Der Neue Merker

BRESLAU/ WROCLAW: EUROPAS SCHÖNE KULTURHAUPTSTADT 2016

Breslau (Wroclaw): Europas schöne Kulturhauptstadt 2016, 08.01.2016
Von Ursula Wiegand

Markt (Rynek), Nordseite mit Künstlertreff Literatka (rot)
Markt (Rynek), Nordseite mit Künstlertreff Literatka (rot). Copyright: Ursula Wiegand

Genau so sollte eine Kulturhauptstadt aussehen, so wie das fein restaurierte tausendjährige Wroclaw, das frühere Breslau mit seinem Altstadtmarkt (Rynek) und der Starparade kunterbunter Häuser. Deutsches Erbe, von Polen bewahrt und bestens gepflegt. Von Menschen, die – nach dem 2. Weltkrieg aus Ostpolen vertrieben – an Stelle der vertriebenen Deutschen in Breslau eine neue Heimat fanden.

Haus zu den sieben Kurfürsten, 13. Jh., Gemälde 1672
 Haus zu den sieben Kurfürsten, 13. Jh., Gemälde 1672. Copyright: Ursula Wiegand

Das zartgelbe Haus „Unter den Greifen“ von 1589 und das ockerfarbene „Zu den sieben Kurfürsten“ aus dem 13. Jahrhundert mit der Fassadenmalerei von 1672 sind echte Hingucker, ebenso das schmale rote mit dem Künstlertreff Café Literatka.

Oppenheim Palais am Salzmarkt
 Oppenheim Palais am Salzmarkt. Copyright: Ursula Wiegand

Auf dem angrenzenden Salzmarkt (Plac Solny) imponiert das barocke grün-güldene Oppenheim-Palais, im Parterre lockt das „Soul Café“. In den zahllosen Altstadt-Restaurants können alle zu meist günstigen Preisen satt werden, falls die nicht im Kulturhauptstadtjahr angehoben werden.

Breslaus beliebte Zwerge
Breslaus beliebte Zwerge. Copyright: Ursula Wiegand

Und bloß nicht über die vielen kleinen Metallzwerge stolpern, die zum Markenzeichen der Stadt geworden sind!

Breslaus schönes Altes Rathaus
 Breslaus schönes Altes Rathaus. Copyright: Ursula Wiegand

Den Schönheitspreis gewinnt jedoch zweifellos das großartige gotische Rathaus mit seinem fabelhaften Ostgiebel und dem Piwnica Świdnick, dem Schweidnitzer Keller, dem ältesten Lokal des Landes mit Bier und Braten seit etwa 1273.

Markt (Rynek), Westseite mit dem Turm der Elisabethkirche
 Markt (Rynek), Westseite mit dem Turm der Elisabethkirche. Copyright: Ursula Wiegand

Die Westecke des Marktes beherrscht die 1946 re-katholisierte St. Elisabethkirche. 300 Stufen sind es bis zur Aussichtsplattform. Dort geht der Blick bis zur Dominsel, wo die beiden 98 m hohen Westtürme der Kathedrale emporragen. Noch weit deutlicher ist sie vom Oder-Ufer aus zu sehen. Dass dieser Johannes dem Täufer geweihte Dom zu 70 Prozent zerbombt wurde, ist ihm nicht mehr anzusehen. Schon 1951 war der Wiederaufbau weitgehend vollbracht.

Oder und Dom
Oder und Dom. Copyright: Ursula Wiegand

Doch nicht nur das Herz Breslaus/Wroclaws ist saniert und gepflegt, die angrenzenden Stadtteile sind es ebenfalls. Die Fußball Europameisterschaft von 2012 und die jetzige Kulturhauptstadt-Ehre haben die Polen veranlasst, die Stadt ins beste Licht zu rücken. Investitionen, die der Bevölkerung und den Besuchern längerfristig zu Gute kommen.

Nationales Forum der Musik (NFM)
Nationales Forum der Musik (NFM). Copyright: Ursula Wiegand

Für die Wahl zur Europäischen Kulturhauptstadt zählt ohnehin das Besondere und Zukunftsweisende. Die Juroren beeindruckte vor allem das seit 2010 im Bau befindliche Nationale Forum der Musik (NFM). Das warmrote, mit Edelhölzern verkleidete Gebäude, geplant vom renommierten Architekten Stefan Kuryłowicz, erinnert mit seiner leicht geschwungenen Seitenfront an Streichinstrumente.

Nationales Forum der Musik, Klaviertasten-Anmutung, e
 Nationales Forum der Musik, Klaviertasten-Anmutung. Copyright: Ursula Wiegand

Im Inneren dann Klaviertastenanmutung durch entsprechende Weiß-Schwarz-Kontraste. Schon im September 2015 wurde der neue Konzerttempel eröffnet. Agnieszka Frei, Press Office Manager, zeigt den großen Saal mit seinen 1.820 Sitzen, dessen Decke sich auch absenken lässt.

Nationales Forum der Musik, der große Saal
Nationales Forum der Musik, der große Saal. Copyright: Ursula Wiegand

Für spezielle Aufführungen für ein weniger zahlreiches Publikum stehen kleinere Säle zur Verfügung, ein roter und ein schwarzer, doch beide mit ebenfalls perfekter Akustik. Die Kosten von insgesamt 110 Millionen Euro wurden zu zwei Dritteln von Polen getragen, der Rest von der EU.
Anderes kommt den anreisenden Gästen sicherlich bekannt vor: Die Liebesschlösser auf der Dombrücke (Most Tumski). Ihre Fülle überrascht dennoch. Der Zugang zum Dom als Ort der Liebe in jeder Hinsicht. Im gewaltigen Gotteshaus lassen sich intensiv Betende nicht von den fast ständigen Besucherführungen stören, davon viele auf Deutsch.

Historisches Museum, früher Schloss von Friedrich II
Historisches Museum, früher Schloss von Friedrich II. Copyright: Ursula Wiegand

Frühere Tabus gegen das Deutsche hatte schon die 2009 im Historischen Museum – einst das Schloss von Preußenkönig Friedrich II – eröffnete Dauerausstellung „1000 Jahre Breslau“ abgebaut.

Evangelische Hofkirche
Evangelische Hofkirche. Copyright: Ursula Wiegand

Gleich neben diesem Hohenzollernschloss steht die kleine evangelische Hofkirche von 1750. Seit 1995 bildet sie mit der katholischen St. Antoniuskirche, der Orthodoxen Kirche der Geburt der Allerheiligsten Mutter und der Synagoge zum Weißen Storch das Viertel der gegenseitigen Achtung, kurz Toleranzviertel. Auch dieses gehörte zu den Pluspunkten bei Wroclaws Wahl zur Kulturhauptstadt Europas 2016.

Toleranzzeichen vor dem Toleranzviertel
Toleranzzeichen vor dem Toleranzviertel. Copyright: Ursula Wiegand

Wie aber gestaltet sich die Zusammenarbeit unter den Christen? „Die Wünsche sind größer als die Möglichkeiten, aber wir tun, was wir können,“ sagt Ryszard Bogusz in bestem Deutsch. Seit 40 Jahren ist er Gemeindepfarrer, war bis vor kurzem 20 Jahre lang Bischof der Diözese. 2016 geht er in Pension.

Evangelische Hofkirche, Orgel
Evangelische Hofkirche, Orgel. Copyright: Ursula Wiegand

Nach seinen Worten gibt es im katholisch geprägten Polen über 70.000 evangelische Christen, in Breslaus beiden Gemeinden rd. 1000. Gegen Jahresende möchte Ryszard Bogusz gerne Bachs Weihnachtsoratorium aufführen, allerdings nicht in seiner im Winter zu kalten Kirche.

Um die offiziellen Kulturevents kümmern sich acht Kuratoren. Im Festivalbüro, der umfunktionierten Bar Barbara, überreicht mir Kommunikationsexpertin Magdalena Babciszewska eine 144 Seiten starke Broschüre auf Deutsch, gegliedert in Architektur, Film, Literatur, Musik, Oper, Performance, Visuelle Künste, Theater und Bühne Wroclaw.
Platz 1 für die Architektur basiert auf dem Wohnprojekt „Nowe Žerniki“, einem neuen Stadtteil im Westen Breslaus. Nach den Worten von Kurator Zbigniew Maćków entsteht dort ein freundliches, aufgelockertes Wohnviertel mit allen Fazilitäten, zugeschnitten auf die Bedürfnisse und Erwartungen von modernen Bürgern. Es ist die heutige Antwort auf die Werkbundausstellung Wohnung und Werkraum von 1929 im Osten Breslaus, inspiriert durch die Stuttgarter Weißenhofsiedlung von 1927.

Jahrhunderthalle, 1913 von Max Berg,  Weltkulturerbe
Jahrhunderthalle, 1913 von Max Berg,  Weltkulturerbe. Copyright: Ursula Wiegand

Breslaus Bauten aus jener Zeit werden dort nun historisch getreu wiederbelebt, passend zur wuchtigen, 11.000 qm großen Jahrhunderthalle (Hala Stulecia) von 1913. Mit ihrer 4200 Tonnen schweren Riesenkuppel – Spannweite 65 m – war dieser Stahlbetonbau eine wagemutige Pioniertat von Baustadtrat Max Berg. Allerdings traute sich – so Stadtführerin Renata Bardzik – kein Arbeiter, Berg beim Entfernen der Betonpfeiler-Verschalung zu helfen, aus Angst, die Kuppel könnte einstürzen.

Jahrhunderthalle von 1913, die riesige Kuppel
 Jahrhunderthalle von 1913, die riesige Kuppel. Copyright: Ursula Wiegand

Eine unnötige Befürchtung. Dem Bombenhagel entging die Jahrhunderthalle ebenfalls. Wegen ihrer kühnen Bauweise ist sie seit 2006 Breslaus einziges UNESCO-Weltkulturerbe und wird aufgrund ihrer guten Akustik auch bei Musikveranstaltungen gerne genutzt.

Eröffnet wird das Kulturjahr, für das Wroclaw auf 6 Millionen Besucher hofft, am 16./17. Januar mit dem Spektakel „Przebudzenie“ (Erwachen), das auf dem Alten Markt endet. Geplant hat es der britische Performance-Künstler Chris Baldwin. Am 11. Juni inszeniert er die Aktion „Flow“ (Fluss). Die Oder als Mittelpunkt des radikalen Wandels, den die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat.

Mit 50 Projekten, u.a. dem mehr als 50jährigen Knüller „Jazz an der Oder“ und dem Chortreffen „Singing Europe“ bildet die Musik den Schwerpunkt.

Kino Nowe Horyzonty
Kino Nowe Horyzonty. Copyright: Ursula Wiegand

Die Filmfreunde kommen im Alternativkino Nowe Horyzonty auf ihre Kosten, zumal dort am Jahresende erstmalig der Europäische Filmpreis verliehen wird.
Das Highlight dürfte jedoch die „Spanische Nacht mit Carmen“ inklusive Zarzuela-Show (Operette nach spanischer Art) am 18. Juni sein, eine Mega-Produktion der Breslauer Oper, die damit eine Verbindung nach San Sebastian knüpft, der zweiten Kulturhauptstadt Europas 2016.

Breslaus Oper im klassizistischen Stil
Breslaus Oper im klassizistischen Stil. Copyright: Ursula Wiegand

Dieses Top-Event unter der Leitung der langjährigen, höchst verdienten Opernchefin Ewa Michnik, die Breslaus Oper auf ein internationales Niveau gehoben hat, ist gleichzeitig ihr Abschied. Es sei jetzt an der Zeit zu gehen, äußerte kürzlich die 72-Jährige, und das wohl nicht nur aus Altersgründen.
Das Finale am 17. Dezember namens „Niebo“ (Himmel) vereint Künstler aus Deutschland, Frankreich, Israel, Tschechien, Schweden und Großbritannien in der Jahrhunderthalle. Die Botschaft lautet: Wrocław gehört als europäische Stadt all denjenigen, die hier leb(t)en und ihre Spuren hinterließen. Schon jetzt gehört sie mehr und mehr der Jugend Europas.

Infos beim Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin, Tel. +49 (030)210092-0. – Programm, auch auf Deutsch unter www.wroclaw.pl. Rechts oben unter PL den kleinen roten Pfeil betätigen.  – Angenehm ist das Hotel Patio in der Altstadt, ul. Kiełbaśnicza 24, neben der Elisabethkirche, Tel. +48 71 37 50 400, www.hotelpatio.pl
Lektüre: „Breslau“ von Klaus Klöppel, Trescher Verlag, 5. aktualisierte und erweiterte Auflage 2016, ISBN 978-3-89794-329-2 . 

(U.W.)

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