Der Neue Merker

Alfred A. Fassbind: MAX LICHTEGG – Nur der Musik verpflichtet

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Alfred A. Fassbind:
MAX LICHTEGG – Nur der Musik verpflichtet

Buch: Römerhof Verlag – Box mit 4 CDs: Andromeda – beide 2016

«Ein Vergessener meldet sich zu Wort»

Alfred A. Fassbind, der Autor dieser bisher einzigen Biographie Max Lichtegg – Nur der Musik verpflichtet (1. Auflage 2016), hat wie bei seiner viel beachteten Arbeit über den Tenor Joseph Schmidt, (der ebenfalls mit der Schweiz verbunden war, wenn auch nicht auf so glückliche Weise wie Max Lichtegg) hier eine Biographie vorgelegt, die sich durch eine höchst sorgfältige Recherchenarbeit auszeichnet, wie durch eine zwar verehrende, doch auch kritisch-distanzierte Stellungnahme. Dabei verdient es der Tenor Max Lichtegg, Schweizer Tenor mit galizisch-wienerischen Wurzeln, dem Vergessen entrissen zu werden, denn – wie es die gleichzeitig erschienene Box mit 4 CDs beweist – Max Lichtegg war ein ausserordentlicher Sänger.

Als Munio Lichtmann 1910 in Galizien geboren, kam er bereits als achtjähriger Junge nach Wien, errang schon mit seinem Knabensopran in der Synagoge Aufmerksamkeit und liess seine Stimme ausbilden. Schon bald sang der lyrische Tenor bei jeder Gelegenheit, vor allem im Metier des sogenannten «leichten Fachs», das sich als seine eigentliche Domäne herauskristallisieren sollte. Mit dem Aufkommen der Nazis beschloss Max Lichtegg, wie er sich fürderhin nannte, in der Schweiz ein Engagement anzunehmen. Er ging ans Stadttheater Bern, wo er 1936-37 alles sang, was nicht niet- und nagelfest war. Bevor er ans Stadttheater Zürich (= später Opernhaus Zürich) engagiert wurde, war er «Gast in Permanenz» am Stadttheater Basel, wo sich neben dem jungen Hans Beirer als Operettentenor (!) keine Vakanz für eine Festanstellung für Lichtegg ergab. Dann kam seine grosse Zeit am Stadttheater Zürich, wo er von 1940 bis 1947 der führende lyrische Tenor war. Er hatte Glück: Max Lichtegg hatte die Bernerin Olga Kaufmann geheiratet, konnte in schlimmen Zeiten in der Schweiz bleiben und eine höchst renommierte Karriere aufbauen. Er sang sowohl in Operetten – wodurch er in diesen Jahren auch durch viele Radio-Sendungen ein «Haushalt»-Name wurde -, als auch im lyrischen Fach (Tamino, Belmonte etc.) und in der Fach-Erweiterung als Tom in der deutschen Erstaufführung von Strawinskys «The Rakes Progress». Nicht nur als Sou-Chong, sondern auch als Lohengrin war Lichtegg ein Garant für volle Häuser. Nach dem Krieg entwickelte sich auch seine internationale Karriere, die ihn unter anderem auch in die USA führte. In Kalifornien sang er in einem konzertanten 1. Akt der «Walküre» (ab 3. Szene) einen respektablen Siegmund mit Rose Bampton, Sieglinde an der Met und bei Toscanini. Aber auch an der Staatsoper in den Ausweichquartieren war er oftmals als gern gesehener und gehörter Gast, neben in Operetten auch als Tamino und Lohengrin mit Maria Reining als Elsa. In Zürich begleitete er auch die frühen Jahre der jungen Lisa Della Casa und sang am Ende seiner Karriere, die gut 50 Jahre dauerte, sogar noch mit Dagmar Koller.

Sein «Set-Back» war, dass er von den Operndirektionen nur mehr als Operettentenor wahrgenommen wurde, während er um seine Opernpartien richtiggehend kämpfen musste. Einen Wechsel ins Charakterfach (Herodes, Kaiser in Turandot) lehnte er entschieden ab. Dafür konzentrierte er sich auf seine Konzertauftritte in Operettenabenden, in Oratorien und im Liedgesang. Hatte er doch 1947 den jungen, damals noch unbekannten Georg Solti als Klavier-Begleiter in eine Aufnahmesitzung der Decca mitgebracht, wonach sich dessen Karriere blühend entwickelte. Auch in Konzertauftritten, bspw. mit Schuberts Müllerin, begleitete ihn Solti, der es ihm aber später nicht mit Gegen-Engagements vergalt…

Max Lichtegg war – trotz vielen Zurücksetzungen, menschlichen Enttäuschungen und mitunter auch antisemitischen Anfeindungen – trotz allem ein «Glückspilz» und liebte sein Leben, hielt nichts von Rachegefühlen und war allseits nicht nur eine Berühmtheit, sondern auch ein liebenswürdiger Gentleman, wie sich eine berühmte Sopranistin erinnerte. In zweiter Ehe war er mit Marietta Winterhalder verheiratet. Aus der ersten Ehe stammen Sohn Theodor und die 1973 leider früh verstorbene Tochter Rachel. Sohn Theodor Lichtmann wurde Konzertpianist und lebt in den USA, begleitete auch oft seinen Vater bei Liederabenden.

Das in gutem flüssigem Stil geschriebene Buch von Alfred Fassbind liest sich ausgezeichnet und fächert die Opern-Szene der Kriegszeit in der Schweiz ebenso auf, wie sie ein Bild der Nachkriegszeit bis in neunziger Jahre abgibt. Lichtegg verstarb 1992. Reichlich abgebildete Theaterzettel nennen berühmte Leute und ein reiches Foto-Material ergänzt das aufschlussreiche Buch. Ein ausführliches Rollenverzeichnis und eine Diskographie vervollständigen diese wertvolle Arbeit. Leider fehlt ein Personen-Nachschlage-Register.

Die gleichzeitig mit dieser Biographie veröffentlichte CD-Box «Max Lichtegg «A Voice for Generations» der Firma Andromeda zeigt auf je einer der 4 CDs seine Fächer auf: Oper, Operette, Lied und Geistliche Gesänge, wo vor allem der Live-Mitschnitt der Uraufführung der Kantate «Vision eines Propheten» von Ben-Haim (Paul Frankenburger) vom 27.8.1962 aus Israel, Dirigent Gary Bertini, ein bewegendes Zeugnis liefert. Erstaunlich stilsicher ist das Tenor-Solo aus Verdis Requiem. Sehr schön auch die frühen Opernaufnahmen mit dem Lied vom Kleinzack und der heiklen Arie des Fra Diavolo, während die beiden Mozart-Arien eher etwas antiquiert anmuten, da hat sich doch Einiges verändert; dies soll aber nicht die stimmliche Perfektion in Abrede stellen, mit der Lichtegg diese Arien singt. Charmant und sauber gesungen sind durchweg alle Operetten-Arien, besonders gefällt das frech gesungene Couplet: Fräulein Mizzi und ihr Leutnant aus Oscar Straus’ «Walzerparadies». Zeitlos wirken sein Schujskij (Live-Aufnahme aus Monte-Carlo von 1955 mit Nicola Rossi-Lemeni als Boris, Dirigent: Otto Ackermann, russisch gesungen) und der leider nur in einem Ausschnitt (Klavierbegleitung: Erich Widl) vorhandene «Rake» Tom. Max Lichtegg sang die Erstaufführung der deutschen Fassung 1951 in Zürich, wozu ihm der Komponist selbst gratulierte. Ganz fabelhaft sind die beiden englisch gesungenen Léhar-Titel, wo Lichtegg beweist, wie man diese «Schmankerl» wunderbar auf dem Atem klingend singen kann. Leider fehlt eine akustische Erinnerung an seinen Lohengrin. Dafür entschädigt die oben erwähnte 3. Szene des 1. Walküre-Aufzuges mit Rose Bampton (Los Angeles Symphony Orchestra, Dirigent: Alfred Wallerstein). Ganz fabelhaft auch der «Erlkönig» in der Orchesterfassung von Max Reger und ebenfalls von Schubert das «Ständchen» (Orchesterfassung von Felix Weingartner) – beide hervorragend gesungen und bewegend interpretiert.

Wie überhaupt in allen Aufnahmen durchweg die perfekte Technik des Sängers beeindruckt und begeistert: eine reine Intonation, die auch in den späten Jahren nicht nachlässt, ein gutes, gestütztes Legato, eine sichere Höhe, eine deutliche, aber nicht manierierte Diktion und ein interessantes Timbre, das von einem leichten Schleier umgeben ist. Max Lichtegg ist trotz der sicher strahlenden Höhe kein «Blender»-Tenor, sondern ein Sänger mit einer kultivierten Stimme, der man nur zu gerne zuhört!

John H. Mueller  

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SCHÖNBRUNN

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SCHÖNBRUNN
Hsg. Franz Sattlecker
224 Seiten, Schloß Schönbrunn / Edition Lammerhuber, 2017 

Das Schloß Schönbrunn, dem man des „Weltkulturerbe“ wohl nie aberkennen wird (auch wenn die Stadt Wien andernorts dieses gefährdet), zählt zu den großartigsten imperialen Bauten Europas. Millionen Besucher durchschreiten jährlich die prunkvollen Appartements und spazieren durch den künstlerisch und gartenarchitektonisch so bemerkenswerten Park. Das Bedürfnis, danach etwas nach Hause mitzunehmen, ist auch in Zeiten von Internet und Handy stark – das Buch „Schönbrunn“ zielt auf den Betrachter ab, der die Schönheit noch einmal genießen und auch Genaueres wissen will.

Dafür sorgt der Band, den die Schloß Schönbrunn Ges.m.b.H. und die Edition Lammerhuber gemeinsam herausgegeben haben. Das besagt, dass der das Buch durchziehende, meist mit ganzseitigen Fotos und historischen Dokumenten bestückte Bildteil in seinen aktuellen Fotos von Lois Lammerhuber stammt, der nicht nur eins zu eins abfotografiert (was oft eindrucksvoll genug ist), sondern auch raffinierte Perspektiven findet und die Kamera auf Details richtet, die man sonst vielleicht gar nicht so genau betrachten würde, wie es ihnen zukommt. Man blickt immer wieder von oben auf das Schloß, genießt Lichteffekte und Wolken, Wasserspiegelungen, interessante „Schräglagen“…

Daneben sind viele der berühmten Gemälde von Schönbrunn vorhanden, die Ansichten von Canaletto (Bernardo Bellotto), Entwurfszeichnungen, Grundrisse, Darstellungen der Feste, die zahlreichen Porträts der mit dem Schloß verbundenen Habsburger, historische Fotos, auch ein Plakat aus den fünfziger Jahren, als man in der Nachkriegszeit entdeckte, wie man Wien nicht zuletzt mit Hilfe dieses Schlosses touristisch „ankurbeln“ konnte. (In dieser Epoche ging es ja dann auch mit den „Sissi“-Filmen um die Welt…)

Ein ausführlicher Textteil wird von den derzeitigen Fachleuten zum Thema bestritten (die meisten von ihnen waren auch eng mit der derzeitigen „Maria Theresia“-Ausstellung befasst), die verschiedene Aspekte des Schlosses behandeln – Entstehungsgeschichte (die bis auf Kaiser Matthias zurückgeht, wobei Maria Theresia dann die Schlossherrin war, die sich dieses Gebäude am stärksten nach ihren Bedürfnissen umgestalten ließ), über die Raumschöpfungen und die Gärten, und schließlich über die Bewohner – dass Kaiser Franz Joseph in diesem Schloß geboren wurde und auch starb, das weiß man, dass er als Kind mit seinen Brüdern hier herumtollte und im Wasserbassin hinter dem Obeliskbrunnen schwimmen lernte, zählt zu den persönlichen Details, die das Schloß lebendig machen.

Ebenso wie jene Turngeräte, die Kaiserin Elisabeth sich einbaute und die bis heute von den Millionen Besuchern Schönbrunns bestaunt werden…

Renate Wagner

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Dietmar Grieser: SCHÖN IST DIE WELT

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Dietmar Grieser: 
SCHÖN IST DIE WELT
Schauplätze der Musik
272 Seiten, Amalthea Verlag, 2017 

Drei Söhne einer musikalischen Mutter: Der älteste entscheidet sich für die Geige, der zweite für die Flöte, und Dietmar, der Jüngste, für das Klavier. Aber der Traum der Mutter, die Söhne würden ein großartiges Trio ergeben, erfüllen sich ganz und gar nicht, im Gegenteil, Dietmar Grieser entwickelt (auch wegen einer Lehrerin, mit der er nicht „kann“) eine wahre Klavier-Phobie…

Nichtsdestoweniger kommt der junge Mann aus Schlesien mit 23 Jahren nach Wien, in die Welthauptstadt der Musik. Und Musik bleibt auch sein Thema, als er zum „Spurensucher“ wird – es muss ja nicht nur Literatur sein, auch die Musik ist voll von Schauplätzen. „Sie sind der mit den Schauplätzen“, hat er wohl öfter gehört als sonst etwas, und hier sind sie – die „Schauplätze der Musik“.

Also lässt er die Leserschaft, die ihm seit Jahrzehnten auf seinen Entdeckungsreisen folgt, daran teilnehmen, wenn er – wie übrigens jeder musikalische Rom-Besuchter (!) – selbstverständlich nach Sant’Andrea della Valle geht (wo die erste Kapelle links als jene der „Tosca“ sogar in der Kirche angeschrieben ist), weiters zum Palazzo Farnese und zur Engelsburg, um auch den zweiten und dritten Akt von Puccinis Oper abzudecken. Und mit Puccini ist er auch erst in London (wo dieser ein Theaterstück über die Butterfly sah) und dann in Nagasaki, und solcherart bietet die Musik schier Unerschöpfliches.

Wobei Grieser ja immer auch Historiker ist – er wird die Reise des echten Zaren Peter I. nachvollziehen, der tatsächlich inkognito nach Zardaam reiste, was für Lortzing das das Thema einer komischen Oper („Zar und Zimmermann“) wurde.

Letztendlich geht es dann nicht nur um Schauplätze (obwohl der Raimund-Fan gewissenhaft die Köhlerhütte sucht, die in „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ so tragisch verlassen wird), sondern um allgemeine und teilweise bekannte Geschichten über Musiker, etwa die letzten Liebschaften von Richard Wagner, unter denen Gattin Cosima so gelitten hat (ob der finale Krach, den sie ihm wegen Carrie Pringle gemacht hat, wirklich seinen Tod beschleunigte?), oder um Brahms in Wien, Mahler in Iglau oder Hugo Wolf in Perchtoldsdorf.

Grieser setzt sich auf die Spuren von Hans Leip und seiner „Lili Marleen“, von Anton Karas und seinem „Dritten Mann“, er erzählt von der Karriere des Leo Slezak und dem Tod von Fritz Wunderlich.

Manches davon kennt man (und es wird auch durchaus zugegeben, dass eine Menge der Artikel schon in früheren Büchern erschienen sind), manches ist ein bisschen alt geworden (etwa das Interview mit Callas-Exgatten Meneghini), manches überflüssig (die Jugendflegeleien des Herrn André Heller), anderes in diesem Zusammenhang seltsam (seine Huldigung des Bücherflohmarkts in Enzensfeld).

Und doch – wenn Grieser zu einer wahren Hymne auf das Wienerlied anhebt, kenntnisreich und bei allem kritischen Ansatz voll von Liebe, dann ist man wieder ganz in seinem musikalischen Element. Das ist ein Buch, das man jetzt im Sommer liest und das man zu Weihnachten Musikfreunden auf den Gabentisch legen kann.

Renate Wagner

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BAROCKE LEBENSLUST

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BAROCKE LEBENSLUST
Schloss Hof & Schloss Niederweiden
Franz Sattlecker und Brigit Lindner (Hsg.)
Mit Fotos von Lois Lammerhuber
224 Seiten, Amalthea Verlag, 2017 

Dass es dem österreichischen Tourismus noch nicht gelungen ist, aus den prachtvollen Marchfeld-Schlössern eine Touristen-Attraktion zu machen wie die Loire-Schlösser, bleibt ein Rätsel – von der Schönbrunn-Gesellschaft betrieben, wo man etwas von Vermarktung versteht, und in Niederösterreich gelegen, wo man seine Schätze sehr wirkungsvoll zu präsentieren versteht, müsste es doch gelingen, Schloss Hof, Niederweiden, Schloss Orth und Eckartsau zu einem Tagesausflug zu machen, den kein Tourist vermissen möchte… Das neue Buch über Schloß Hof und Niederweiden erweckt – natürlich vor allem dank der Fotos von Lois Lammerhuber – größte Lust darauf.

Heuer sind ja beide Marchfeld-Schlösser Ort der Maria-Theresien-Ausstellung und können in diesem Rahmen besichtigt werden. Beide existierten als ältere Bauten, als Prinz Eugen von Savoyen, der durch Kriege und Siege sehr reich geworden war, sie erwarb und umbauen ließ. Als nach seinem Tod die Habsburger die Schlösser von seiner Erbin kauften, wurde Schloss Hof für die große Familie Maria Theresias noch weiter ausgebaut. Heute liegt es gewaltig da, verewigt in seiner Schönheit von Canaletto, und angenehmerweise kann man ja beim Besuch der Maria- Theresia-Ausstellungen auch die Wohn-Räumlichkeiten besichtigen, wo eine gute Beschriftung klar macht, wie sich etwa die Funktion der einzelnen Räume zwischen Prinz Eugen und Joseph II. verändert haben.

Das vorliegende Buch, herausgegeben von Franz Sattlecker und Brigit Lindner, erzählt in verschiedenen Kapiteln (von verschiedenen Autoren) Aspekte zur Geschichte der beiden Schlösser, wobei Niederweiden ja wesentlich kleiner ist und vor allem mit seinem prachtvoll ausgemalten Prunksaal und seiner barocken Wildküche prunkt, während es in Schloss Hof wahre Zimmerfluchten sind, die beeindrucken, u.a. jene Räumlichkeiten, die Maria Theresia als Witwe gerne bewohnte.

Aber Blickpunkt des Buches sind die zahlreichen Fotografien von Lois Lammerhuber, der sich dem Ganzen widmet und den Details, der Kunst und der Natur und auch den Menschen, die dort (teils barock verkleidet) Feste feiern. Ein schöner Band zum Lesen und vor allem zum Schauen.

Renate Wagner

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Marie-Theres Arnbom: DIE VILLEN VON BAD ISCHL

BuchCover_Ambom  Villen von Bad Ischl

Marie-Theres Arnbom: 
DIE VILLEN VON BAD ISCHL
Wenn Häuser Geschichten erzählen
272 Seiten, 113 Abbildungen, Amalthea Verlag, 2017 

Ein ungarischer Großgrundbesitzer mit exzentrischen Zügen und seine wohltätige Tochter, die den Herzog von San Marco heiratet…“ Kein Wunder, dass Operettenlibrettisten auch deshalb so gerne nach Bad Ischl kamen, folgert Autorin Marie-Theres Arnbom, weil hier die großartigen Plots und verrücktesten Geschichten auf der Straße lagen…

Und so widmet sie sich jenen Villen in Bad Ischl und ihren Besitzern, die ein unsagbares gesellschaftliches Biotop ergaben – natürlich, wie stets in Mitteleuropa, nur bis zur Zäsur 1938, als alles so brutal anders wurde. Bis dahin war Ischl, die Stadt, die die Kaiserfamilie regelmäßig besuchte, logischer Anziehungspunkt der Reichen und Schönen, die sich auch entsprechende Villen dort leisteten.

Wobei ein interessanter Gesichtspunkt des Buches von Marie-Theres Arnbom nicht zuletzt darin besteht, dass die zahlreichen Fotos, die sie auftrieb, auch die Bandbreite der Möglichkeiten aufzeigte – vom wahren Palast und kunstvoll  gestalteten Historismus-Tempel bis zum schlichten, fast bäuerlichen Haus, das dann wohl auch seinen Komfort hatte…

Nach Ischl kamen die Künstler, selbst Johann Nestroy leistete sich dort eine Villa, allerdings zu spät in seinem Leben, um sie noch lange genießen zu können. Wie wichtig das Ischler Theater im Sommer war, wusste jeder, da wurde gespielt, was gut und teuer war, in oft tollen „Wiener“ Besetzungen. Klar, dass Josef Jarno und Gattin Hansi Niese, die oft hier auftraten, auch ein eigenes Domizil hatten, und selbstverständlich auch Alexander Girardi.

Nach Ischl kamen in hohem Maße die Operetten-Komponisten und –Librettisten, von Johann Strauß bis Lehar und Oscar Straus, von Alfred Grünwald bis Julius Brammer. Aber am interessantesten sind die Schicksale, die man nicht kennt. Wie ihr Gatte Georg Gaugusch, der unter dem Motto „Wer einmal war“ scheinbar nur jüdische Stammbäume und Familienzusammenhänge auflistet und damit eine Welt eröffnet, gelingt es Marie-Theres Arnbom, vor allem jüdische Leben von anno dazumal aus der Vergessenheit zu holen, teils ein Stück der glanzvollen Gesellschaft von einst, teils wirkliche menschliche Tragödien.

Darüber hinaus ist das Buch ein Stück Kulturgeschichte Österreichs vom Feinsten, das Lust macht, demnächst in Ischl auf den Spuren dieser Villen zu wandern. Damit es leicht geht, liefert das Buch dankenswerter Weise gleich eine Stadtkarte des Ortes mit, wo man auf Villen-Entdeckungstouren gehen kann.

Renate Wagner

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Peter-André Alt: SIGMUND FREUD

BuchCover  Alt, Sigmund Freud

Peter-André Alt:
SIGMUND FREUD
DER ARZT DER MODERNE
Eine Biographie
1036 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2016

Als man 1929 bei dem 73jährigen Sigmund Freud anfragte, ob er eine Autobiographie verfassen wollte, nannte er das einen „ganz unmöglichen Vorschlag“, denn sein Leben sei zu „inhaltslos verlaufen“. Obwohl er damals schon weltberühmt war, konnte er wohl nicht ahnen, wie viel über ihn noch geschrieben werden sollte – oft weniger „Freud“ als Ganzes, sondern in zahllose Scheibchen von Betrachtungsweisen zerschnipselt. Man hob ihn in den Himmel und überschüttete ihn mit Verachtung, Verleumdung, Beschimpfung. Er war und blieb eine Reizfigur, ohne Ende gedreht und gewendet.

Nun hat sich Peter-André Alt seiner Person vorgenommen, auf mehr als 1000 Seiten, was der „Inhaltslosigkeit“ dieses Lebens widerspricht. Dabei ist Alt, dessen Kafka- und vor allem voluminöse Schiller-Biographie große Bewunderung geerntet hat, Literaturwissenschaftler und kein „gelernter“ Fachmann für Psychoanalyse, aber das hindert nicht am Schreiben einer kompetenten Biographie über den Vater der Psychoanalyse. Im Gegenteil, seine Analyse vor allem von Freuds Werken wird dem Leser solcherart vermutlich verständlicher vermittelt, als es Fachleute, in ihrem Jargon verstrickt, vermöchten.

Peter-André Alt verwebt, chronologisch vorgehend und dennoch immer wieder Themenkomplexe verdichtend, drei Ebenen von Freuds Leben: den Menschen (den er durchaus „auf die Couch“ legt), den Alltag und die Entwicklung des Berufslebens sowie schließlich das wissenschaftliche Werk. Zusammen ergeben sie ein Bild dieser ungeheuren „Leistung“, die sich unter dem Namen Freud subsumiert und die – ohne Übertreibung – das Bewusstsein der Welt über die Spezies Mensch verändert hat.

Peter-André Alt bemüht sich um größtmögliche Sachlichkeit, was schon deshalb nicht leicht ist, weil das Bild Freuds „von der Parteien Gunst und Haß verwirrt“ ist. Der Autor bezieht sich vor allem auf Freuds Selbstaussagen (er war ein großer Briefe-Schreiber), in zweiter Linie erst auf die – notgedrungen widersprüchlichen – Aussagen der anderen. Entscheidend scheint für ihn, Freud persönlich „sexuell“ reinzuwaschen, klar zu stellen, dass dieser Mann, der beruflich (fast pathologisch) die Sexualität las Ursache von allem im menschlichen Leben umkreiste, selbst nur mit seiner Frau und (erstaunlich für einen gänzlich areligiösen Menschen!) nur zwecks Kinderzeugung verkehrte (und nach dem sechsten Kind ganz auf Sex verzichtete und diese Kräfte / Frustrationen in Arbeit sublimierte). Kein Verhältnis also mit der Schwägerin, das viele für gegeben annehmen, keine Verwirrungen durch Patientinnen (der so viele Kollegen erlagen), höchstens eine gewisse Befriedigung, für die Damen, die durch sein Ordinationszimmer schritten, oft mit eindeutigen Verführungsabsichten, ein Objekt der Begierde zu sein…

Diese Asexualität erstreckt der Autor auch auf Tochter Anna, deren intimes Verhältnis mit Dorothy Burlingham von den meisten Autoren als gegeben angesehen wird, während er Annas lesbische Kondition für unausgelebt hält. Was es bedeutet, dass Anna Phantasien hegte, vom Vater geschlagen zu werden (was Freud als wissenschaftliche Erkenntnis der Welt preisgab!), scheint hingegen eindeutig – inzestuöse, aber unterdrückte Begierden von Vater und Tochter gleicherweise… Ja, Freud hätte durchaus auf die Couch gehört.

Auch in seinem ungeheuren Arbeitsethos, verbunden mit dem steten Gefühl, viel Geld verdienen zu müssen. Das hat etwas Pathologisches – doch er hatte schließlich eine große Familie zu ernähren, erstreckte seine Unterstützung auch auf Mutter und Schwestern, also kostete eine Sitzung bei ihm so viel wie ein Anzug bei einem guten Schneider! Die Rechnung für die Behandlung Gustav Mahlers hat er noch dessen Nachlassverwalter präsentiert… Ebenso verkrampft sein Allmachtsanspruch im Rahmen jener Psychoanalytischen Gemeinde, die es ohne ihn ja nicht gegeben hätte. Fluktuierend zwischen den Bereichen Mensch / Beruf finden sich seine zahlreichen Beziehungen zu Freunden und „Schülern“, die beinahe alle schief gingen, teils aufgrund wissenschaftlicher Differenzen, teils aber wohl auch aufgrund von Freuds sprödem Wesen. Er litt an allen Kränkungen, ersparte sich aber jegliche Wehleidigkeit, flüchtete lieber in Sarkasmus (etwa wenn der Nobelpreis, den er so sehr wünschte, Jahr für Jahr an ihm vorbeiging…)

Freuds gewisse Unfähigkeit zur Herzlichkeit war auch in Bezug auf die Familie festzustellen, der liebende, besorgte Vater, den seine Kinder bewunderten, war vielleicht kein zärtlicher Vater, sondern letztendlich ein Mensch, der sich immer in und auf sich selbst zurückzog. Übrigens hat Peter-André Alt in seinem Buch – das ja nun wirklich genügend „Platz“ für alles hat – die Rolle von Martha Freud geradezu sträflich unterspielt (der Schrei der Feministinnen, „Frau Freud ist wieder einmal vergessen worden!“, könnte hier neu erklingen): Man erlebt sie so ausführlich, wie es ihr zukommt, als durchaus temperamentvolle Braut, und sie verschwindet als Ehefrau und Mutter. Dass Freud sein anspruchsvolles Arbeit- und Geistesleben nur führen konnte, weil Martha ihm alles vom Hals hielt, wird hier kaum gewürdigt.

Wie „unsinnlich“ diese Existenz war, ergibt sich auch aus Details – so machte sich Freud nichts aus gutem Essen oder Essen überhaupt, er mochte und brauchte keine Musik (!), befasste sich mit Literatur vor allem in Bezug auf die Psychoanalyse (darum fand er in dem Dichter Arthur Schnitzler einen bewunderten Geistesverwandten), und man ist fast verwundert, dass er auch Kriminalromane von Agatha Christie und Dorothy Sayers las, was vielleicht damit zusammenhing, dass er so anglophil war (der Glücksfall für seine Emigration später). Nur auf Reisen scheint Freud aus dem allzu engen Korsett, das er sich selbst in Wien anlegte, ein wenig ausgebrochen und lockerer geworden zu sein… Auch das könnte man hinterfragen.

Der – geglückte – Versuch, das Wesen Freuds von Anfang an nachzuzeichnen, beginnt schon mit Kindheit und Jugend, wo Peter-André Alt beweisen (oder zumindest sehr glaubhaft machen) kann, dass Freuds später Erkenntnisse über frühkindliche Prägung auf eigenen Erfahrungen beruhen: in seinem Fall die Verachtung des Vaters (der ein interessantes Versager-Porträt halb kriminellen Zuschnitts erhält), der frühe erotische Reiz durch die Mutter. Zur ersten Selbstanalyse kam er, um zu sehen, was in seinem Leben schief lief – genau gesagt, warum er nicht so erfolgreich wurde, wie er gerne gewesen wäre.

Freuds Ruhm und Erfolge lesen sich in dem Buch, das sich stark mit seinem Alltag befasst, dann tatsächlich weniger glanzvoll, als es von außen den Anschein gehabt haben mag: Der Professor, der die Psychoanalyse „erfand“ und durchsetzte, der hinter dem Sofa saß und die Neurosen der reichen Damen entschlüsselte, tat dies in wahrer geistiger Knochenarbeit, und dass er zeitlebens von Krankheitssymptomen begleitet war, hätte er selbst wohl teilweise als psychosomatisch erkennen wollen, wäre er bei der Selbsterkenntnis nicht immer wieder auch stehen geblieben.

Tatsächlich war sein Berufsleben ein schwankendes Auf und Ab, man liest sich durch die berühmt gewordenen „Fälle“, durch die Entwicklung, die seine Methoden nahmen. Die Praxis des mehr oder minder Modearztes brach mit dem Ersten Weltkrieg ein, danach waren es vor allem Engländer und Amerikaner, die kamen, sich von ihm analysieren zu lassen (und seine Kasse zu füllen – in den letzten Kriegsjahren hatten Patienten mit Naturalien bezahlt…). Immerhin, sein Ruhm wuchs und wuchs, und der Sigmund Freud, den die Nazis mit seinem Anhang nach England emigrieren ließen (um vier seiner uralten Schwestern in Konzentrationslagern zu vernichten), war ein weltberühmter Mann, dem jedermann seine Aufwartung machte.

Doch seit 1923 wurde der bis ans Ende unverbesserliche Raucher Freud (der möglicherweise mit der Lust am Saugen der Zigarre andere Lüste kompensierte – und vor allem die „Rauch“-Anregung für das Schreiben absolut notwendig zu brauchen meinte) von Kieferkrebs gequält, den Peter-André Alt ausführlich schildert und der sein Leben zur Hölle machte. Umso mehr Bewunderung muss man der nie nachlassenden Leistung zollen, die Freud bis ans Ende seiner Tage zu neuen Erkenntnisbereichen und Schriften trieb.

Dem Wissenschaftler gilt die dritte Ebene des Buches, und wer sich etwa über die „Traumdeutung“ (oder irgend ein anderes von Freuds epochemachenden Werken) per Sekundärliteratur einlesen will, ist hier bestens bedient – auch für die Autoren von Biographien ist es wichtig, ihre Leser nicht im Gestrüpp zu verlieren, und das geschieht hier so gut wie nie. Auch nicht, wenn Peter-André Alt auf der beruflichen Ebene dem ganzen Kreis um Freud (allerdings den Männern weit, weit ausführlicher als den Frauen!) Raum gibt,  ihren Persönlichkeiten,  ihrer Bedeutung für die psychoanalytische Bewegung, und den Problemen, die sie Freud und einander in stetem Konkurrenzkampf bereiteten. Jeder enge Kreis – ob Verlag, Opernhaus, Universität, Großkonzern – kennt diese Reibung von Persönlichkeiten, und doch scheint es, als sei hier das Menschliche, das oft den Vorwand der Dissens in wissenschaftlichen Fragen wählte, besonders hart, brutal und grausam gewesen. Nicht nur an den Beispielen von Adler und Jung, den berühmtesten Dissidenten, wird das klar, sondern auch an einem Mann wie Otto Rank, der nach Jahren treuester und ergebenster Arbeit für Freud plötzlich umschwenkte und zu einem „Feind“ wurde, was er aber letztendlich selbst nicht verkraften konnte… Eine emotionale Schlangengrube.

So unspannend, wie Freud meinte, ist sein Leben wahrlich nicht, und man liest zwar lange Zeit, aber nicht mühsam in den tausend Seiten. Dass man selbst hier und da immer wieder von Zweifeln überwältigt wird – sei es vom Menschen, sei es von seinem obstinaten Bohren in der Seele -, liegt in der Natur der Sache: Freud, der gelehrt hat, Fragen zu stellen, muss sie auch über sich ergehen lassen. Immerhin liefert Autor Peter-André Alt dazu fabelhaftes Anschauungsmaterial.

Renate Wagner

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Günter Erbe: DER MODERNE DANDY

BuchCover_Erbe, Der moderne Dandy

Günter Erbe: 
DER MODERNE DANDY
352 Seiten, Böhlau Verlag, 2017 

Es ist nicht nur der „moderne Dandy“, den sich der Historiker Günter Erbe, Professor für Politische Wissenschaften an der Universität Zielona Góra, Polen, in diesem Buch vornimmt – es ist die Geschichte einer alternativen Lebensform, die allerdings so viele Facetten zeigt, dass man sie bei aller Anaylsefreudigkeit nicht auf einen Nenner bringen kann. Grundlegend bleibt hier der männliche Wunsch (denn der „Dandy“ ist eine männliche Erscheinung, die „Diva“ gewissermaßen sein schillerndes weibliches Pendant), sich selbst zum Kunstwerk zu stilisieren und als solches der Welt zu präsentieren. Einigen Leuten ist das besonders gut gelungen – von dem ursprünglichen „Rollenmodell“, dem englischen Adeligen Beau Brummell (1778-1840), bis, in unseren Tagen, Karl Lagerfeld. Glitzernde Hingucker sozusagen…

Ist es nur der menschliche Körper, der hier als kulturelles Konstrukt ausgestellt wird, oder geht es auch um eine Außenseiter-Ideologie? Um Eitelkeit geht es gewiss, und idealerweise sollte der Dandy nichts anderes zu tun haben, als sich mit sich selbst zu beschäftigen – und dieses Ich dann der staunenden Mitwelt vorzuführen. Kurz, eine unangepasste und auch durch und durch hochmütige Existenz, zu der ursprünglich gehörte, dass man selbstverständlich keinem Brotberuf, nein, überhaupt keiner Tätigkeit nachging, sondern quasi nur sein Leben vor dem Spiegel verbrachte, wie es Baudelaire empfahl… Das Prinzip der Künstlichkeit verband sich mit dem kultivierten Müßiggang.

Aber so viele Leute, die es sich leisten konnten und wollten, ihr Leben mit Selbststilisierung zu verbringen, gab es nicht. Schon Oscar Wilde, den der Autor nicht ganz als Dandy gelten lassen will, musste sein Talent für sein Werk verwenden – sein Genie für sein Leben allerdings, wie er meinte. Der idealere Dandy ist freilich der von Wilde geschaffene Dorian Gray, der so stolz darauf ist, nie etwas getan zu haben…

Tatsache bleibt: Wenn sie im wahren Leben nicht irgendetwas geleistet, irgendetwas hinterlassen haben, sind die Dandys – außer dem Prototyp Beau Brummel – vergessen… Von Byron, von Bulwer-Lytton beispielsweise, weiß man doch immer noch, was sie geschrieben haben. Der Dandy ist Nebenprodukt der Biographie und solcherart nach strenger Definition ja gar nicht „echt“,  weil er keiner Beschäftigung nachgehen dürfte…

Lange eine englisch-französische und aristokratische Erscheinung, musste sich das Bild des Dandys im Lauf der Entwicklung ändern. Günter Erbe lässt Kapitel von Epochen mit individuellen Porträts abwechseln und findet Dandys, wo man sie nicht vermuten würde: in Friedrich Nietzsches „Übermenschen“-Pose beispielsweise, seiner selbst gewählten Einsamkeit, Distanz zur Menge, Vorliebe für vornehme Formen, Freude an der Verkleidung, was man als „Dandy“-Eigenschaften nehmen kann.

Baudelaire und Camus räumten dem Dandyismus den Rang einer Philosophie ein, repräsentiert von einem überlegenen Geist: Harry Graf Kessler konnte diesem Bild entsprechen, vielleicht auch Gabriele d’Annunzio, aber ob es der Herzog von Windsor konnte, der nach Interpretation des Autors einfach nichts arbeiten (nicht König sein) wollte und sich selbst durch die Abdankung schlicht und einfach ein müßiges Dandy-Leben ermöglichte…? Immerhin wurde er eine Mode-Ikone und ein Trendsetter (ungeachtet dessen, wie geschmacklos die Nachwelt ihn findet – die Mitwelt sah es anders).

Manches als „Dandy“ deklariertes Schicksal zieht vorbei – der Fotograf Cecil Beaton, der aus der Mittelschicht kam und seine exzentrischen Fotografien, ein Forum für Verkleidungskaprizen, als Mittel der Selbststilisierung benützte; oder Hugo Ball, der den Dadaismus als extrem gesteigerter Dandyismus sah; selbst ein Beispiel aus Österreichs Szene ist vertreten – Konrad Bayer aus der „Wiener Gruppe“, der dem Rollenmodell mit der melancholischen Ironie des unabhängigen Herren, exquisiter Kleidung und extravagantem Auftritt entsprach.

Da war der Dandy längst kein Aristokrat mehr, Mitte der fünfziger Jahre machte ihm der Playboy die Rolle streitig, und wenn  Gunther Sachs Herrenboutiquen eröffnete, gab es den Dandy von der Stange. Die wahre Eleganz ist ohnedies abstumpft, heute haben es Dandys schwer, diagnostiziert der Autor, die geringe Hemmschwelle und Abgestumpftheit des Publikums sorgen dafür, dass alles gröber, plumper, spektakulärer sein muss, um überhaupt aufzufallen.

Immerhin gibt es noch in der Jet Set Epoche „abweichende“ Schicksale, die man ins Dandy-Kostüm einpassen kann, ob es der japanische Dichter Yukio Mishima ist, der seinen Selbstmord zum öffentlichen Kunststück machte, oder der deutsche Komponist Hans Werner Henze, der elegant seine Luxusbedürfnisse mit kommunistischen Ideologien verband…

Freilich, heute gibt es wirklich keine Dandys mehr, heute gibt es die Modeerscheinung „Camp“, die nur noch schrill extravagant ist, und Andy Warhol oder David Bowie (der mit seinem Spiel mit den Geschlechterrollen provoziert) pflegen das glitzernde Außenseitertum, das nur von Karl Lagerfeld konterkariert wird: Ihm allein als heutiger Inkarnation des Dandy gesteht der Autor zu, was diesen Typus ausmacht: Geld, Macht, Prestige, Geschmack, Sensibilität, Kreativität, Witz, Satire, Ironie, Witterung für das Kommende…

Dennoch steht der Performancekünstler Sebastian Horsley, der „Dandy in der Unterwelt“, am Ende des Buchs: Mit dem Argument, dass er als Künstler nicht überzeugt hätte, mit seinem Leben jedoch schon. Und für den Dandy ist ja, wie man über viele Seiten gelesen hat, das eigene Leben das ultimative Kunstwerk. Wie geschaffen für die Selfie-Epoche, in der wir leben. Nur elegant sind wir kaum noch.

Renate Wagner

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Eva Gesine Baur: EINSAME KLASSE – Das Leben der Marlene Dietrich

BuchCover Baur, Marlene Dietrich

Eva Gesine Baur: 
EINSAME KLASSE   
Das Leben der Marlene Dietrich
576 Seiten, C.H.Beck Verlag, 2017 

Unter den deutschen Schauspielerinnen des 20. Jahrhunderts war Marlene Dietrich gewiß nicht die beste, aber mit Sicherheit die enigmatischste. Das ging schon von ihrem perfekt gestylten Gesicht aus – und dann war es ihre Biographie, die schon die Mitwelt faszinierte. Und wie viel mehr die Nachwelt. Es gibt – neben den (von ihr weidlich manipulierten) Eigenaussagen und den voluminösen Erinnerungen ihrer Tochter – zahlreiche Bücher über Marlene. Hier ist ein neues, und es liest sich über weite Stellen wie ein Roman.

In großem Bogen geht Eva Gesine Baur, die nicht nur eine bekannte Biographien-Schreiberin, sondern auch historische Romanautorin ist, dieses Schicksal an. Sie erzählt es bis ins Detail – und vor allem aus dem Gesichtspunkt des allwissenden Erzählers, der uns immer auch berichten kann, was sich in Kopf, Herz und Seele seines Geschöpfs abspielt. Dazu bezieht sie sich auf reich zitiertes Originalmaterial – Marlene führte Tagebücher, schrieb zahllose Briefe, und es wurde unendlich viel über sie geschrieben. Wenn sich hier folglich immer wieder Widersprüche ergeben, ist es umso spannender…

Sie hieß tatsächlich Dietrich, war keine „von Losch“, preußisch adelig, wie man es oft las, Herr von Losch war erst ein späterer Gatte der strengen Mutter. Marlene hat an der eigenen Legende gestrickt (1901 geboren, ging das von ihr behauptete „1904“ sogar in ihren US-Paß ein). Es war absolut nicht immer dasselbe, was sie von sich erzählte, aber sie wusste immer, was sie wann, warum tat. Die Mitwelt wusste es nicht. Das machte sie umso „irisierender“…

Marie Magdalene, die sich selbst zur mondänen „Marlene“ machte, hatte einen erschütternd erfolglosen Vater, Polizist, gestorben an Syphilis. Und ein „Loner“ war sie schon von Kind an. Klagen, wie einsam sie sei, wie sinnlos ihr Leben, ziehen sich durch Tagebücher und Briefe. Dass sie geradezu krampfhaft versucht hat, sich Liebe und Bestätigung zu „erkaufen“, zeigen das „Helfersyndrom“ ihres Lebens, das dann weniger aus Nächsten-, als aus Eigenliebe erwuchs, und ihr „Liebesleben“, das wohl kaum als solches zu bezeichnen ist, ging ihre Promiskuität doch nur in den seltensten Fällen mit echten Gefühlen Hand in Hand.

Man muss es der Autorin zugestehen, dass sie gerade diese Fläche in Marlenes Leben zwar ausführlich, aber ohne süffige Sensationslust und moralische Entrüstung beschreibt, sondern gewissermaßen so nüchtern, wie Marlene es selbst betrieben und gelebt hat. Wobei die Geschichte einer lebenslangen Ehe, die ein – zweifellos doch auch gefühlsstarker – Pakt mit einem Mann war, der sein Leben mit einer Geliebten an seiner Seite führte, nur von ganz seltsamen Menschen so betrieben werden konnte: Rudolf Sieber lebte stets auf Marlenes Kosten, ebenso wie ihre Tochter Maria, die die Mutter nicht mochte, es ihr immer zeigte (und ihr ein erschütterndes „Erinnerungs“-Buch ins Grab nachschickte). Hier nicht geliebt zu werden, wo sie es ersehnte, war zweifellos eine Last auf Marlenes „Seele“ (so sie eine hatte), und auch sonst war es mit Gefühlen nicht weit her.

Zweifellos gehörte Marlene als „die Frau, die mit den meisten Prominenten ihrer Epoche geschlafen hat“, ins Buch der Rekorde. Manche Männer hingen, schlecht behandelt, dennoch lebenslang an ihr (wie Erich Maria Remarque), andere (wie Jean Gabin) ließen sich ihre permanente Untreue nicht gefallen, wieder andere (wie Yul Brynner) waren ihr überlegen, indem sie sie gleichgültig behandelten. Mit Joseph Kennedy scheint sie es öfter getrieben zu haben, mit John F. Kennedy offenbar nur einmal, ein Quickie im Weißen Haus. Die Liste ihrer Bettpartner, die sie entweder für Karrierezwecke oder für ihr Ego benützte, reichte von Regisseur Josef von Sternberg über Willi Forst, die Hollywood-Filmpartner Gary Cooper, John Wayne bis zu mehreren Damen (darunter in späteren Jahren die Piaf), denen sie schon in ihrer Berliner Zeit grundsätzlich nicht abgeneigt waren.

Wenige lehnten ihre Aufforderung ab, in ihr Zimmer zu kommen, wie Burt Bacharach, der sie lange bei ihren Show-Auftritten begleitete. Andere waren vielleicht „nur“ treue Freunde wie „Papa Hemingway“ oder Friedrich Torberg, der als unermüdlicher Briefpartner erlebte, wie Marlene Menschen gebrachte und fallen ließ… Es gibt tatsächlich viel Literatur zu Marlene, aus der man zitieren kann, und die Autorin ist dabei so nüchtern und angenehm wenig lüstern wie ihr Gegenstand.

In dem Moment, als sie mit „Der blaue Engel“ ihre große Chance erhielt, hat Marlene Dietrich ihre Karriere selbst in die Hand genommen und sehr bewusst an Josef von Sternberg gehängt (immer die Welt wissen lassend, wie er sie bei Dreharbeiten „folterte“), der sie nach Hollywood mitnahm. Immer mit Gatten und einem ganzen „Clan“ behangen, dessen Lebensunterhalt viel Geld kostete, wurde das „Geldverdienen“ für sie zur Manie.

So widersprüchlich die von der Autorin ausführlich zitierten Meinungen auch sein mochten, fest steht, dass Marlene Dietrich keine genuin begabte Schauspielerin (und auch keine wirklich gute Sängerin) war, aber sie verstand mehr als alle anderen davon, ihr „cooles“, rätselhaftes, immer ein wenig der Realität „entfremdetes“ Image aufzubauen: Auch für diese Bewusstheit der „Marke Dietrich“ können viele Beispiele gebracht werden – und sie wurde nach ihrer Filmkarriere zementiert, als sie als „Showstar“ durch die Welt tingelte. Wiederum, um Geld zu verdienen.

Allerdings – auch wenn die Schauspielerin Marlene Dietrich niemand ist, deren Kunst man wirklich analysieren müsste, so sind es letztendlich doch die Filme, die von ihr geblieben sind, und denen hätte die Autorin mehr Aufmerksamkeit widmen können. Doch ihr war es wichtiger, die Hetzjagd dieses Lebens von einem Ort zum anderen mit dem wechselnden Personal nachzuzeichnen.

Indem Eva Gesine Baur natürlich niemals vergisst, die politischen Ereignisse der Zeit nachzuzeichnen (und Marlene keinesfalls zur politischen Person, zur Kämpferin gegen die Nazis macht, sondern immer nur zur Kämpferin für sich), bettet sie die Dietrich erfolgreich in das 20. Jahrhundert ein, das an so vielen Lebensgeschichten „mitgeschrieben“ hat. Und sie bekommt diese Persönlichkeit, die von dem „preußischen Duktus“ ihrer Kindheit geprägt wurde, gut in den Griff: Das „Landgraf, werde hart“, das daheim immer wieder zitiert wurde, schrieb sie noch in späten Jahren in einem Brief an Torberg, und ohne ihre unerschütterliche Disziplin wäre ihr unglaubliches Arbeitsleben, das sie – soweit es in ihrer Macht lag – immer weiter drängte und in Gang hielt, nicht möglich gewesen. Manchmal wird einem beim Lesen schwindlig schon angesichts des dauernden Szenenwechsels zwischen Europa und Amerika, das sie so benützt hat wie Menschen und letztlich nie mochte (kein Zufall, dass sie in Paris starb – wohl nicht ihr Wille, dass man sie in Berlin beerdigt hat). Auch, dass die Dietrich nach üblichen Kriterien in ihrem Verhalten nie wirklich „normal“ war, wird klar, ebenso ihr spätes Abdriften in absolut pathologisches Verhalten, das mit Altersstarrsinn nur geringfügig umschrieben ist…

Zusammenfassend: Noch nie hat man sich dermaßen  gewissenhaft-detailreich durch dieses dicht gedrängte Leben gelesen. Einschränkend: Wenn schon die Filmarbeit eher am Rande behandelt wird, wäre eine Filmographie im Anhang sinnvoll gewesen. Und: Wer immer sich für die Dietrich interessiert und viel über sie gelesen hat, wird in diesem Buch letztendlich nichts Neues finden. Das Alte aber in aller Ausführlichkeit.

Renate Wagner

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Barbara Stollberg-Rilinger: MARIA THERESIA

BuchCover Stollberg, Maria Theresia

Barbara Stollberg-Rilinger:
MARIA THERESIA
Die Kaiserin in ihrer Zeit
Eine Biographie
1084 Seiten, Beck Verlag, 2017

Vor 300 Jahren, am 13. Mai 1717, wurde am Wiener Hof eine Erzherzogin geboren, die 23 Jahre später gegen alle denkbaren Widerstände vier Jahrzehnte lang die Schicksale Europas entscheidend mitbestimmen würde. Die Distanz von drei Jahrhunderten setzt uns scheinbar in eine komfortable Situation, dieses Leben der „Kaiserin Maria Theresia“ zu betrachten und zu bewerten, sind doch die Dokumente und Materialen vielfach aufgearbeitet.

Tatsächlich gab es zu diesem Jahrhundert-Termin eine große Zahl neuer Betrachtungen des Themas. Wenn der Wettkampf der bedeutenden neuen Biographien zum großen Maria-Theresia-Jahr nach der Dicke der Bücher entschieden wird, dann siegt der Beck-Verlag mit seinem Werk um Längen: Barbara Stollberg-Rilinger, Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster, verbreitet sich auf 1084 Seiten, davon reicht der geschriebene Text bis Seite 855, der Rest ist Anmerkungsapparat. Mehr Platz als alle anderen.

Wenn Barbara Stollberg-Rilinger gleich zu Beginn an die Maria-Theresia-Hype der Habsburger-Monarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erinnert, dann betont sie neben der Aufstellung des Denkmals auf der Ringstraße auch das damals erschienene Standard-Werk von Alfred Ritter von Arneth, jene zehn Bände, die heute nur noch selten und teuer in Antiquariaten zu finden sind, die aber jeder, der über Maria Theresia arbeitet, für ihr Grundlagenwissen anzapft.

Man kann sagen, dass Barbara Stollberg-Rilinger ein ähnliches Basis-Werk für unsere Zeit geschrieben hat, obwohl (und weil) sie die Probleme der Geschichtsschreibung einräumt: Objektiv ist da gar nichts, jede Betrachtung nimmt ihren Standpunkt ein, der politisch gefärbt ist oder national, feministisch oder populistisch, in jedem Fall entscheidet das „Auge des Betrachters“. Immerhin gibt sich Barbara Stollberg-Rilinger selbst den Standpunkt: Die „Gräben, die die Gegenwart vom 18. Jahrhundert trennen“ sollen „gerade nicht eingeebnet und die scharfen Kanten der Figur gerade nicht abgeschliffen werden. Kurzum: Es soll keine falsche Vertrautheit mit Maria Theresia aufkommen. Man muss sich die Heldin vom Leibe halten.“

Dennoch kommt ihr die Autorin in ihrer klassisch chronologischen Sicht der Ereignisse, in die immer wieder Schwerpunktkapitel über das reale Leben eingefügt werden, Maria Theresia sehr nahe, wenn sie auch vielfach anders erscheint als sonst. Dass das „liebende Gattin“ und „liebende Mutter“-Klischee steinhart verfestigt war, weiß man. Wie wenig daran stimmt, wird hier klar, vor allem in der Schilderung des Gatten. Dass sie ihn liebte – keine Frage. Dass Maria Theresia immer zuerst Herrscherin war, auch keine Frage. Dass sie ab 1745, als Franz Stephan (mit ihrer starken Hilfe) zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs wurde, ihm als Herrscherin ihrer Erblande (ein Reich, dem damals noch eine Bezeichnung fehlte, das war noch nicht „k.u.k“, noch nicht die „Habsburger-Monarchie“, noch nicht das „Kaisertum Österreich“) politisch pro forma „untertan“ war, hat sie zweifellos gestört. Dass sie dem Gatten in der Regierung ihrer Länder scheinbar Rechte einräumte, die in der Realität nicht existierten, entsprach ihren herrscherlichen Umgangsformen – sie versuchte alles, was sie tat, so freundlich zu bemänteln, dass keine offensichtlichen Kränkungen für Menschen daraus wurden, sie aber letztlich genau erreichte, was sie wollte.

Wie dieser Franz Stephan wirklich war – die Nachwelt kann nur aus der Fülle der widerstrebenden Überlieferungen entscheiden, welches Bild sie sich von ihm machen möchte. Der Widerspruch zwischen dem Mann einerseits, der sich ins Private zurückzog, und dem andererseits, der vielleicht ganz gern mitregiert hätte, ist nicht aufzulösen. Auch nicht die groteske Situation, dass in Maria Theresias Staat dauernd Geldnot herrschte und er nebenbei seine Privatgeschäfte betrieb (die Autorin greift nicht den Verdacht auf, dass er den feindlichen Preußen Waffen geliefert hätte) – und man nach seinem Tod ganze Kisten mit Geld gefunden hat. Letztendlich definiert die Autorin das schwankende und meist negative Bild Franz Stephans aus der Tatsache heraus, dass die meisten (männlichen, traditionellen) Historiker ihm nicht verzeihen wollten, dass er den „Rollentausch“ zwischen seiner Frau und sich selbst doch so widerspruchslos akzeptiert hat – vielleicht um seiner persönlichen Ruhe und Bequemlichkeit willen.

Ähnlich genau und gnadenlos betrachtet Barbara Stollberg-Rilinger die „gute Mutter“ Maria Theresia, die diese nach unserem Verständnis keinesfalls war. Ihre Kinder waren dynastisches Material, wurden als solches geformt, benützt, vorgeführt, die Urteile der Mutter waren im allgemeinen harsch und gnadenlos, Verliebtheit in die Sprösslinge findet man nicht. Tatsächlich ist das Kapitel über das „Kapital der Dynastie“ eines der beklemmendsten, so genau ausgeführt wie alles andere auch, und was die „getreuen Untertanen“ betraf, die Maria Theresia als ihre hoch stilisierte „Mutter“ lieben sollten, so vermied sie doch tunlichst jede direkte Berührung mit dem „Volk“. Und wie später ihr Sohn Joseph entschied sie (in manchen Fällen – ob Juden, ob „gefallene Frauen“ – bis zur Brutalität), was gut für sie sei.

Die Autorin hat, da muss sie dem Verlag danken, sehr viel Platz – mehr als (Arneth ausgenommen) alle anderen Kollegen einst und heute. Und sie nützt es zu Überlegungen, die man in dieser Ausführlichkeit lange nicht angeboten bekam und die man – der Stil ist mitnichten professoral trocken – teilweise mit voller Faszination liest, ob es um Kriege geht oder Reformen, was ja im allgemeinen nicht die unterhaltendsten Themen sind. Der Kunstgriff der Autorin besteht darin, nicht trockene Fakten wiederzukäuen, sondern die Entwicklungen anhand der beteiligten Menschen zu erzählen. Tatsächlich lässt man sich hier auf eine nahezu wochenlange Beschäftigung mit dem Thema ein, schneller wird man das Buch, das seine Fragen nicht partiell, sondern wirklich gründlich angeht, kaum bewältigen, das ja auf den beiden Ebenen verläuft – die Frau und die Herrscherin.

Genaues Hinsehen auf die Überlieferung war für die Autorin wichtiger, als zuerst eigene Interpretationen anzubieten, wobei es vor allem die Quellen sind, die Barbara Stollberg-Rilinger ausführlich befragt hat: So zieht sie beispielsweise auch immer wieder die Aufzeichnungen des Grafen Khevenhüller heran, dessen Tagebücher (sofern sie vorliegen, leider herrschen große Lücken) penibel von Tag zu Tag das Leben am Hof aufzeichneten. Von vielen Historikern als „Klatsch“ abgetan, weiß sich Barbara Stollberg-Rilinger hier vorzüglich zu bedienen, ebenso wie bei dem Grafen Podewils, der der genau beobachtende „Spion“ Friedrichs II. von Preußen am Wiener Hof war.

Dass Barbara Stollberg-Rilinger viel zitiert, gehört bei einem Buch dieser Art dazu, dass man in dem voluminösen „Schinken“ immer hin-und herblättern muss, erleichtert die gewinnbringende Lektüre nicht wirklich – aber wer sagt, dass es ein Buch dieser Art den Lesern leicht machen muss (so gern sie die Fußnoten auch am Ende der Seiten fänden…)

Zu den Quellen, die man kritisch heranziehen muss, gehören auch die Selbstrechtfertigungs-Schriften der Kaiserin, die auf genauem Kalkül beruhten – dass diese Aussagen zur eigenen Person es schafften, von Historiker-Generationen als Fakten tradiert zu werden, zeigt, dass Maria Theresia (nach Meinung der Autorin) ihren Zweck erreicht hat, nämlich ihr Bild in der Geschichte über weite Strecken und Epochen selbst zu bestimmen.

Eines steht fest: Dass Maria Theresia eine Frau war, die über ihre Rolle als Herrscherin genau reflektierte und ihr Verhalten danach einrichtete, wenn es ihr nicht emotional entglitt, was selten der Fall war. Innere Stärke zeichnete sie selbst in den Perioden depressiver Niedergedrücktheit noch aus: Die Autorin konzediert ihr letztlich auch die bewundernswerte Leistung, dass Maria Theresia „ihre erstaunliche Willenskraft und Disziplin“ am Ende noch einmal verwendete, um „einen schönen Tod zu sterben“, wie es ihr als Christin ziemlich schien.

Nehmt alles nur in allem: Barbara Stollberg-Rilinger hat nicht nur das dickste Buch zum Jubiläum geschrieben, es ist auch das genaueste, es durchleuchtet die komplexen Strukturen der damaligen Zeit so sorgfältig wie informativ, und es kommt Maria Theresia und den Menschen ihrer Welt so nahe, wie man es sich als interessierter Leser nur wünschen kann.

Renate Wagner

 

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Ulrike Ladnar: FRANKFURTER SZENEN

BuchCover  Ladnar, Frankfurter Szenen

Ulrike Ladnar:
FRANKFURTER SZENEN
Historischer Roman
412 Seiten, Gmeiner Verlag 2017

Wie so viele Krimi-Autoren weiß auch Ulrike Ladnar um das Geheimnis von geglückten Fortsetzungen: Gib den Lesern und, in ihrem Fall wohl besonders, den Leserinnen eine Heldin, die man lieb gewinnt und auf deren weiteres Schicksal neugierig ist, dann wird nach den Büchern gegriffen. Sie hat in ihren ersten Romanen „Wiener Herzblut“ (2012) und „Wiener Vorfrühling“(2013) die unendlich sympathische Figur der jungen Intellektuellen Sophia von Wiesinger, später verheiratete, dann verwitwete Sachl, kreiert und sie nicht nur in spannende Mordfälle mit zeitgeschichtlicher Relevanz geschickt, sondern auch in die aufregende, tragische Epoche des Ersten Weltkriegs gestellt hat.

Der nächste Roman, „Das Geheimnis der fünf Frauen“ (2015), war dann zeitlich ein Sprung zurück, noch ohne Sophia, denn 1893 war  ihr sympathischer Vater noch ein junger Kriminalist, und es ging um Morde in einer Familie, in die fünf Frauen (jede für sich ein Paradigma möglicher Frauenschicksale in dieser Epoche) verwickelt waren. Prächtige historische Lektüre.

Nun ist Ulrike Ladnar zu Sophia zurückgekehrt, man schreibt das Kriegsjahr 1917, aber es gibt einen Schauplatzwechsel: Sophia (sie studiert, wie erinnerlich, Jus in Zürich) besucht ihre dem Leser, der Leserin bekannte Freundin Mascha in Frankfurt. Die kluge jüdische Ärztin hat sich an Sophia gewandt, weil in der Pension, in der sie wohnt und wo sich eine Menge „Theatervolk“ findet, seltsame und gruselige Dinge geschehen. Und kriminalistisch ist Sophia ja bekanntlich versiert.

Wieder kann man diesen Roman auf verschiedenen Ebenen lesen: Da ist die Krimi-Handlung, die von einiger Bedrohlichkeit durchzogen ist. Da sind die vielen, mannigfaltigen Frauenschicksale, die der Autorin besonders am Herzen liegen. Und da ist vor allem die Zeitschilderung, die brutale Realität eines Weltkriegs, der sich in alle Lebensbereiche – von Alltag bis Beziehungen – schmerzlich und grausam hineinfrisst.

Und dass, wer Frankfurt (die Wahlheimat der Autorin) gut kennt, von den historischen Reminiszenzen wohl entzückt ist, das beweist nicht zuletzt die Buchhandlung des Frankfurter Städel-Museums, wo dieser Roman als einziges „Nicht-Sachbuch“ unter der „Frankfurt-Literatur“ zu finden ist.

Renate Wagner

Ulrikes Buch im Staedl 2~1

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