Der Neue Merker

BREGENZ/Festspiele/ Seebühnen: CARMEN. Premiere

2017.07.19   Bregenz / Seebühne:   „CARMEN“ – Premiere

Bildergebnis für bregenzer festspiele Carmen
Copyright: Bregenzer Festspiele

Mit großen Vorschusslorbeeren bedacht, hätte die neue Produktion der Carmen bei den Bregenzer Festspielen ein triumphaler Erfolg werden müssen. Angesagte Sensationen finden leider manches Mal nicht statt. Da war ein geduldiges Publikum 80 Minuten damit beschäftigt, seinen Regenschutz so zu positionieren, um nicht nass zu werden, und konnte sich nicht ausschließlich auf die origimelles Kartenspiele auf der Bühne konzentrieren. Da wurden tapfere Sänger und Choristen dazu gezwungen, ihren Part in einem Wahnsinnstempo zu singen, worunter natürlich allzu oft die Exaktheit der Intonierung litt. Da musste sich das wackere Bühnenpersonal auf nassem Boden wälzen, dass man am liebsten mit Handtüchern ausgeholfen hätte.

Schonungslose Kritik ist eigentlich nur beim Orchester zu üben, das ja im Trockenen spielen darf. Völlig unverständlich sind die vielen schlampig, dann wieder grob bis derb gespielten Passagen, einfühlsame Begleitung ist bei der räumlichen Trennung ohnedies nicht möglich. Paolo Carignani bemühte sich vergeblich, ein passendes Mittelmaß zu finden und das nicht in Hochform spielende Orchester zu einer idealen Interpretation zu führen. Einen schlechten Tag hatte auch der Chor, der zu oft die korrekten Einsätze verpasst hat.

Das Leading Team hat gute Arbeit geleistet, soweit man das bei den ungünstigen Umständen beurteilen kann. Das Regiekonzept von Kaspar Holten, die Bühneeinrichtung von Es Devlin und die Kostüme von Anja Vang Kragh bietet dem breiten Publikum das, was man sich in Bregenz erwartet: Ein Monumentalspektakel, optische Highlights, spektakuläre Stunts in hoher Farbenpracht.

Zum Schluss sollen aber doch auch die vier Protagonisten mit Sonderlob bedacht werden für den bedingungslosen Einsatz ihrer Gesundheit. Daniel Johansson war ein guter Don Jose, mit sicherer Höhe, aber Schwächen in der Mittellage. Mehr Temperament hätte nicht geschadet. Letzteres gilt auch für die Interpretin der Titelrolle, Gaelle Arquez. Sie beeindruckte mit guter Höhe, leichtes Vibrato störte aber doch etwas. Erstmal durfte eine Carmen – passend zum Wetter – durch Ertränken statt Erstechen ihr Leben aushauchen. Sehr gut war auch Elena Tsallagova als Micaela, neben ihrem hellen, sauber geführtem Sopan durfte man auch den Mut bewundern, ihre große Arie in luftiger Höhe (am Daumen der linken Hand, knapp unter einer überdimensionalen glimmenden Zigarette) zu singen. Ganz schlecht war Scott Hendricks als Escamillo. Fehlende Tiefe, unsauber und grob geführte Stimme, das war selbst für bescheidene Ansprüche viel zu wenig.

Das Publikum dankte allen mit viel Applaus, dankbar, dass es wenigstens eine halbe Stunde nicht beregnet wurde.

Johannes Marksteiner

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