text.

Wagners Großvater , Gottlob Friedrich Wagner, kam ursprünglich als Student der Theologie aus Müglenz nach Leipzig, konnte seine theologische Laufbahn allerdings nicht fortsetzen, nachdem er Vater eines unehelichen Knaben geworden war; dessen ungeachtet hielt er der Mutter jenes Knaben die Treue und ehelichte sie, nachdem er „General Accis Thorschreiber alhier“ geworden und somit eine sichere Existenzgrundlage für eine Familie gefunden hatte. Unter den fünf Kindern seiner Familie befanden  sich zumindest zwei, die der Stadt Leipzig später eng verbunden waren: der 1770 geborene, spätere „Polizei-Actuarius“ Carl Friedrich Wilhelm Wagner, Vater Richard Wagners, und sein vier Jahre jüngerer Bruder Gotthold Heinrich Adolph, der ein weithin beachteter Privatgelehrter und freier Schriftsteller wurde, Werke von Scott, Gozzi und Sophokles ins Deutsche übersetzte, sich als Herausgeber von Werken Giordano Brunos, Dantes, Petracas, Burns und Seumes verdient machen konnte  und mit zahlreichen Zeitgenossen – E. T. A. Hoffmann, Jean Paul und Fouquet z. B. – in engem Kontakt stand   sowie Goethe, Schiller und Tieck zu seinem persönlichen Bekanntenkreis zählte. Er vor allem war es, der dem jungen, heranwachsenden Richard Wagner wichtige und für sein Schafen wesentliche Denkanstöße und Stoffquellen erschlossen hat.

Ohne das Wissen um das Ringen des Großvaters um eine Existenz in Leipzig bliebe eben auch die besondere Bedeutung von Wagners Vater für die Stadt unverständlich und ohne beider enge Bindung an das Gemeinwesen könnte man schwerlich von einer Leipziger Bürgerfamilie sprechen. Die Tatsache, dass Wagner seinen Vater nicht gekannt hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Polizei-Aktuar ein sehr wichtiger Bediensteter der Stadt gewesen ist und auch hohes Ansehen genoss. Oehme zeichnete gerade den Weg des Großvaters und des Vaters nach Leipzig sehr eindringlich und belegt diesen Weg mit wichtigen Quellenstudien. (Im Zuge ihrer Recherche konnte auch die ursprüngliche Grabstelle des Vaters von Richard Wagner ermittelt und ihm im Jahre 2013 durch den Leipziger Richard-Wagner-Verband ein posthumer Gedenkstein  gesetzt werden).

Noch interessanter war für mich die Darstellung der Lebenswege anderer enger Verwandter Wagners, die nicht nur die starke Bindung an Leipzig beweisen – zwei seiner Schwestern heirateten in die Brockhaus-Dynastie ein, was als bekannt gelten darf, nicht aber, wie die Beziehungen Wagners zu den jeweiligen Familien in späterer Zeit gewesen sind (die Autorin konnte in diesen Zusammenhängen auch Briefe aus dem Nationalarchiv Bayreuth berücksichtigen, die noch nicht in der neuen Briefausgabe veröffentlich wurden!) – sondern ebenso beweisen, dass die Stadt Leipzig oft engstirnig und geradezu provinziell handelte, wo es um Persönlichkeiten ging, die ihr selbst zum Ruhme hätten gereichen müssen. Der Verleger Brockhaus erlangte Weltgeltung, der Schwager Wagners, Oswald Marbach, war ein weit über Leipzigs Grenzen anerkannter Philologe. All diese Beziehungen zeichnet die Autorin liebevoll nach,  erstmals habe ich z. B. erfahren, dass Marbachs Tochter, an deren Geburt die Mutter, Wagners Lieblingsschwester Rosalie, starb nicht nur den gleichen Vornamen erhielt sondern auch in beruflicher Weise der Mutter nacheiferte und einen gewissen Erfolg dabei erringen konnte; Oehme leistet mit der Nachzeichnung der künstlerischen Entwicklung dieser Wagner-Nichte, Rosalie Marbach, die später den Schauspieler Ludwig Daniel Frey aus Hamburg heiratete, einen nicht unbedeutenden Beitrag zur Theatergeschichte.

Die Bilanz, dass sechzehn Familienmitglieder auf diesem Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben, beweist die weite Verwurzelung der Wagner-Dynastie in der Stadt Leipzig; Oehme legt aber ebenso über weitere Geschwister Wagners Rechenschaft ab, die nicht in Leipzig beigesetzt wurden. Es ist ihr eine „Familiengeschichte“ im besten Sinne gelungen, die einmal mehr deutlich macht, dass „der Meister nicht vom Himmel gefallen“ ist, sondern in einem Umfeld sich entwickeln konnte, das zumindest ein guter Nährboden für ein Genie war. Und die Stadt Leipzig hat sich ihres (einzigen!) Genies gegenüber nicht immer sehr fair verhalten, was im zentralen Kapitel des Buches – der  Geschichte des Grabmales von Wagners  Mutter und Schwester, nachdrücklich zum Ausdruck kommt. Dabei entbehrt es nicht eines gewissen Humors, dass die gestrenge „Herrin von Bayreuth“, Cosima, die ihren „Meister“ bekanntlich heroisierte und der Mit- und Nachwelt gern vermittelte, dass es andere verwandtschaftliche Beziehungen nicht gab,  dem etwas schwerfälligen Leipziger Rat mit Nachdruck auf die Sprünge geholfen hat…

Ein sehr interessantes und lesenswertes Buch, das durch seine durchweg gute Gestaltung und viele, meist farbige historische Abbildungen auch ein optischer Genuss ist. Kompliment!

Und nicht zuletzt: Dank dem Leipziger Richard-Wagner-Verband, dass er diese interessante und spezielle Reihe der „Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung“ fortsetzt!

Werner P. Seiferth

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Der vom Leipziger Richard-Wagner-Verband 2013 errichtete Gedenkstein an der originalen Stelle des Grabes von Wagners Vater                          
Foto: Hans-Jürgen Seiferth

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PETER MATIC: Ich sag’s halt

BuchCover   Matic, Peter   Erinnerungen

PETER MATIC: 
Ich sag’s halt
Erinnerungen
Aufgezeichnet von Norbert Mayer
224 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016  

Seit über 20 Jahren gehört er wieder den Wienern, und das auf breitester Ebene: Peter Matic spielt im Burgtheater und als Gast in der Josefstadt, er ist in der Staatsoper und immer wieder in der Volksoper zu sehen und im Sommer regelmäßig in Reichenau. Der in Salzburg aufgewachsene Wiener, der  nächstes Jahr unglaubliche 80 wird, hat Wien nach Anfängen in der Josefstadt in Richtung Schweiz und dann Deutschland verlassen. Jetzt ist er wieder da, ein Liebling des Publikums, und da man über diese ja immer „alles“ wissen will, legt auch Peter Matic seine Erinnerungen vor: „Ich sag’s halt“, meint er, und Norbert Mayer hat es aufgeschrieben.

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes aus guter Familie, wo man noch sehr den Kopf schüttelte, wenn der Nachwuchs den Wunsch verkündete, Schauspieler zu werden. Aber wenn die Theaterleidenschaft schon in der Volksschule zuschlägt… Dann geht man nach der Matura nach Wien und lässt sich nicht vom Weg abbringen, auch wenn man bei der Aufnahmsprüfung im Reinhardt-Seminar durchfällt: Es gibt ja noch die auch recht bekannte Schauspielschule Krauss. Und die große Dorothea Neff. Und dann das Glück, als Anfänger an die legendäre „Josefstadt“ zu kommen.

Matic, glücklich verheiratet, Vater von Paul (inzwischen längst selbst Schauspieler) und Margarethe (die zur Welt kam, als Papa auf der Bühne stand), riskierte – im Fahrwasser von Regisseur Hans Hollmann, der besonders viel von ihm hielt – den Ortswechsel: zuerst Basel, dann München, schließlich Berlin. Große Rollen, viele Erfolge – allein der Fototeil des Buches zeigt die Spannweite von Komik und Tragik, Tiefe und Groteske. Gerade ein optisch so extremer Typ wie Matic konnte dann letztendlich alles spielen, ob Schnitzler, ob Musical, ob Tartuffe, ob in Frauenkleidern. Oder, als Wiener in Berlin, Raimunds Alpenkönig. Oder „Die Zofen“ von Genet, mit Männern besetzt (Partner: Helmut Griem und Thomas Holtzmann). Matic betrachtet seine 15 Berliner Jahre als Höhepunkt seiner Karriere. Welch Glück für das Wiener Publikum, als das Burgtheater ihn nach der Sperrung des Schiller-Theaters „auffing“. Seither ist er wieder zuhause.

Matic hat in den Fluß seiner Erinnerungen „Zwischenspiele“ eingewoben – über die ihm so wichtige Musik, dann zum Thema Film und Fernsehen, dann über die „Stimme“ (als Synchronsprecher, als Sprecher überhaupt ist er legendär) und schließlich „Regie“, wo er vergleichsweise am wenigsten erfolgreich war. Vieles ist ihm gelungen, wenn auch nicht alles: Einen richtig fiesen Charakter, überlegt Matic, habe er nie gespielt…

Der Wunsch nach Harmonie, der aus diesem Peter Matic eine so besondere Persönlichkeit macht (er nennt es bescheiden ein „geradezu krankhaftes Harmoniebedürfnis“), ist das ganze Buch hindurch zu spüren. Dennoch weiß er natürlich, wie sehr sich die Welt, aus der er kommt, verändert hat. Er spielt am Anfang und am Ende seines Buches darauf an. Zuerst, wenn er sich selbst als dodeliger Kaiser Franz Joseph in der Burgtheateraufführung der „Letzten Tage der Menschheit“ sieht und sich fragt, was seine Vorfahren, die des Kaisers Rock mit Stolz getragen haben, wohl dazu sagen würden. Und am Ende, wenn er sich selbst sehr wohl in der „Anatol“-Aufführung der Josefstadt wahrnimmt – auch hier im Gedanken an die Schauspieler-Kollegen von einst, „als ob ich die Geister riefe der Schnitzler-Interpreten, als ich in den 1960er Jahren noch ein junger, hoffnungsvoller Schauspieler am Theater in der Josefstadt war und diese Vorbilder neben mir auf der Bühne bewunderte.“

Aber wer dabei bleiben will, muss mit der Zeit gehen. Peter Matic hat es getan, und darum ist er noch immer da. Unverkennbar, unverzichtbar, eine Wiener Kostbarkeit.

Renate Wagner

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IGNAZ KIRCHNER: Immer an der Grenze der Verrücktheit

BuchCover   Kirchner, Ignaz

IGNAZ KIRCHNER: 
Immer an der Grenze der Verrücktheit
Aufgezeichnet von Haide Tenner
208 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

Heuer wurde er 70, was ihm „egal“ ist wie alle Geburtstage.  Nichtsdestoweniger hat man ihn auf der Bühne des Burgtheaters entsprechend geehrt: Ignaz Kirchner, geboren als „Peter“ Kirchner 1946 in Andernach, kam 1986 für George Tabori an das Burgtheater und ist seither geblieben. Meist in markanten Nebenrollen. Immer ein ganz scharfer, nicht zu übersehender Typ. „Immer an der Grenze der Verrücktheit“ nennt er seine von Haide Tenner aufgezeichneten Erinnerungen. Er hatte es nun auch wirklich nicht leicht im Leben.

Die  Eltern Juden, die darüber nicht reden wollten, der Vater schwul, die Mutter lesbisch, das war kein guter Platz für ein Kind, das in ein katholisches (!) Internat geschickt wird. In jungen Jahren zu dick – wir erfahren, dass Kollegin Kirsten Dene ihn nach dreijähriger Beziehung wegen eines „schöneren“ Mannes verließ.

Schauspieler wollte er immer werden, aber eine Lehre als Buchhändler schob er dazwischen. Dass er an seinem Berufswunsch festgehalten hat, macht ihn glücklich – „dass ich als jetzt siebzigjähriger Mensch im Grunde genommen das machen darf, was Kinder machen. Ich darf Kostüme anziehen, darf mich schminken und darf spielen. Und darf jemand anderer sein.“

Der Weg hierher, als unangefochtener, viel beschäftigter Burgschauspieler, war nicht immer einfach, und Kirchner ist keiner, der hier beschönigt: Wenn er mit jemandem nicht zurecht kam – wie mit dem legendär schwierigen Peter Zadek -, dann sagt er es. Wenn er es im Deutschen Theater Berlin bei Thomas Langhoff nicht aushielt („so verstaubt!“), dann sagt er es. In Stuttgart war er bei Peymann und lobt dessen Fähigkeit, ein Ensemble zusammen zu schmieden. („Peymann war immer besonders gut, wenn er gegen etwas war.“) Es waren Kirchners vazierende Jahre – von da nach Frankfurt, nach Bremen, nach München, nach Köln.

In Wien kam es dann zum legendären Duo Voss / Kirchner, das vor allem George Tabori gerne einsetzte. Gert Voss und Ignaz Kirchner, von denen Friedrich Gulda meinte, sie beiden seien gleich gut: „Nur Sie, Herr Kirchner, sind schiacher als der Voss.“ Damit kann man ihn allerdings nicht beleidigen.

Ignaz Kirchner wird nicht von dem Wunsch gequält, den viele Wiener Schauspieler in sich tragen, nämlich um jeden Preis geliebt zu werden (und deshalb keine „bösen“ Rollen zu spielen, denn man könnte sie ja identifizieren, wenn sie diese zu gut spielen): „Wenn man einen Bösen spielt, ist das Publikum abgestoßen, und so habe ich sie immer gespielt.“ Auch in der Musik, etwa bei den Salzburger Festspielen den Samiel im „Freischütz“.

Ignaz Kirchner ist oft angeeckt, und er sagt es auch. So ist man beinahe froh, dass das Buch versöhnlich ausklingt – seine Familie ist unkonventionell (die Gattin lebt in einer anderen Stadt), dennoch ein wichtiges Glückselement in seinem Leben. Und darauf kommt es auch an. Für das Wiener Publikum ist Ignaz Kirchner ein Fixpunkt – und sei es auch nur in seliger Erinnerung in der Kombination mit Gert Voss. Besonders muss man sein in dieser Stadt, dann räumt sie einem den gebührenden Rang ein.

Renate Wagner  

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OTTO SCHENK: Ich kann’s nicht lassen

BuchCover   Schenk,  Ich kanns nicht lassen

OTTO SCHENK: 
Ich kann’s nicht lassen
Rührendes und Gerührtes
256 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

Wahrscheinlich wissen nicht einmal seine leidenschaftlichsten Leser, wie viele Bücher Otto Schenk in den letzten Jahren geschrieben hat. Sagen wir, dass es wieder eines gibt, denn „Ich kann’s nicht lassen“, lautet der Titel, er muss erzählen. Diesmal „Rührendes und Gerührtes“, wobei er in zahlreichen Kleinstkapiteln über alles bunt durcheinander schreibt. In seiner Überlegung über jüdische Begriffe kommt auch das „Gewure“ vor. So ungefähr kann man durch den Inhalt des Buches Slalom fahren.

Zu Beginn gewinnt man ja noch den fälschlichen Eindruck einer Chronologie, Kindheits- und Jugenderinnerungen, dann ein Sprung zu Renée, der bis zum heutigen Tag heiß geliebten Gattin und Gefährtin, dann geht es kunterbunt durcheinander – Essen, Musik (Barockopern mag er eigentlich nicht), das Inszenieren (später erfährt man im Detail, wie er Christine Ostermayer und Klaus Maria Brandauer, die einander gar nicht sexy fanden, dazu brachte, ein unvergessliches Liebespaar zu spielen), das Publikum.

Ein Schwenker zu Kant, den zu lesen ihm schwerer gefallen ist als Schopenhauer (zu lesen). Astronomie, Buddhismus, Jüdische Begriffe (siehe Gewure), Witze, Zoten, Stilblüten, Pointen.

Über die Kammerspiele kommt er zu Helmuth Lohner, und die Erinnerung an diesen Lebensmenschen ist wohl das Zentrum des Buchs und sein schönster Teil. Man begreift da eine leidenschaftliche, immer schwankende Beziehung auf Augenhöhe zwischen zwei Künstlern, die ihresgleichen kaum hatten.

Dann macht Schenk sich noch ein wenig über die Gegenwart lustig, die Tücken der Technik, die Seltsamkeiten des „Tatorts“ und dergleichen, seine Altersgenossen, die sicher auch seine treusten Leser sind, werden ihm gerne beistimmen. „Ich bin kein Schenk-Fan“, bekennt er irgendwann. Kein Problem, solange es genügend von ihnen gibt, seine Bücher lesen zu wollen!

Übrigens: Ein besonders schöner Teil des Buches sind die häufig eingefügten Viererseiten von Bildern – meist Schenk selbst, in allen Lebensaltern und Rollen, auch Szenen aus seinen Regiearbeiten, was zusammen mit dem Register seiner Theaterrollen und Inszenierungen am Ende dann auch ein sachliches Schenk-Kompendium zum Nachschlagen und zum Erinnern bietet, das kostbar ist.

Renate Wagner

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Michaela Lindinger: DIE HAUPTSTADT DES SEX

BuchCover   Lindiner  Hauptstadt des Sex

Michaela Lindinger: 
DIE HAUPTSTADT DES SEX
Geschichte & Geschichten aus Wien
224 Seiten,
Amalthea Verlag, 2016 

In Zeiten wie diesen, wo eine Ausstellung über Sex in Wien verspricht, die erfolgreichste zu werden, die es seit Jahr und Tag im Wien Museum gegeben hat, verkauft sich das Thema auch wieder zwischen Buchdeckeln, wenn der Titel auch zu hoch gegriffen scheint: Alle Großstädte, Weltstädte waren auch Sex-Hauptstädte, hatten nicht nur ein reges Sexleben der Normalmenschen zu verzeichnen, sondern auch eine diesbezügliche Sex-Industrie, was man nun für Wien bei Michaela Lindinger (die Kuratorin im Wien Museum ist) nachlesen kann.

Wobei sie das Buch mit „Conchita“ beginnt, an der/dem sich viele Themen festmachen lassen – Erotik, Exotik, das Abweichende, seine Faszination. Frauen mit Bart und andere androgyne Kunst- und Kultfiguren gab es nämlich schon immer, nur dass man sie heute im Fernsehen zeigt, früher in der Schaubude präsentiert hat. (Und „Cross Dressing“ gab es übrigens auch im Rokoko.) Wenn das Buch dann bei den Kämpfen gegen bzw. für Homosexuelle endet, hat es einen großen Bogen um ein reichhaltiges Thema geschlagen (bis zu Joseph II., der auch hier zu liberaleren Haltungen fand, hatte man Homosexuelle verbrannt).

Die Bade-Freizügigkeiten des Mittelalters, ein übersexter Barock – da landet man leicht bei den Habsburgern und ihren Exzessen, wobei die Autorin sich ausführlich mit der lesbischen Liebe von Isabella von Parma, der Gattin von Erzherzog Joseph (wie der spätere Kaiser Joseph II. damals noch hieß), und ihrer Schwägerin, Josephs Schwester Marie Christine befasst, ein Thema, das gerne unter den Tisch gekehrt wird (bzw. mit einer in der Zeit verankerten „Überschwänglichkeit“ unterspielt wird, was sicher nicht gerechtfertigt ist).

Joseph, der „betrogene“ und bald verwitwete Gatte, ließ sich – wie viele seiner Landsleute – dann nicht mehr auf Liebe, sondern vor allem auf „bezahlten“ Sex ein, der in Wien eine durchgehende, nie abreißende Tradition hatte – trotz der unermüdlichen Versuche seiner Mutter Maria Theresia, dies abzuschaffen, wobei sie zu drakonischen Strafen griff: Wer ohne Rosenkranz aufgegriffen wurde, galt als Hure und wurde auf Donauschiffen in den Balkan geschafft. Ein Schicksal, dem sich manche Bedauernswerte lieber durch Selbstmord entzog…

Im 19. Jahrhundert waren die Erkenntnisse von Sigmund Freud, der ja letztlich alles auf die Sexualität zurück führte, nur die Erben dessen, was sich in Wien abspielte – Exzesse aller Art, nur dass man es liebte, ihnen nun nicht nur real, sondern auch wissenschaftlich (oder literarisch, das sowieso) zu begegnen. Je strikter eine verlogene Bürgerlichkeit alles verbieten wollte (auch aus Angst vor unabhängigen, selbständig entscheidenden Frauen), umso ausgefallener wurden die Gefühle und die Praktiken. Wobei Prüderie und Offenherzigkeit in Wellen kamen und meist auch nebeneinander existierten. Was würden muffige Fünfziger-Jahre-Bürger sagen, wenn man sie per Zeitreise in eine Love Parade versetzte?

Ein kurioser Schlenker der Autorin am Ende: Laut einer Umfrage würden 54 Prozent der Teenager hierzulande eher auf Sex verzichten als auf ihr Handy. Düstere Aussichten für die Zukunft?

Renate Wagner

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GUSTAV MAHLER: Neue unbekannte Briefe

BuchCover   Mahler, Briefe

GUSTAV MAHLER: 
„In Eile – wie immer!“
Neue unbekannte Briefe
Herausgegeben von Franz Willnauer
480 Seiten, Paul
Zsolnay Verlag, 2016   

Es gibt Persönlichkeiten, über die man immer mehr wissen will, und Gustav Mahler gehört zweifellos dazu. Es gibt seine Briefe an Gattin Alma, es gibt einen „gemischten“, chronologisch aufgebauten Briefband, den Herta Blaukopf ediert hat, und Franz Willnauer, der zu den ultimativen Fachleuten zählt, wenn es um diesen Künstler geht, hat Mahlers Briefe an Anna von Mildenburg ebenso ediert wie jene an Komponisten, Dirigenten, Intendanten – die „Schwergewichte“ sind aufgearbeitet.

Dennoch konnte Willnauer von den mehr als 5000 Briefen, die Gustav Mahler im Lauf seines Lebens geschrieben hat (mit der Hand, man bedenke!), weitere 250 vorlegen, 35 Adressaten sind es in einer Zeitspanne von mehr als 30 Jahren (und jeder einzelne bestens mit Anmerkungen versehen). Interessant daran ist, dass es sich durchaus nicht nur um allgemein bekannte Persönlichkeiten handelt wie Hofmannsthal, Hauptmann, Bahr oder Musiker wie Richard Strauss. Viele der Empfänger kennt man nicht oder kaum, und da leistet der Herausgeber geradezu detektivische Arbeit, sie quasi zu „definieren“. Denn die Briefe mögen vielfach inhaltlich beiläufig sein – Zusagen, Absagen, Dankschreiben, Opernkarten -, aber der biographische Kontext ist es nicht.

Man begegnet also Jugendfreunden, man begegnet den Versuchen des Komponisten Mahler, sich selbst zu vermarkten, man steigt in die Arbeit eines Hofoperndirektors (nicht beneidenswert), und man stößt immer wieder auf die Verflechtung von Beruf und Privatem. Beispiele von Mahlers  „wilder“ Schrift zeugen von Erregung wie von Eile…

Privates gab es etwa im Fall der Sängerin Selma Kurz, die dem historisch interessierten Opernfreund selbstverständlich ein Begriff ist. Weniger aber die ungemein komplexe Beziehung zu Gustav Mahler, die (wie bei so vielen Damen) auch kurzzeitig intim war und sehr viel über Mahler selbst (sein Wunsch, Frauen zu vereinnahmen) aussagt. Ebenso wie über eine Künstlerin, die ihre Karriere planen musste (und das auch jenseits der „Gefühlsebene“ tat), wobei die Beziehung zu einem Operndirektor dann durchaus nicht nur Vorteile hatte (zumal, wenn man sich auseinander lebte).

Auch bei anderen Damen, über die man eigentlich gar nichts weiß, leistet Willnauer Großartiges in der Erforschung der Biographie: So war Misa Gräfin Wydenbruck-Esterhazy offenbar nicht nur eine große Musikkennerin, sondern auch eine wichtige Dame der Gesellschaft, die es allerdings nicht ins Bewusstsein der Nachwelt geschafft hat. Mahlers Briefe an sie zeigen, wie wichtig es war, sich mit gesellschaftlich vernetzten Menschen (zumal Frauen) gut zu stellen, immer höflich, selbst Gefälligkeiten vergebend, um sie anderswo diskret einzukassieren (und sei es nur, um Informationen zu sammeln, die ja auf tausend verschiedenen Wegen fließen können).

An sich müsste man diese Briefe, die ihrerseits nicht chronologisch, sondern nach Empfängern geordnet sind, parallel zu einer Mahler-Biographie lesen, Detailinformationen aller Art zum großen Fluß des Lebens einfügen. Die Fülle an Gesichtspunkten ist dabei überwältigend. Dank an eine Zeit, wo noch nicht alles per Telefon oder schnell wieder gelöschten e-mails erledigt wurde.

Wir werden später über Heutige, die kein Papier mehr kennen und deren Festplatten abstürzen können, nicht mehr annähernd so viel wissen wie über die Menschen der Vor-Computer-Zeit. Wenn es in Zukunft allerdings überhaupt noch jemanden interessiert. Doch noch gibt es Bücher, selbst solche, in denen Briefe veröffentlicht werden.

Renate Wagner

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