Der Neue Merker

KS LEONIE RYSANEK AN DER WIENER STAATSOPER

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KS  LEONIE RYSANEK AN DER WIENER STAATSOPER
Broschüre,
Eigenverlag der Wiener Staatsoper, 2016 / 17

Leonie Rysanek (1926-1998) – Opernfreunde vergessen ihre Lieblinge auch nicht, wenn sie tot sind. Im November letzten Jahres veranstaltete die Wiener Staatsoper anlässlich des 90. Geburtstages von Leonie Rysanek, den sie ja leider nicht erleben durfte, eine Ausstellung im Gustav Mahler Saal. Nächstes Jahr im März könnte man ihres 20. Todestages gedenken. Jedenfalls liegt nun eine jener Broschüren vor, die die Wiener Staatsoper wichtigen Ereignissen und bedeutenden Mitgliedern des Hauses widmet.

Peter Dusek, dessen „Liebe zu Leonie“ legendär ist (er konnte am Stehplatz von nichts anderem reden als von ihr), schrieb die Einführung, in der er das glühende Temperamentsbündel Rysanek zur „Primadonna des Herzens“ erklärt, Hubert Deutsch, der seit seinen Anfängen (er wurde 1955 Solo-Korrepetitor der Wiener Staatsoper) mit der Rysanek zusammen gearbeitet hat, findet gleichfalls Worte des Gedenken. Der Rest der Broschüre sind Bilder und Dokumente.

Leider werden nur die 13 Premieren aufgeführt, in denen die Rysanek am Haus sang, von der „Frau ohne Schatten“ 1955 bis zum „Parisfal“ 1979 (das war noch die Everding/Stein-Inszenierung mit Siegfried Jerusalem und Ridderbusch), und leider nicht die anderen Rollen – da muss man sich schon im Online-Archiv des Hauses zusammen suchen, was sie am meisten gesungen hat: 61 x die Marschallin, 53 x die Tosca, dann die beiden Rollen, in die man sie gefühlsmäßig meint, am öftesten gesehen zu haben, nämlich die Sieglinde (46x) und die Chrysothemis (45 x), weiters sang sie 38x Salome, 36 x Fidelio-Leonore, 35 x die Kaiserin, 30 x die Ariadne, 24 x die Amelia und vieles andere mehr. In den Jahren zwischen 1955 und 1991, in denen sie an der Wiener Staatsoper sang, hatte sie auch den Fachwechsel vollzogen, von Salome zu Herodias, von Elsa zu Ortrud, zu den großen „Altersrollen“ Janaceks, der Küsterin und Kabanicha. Schade, dass man hier nicht den Platz für die Liste und eine Analyse ihrer Figuren fand.

Der Foto-Teil zeigt sie in vielen Rollen, es gibt wichtige Theaterzettel, man sieht ihre Ehrungen, einen „10 Jahres Kalender“, bei den man sich nicht ganz auskennt, und viele bewundernde Worte von Kollegen, von Böhm und Karajan bis Pavarotti. Die „Star-Fotos“ vermitteln ihr grandioses Image, die Szenenfotos aus verschiedenen Werken ihre unvergessliche Magie.

Renate Wagner

 

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Herbert Blomstedt: MISSION MUSIK

BuchCover_Blomstedt_Henschel-Verlag

Herbert Blomstedt: 
MISSION MUSIK
Gespräche mit Julia Spinola
184 Seiten, HENSCHEL Bärenreiter Verlag, 2017

Es ist bekannt, dass viele Dirigenten sehr alt werden, und auch, dass viele von ihnen weit über das übliche Pensionsalter hinaus aktiv bleiben. Es muss ein „gesunder“ Beruf sein, aber geschenkt wird niemandem etwas: Der Schwede Herbert Blomstedt etwa, dessen 90. Geburtstag am 11. Juli 2017 gefeiert wird, hat ein Leben der Disziplin und ohne weitere opulente Laster (rauchen, trinken, Fleisch essen) hinter sich. Aber dafür scheint er sich tatsächlich von Musik zu ernähren…

Das Buch, das die Musikjournalistin Spinola über Herbert Blomstedt vorlegt, basiert auf Interviews, die sie mit dem Dirigenten an verschiedenen Orten seines Lebens geführt hat. Die Frage-Antwort-Struktur bleibt durchgehend erhalten, dennoch ist letztendlich eine Biographie / Autobiographie daraus geworden, in der Blomstedt sehr persönlich über seine Familie und Stationen seines Lebens und Schwerpunkte seiner Arbeit erzählt.

Dabei war es für ihn wahrlich nicht leicht, die Karriere als Musiker durchzusetzen. Sein Vater war Pastor der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten und gerade in den USA tätig, als Sohn Herbert am 11. Juli 1927 zur Welt kam. Die Familie – sie sind Schweden – ging zwei Jahre später nach Europa zurück, teils nach Schweden, vielfach (je nach den Berufungen des Vaters) nach Finnland, wo die Schweden nicht sehr beliebt waren. Sowohl seiner Religion (er durfte am „Sabbat“ nicht in die Schule gehen) wie seines „Ausländertums“ wegen war Blomstedt von früher Jugend an gewöhnt, ein Außenseiter zu sein. Für den strenggläubigen Vater bedeutete Musik einfach nur  Zeitverschwendung – es war schwierig, diesen Beruf zu ergreifen, ohne sich von Familie und Religion loszusagen.

Blomstedt, ein Mann der Konzertmusik, der sich wenig aus Oper macht („Oper fand ich scheußlich, das war keine richtige Musik für mich“) und nur, in Dresden, ganz seltene Ausflüge in diese Welt unternahm, hat viele bedeutende Orchester der Welt geleitet, darunter (nahezu im Zehn-Jahres-Rhythmus) das Philharmonische Orchester in Oslo (1961-1967), das Dänische Radiosinfonieorchester Kopenhagen (1967-1977),  die Sächsische Staatskapelle Dresden (1975–1985), das San Francisco Symphony Orchestra (1985-1995), das Gewandhausorchester Leipzig (1998–2005).

Seither ist er „frei schaffend“ tätig, gibt die unglaubliche Zahl von rund 80 Konzerten pro Jahr – und für Wien ist es besonders erstaunlich, dass er erst spät berufen, 2011, erstmals die Wiener Philharmoniker dirigierte. Es gibt, wie man sich auch im Anhang überzeugen kann, kein großes Orchester der Welt, das Blomstedt nicht am Pult erlebt hat…

Folglich kann er viel über die Schwierigkeiten und auch Glückseligen berichten, die einzelne Klangkörper dem Dirigenten bereiten (die Musiker in Stockholm sagen ihm beispielsweise: „Wir haben dieses Stück schon mit sehr viel besseren Dirigenten als dir gespielt“). Er kann über verschiedene Klangvorstellungen berichten, wobei der „deutsche Klang“, der auf Wagner zurückgeht, anders ist als jener Mendelssohns – was er mit dem Konzept der Tempi erklärt.

Der Wechsel der Orchester und damit Wohnsitze bedeutete auch immer wieder das Eintauchen in neue musikalische Welten, da jede Stadt ihre eigenen Repertoire-Gesetze hat. Blomstedt ist offen und humorvoll, erzählt, aus welchen Komponisten er sich nichts machte, bevor man ihn eines Besseren überzeugte (immerhin Strauss und Mahler!), er spricht nüchtern und unbeschönigend über große Kollegen (wunderbar seine Erinnerungen an Leonard Bernstein), er erklärt, wie wichtig genaueste Vorbereitung ist und dass er noch immer nervös werden kann bei der Idee, er wisse nicht genug über ein Werk…

Am Ende steht der leidenschaftliche Bücherleser und Büchersammler Blomstedt im Mittelpunkt – und sein Plädoyer für die klassische Musik, um die er fürchtet: „Eine ganze Kultur ist gefährdet, wenn man unsere Kinder musikalisch verdummen lässt.“

Renate Wagner

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Mario Schlembach: DICHTERSGATTIN

BuchCover  Schlembach Dichtersgattin

Mario Schlembach: 
DICHTERSGATTIN
Roman
228 Seiten, Otto Müller Verlag, 2017

Man fühlt sich von Anfang an total vertraut mit Thema und Tonfall – als Leser springt man gewissermaßen in den Monolog einer Frau, die zu einer typisch österreichischen Schimpftirade ansetzt und diese ohne Unterbrechung durchzieht…. Offenbar ist sie mit ihrem Gatten Hubert, den sie dauernd anspricht, bei der Biennale in Venedig. Und dort gefällt ihr gar nichts, vor allem nichts von dem, was der Österreich-Pavillon zu bieten hat.

Von Seite 7, als das Buch beginnt, bis Seite 226 haben wir es mit etwas zu tun, das wir nur zu gut kennen, weil Bernhard bis Jelinek und viele Nachahmer dazwischen es immer wieder geliefert haben: ein geistig mittelbemitteltes, aber sich selbst so großartig, überlegen und unfehlbar vorkommendes bürgerliches Welt- und Kunstverständnis Wiener Prägung.

Das gibt Schmipftiraden über so gut wie alles, die Dame ist empörte Leserbriefschreiberin, nieder mit den Sozialschmarotzern, und früher war sowieso alles besser. Am wichtigsten aber ist die Kultur, wobei das Theater eine besondere, das Burgtheater gar die zentrale Rolle spielt. Wenn die Dame Hedwig allerdings auf die Ronacher-Zeiten (!) zurück blendet, fragt man sich, wann das spielt und wie alt die „Schimpferin“ ist. Erst am Ende erfährt man es: Sie ist 90, denn ihr eben verschiedener Gatte (ein „Tod in Venedig“, tatsächlich) war 85…

Dass Hubert während der Biennale stirbt und Hedwig den Monolog an seiner Leiche hält, ist eine „Pointe“ dieses Buchs von Mario Schlembach, die sich nach und nach herausschält. Hubert ist das Objekt ihrer lebenslangen Unzufriedenheit, denn er hat absolut nicht so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt hat. Als sie den jungen Mann aus dem Dorf in die Stadt holte, hielt sie ihn für einen potentiellen Dichter. Dichtersgattin wollte sie sein, er sollte ihre Träume erfüllen und das Burgtheater erobern. Aber er hatte eigentlich nur ein einziges Interesse im Leben, und das waren Begräbnisse: Er war Bestattungsangestellter, kein Dichter ist aus ihm geworden, ihr Hochkulturfanatismus konnte ihn nicht in ihre Richtung verbiegen. (Der Autor führt in seiner Vita übrigens auch die Berufe von Bestattungshelfer und Totengräber an, ist also Fachmann – für Hubert.)

Alles musste sie ihm beibringen, sprechen (der Dialekt!), essen, das Kulturleben. Unvorstellbar, mit welcher ermüdender Ausführlichkeit man das Burgtheater, die Burgschauspieler, die Burgtheater-Mentalität umkreisen kann, aber Hedwig tut es unaufhörlich, gewissermaßen ohne Luft zu holen. Da gibt es Meinungen aller Art, über Handke, Bernhard, Peymann (er hätte die nicht vorhandenen Stücke von Hubert inszenieren sollen!). Tatsächlich aber, sie macht sich nichts vor, hat sie den Gatten nur ins Burgtheater geschleppt, damit er da einschlafen konnte… (Und auf ihre Vorhaltungen hat er, wie es scheint, ohnedies gar nicht geantwortet…)

Natürlich kommt man auch auf den Faschismus, erst darf man Werner Krauss seine Juden-Figuren in „Jud Süß“ nicht übel nehmen, er hat sie ja nur gespielt, dann ihrem Vater nicht, dass er im Auftrag der Nazis Menschen vermessen hat.

Ja, und am Ende ist Hubert tot. So viel Arbeit hat sie in ihn hineingesteckt, und nichts ist aus im geworden. Soll man Hedwig jetzt bedauern? Wohl kaum, nachdem sie einem viele Lesestunden auf die Nerven gegangen ist. Und was die „Erkenntnisse“ betrifft, die sie der Welt mitzuteilen hat: Man hat das alles schon so oft gehört. Nicht nur einmal, viele Male zu oft. Und hier noch einmal…

Renate Wagner

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Sigrid Bauschinger: DIE CASSIRERS

BuchCover_Bauschinger  Die Cassieres

Sigrid Bauschinger: 
DIE CASSIRERS
Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen
Biographie einer Familie
464 Seiten, C. H. Beck Verlag, 2016 

Wer hierzulande „Cassirer“ sagt, meint  mit einiger Sicherheit zuerst einmal Paul. Paul Cassirer (1871-1926), der als Kunsthändler und Verleger so unerschütterlicher für die Moderne – die deutsche, die französische – kämpfte, der so wichtig in seiner Welt war, dass er seine zweite Gattin, die Schauspielerin Tilla Durieux, von Stuck, Corinth, Slevogt, Oppenheimer, Gulbransson, Kokoschka und sogar Renoir porträtieren lassen konnte, was wohl alles über seinen Wirkungskreis und seinen Einfluß aussagt. Man weißt auch, dass er inmitten wüster Scheidungsverhandlungen mit Tilla Selbstmord beging – aber auch in nur 55 Lebensjahren hat der Mann, dem man im übrigen einen mehr als unsteten Charakter nachsagte, aus besten und schlechtesten Eigenschaften gemischt, Unglaubliches geleistet.

In der Welt der Geisteswissenschaften ist es dann auch Ernst Cassirer (1874-1945), ein Cousin von Paul, der einen ganz besonderen Rang einnimmt, dessen Werkverzeichnis von imposanter Breite der Interessen zeugt, dessen Rezeption bis heute ungebrochen ist.

Und sie sind nur zwei aus einer riesigen Familie, die sich nach dem Stammvater über vier Generationen bis in die Gegenwart zieht, wobei die Cassirer heute nicht mehr in Deutschland zu finden sind… Der „ganzen“ Familie – auch wenn das angesichts der Fülle ihrer Mitglieder nur teilweise möglich ist – hat sich nun die deutsche Germanistin Sigrid Bauschinger angenommen. Sie ist schon während ihrer Arbeit an der Biographie von Else Lasker Schüler auf Paul Cassirer gestoßen (die beiden hatten eine keinesfalls friktionsfreie Beziehung), und sie hat den immerhin 400seitigen Briefwechsel zwischen Eva Cassirer-Solmitz und Rilke herausgegeben. Und nun also – alle Cassirer, die von Bedeutung waren. Und das waren viele.

Zuerst mag man sich wundern, dass man in dem Buch am Ende keine Stammtafel findet, aber bei so vielen Nachkommen – Stammvater Moses hatte sieben Söhne, sein zweiter Sohn Marcus zehn Kinder, neun von ihnen hatten jeweils bis zu sieben Kinder – gäbe es kein Buch, das dies in aller Breite im vollsten Wortsinn auf“zeichnen“ könnte, also ist die Aufzählung von Generation zu Generation sinnvoller, auch wenn man als Leser tatsächlich immer zurückblättern muss, wer nun eigentlich wer ist – es waren einfach zu  viele.

Jene Kapitel, die versuchen, die Familiengeschichte zusammen zu fassen, können daher auch durch die Fülle der Namen manchmal verwirrend werden. Aber sehr viel Grundsätzliches ist doch über die Cassirer zu sagen, die bemerkenswerterweise nach dem „Urvater“ Moses mit wenigen Ausnahmen (Salomon, Isidor) ihren Kindern keine jüdischen Namen mehr gaben. In Schlesien reich geworden, haben sie schon seit Max Cassirer (1857-1843) Geld vor allem in geistige und soziale Werte umgesetzt, wie es ja dem jüdischen Ideal entspricht. Sie hingen ganz eng zusammen, heirateten sogar stark untereinander (Cousins und Cousinen), suchten in Berlin stets in der Nähe der anderen zu wohnen, um für einander da zu sein.

Sie waren – mit wenigen Ausnahmen, die sich katholisch taufen ließen – gläubige, aber keinesfalls fanatische Juden, und sie verstanden sich als „Deutsche jüdischer Abstammung“ und nicht als deutsche Juden. 15 von ihnen dienten im Ersten Weltkrieg, und manch einer gab sich auch angesichts der herandämmernden Nationalsozialismus der Illusion hin: Dieses Land ist mein Land. Gestorben sind bereits die meisten Cassirer der zweiten Generation in der Emigration. Ungeachtet dessen, dass sie davor an Leistung erbracht hatten, was die Juden dem deutschen Geistes-, Wirtschafts- und Sozialleben nur beisteuern konnten.

Übersichtlich wird das Buch, wenn die Autorin dann in teilweise sehr langen und ausführlichen Kapiteln einzelnen Schicksalen Raum gibt: Aus der ersten Generation Max, deutscher Patriot, der den guten „preußischen“ Werten verbunden war, erfolgreicher Fabrikant, in der Folge seine Neffen Paul, Bruno (gleichfalls Verleger), der Musiker Fritz und vor allem der Wissenschaftler Ernst – sie alle, die unter dem Motto „Kunst und Wissenschaft“ zusammen zu fassen sind.

Edith Geheeb-Cassirer, die Tochter von Max, wird von der Autorin der Kategorie „Sozialarbeit und Pädagogik“ zugeordnet, hat sie doch die Odenwaldschule begründet und geführt.

All diese Schicksale werden zuerst bis zur Zäsur der Emigration erzählt – und dann in eigenen Kapiteln, wie es in anderen Teilen der Welt weiterging, ob Schweiz, England, Skandinavien, USA, Südafrika. Am Beispiel von Wolfgang Richard Cassirer, geboren 1924 in Berlin, der als Wilfrid Cass in England lebt (und die Verkürzung des Namens bedauert), kann die Autorin zeigen, dass sich die besten Eigenschaften der Familie über die Generationen hinweg erhalten haben – Talent, gepaart mit großem Fleiß, die Fähigkeit, rasche Entscheidungen zu treffen, monetären Gewinn nicht um seiner selbst willen zu suchen, sondern zu Wohltätigkeit zu verwenden, oft zur Unterstützung von Kunst und Künstlern. So haben die Cassirer, in Bewältigung aller Schwierigkeiten, auch in der Emigration ihren Weg gefunden, wobei man nicht weiß, ob es in der Familie wirklich kaum „schwarze Schafe“ gab, oder ob diese einfach in der Schilderung unter den Tisch gefallen sind.

Am Ende widmet sich die Autorin drei bedeutenden „angeheirateten“ Cassirer-Frauen, zuerst Tilla Durieux, die schon bei Paul prominent vorkam, aber hier noch einmal in der ganzen Breite ihres Schicksals ersteht; Eva Solmitz, die den Kunsthistoriker Kurt (Sohn von Max) heiratete und die u.a. eine bedeutende Rolle im Leben von Rilke spielte; und schließlich, das überrascht, Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer, die in zweiter Ehe mit Reinhold Cassirer verheiratet war, dessen Vater bereits den Weg nach Südafrika gefunden hatte. Die Cassirer haben, wenn sie nicht untereinander heirateten, auch bedeutende Frauen angezogen…

Schade jedenfalls, dass die Fähigkeiten der Familie Cassirer, dass ihre einzelnen Erfolgsgeschichten, in Zukunft nicht mehr ein beneidenswerter Teil der deutschen Geschichte sind.

Renate Wagner

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Heinrich Kraus: LEBENSERINNERUNGEN EINES THEATERMANNES

BuchCover_Kraus  90 Jahre

Heinrich Kraus:
ES HAT VIEL PLATZ IN 90 JAHREN
LEBENSERINNERUNGEN EINES THEATERMANNES
Aufgezeichnet von Barbara Lipp
Mit einem Geleitwort von Otto Schenk
Serie: Bilder aus einem Theaterleben, Band 8
336 Seiten, Verlag Lehner, 2017 

Wenn man es genau nimmt, ist der 90er auch schon vorbei, denn Heinrich Kraus wurde 1923 geboren. Und noch immer steht der großartige alte Herr aufrecht als Präsident an der Spitze der Raimund-Gesellschaft und der Nestroy-Gesellschaft und ist keineswegs nur ein repräsentatives Aushängeschild: Wer wie er lebenslang in „Theaterg’schichten“ (um es mit Nestroy zu formulieren) so aktiv war wie er, der zieht sich nicht aufs Altenteil zurück. Jetzt hat er seine Erinnerungen niedergeschrieben – und er hat wahrlich etwas zu erzählen.

Heinrich Kraus hat sein Leben als „Kulturmanager“ verbracht, ohne diese Tätigkeit – wie heute – großartig auf der Universität oder bei Workshops gelernt zu haben: Er war immer mitten drin. Kultur umgab ihn seit seiner Geburt, der Großvater. Hofrat Alois Kraus, im Dienst des Kaisers noch als Direktor des Tiergarten Schönbrunn, der Vater als hoher Beamter der Gemeinde Wien und Leiter des Kulturamts. Schon im Akademischen Gymnasium flochten junge Männer Seilschaften fürs Leben, im Sommer in Strobl verkehrte man mit der Familie Fürstenberg, wo auch Karl Schwarzenberg nach der Flucht seiner Familie ankam…

Im Krieg verfing für Heinrich Kraus sein Lebensspruch „Wem das Schicksal gnädig ist“ – als Wehrmachtsangehöriger konnte er in Wien bleiben, bei Bombenangriffen hockte er nicht so gern im Luftschutzraum im Rathaus, wo der Vater tätig war, sondern ging weiter bis in den Keller des Burgtheaters, wo er bereits alle großen Schauspieler seiner Zeit kennen lernte. Erschütternd die Schilderung wie der kaum über 20jährige durch das zerstörte Wien irrte – Staatsoper, Burgtheater ausgebombt, aber Künstler, die mit ungeheurem Elan entschlossen waren, alles wieder aufzubauen.

Und Heinrich Kraus war von Anfang an dabei, in dieser Zeit des vibrierenden Optimismus hatte der junge Mann (der dann nebenbei auch sein Studium der Theaterwissenschaft abschloß) etwas beizutragen  – früh war er im Burgtheater mit künstlerisch-organisatorischen Fragen betraut, und das zog sich durch sein Leben: Kraus wurde als hoch geschätzter Organisator in immer neue Funktionen berufen und hat mit vielen Künstlern seiner Zeit lebenslange Freundschaften geschlossen.

Heinerich Kraus war an der Seite von Helene Thimig jahrelang in der Direktion des Reinhardt-Seminars tätig, der aus der Emigration als mächtiger Mann zurückgekehrte Ernst Hauesserman (dessen Vater, der noch Häussermann hieß, Kraus gut kannte) holte ihn in die Kulturabteilung der amerikanischen Botschaft, und Hauesserman wollte Kraus später sowohl im Burgtheater wie in der Josefstadt immer an seiner  Seite haben.

Als man Heinrich Kraus die Intendanz der Philharmonia Hungarica anbot, des Orchesters, das sich aus ungarischen Flüchtlingen zusammen setzte, begab er sich nicht nur mühelos auf das Feld der musikalischen Organisation, er fand auch seine Gattin: Bis zu ihrem Tod im März 1912 war er ein halbes Jahrhundert mit der schwedischen Mezzosopranistin Margareta Sjöstedt, Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, verheiratet. Zu seinem enormen Bekanntenkreis kamen nun Dirigenten, Sänger, Musikproduzenten. Und Hermann Juch überredete ihn bei einem Plauderstündchen im Café Eiles dazu, als Chefdisponent an die Deutschen Oper am Rhein zu kommen. Vielleicht wäre er länger als drei Jahre in Düsseldorf geblieben, hätte Ernst Hauesserman nicht darauf bestanden, ihn nach Wien ans Burgtheater zu holen – nun als Verwaltungsdirektor, am Ende war er Vizedirektor.

In aller Ausführlichkeit schildert Heinrich Kraus die ungeheuerliche Arbeit, die dahinter steckte, zwischen 1966 und 1968 die Welttournee des Burgtheaters (Griechenland, Polen, Russland, Frankreich, Bundesrepublik Deutschland, Israel, USA, Kanada, Japan, Honkong, Thailand, Luxemburg, Belgien, Holland) zu organisieren. Es war ein Triumph, und alle großen Schauspieler der Zeit marschieren durch die Buchseiten und am Leser vorbei…

Kraus blieb auch noch nach der Ära Ernst Hauesserman kurz am Burgtheater, doch dieser war an die Josefstadt gewechselt und fühlte sich offenbar in Direktionsetagen nur wohl, wenn er Heinrich Kraus im Rücken hatte. So ging dieser an die Josefstadt – und griff gleich mit vielen Verbesserungen und Sanierungen des Hauses durch. Nach dem Tod Hauessermans im Jahre 1984 „rettete“ er das Unternehmen, indem er als Direktor zur Verfügung stand, bis man sich für einen Nachfolger entschlossen hatte.

Kraus erzählt, wie sicher er war, das Haus an den von ihm hoch geschätzten Michael Kehlmann zu übergeben – aber das Duo Zilk / Pasterk hatte Boy Gobert gewählt, dessen Forderungen das Haus vor die größten Schwierigkeiten stellte. Es ist bekannt, wie es weiterging – Gobert starb völlig überraschend im Mai 1986, Kraus half weiter aus bis Ende 1987, dann kam Otto Schenk mit Robert Jungbluth im Schlepptau.

Heinrich Kraus blieb der Josefstadt – wenn auch nicht mehr in der Direktionsebene – weiter verbunden, seine Loyalität lobt Herbert Föttinger in höchsten Tönen, lobt auch die Renovierung der Kammerspiele, Dinge, wo ihm nicht jeder zustimmen wird.

Seltsam, dass die Raimund-Gesellschaft, die Nestroy-Gesellschaft, für die Kraus so viel getan hat, erst ganz am Ende des Buches ihre Würdigung erfahren. Kraus selbst wurde in seiner Sommerresidenz Strobl mit einem „Prof. Kraus-Weg“ geehrt. All seine Ehrenzeichen aufzuzählen, dazu ist der große Mann viel zu nobel: Sein Leben ist seine Ehrung.

Dieses Buch wird über den Inhalt hinaus noch ganz besonders kostbar, weil Heinrich Kraus sein Fotoalbum geöffnet hat, und mit über 300 Abbildungen (von denen man manche nur einfach zu klein findet!!! Vor allem Textliches möchte man genauer sehen!) ist das eine Fundgrube nicht nur an Personen, sondern auch an Ereignissen. Tatsächlich – hier ersteht über Jahrzehnte hindurch eine ganze Kulturwelt. Und viele der nicht mehr ganz jungen Leser werden hier in reichem Maße ihre eigenen Erinnerungen wiederfinden.

Renate Wagner

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STEFAN ZWEIG AM ENDE DER WELT

BuchCover_Zweig, Das unmögliche Exil

George Prochnik:
DAS UNMÖGLICHE EXIL
STEFAN ZWEIG AM ENDE DER WELT
400 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2016

Man weiß, dass Stefan Zweig einerseits an seinem „Nachleben“ zweifelte, es aber andererseits sein inniger Wunsch war, noch „jenseits des Grabes“ Freunde zu finden – und das ist ihm zweifellos gelungen. Er wird auch heute sicher mehr gelesen als die meisten seiner Zeitgenossen, hat er doch Belletristisches, Feuilletonistisches und Historisches für Leser überaus gefällig verpackt.

In letzter Zeit jedoch zeigt sich ohne weiteren äußeren Anlass (die Lebensdaten 1881-1942 verweisen auf keine „runden“ Gedenktage, es sei denn ein 75er für den Todestag) gesteigertes Interesse an ihm als Person, an Details seiner Biographie. (Wobei das bei einem Wiener Autor zu der Geschmacklosigkeit führte, Zweigs sexuelle Abartigkeit unbedingt der Welt bekannt  zu machen.)

Zweig hatte ein sechzigjähriges interessantes Leben, und seine eigene Schilderung davon, in seinen Memoiren „Die Welt von gestern“, ist legendär geworden, auch wenn manche kritische Betrachter (es gibt eine total abwertende Kritik von Hannah Arendt) ihm die Verschönerung einer Monarchie-Welt vorwerfen, die wohl nur für die Reichen so behaglich war – aber welche Gesellschaft dieser Welt wäre das nicht?

Geschrieben hat er den Rückblick in der Emigration, und vordringlich mit diesem Kapitel von Zweigs Leben – von 1934 an bis zu seinem selbst gewählten Tod war er heimatlos unterwegs – befasst sich der amerikanische Autor Georg Prochnik, dessen Buch vom „Impossible Exile“ nun auch in deutscher Sprache vorliegt: „Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt“. Wobei Brasilien für das jüdische Ehepaar Zweig im Grunde ein sehr sicheres Refugium bedeutete – aber eines, in das er sich nicht fügen konnte, wie auch jüngst der sehr schöne Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader gezeigt hat…

Emigration, Exil, das Thema so vieler jüdischer Künstler, denen man die Heimat weggenommen hatte: Bruno Walter band eine geglückte Einstellung zu dieser grausamen Zäsur im Leben so vieler Emigranten an die genaue Unterscheidung zwischen einst und jetzt – und wem dies gelang, wie Thomas Mann oder Carl Zuckmayer, der konnte sich in der Notlage einrichten. Zweig hingegen, so der Autor, konnte nicht aufhören, auf sein verlorenes, besseres Leben zurückzuschauen und darüber zu klagen. Er hatte überlebt, aber zu leben allein genügte ihm nicht, die Entwurzelung hatte seine Lebensadern gekappt. Prochnik zeigt, dass Zweig – nicht zuletzt dank seines Reichtums – jede Möglichkeit gehabt hätte, ein zufriedenstellendes „neues Leben“ zu beginnen. Dass er es trotz aller Bemühungen nicht konnte, führte in den selbst gewählten Tod.

George Prochnik tritt nicht gänzlich hinter den Gegenstand seines Buchs zurück, er ist auch als „Ich“ auf den realen Spuren von Zweig in diesem Buch präsent. Als Nachkomme von Vorfahren (der Großvater Arzt, die Großmutter Pianistin, Prochniks Vater war damals noch ein kleiner Junge), die 1938 aus Wien fliehen konnten, kennt er die innere und äußere Problematik von Flucht und „neuem Leben“ aus der eigenen Familiengeschichte, weiß, wie schwer es war, nicht nur in der Realität Fuß zu fassen, sondern sich auch selbst neu zu erfinden. Dabei berührte ihn an Zweig Archetypisches der Flüchtlingssituation, wozu sehr stark die Frage der Identität gehört. Überhaupt durchzieht die generelle Flüchtlings-Problematik das Buch, was es natürlich – in unserer Welt, wo so vieles in Bewegung ist – auch stark in die  Gegenwart rückt.

Der Autor zeichnet nun in Sprüngen Zweigs Leben nach, von den Emigrationsstationen ausgehend, deren hektische Abfolge schon beim Lesen ermüdet – London, PEN-Kongress in Buenos  Aires, Portugal, das Ehepaar als britische Staatsbürger mit Wohnort Bath, dann Paris, New York, Südamerika, längerer Aufenthalt in Ossining im Staate New York, Brasilien, wo er sich mit seiner zweiten Gattin Lotte in Petropolis, in luftigen Höhen in der Nähe von Rio de Janeiro, niederließ. Die letzte Station.

George Prochnik „fährt“ die Emigration in seinem Buch quasi nach, immer wieder mit Schwenks in die Vergangenheit (was dann auch eine ziemlich komplette Biographie ausmacht, allerdings unter Aussparung des Werks als solches, das nur partiell vorkommt und nicht weiter kommentiert wird).

Man erlebt den jungen Zweig, wobei Freunde ihn als kommunikativ schildern, obwohl er im Grunde seines Herzens wohl das war, was wir heute einen „Loner“ nennen, man erlebt die Wichtigkeit des „Kaffeehauses“ an sich für den jungen Zweig, liest, welch ungeheure Rolle Bücher für ihn spielten, lebenslange Tröster und Gefährten (Bücher seien bessere Gesellschaft als Menschen, bemerkte er zu seiner Frau, und Druckerschwärze war für ihn der angenehmste Duft seines Lebens). Man erfährt, dass er trotz starker Bindung zu Theodor Herzl nie Zionist war (und sich immer als „Österreicher“ fühlte), der Autor streift auch Zweigs unübliches Sexualleben, zeigt die unendlichen Schwierigkeiten auf, die er mit der anderen Mentalität der Engländer und gar der Amerikaner (deren Lebensstil er zutiefst verachtete) hatte.

Immer wieder wird über den materiellen Reichtum Zweigs berichtet, teils, weil seine Familie („Textil-Juden“) sehr reich war, teils weil seine in aller Welt gelesenen Bücher sehr viel einbrachten, aber seltsamerweise hat sich der Autor nicht mit der Logistik des Geldes in Zweigs Leben auseinandergesetzt. Ob Reisen, Hotels, zu mietende Häuser, immer stand ihm offenbar das Materielle ausreichend zur Verfügung, aber wie das praktisch ging, dass es immer da war, quer durch Europa und dann in Nord- und Südamerika, in so schwankenden Zeiten, wäre doch einer genaueren Betrachtung wert gewesen. Prochnik schildert nur, wie schlecht etwa Joseph Roth in seiner Eigenschaft als „Schnorrer“ Zweig dessen Großzügigkeit vergalt und auch, wie viel Neid diese finanzielle Sorglosigkeit bei den Zeitgenossen erregte.

Ein Kapitel für sich sind auch die Frauen, die zwielichtige erste Gattin Friderike, die sich nach seinem Tod als allwissende Witwe gebärdete (obwohl sie längst geschieden waren), und jene zweite Gattin Lotte, die an Zweigs Seite wohl als „ewige Sekretärin“ der Ausbeutung anheim fiel, ihm die Kalamitäten des schweren Reisealltags abzunehmen und seine trüben  Stimmungen zu ertragen. Jene Lotte, die Zweig in seinem Abschiedsbrief mit keinem Wort würdigte (!) und über deren Tod sich Prochnik den Kopf zerbricht: Denn offenbar fand der Doppelselbstmord nicht zur gleichen Zeit statt, Lotte trank das Veronal vermutlich erst Stunden später. Natürlich ist alles, was im Kopf der Frau angesichts des toten Mannes vor sich gehen konnte, Spekulation – jedenfalls wählte sie dann doch den Tod an seiner Seite, den Gatten zum letzten Mal umarmend. Ihre Leistung, im Gegensatz zu der sich spektakulär inszenierenden Friderike immer im Hintergrund, wird hier hinterfragt und auch gewürdigt.

Prochnik hat nicht nur als Wissenschaftler nach den Quellen gearbeitet, er war auch als Journalist unterwegs, sprach etwa als wichtigster Augenzeugin mit jener Nichte Eva Altmann, die viel mit den Zweigs zusammen war und in deren Erinnerung sich interessanterweise vieles anders spiegelt als in der überlieferten Literatur. Prochnik war auch als Reisender an den Orten von Zweigs Leben, von Wien bis Petropolis. Er wurde in Ossining rüpelhaft empfangen, sah in Petropolis das Zweig-Haus gänzlich seines Inhalts beraubt und mit einer allgemeinen Exil-Ausstattung bestückt (wobei seltsam erscheint, dass das Buch kein Foto vom Friedhof bietet, wo Zweig und Lotte in einem Doppelgrab, das wie ein Ehebett wirkt, zur letzten Ruhe gefunden haben). Und in Wien ist der Autor dann natürlich auch auf den Spuren der Großeltern gewandert…

Interessant an diesem Buch ist, dass Prochnik die – als solche im Text nicht notierten –  Anmerkungen im Anhang kapitelweise kommentierend auflistet und angibt, wo er jeweilige Informationen her bezog. Das ist jedenfalls (für alle Beteiligten) müheloser, als sich von Zahl zu Zahl, von Verweis zu Verweis zu bewegen. Dass ein Personenregister fehlt, wiegt schon schwerer. Aber so sehr er auch in seine Mitwelt verwoben war, im Ende geht es eben vor allem um Zweig – als einem, der an der Emigration zugrunde gegangen ist.

Renate Wagner

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Christian Merlin: DIE WIENER PHILHARMONIKER

Die Wiener Philharmoniker. Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute

Christian Merlin: 
DIE WIENER PHILHARMONIKER
Band 1: Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute. 368 Seiten
Band 2: Die Musiker und Musikerinnen von 1842 bis heute, 272 Seiten
Amalthea Verlag, 2017 

175 Jahre ist ein etwas „buckliges“ Jubiläum, aber es war Arbeit zu leisten, und der französische Journalist und Wissenschaftler Christian Merlin hat es getan, obwohl er gerne einräumt, wie viel in Sachen Wiener Philharmoniker schon geschehen ist: Clemens Hellsberg hat systematisch die Archivbestände des Orchesters aufgearbeitet, Oliver Rathkolb die NS-Zeit erforscht. Warum noch ein Buch? Weil Christian Merlin (dessen Werk im Original auf Französisch erschienen ist) einen neuen Aspekt wählt.

Dass er für sein Buch über das Orchester zwei Bände benötigte, liegt am Konzeptionellen: Der erste Band, gewissermaßen das Lesebuch, behandelt das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute. Band 2 ist quasi ein Lexikon, listet alphabetisch die „Musiker und Musikerinnen von 1842 bis heute“ auf, wobei die Biographien unterschiedlich lange ausfallen, je nach ihrer Stellung im Orchester.

Tatsächlich geht es in seinem Werk grundsätzlich um den „menschlichen Faktor“, um das Wissen, dass ein Orchester, so sehr es auch als Einheit, als „Klangkörper“ begriffen wird, doch aus Einzelpersönlichkeiten besteht.

Autor Merlin geht im ersten Band auf  368 Seiten nun die Geschichte des Orchesters an – wobei er jede strukturelle und historische Entwicklung an Menschen aufhängt. 1842 begann es – Otto Nicolai, ein Preuße, schuf das Österreichischste aller Orchester, weil es in Wien außer dem Hofopernorchester nur die Privatorchester der Adeligen gab, aber keine Klangkörper, die den reichen Bedarf der Stadt nach aktivem Konzertleben befriedigen konnten. 64 Mitglieder waren es schon beim ersten Auftreten am 28. März 1842, die sich aus den Musikern der Oper zusammensetzten, um ein professionelles Konzertorchester zu bilden – seither gab / gibt es 851 Philharmoniker, zu denen sich spät, aber doch (genau: 1997, also vor 20 Jahren) auch Frauen gesellten, nachdem der Männerclub, Männerbund sich lange verschlossen gehalten hatte: Heute sind 11 der 142 Mitglieder Musikerinnen.

Merlin erzählt eine Geschichte von Menschen, die sehr persönlich ist. Dass bei der Besetzung von Positionen Beziehungen, genau gesagt Familienbeziehungen eine große Rolle spielten, ist übrigens ein durchgehendes Motiv in der Orchestergeschichte: Bisher gab es 36 Väter-und-Söhne bei den Philharmonikern, auch Enkel sind zu verzeichnen – da hilft dann der zweite Band, wo man beim Schmökern der Biographien auf zahlreiche dieser Konstellationen trifft. Musikalität vererbt sich ja bekanntlich, und gute Beispiele machen Schule und machen Musiker…

Merlin betont auch, dass die Wiener Philharmoniker in der Zeit der Monarchie ein multi-ethnisches Orchester waren (wobei der Anteil der Juden überproportional groß war), dazu Böhmen, Ungarn, Mähren, Slowaken, Kroaten, Russen, Italiener, wenn auch in einem geringfügigen Prozentsatz. Der 1868 neue ungarische Konzertmeister Jakob Grün erhob sich bei seinen Soli, wie es in Ungarn üblich war, worauf Erster Konzertmeister Josef Hellmesberger (nicht nur für den Klang seiner Geige, sondern auch für spitze Bemerkungen berühmt) meinte: „Wären Sie lieber sitzen geblieben und hätten das Solo stehen lassen…“

Wesentlich für die Geschichte der Wiener Philharmoniker, die für ihren spezifischen Klang berühmt wurden, war auch die Tatsache, dass ein Großteil der neuen Mitglieder von Philharmonikern als ihren Lehrern ausgebildet wurde. Und natürlich war das Orchester auch von bedeutenden Leitern abhängig: 1875 wurde Hans Richter (der als Hornist im Orchester begonnen hatte und für Richard Wagner ein so wichtiger Mitarbeiter wurde) zum Leiter der Abonnementkonzerte gewählt, was er fast ein Vierteljahrhundert ausübte. Brahms, Bruckner und natürlich Wagner, für den Richter glühend eintrat, erregten damals das Wiener Publikum zur Weißglut.

Die Zeit schritt fort, Josef Hellmesberger jr. war nach Großvater und Vater schon die dritte Generation in seiner Familie, die für die Wiener Philharmoniker unerlässlich wurden (einer seiner Schüler war übrigens Fritz Kreisler), der Name Arnold Rosé ist eng mit Gustav Mahler verbunden, der 1897 die Hofoper und 1898 die Leitung der Philharmonischen Konzerte übernahm und auch hier seine gnadenlosen Reformen durchziehen wollte, aber nicht ganz so erfolgreich war wie in der Oper… Immerhin kamen unter ihm viele „internationale“ Musiker, vor allem Deutsche (auch Niederländer und ein Grieche), in das Orchester, nicht nur Bürger der Monarchie. Inzwischen erzählt Christian Merlin, der auch Musikwissenschaftler ist, vieles über Instrumentengruppen und ihre Entwicklungen (etwa die Erfindung der Wiener Pauke – alles hing immer mit Einzelpersonen zusammen).  

Man kann sich über Namen durch die Geschichte arbeiten – Franz Schalk, Ricardo Odnoposoff (der den Nationalsozialismus überlebte, eine Solistenkarriere machte und heute auf dem Grinzinger Friedhof ruht), Willy Boskovsky, Clemens Krauss, Namen, die noch jeder Musikfreund kennt.

Ein großes Kapitel widmet Merlin selbstverständlich der Zeit des Nationalsozialismus, die auch das Orchester nicht mit sauberen Händen überlebte – jüdische Mitglieder wurden zwangspensioniert, darunter Mahler-Schwager Rosé. Ihm gelang die Flucht, andere jüdische Orchestermitglieder starben in Konzentrationslagern. Es sind tragische Schicksale, die sich gerade in diesem Kapitel entrollen, und Merlin erzählt sie sachlich, ohne Beschönigung, wobei auch die Nachkriegszeit noch ihre schweren Krisen hatte, für die Menschen und das Orchester als Institution: Das „Aufräumen“ der Vergangenheit war hier so problematisch wie im ganzen Land.

Langsam arbeiteten sich die Philharmoniker auf ihre neuen Glanzzeiten zu, die im Grunde bis heute anhalten – nicht zuletzt durch das Neujahrskonzert, das seit 1959 im Fernsehen übertragen wird und damit Wien, dem Orchester und dem Goldenen Saal des Musikvereins eine Publicity ohnegleichen beschert. In der Wiener Staatsoper war die Ära Herbert von Karajan auch für das Orchester von besonderer Bedeutung. Es gab Probleme und Affären aller Art (beispielsweise Fagottist Rudolf Hanzl, der von 1947 bis 1953 Vorstand war und 1964 mit Millionenschulden und seiner Verhaftung das Orchester in schwere Verlegenheit brachte).

Von Bedeutung war die Wahl der jeweiligen Dirigenten für die Konzerte, deren Programme, neue Mitglieder – und natürlich die „Frauenfrage“. Die Berliner Philharmoniker hatten sich schon 1982 entschlossen, Frauen ins Orchester aufzunehmen, die Wiener brauchten erheblich länger. Die Öffnung in die Welt fand nicht nur in Gastspielreisen, sondern auch in den eigenen Reihen statt: 2016 stammten ein Drittel der Musiker – zwei Drittel gebürtige Österreicher – aus immerhin 22 Nationen. Nur die Qualität entscheidet.

Mit wenig mehr als einer Erwähnung nebenbei behandelt Merlin übrigens die Intrigen von Staatsopern-Direktor Ioan Holender, der das in der Staatsoper allabendlich aufspielende Orchester streng von den Wiener Philharmonikern trennte, was schon faktisch nicht stimmte…

An Kalamitäten, Aufregungen, Problemen hat es nie gefehlt. Doch dieses Dinge bleiben – wenn man sie nicht wie jetzt zwischen Buchdeckeln liest – im allgemeinen der Öffentlichkeit verborgen. Nach außen drang und dringt der Glanz des Orchesters, seiner Konzerte und wie er, viel bejubelt, aus dem Graben der Staatsoper erklingt. Und so soll es sein. Musikfreunde allerdings, die es genauer wissen wollen, erfahren hier viel Neues.

Renate Wagner

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Werner Telesko: MARIA THERESIA

BuchCover_Telesko  Maria Theresia

Werner Telesko:
MARIA THERESIA
Ein europäischer Mythos
312 Seiten, Böhlau Verlag, 2012

Jede Epoche hat „ihre eigene“ Maria Theresia, der Blick in die Vergangenheit wird vom jeweiligen Heute bestimmt: Auch die Biographien, die nun zum 300. Geburtstag neu herauskommen, nehmen sich davon nicht aus. Denn längst geht es nicht mehr um die Fakten, sondern nur noch um deren Interpretation.

Bedenkt man, dass die meisten Biographien, die derzeit neu über Maria Theresia erscheinen, vom Mythos dieser Frau ausgingen, so rückt das Buch das Werner Telesko vor fünf Jahren schrieb, wieder in den Mittelpunkt des Interesses (zumal er zu den Ausstellungsgestaltern des gelungenen Maria Theresia-Viererpacks in Wien / Niederösterreich zählt). Denn er hat sich programmatisch, schon im Titel, mit Maria Theresia als „europäischem Mythos“ befasst. Sein Thema ist die Rezeption dieser Person „Maria Theresia“ von einst bis heute, mit dem selbstverständlichen, vorweg genommenen Ergebnis, dass es kein bestimmtes Image Maria Theresias gab noch gibt, sondern dass es stetem (und oft auch willkürlich manipuliertem) Wandel unterworfen ist.

Zu den wichtigsten Schwerpunkten der Betrachtung zählte stets der Gegensatz Maria Theresia –Friedrich II. von Preußen, Positionen, die von Anfang an konstruiert wurden (auf Fakten basierend, dann je nach Ideologie manipuliert). Der König und die Kaiserin, Mann – Frau, Krieg – Frieden, Katholizismus – Protestantismus, das klassische, wirkungsvolle Kontrastbild. Besonders interessant dessen Wandel in der Geschichte – Maria Theresia als Instrument, wenn es um eine abgegrenzt österreichische Identität geht, einverleibt wie in der Zeit des Nationalsozialismus, wo eine künstliche Versöhnung Preußen-Österreich auf der Basis von Geschichtsfälschung erzwungen wurde („Zwei Sterne am politischen Himmel des deutschen Vaterlands…“)

Immer gegriffen hat die Selbstdefinition der Kaiserin als „Mutter“, einerseits von 16 Kindern, andererseits ihrer Völker. Dennoch war sie ebenso immer in dieser ihrer Eigenschaft als Frau Zielscheibe von männlicher Aggression und Herabsetzungen – die schwankenden Formulierungen von Friedrich II. über sie sind bekannt (der zu intelligent war, um ihr nicht gelegentlich Bewunderung zu zollen).

Andererseits führten Superlative der Historiker zu einer wahren Übersteigerung ihrer Person zum Ideal-Typus aller nur denkbaren positiven Eigenschaften. Die Instrumentalisierung ihrer Figur erfolgte übrigens nicht nur durch österreichische Historiker und Politiker, auch Hugo von Hofmannsthal (der im Schlösschen ihrer Aja, der Gräfin Fuchs, wohnte) hat 1917 einen berühmten Gedenk-Aufsatz geschrieben, der sich auch für Propaganda mitten im Ersten Weltkrieg eignete…

Telesko geht der Konstruktion des Mythos nun in Bild und Wort nach (wobei die „Dekonstruktion des Götzenbildes“, wie Historiker Karl Vocelka die Aufgabe der Geschichte darstellt, hier einen vergleichsweise geringen Raum einnimmt). Bilder – von ihm mit dem modernen Begriff „Body Politics“ bezeichnet – haben von Anfang an für das Bewusstsein, die Darstellung und die Repräsentation der Kaiserin eine entscheidende Rolle gespielt. Maria Theresia wurde auf Medaillen verewigt, auch im klassischen Sujet der „antiken“ Verkleidung, sie wurde auch in allegorische Gemälde aller Art eingebracht, es gibt sogar eine Darstellung als Heilige Barbara, aber entscheidend waren die Porträts, wobei gerade Martin van Meytens für die „Emotionalisierung“ sorgte, man sie andererseits aber auch mit allen Insignien versorgte, die ihre Macht ausdrückten.

Immerhin gibt es nicht weniger als 46 Einzelporträts Maria Theresias (von ihrem Vater gibt es 24), das ist schon ein Konzept… Selbst als sich Maria Theresia ab 1765 nur noch in Witwentracht malen ließ, zeichneten sich ihre Porträts durch große Kontinuität und Wiedererkennungswert aus.

Noch wichtiger wurden die „Familienbilder“, je mehr Kinder es gab, die neue Familie Habsburg-Lothringen (wobei man das Lothringen gerne vergaß) musste gezeigt, je zelebriert werden. (Bedauerlich ist es gerade in diesem Teil des Buches, dass sich ein komprimierter Bildteil am Ende findet, während man manche beschriebene Bilder der Einfachheit halber gerne an Ort und Stelle im Fließtext gefunden hätte).

Telesko widmet sich auch der Garderobe, in der sich Maria Theresia darstellen ließ (kostbar, aber diskret), während noch niemand auf die kontinuierliche Schlichtheit ihrer gerade aus der Stirn gestrichenen Frisuren hingewiesen hat. Jedenfalls hat sie – sicher aus Überlegung, sicher auch aus Mangel an Interesse – nie „Mode“ gemacht, was ihr als Kaiserin leicht gefallen wäre (man denke an die Darstellungen ihrer Tochter Marie Antoinette, die die Modefürstin ihrer französischen Nation war).

Teil der Repräsentation, aber auch Aussage über eine nach außen hin perfekte Ehe, war der Prunksarkophag, für den Maria Theresia die Familiengruft bei den Kapuzinern ausbauen ließ und der zu einem barocken, anspielungsreichen Meisterstück eigener Art wurde. Das hat auch mit dem Habsburgischen Totenkult zu tun (der ja bis 1916, dem Begräbnis ihres Ururenkels Kaiser Franz Joseph, anhielt).

Ein weiterer wesentlicher Teil des Buches ist Maria Theresia in der Dichtung gewidmet, wobei die literarische Verherrlichung schon zu ihren Lebzeiten begann. Die Superlative überschlugen sich („Apollo ist zwar groß, die Kaiserin noch größer“), selbst große Dichter wie Gottsched ergingen sich in Elogen. Joseph von Sonnenfels (dem sie verdankt, dass noch zu ihren Lebzeiten die Folter abgeschafft wurde) fand in einer Lobrede 1762 den Begriff der „Mutter der Völker“, und beim Tod der Kaiserin zogen die Lobredner alle überbordenden Register.

Populärliteratur ist etwas anderes als Geschichtsschreibung – hier konnte ein „volkstümliches“ Bild der Herrscherin konstruiert werden, das später in Theater und Film überging. Da vermochte man sie in Wort und Bild mit allen Klischees (die Kaiserin bei den Armen und Kranken etc.) zu versehen.

Der „Landesmutter“-Kult, schon zu ihren Lebzeiten initiiert, hielt lange an. Jedes Jubiläum – Geburts- und Todestag – setzte die Maschinerie aufs Neue in Gang, und wie sehr sie zur Identifikationsfigur des Franzisko-Josephinischen Zeitalters wurde, zeigte 1888 die Aufstellung ihrer Statue zwischen den beiden Museen. Thronfolger Franz Ferdinand pflegte einen wahren Kult des Maria-Theresianischen Zeitalters. Damals konnte man sie auch als Gegenfigur zum preußischen „Fridericus-Kult“ benützen. Dazu kommt, von Telesko sehr interessant ausgeführt, das weitgehend negative Bild Maria Theresias in der deutschen („borussianischen“, wie man für preußisch damals sagte) Geschichtsschreibung.

Die Nachwelt-Geschichte der Maria Theresia ist jene des Ringens um Definitionen: vor allem im 20. Jahrhundert wird ihr Bild diffus. Zwar empfängt auch die Republik bis heute  unter ihrem Repräsentationsgemälde, der Blick auf sie ist hingegen schärfer, kritischer, „böser“ geworden – genau so eine Übertreibung wie die Huldigungen der Vergangenheit. Ein Weg, durch den Teleskos Buch beeindruckend führt.

Nur eine Frage bleibt am Ende offen, ob es sich bei Maria Theresia wirklich um einen „europäischen“ Mythos handelt – oder ob sie nicht die Bürde ist, an der sich Österreich ohne Unterlass abarbeitet und das weiterhin tun wird, solange die eigene Geschichte noch irgendeine Relevanz für die Menschen der Gegenwart besitzt.

Renate Wagner

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Katrin Unterreiner: MARIA THERESIA

BuchCover Unterreiner, Maria Theresia

Katrin Unterreiner: 
MARIA THERESIA
Mythos & Wahrheit
192 Seiten, styriapremium Verlag, 2016

Von den vielen neuen Maria-Theresia-Biographien zum 300. Geburtstag ist die von Katrin Unterreiner (ehemalige Leiterin der Kaiserappartements der Hofburg und Kuratorin des „Sisi Museums“) vergleichsweise die kürzeste und zur schnellsten Information gedacht. Dabei deutet der Untertitel „Mythos & Wahrheit“ an, dass man auch vielen Mythen über die Kaiserin auf der Spur ist, deren Wahrheitsgehalt es zu überprüfen gilt.

Schon das erste Kapitel, die Frage, ob die „Pragmatische Sanktion“ für Maria Theresia geschaffen wurde – wie es oft verkürzend den Anschein hat -, kann eindeutig mit nein beantwortet werden. Als Karl VI. dieses Hausgesetz (die Erbfolge seiner noch nicht geborenen Kinder, auch wenn es Mädchen seien, vor den Töchtern seines verstorbenen Bruders) erließ, hatte er noch gar keine eigenen Kinder, bewies aber ziemliche Voraussicht.

Andere Fragen sind leicht mit „Ja“ zu beantworten: War es eine Liebesheirat mit Franz Stephan von Lothringen? Natürlich. War Maria Theresia auf ihre Aufgabe als Herrscherin vorbereitet? Unzureichend, was ihre Leistung noch bemerkenswerter macht. Wie ist das mit dem Kaiserinnen-Titel, den man ihr immer verweigern will? Da kann die Autorin richtigerweise „Ja und nein“ sagen, gekrönt war sie nicht, aber jede „Frau des Kaisers“ trug auch ohne Krönung diesen Titel – und Maria Theresia hat ihn nach Lust und Laune selbst auf Dokumenten verwendet.

Anekdotisch wird es, wenn man nach dem Besuch des kleinen Mozart in Schönbrunn fragt, wo nur wenige Details, die später so gerne auch in Mozart-Biographien ausgeschmückt wurden, dokumentarisch belegt werden können. Und wie war das mit Maria Theresias angeblicher Spielleidenschaft? Nun, sie spielte Karten zur Entspannung (die Autorin erklärt, wie das heute nicht mehr bekannte „Pharao“-Spiel funktionierte), sie verlor auch gelegentlich hohe Summen, aber „süchtig“ war sie wohl nicht.

Manche Fragen benötigen im Lauf ihres Lebens verschiedene Antworten: Ja, als junge Frau feierte sie gerne, als Witwe war für sie vieles zu Ende. Auch ihre berühmte Gesundheit, die in der Jugend legendär war, schwand im Alter zu einer Fülle von Leiden, die auch Depressionen mit sich brachten.

So schafft es die Autorin, auf 192 Seiten sehr vieles zu behandeln, mehr auf dem privaten als auf dem politischen Sektor, immer die Kaiserin auch als Person, als Frau, Gattin, Mutter, gewissermaßen als privaten Menschen fassbar machend. Es wird nichts beschönigt: dass ihre Töchter geradezu brutal nach politischen Erwägungen Männern gegeben wurden, deren charakterliche Problematik man kannte, zählt nicht zu ihren Ruhmestaten. Und ihr Umgang mit den Juden war schlechtweg pragmatisch, reiche Juden wurden geduldet und sollten sich möglichst assimilieren, arme Juden wurden zwar nicht blutig verfolgt wie anderswo, aber (schlimm genug) ausgewiesen, wobei dies den Prager Juden aufgrund der Gerüchte widerfuhr, sie hätten für Preußen spioniert. Und tatsächlich – einem bedeutenden böhmischen Juden (der von Geld sprach) gab sie nur hinter einer spanischen Wand Audienz, so dass man einander nicht sah…

Katrin Unterreiner geht also mit ihren „Fragen“ durch die Biographie, informationsreich und undogmatisch, auch die Unterschiede zwischen der strahlenden jungen Frau, die Maria Theresia einst war, und der kranken, auch bigotten Alten aufzeigend, die sie im Lauf ihres Lebens wurde. Wie viel ihr an Privatem (Gatte und Kinder waren keine leichten Aufgaben) und als Herrscherin aufgebürdet wurde (die Kriege mit Friedrich II. von Preußen) und die Bewältigung aller Probleme ein unglaublich arbeitsreiches Leben hindurch, rundet sich immer wieder zum Bild einer doch sehr bemerkenswerten Persönlichkeit.

Renate Wagner

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Jasmin Solfaghari: OPERNFÜHRER FÜR EINSTEIGER

BuchCover Solfaghari  Opernführer

Jasmin Solfaghari:
OPERNFÜHRER FÜR EINSTEIGER
Die Hochzeit des Figaro, Der Freischütz, Der Ring des Nibelungen

Wahlweise: Deutsch-Sächsisch, Deutsch-Alemannisch

160 Seiten, Verlag Schott Music, 2017

Jasmin Solfaghari ist Opernregisseurin, deren besonderes Interesse auch dem Bereich der Oper für Kinder gilt. Hier hat sie als Vermittlerfigur den Erzähler „Luna“ gefunden. Und die Regisseurin weiß durch zahlreiche Publikumsgespräche, wie viel Bedürfnis nach Wissen über Oper besteht, sowohl im Blick auf die Werke wie auch in der Neugierde darüber, was hinter den Kulissen geschieht („Wird auf der Bühne wirklich gegessen?“).

Nun kann man nicht alles live vermitteln – dazu ist schließlich die Schrift erfunden worden. Im Internet und als Book on Demand (wer noch Papier in den Händen halten will) hat Jasmin Solfaghari einen „Opernführer für Einsteiger“ geschaffen, der wirklich etwas Besonderes ist.

Zuerst erzählt die Autorin – oder nein, ihr Alter Ego „Luna“ – die Geschichte dreier Opernwerke nach, von Mozarts „Figaro“, Webers „Freischütz“, Wagners „Ring“, und sie tut es einfach, aber über die Handlung auch auf die Gefühle der Figuren eingehend und mit Hinweis auf die berühmtesten Arien und Passagen. Eine Art Stammtafel-Zeichnung – wer gehört wie zu wem – bietet Beziehungs-Übersichten, mit deren Hilfe man sich näher mit den Figuren befassen kann.

Ja, und anschließend ein bisschen Anekdotisches (dass der „Drache“ für „Siegfried“ in England angefertigt wurde und nur teilweise in Bayreuth ankam, lag daran, dass ein Teil davon nach Beirut verschickt wurde) und viel Praktisches: Wie geht das, wenn Sänger sich auf der Bühne ohrfeigen? Wie und was trinkt man auf der Bühne? (Ein Detail sei verraten: Whisky ist Apfelsaft!) Warum braucht man im „Ring“ ganz verschiedene Speere? Wie funktioniert das mit dem „Umziehen auf der Bühne“?

Kurz, hier kann man wirklich in die Realität des „Opernmachens“ eintreten, weil eine Regisseurin nicht nur an sich und ihre „Konzepte“, sondern mehr noch an das Publikum denkt, für das sie arbeitet.

Die letzte Besonderheit am Ende: Jasmin Solfaghari weiß natürlich, dass „Hochdeutsch“ die Lingua franca aller Deutschsprechenden ist, dass ein Großteil der Menschen aber doch ihre heimische Mundart spricht, die vom Hochdeutschen nicht nur abweicht, sondern auch einen eigenen Klang und eine eigene Formulierungskraft hat. Also gibt es wahlweise für den Opernführer im zweiten Teil eine Übersetzung des Textes ins Sächsische, ins Alemannische.

Renate Wagner

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