Der Neue Merker

Brigitte Hamann: SO SCHÖN KANN WISSENSCHAFT SEIN!

BucCover Hamann

„SO SCHÖN KANN WISSENSCHAFT SEIN!“
ZEITKAPSELN AUS DER SAMMLUNG BRIGITTE HAMANN
Mit Kronprinz Rudolf im Unterricht,
mit Kaiserin Elisabeth von Schloss zu Schloss,
mit Arthur Schnitzler beim Villenkauf
Herausgegeben von Marcel Atze unter Mitarbeit von Kyra Waldner.
348 Seiten, 311 Abbildungen
Wien, Amalthea Verlag 2017

„Echte“ Historiker, deren Arbeit auf Quellenforschung und Zeitanalyse beruht, werden normalerweise keine Bestsellerautoren. Brigitte Hamann (1940-2016) war diesbezüglich eine Ausnahme. Sie hatte beim Schreiben ihrer Bücher nicht das Urteil der Kollegen und der gestrengen Fachpresse, sondern den „normalen Leser“ im Blick. Diesen wollte sie interessieren und zugegebenermaßen auch unterhalten. Dass ihr das nicht unbedingt die Sympathie vieler Kollegen eintrug, war klar. Letztendlich war ihr Prestige vor allem in Sachen Habsburg unangefochten, und auch Bücher über Bertha von Suttner, Hitlers Lehrjahre in Wien, Winifred Wagner und Hitlers Bayreuth fanden eine breite Leserschaft.

Brigitte Hamann, die in ihren letzten Lebensjahren die Alzheimer Krankheit auf sich zukommen fühlte, hat rechtzeitig dafür gesorgt, ihren Nachlass sorglichen Händen zu überlassen. Die Wienbibliothek im Rathaus kam in Besitz der rund tausend Hängemappen mit den Unterlagen zu ihren Büchern, ihres Briefwechsels und vor allem der zahllosen Autographen, die sie erworben hatte. Für Brigitte Hamann war der Weg „zu den Quellen“ die Grundlage des historischen Arbeitens, und sie hat weit mehr zusammen getragen, als sie selbst noch auswerten konnte.

Das Buch, das ihre Überzeugung „So schön kann Wissenschaft sein!“ reflektiert, ist der Begleitband zu der Ausstellung, die ihr die Wienbibliothek widmet (noch bis 26. Jänner 2018 zu sehen) und fächert Schwerpunkte ihrer Sammlung auf. Die „Zeitkapseln“, die hier geöffnet werden, beziehen sich in erster Linie auf Kaiserin Elisabeth – diese Biographie („Elisabeth. Kaiserin wider Willen“), 1981 erschienen, hat sie berühmt gemacht. Dann auf den Kronprinzen Rudolf, über den sie dissertierte und über den sie 1978 ihr erstes Buch herausbrachte („Rudolf. Kronprinz und Rebell“). Und Ausstellung und Buchtitel werben auch damit, dass Brigitte Hamann 1998 bei einer Auktion Materialen zum Kauf der Villa fand, die Arthur Schnitzler in der Sternwartestraße von der Schauspielerin Hedwig Bleibtreu erwarb.

Dazu und zu vielen anderen Materialien, die ihr „Wissen“ zufütterten, ohne selbst im Mittelpunkt von Werken zu stehen, gibt es in dem Buch ausführliche Artikel. Allerdings stets zur Sache selbst, weniger darüber, wie, wo und warum sie von Brigitte Hamann erworben wurden, was ihre Leser vermutlich sehr interessiert hätte. Natürlich ist sie als Person auch Teil der Ausstellung, weniger im Buch, und am Ende würde man hoffen, dass Brigitte Hamanns Sohn, selbst Schriftsteller, seiner Mutter selbst einmal eine Biographie widmen würde.

Es war doch ein hoch interessantes und keinesfalls friktionsreiches Leben, das sie von ihrer Geburtsstadt Essen nach Wien führte, wo die Geschichtsstudentin 25jährig den Historiker und Universitätsprofessor Günther Hamann heiratete, drei Kinder bekam, als seine Assistentin arbeitete und sich dann mit ihren Arbeiten über die Habsburger – später so erfolgreich, anfangs verlagsmäßig kaum an den Mann zu bringen! – emanzipierte und profilierte. Für alle TV-Stationen avancierte sie zur Referenzpersönlichkeit in Fragen über die Familie Habsburg, hat aber dann ihren Interessenskreis – nach dem „Umweg“ über Bertha von Suttner – mit Hitlers Welt interessant erweitert. Angriffen stand sie gelassen gegenüber – sie wusste sich stark gestützt: Von Hunderttausenden von Lesern. Was nun quasi als ihr „letztes Buch“ vorliegt, zeigt, wie grenzenlos ihr historischer Horizont war.

Renate Wagner

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