Der Neue Merker

BREGENZ/ Festspielhaus: HAMLET von Franco Faccio

Tolle Opernausgrabung bei den Bregenzer Festspielen: „Hamlet“ von Franco Faccio (Vorstellung: 25. 7. 2016)

2394115_t1w600h392q90v42389_urn-newsml-dpa-com-20090101-160721-99-761493_large_4_3
Beeindruckend in jeder Hinsicht Pavel Černoch als Hamlet (Foto: Bregenzer Festspiele / Karl Forster)

Die heurigen Bregenzer Festspiele warteten im Festspielhaus mit einer tollen Opernausgrabung auf: „Hamlet“ von Franco Faccio. Im Jahr 1865 in Genua uraufgeführt, wurde die Oper, deren Libretto Arrigo Boito verfasste, nach einer missglückten Aufführung an der Mailänder Scala 1871 (der Tenor für die Titelrolle war erkrankt) erst wieder 2014 in der amerikanischen Stadt Albuquerque gespielt, ehe sie nun bei den Bregenzer Festspielen 2016 als österreichische Erstaufführung einen sensationellen Publikumserfolg erzielte. Ein Verdienst von Elisabeth Sobotka, der Intendantin der Festspiele, die sich während ihres Studiums mit dem Werk beschäftigt hatte.

Franco Faccio (1840 – 1891) verband mit Arrigo Boito seit dem gemeinsamen Studium  am Mailänder Konservatorium eine frühe Freundschaft, die sich neben ihrem gemeinsamen Kampf für die nationale Befreiungsbewegung in ihren Bemühungen um eine Erneuerung der italienischen Oper ausdrückte. So schrieben sie gemeinsam zwei patriotische Kantaten, deren Erfolg ihnen die Türen zur Mailänder Scala öffnete, wie im informativ gestalteten Programmheft nachzulesen ist. Nach dem Misserfolg seines „Amleto“ in Mailand konzentrierte sich Faccio ganz auf seine Tätigkeit als Dirigent. Neben italienischen Erstaufführungen von Verdi-Opern (wie Aida und Don Carlo) dirigierte er auch die Uraufführung von Verdis Otello und die italienische Erstaufführung von Wagners Die Meistersinger von Nürnberg.

Neben der häufig gespielten Hamlet-Oper von Ambroise Thomas gibt es unzählige Vertonungen dieses Stoffs (u. a. von Gasparini, Mercadante, Peruzzini, Searle, Szokolay und Rihm, dessen Hamletmaschine erst kürzlich in Zürich aufgeführt wurde), doch gelten Faccio und Boito als die ersten Autoren, die sich Shakespeares Original tatsächlich verpflichtet fühlten und die Bearbeitung des Stoffs für die Opernbühne behutsam und detailgetreu durchführten.

2394131_t1w600h392q90v6742_urn-newsml-dpa-com-20090101-160721-99-762092_large_4_3
Bildgewaltig die Szenen mit Gianluca Buratto als Geist (Foto: Bregenzer Festspiele / Karl Forster)

Olivier Tambosi, der vor 25 Jahren die von ihm mitgegründete Neue Oper Wien leitete und danach eine internationale Karriere als Regisseur startete, gelang in Bregenz eine eindrucksvolle und packende Inszenierung. Ein Zitat von ihm aus dem Programmheft: „Als ich begann, mich mit Arrigo Boitos und Franco Faccios ‚Amleto‘ zu beschäftigen, musste ich schon schlucken, weil es tatsächlich deren erklärter Ehrgeiz war, den künstlerischen Anspruch von Shakespeares Schauspiel voll auf die Opernbühne mitzunehmen. Dieser Stoff bezieht seit der Uraufführung einen Teil seiner Faszination immer wieder aus dem Unerklärlichen, Rätselhaften. Das Spannende liegt darin, dass sich in jeder Epoche neue Fragen auftun: Fragen von Sein und Schein, vom Sich-Verstecken im gesellschaftlichen Machtspiel. Fragen über und nach Realität und Identität – das sind nur einige der der vielen Fragen des ‚Hamlet‘. Als Regisseur bin ich begeistert und habe zugleich Respekt vor dieser Aufgabe.“

 Tambosi schaffte es, seine Begeisterung auf die Bühne und offensichtlich auch auf alle Mitwirkenden zu übertragen, wie man an seiner exzellenten Personenführung sehen konnte.

Wohltuend die eher karge Bühnenausstattung mit großen Steingebilden, aber wenigen Requisiten (Bühne: Frank Philipp Schlößmann) und die farbenprächtigen, der Commedia dell‘ arte nachempfundenen Kostüme von Gesine Völlm. Weniger wohltuend das Lichtkonzept von Manfred Voss, das durch grelle Scheinwerfer einige Male das Publikum so stark blendete, dass viele ihre Augen schließen mussten. Schade…

Aus dem hervorragenden Sängerensemble ragte der tschechische Tenor Pavel Černoch als Darsteller der Titelrolle heraus. Großartig, wie er die schwierige Partie mit seiner kraftvollen Stimme meisterte und schauspielerisch seine Gefühle ausdrucksstark wiedergab. Er hätte wohl auch auf jeder Theaterbühne als Hamlet reüssiert.

2394134_t1w600h392q90v32817_urn-newsml-dpa-com-20090101-160721-99-762107_large_4_3
Iulia Maria Dan als Ofelia (Foto: Bregenzer Festspiele / Karl Forster)

Gut besetzt der italienische Bariton Claudio Sgura als dänischer König Claudio und die deutsche Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser in der Rolle der Königin Gertrude, Hamlets Mutter. Beide spielten ihre Ängste und ihre innere Zerrissenheit beeindruckend und überzeugten auch stimmlich.  Die Rolle der Ofelia wurde von der zarten rumänischen Sopranistin Iulia Maria Dan gespielt, die anfangs eher zurückhaltend sang, aber im Laufe der Vorstellung immer stärker wurde und schließlich ihre Arien brillant wiedergab.   

Einen starken Eindruck hinterließ der Innsbrucker Bariton Paul Schweinester als Laerte, Sohn des Polonio und Bruder der Ofelia, der mit seinem quirligen Spiel und der Fechtszene mit Hamlet begeisterte. Der italienische Bass Gianluca Buratto – er wurde von der Intendantin der Festspiele vor der Vorstellung als indisponiert angesagt, war aber dennoch  aufzutreten bereit – spielte den Geist des ermordeten Königs auf bedrohliche Art und mit knorriger Stimme, der russische Bass-Bariton Eduard Tsanga lieh dem Hofmarschall Polonio seine sonore Stimme. Wohlklingend der Bass von Yasushi Hirano als Totengräber.

In kleineren Rollen ergänzten noch das Sängerensemble: der französische Bariton Sébastien Soulès als Hamlets Freund Orazio, der polnische Bass-Bariton Bartosz Urbanowicz als Offizier Marcello, der amerikanische Tenor Jonathan Winell als König Gonzaga und die Vorarlberger Sopranistin Sabine Winter als dessen Gattin. Der Prager Philharmonische Chor (Leitung: Lukáš Vasilek), verstärkt mit Mitgliedern des Bregenzer Festspielchors (Einstudierung: Benjamin Lack), beeindruckte mit enormer Stimmkraft.

Die expressive, aber auch vielschichtig pointierte und farbenreiche Partitur des Komponisten wurde von den Wiener Symphonikern unter der Leitung von Paolo Carignani, dessen Dirigat oftmals pure Leidenschaft verriet, in allen Nuancen wiedergegeben.

Das vom Werk sichtlich beeindruckte und begeisterte Publikum, das immer wieder mit Szenenbeifall die Leistungen des Sängerensembles honorierte, belohnte alle Mitwirkenden am Schluss mit nicht enden wollendem Applaus und Jubel für Pavel Černoch, den großartigen Sänger der Titelrolle.

Udo Pacolt

 PS: Am 28. Juli 2016 findet die letzte Vorstellung dieser großartigen Opernausgrabung im Festspielhaus Bregenz statt.

 

 

 

 

 

 

 

Diese Seite drucken