Der Neue Merker

BREGENZ/Festspielhaus: HAMLET von Franco Faccio als Hexenkessel der Emotionen. Premiere

Bregenz/ Festspielhaus: „HAMLET“ VON FRANCO FACCIO ALS HEXENKESSEL DER EMOTIONEN (20.7.2016)

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Pavel Cernoch, Dsahmilja Kaiser, Gianluca Burrato. Copyright: Bregenzer Festspiele/ Karl Forstner

Man fühlte sich an die Goldenen Jahre der Ära Wopmann in Bregenz erinnert. Eine absolute Opern-Rarität, von der es nicht einmal eine CD-Aufnahme gibt, wurde glanzvoll inszeniert und grandios musiziert. Und „Hamlet“ von Franco Faccio wurde zuletzt gefeiert wie eine Premiere von Verdi oder Puccini. Und mit Verdi hat der Schöpfer des „Amleto“, wie er auf Italienisch heißt, tatsächlich zu tun. Denn der Name Faccio hat seinen fixen Platz in der Operngeschichte – dirigierte er doch die Uraufführung von Verdi’s „Otello“ im Jahr 1881 an der Mailänder Scala. Der Text zu der berühmten Verdi- Shakespeare-Adaption stammt von Arrigo Boito, der einmal als Musiker wie beim „Mefistofele“ dann wieder als Text-Dichter fungierte. Und eben dieser Boito wirkte auch als Literat bei „Hamlet“. Faktum ist, dass dieses zwanzig Jahre vor Otello uraufgeführte Werk bald wieder vergessen war. Vermutlich waren die Ansprüche zu hoch. Wie auch immer: vor zwei Jahren wagte sich die US-Opera Southwest in Albuquerque an die Wiederentdeckung des „Hamlet“. Und die neue Intendantin von Bregenz Elisabeth Sobotka, die sich während ihres Studiums mit Faccio beschäftigt hatte, witterte die Chance einer europäischen „Rennaissance“. Sowohl der Dirigent der Turandot – Paolo Carignani – als auch der Regisseur Oliver Tambosi waren Feuer und Flamme.

Und die mutige Intendantin hatte auch den idealen Interpreten für die Titelrolle: Hamlet ist bei Faccio ein dramatischer Tenor und Elisabeth Sobotka’s Wahl fiel auf  den tschechischen Sänger Pavel Cernoch. Er verkörpert die verträumte Knabenhaftigkeit  und bewältigt  mühelos  aber auch die vokalen Ausbrüche, die an Verismo eines Canio erinnern. Ein Sänger mit großer Zukunft! Hamlet in der Deutung von Faccio und Boito schwankt zwischen Selbstmitleid und kämpferischen Aufbegehren, zwischen Melancholie und aggressivem Humor. Und Bregenz liefert exzellente Rahmenbedingungen: Paolo  Carignani bringt die Wiener Symphoniker zu Höchstleistungen, die Nähe zu Verdi, Boito oder Ponchielli ist unüberhörbar. Und doch entsteht eine eigene Klangwelt, die dem Erfolg zu Grunde liegt. Ausgezeichnet auch der Prager Philharmonische Chor (Leitung Lukas Vasilek). Und grandios die Inszenierung von Oliver Tambosi (Bühne Frank Philipp Schlößmann, Kostüme Gesine Völlen): sie baut auf dem Spiel im Spiel auf, mit dem Hamlet den Mord am Vater entlarven will. Und Tambosi bringt eine dritte Spielebene zum Einsatz. Die Welt als Tollhaus und Hexenkessel der Emotionen.

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Pavel Cernoch, Julia Maria Dan. Copyright: Bregenzer Festspiele/Karl Forstner

Dazu reicht aber nicht nur der überwältigende Interpret der Titelrolle, der mit Pavel  Cernoch schlichtweg ideal bezeichnet werden muss. Auch der König, der den Bruder mordet und seine Ehefrau heiratet, ist imposant. Der italienische Bass-Bariton Claudio Sgura hat eine mächtige, klangschöne Stimme und wirkt fast sympathisch. Und das gilt auch für seine „Mittäterin“ Gertrude: Dshamilja Kaiser, eine deutsche Nezzo-Sopranistin, liefert Belcanto-Klänge in einer Rolle, die durchaus mit der Lady Macbeth verglichen werden kann. Dramatik und Lyrik in den höchsten und tiefsten Lagen. Großartig! Und so geht es weiter: die Besetzung ist insgesamt exzellent und bis zur kleinsten Rolle ausgeklügelt. Die Rumänin Julia Maria Dan ist eine innige, liebreizende -lyrische Ofelia, Paul Schweinester (aus Tirol) fällt als Laertes positiv auf. Die nur mittelgroße  Stimme strahlt und sitzt. Eine reine Freude. Der russische Bass Eduard Tsanga war ein eindrucksvoller Polonius, Gianlucca Buratto überzeugt als Geist des Vaters (der zu einer großen Rolle herangewachsen ist) und Yasushi Hirano  (von der Wiener Volksoper) beweist als Luciano aber noch mehr als Totengräber, dass er über eine der schönsten Bass-Bariton-Stimmen der Gegenwart verfügt. Am Ende Jubel, Trubel, Heiterkeit. Der Mut der neuen Intendantin war enorm. Aber er hat sich offenbar ausgezahlt. Reprisen am 25. und 28.Juli 2016.

Peter Dusek

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