Der Neue Merker

BRAUNSCHWEIG/ Staatstheater: HÄNSEL UND GRETEL. Zu Gast im Hotel Ilsenstein. Premiere

Zu Gast im Hotel Ilsenstein: Brigitte Fassbaender inszeniert „Hänsel und Gretel“ in Braunschweig

4. November 2011 (Premiere)

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Copyright: Thomas M. Jauk

Die Ouvertüre setzt ein, und damit beginnt die Reise von Hänsel und Gretel. Ein schwarz-weiß-Film zeigt zuerst ein Waldpanorama, dann viele Kinder, die sich im Zug auf die Reise machen. Dort, wo sie aussteigen, holt sie eine Dame mit Hut ab, vor dem Gesicht ein Schild mit der Aufschrift „Hotel Ilsenstein“, sie hat mit ihrer Verführungskraft hierher gelockt. Diese Dame packt zuvor ihre Handtasche, neben vielen Utensilien verschwindet auch eine Axt darin. Dass verheißt nichts Gutes. Im Hotel Ilsenstein angekommen, sitzt die Dame mit Hut in einem Ohrensessel, der Zuschauer sieht sie nur von hinten. Dieses Bild wird sich später in der zweiten Szene wiederholen.

Brigitte Fassbaender erzählt mit ihrer Neuinszenierung von Humperdicks unsterblichem Vorweihnschtsklassiker die Geschichte durch und durch als zauberhaftes Märchen, ohne dabei auf eine ganz eigene Sichtweise und viele neue, ungewöhnliche und zum Nachdenken anregende Nuancen zu verzichten. Das erste Bild mit dem zwar farbenfrohen, aber kargen Haus der Besenbilder entspricht da noch am ehesten den Erwartungen. Sehr überzeugend ist das sehr junge Elternpaar, Menschen, die selbst noch voller Energie sind, nur eben mit den Entbehrungen eines Lebens in Armut zu kämpfen haben.

In der Zwischenmusik nimmt eine weitere Filmsequenz den Zuschauer wieder mit in den Wald, fliegende Besen deuten bereits auf das hin, was später geschehen wird. Wenn der Vorhang sich öffnet, fällt der Blick nicht auf einen Wald. Wir sehen die Halle des Hotels Ilsenstein, ein feiner, gutbürgerlicher Salon. Hier hält die Dame mit Hut, die Hexe, die Fäden in der Hand. Viele im wahrsten Sinen des Wortes zauberhafte Dinge passieren hier. Aus dem Kamin dringen gruselige Lichter und Geräusche, der Wind spielt mit den Vorhängen, das Personal macht eher morbiden denn vitalen Eindruck. Köstliche Details wie die Kuckucksuhr, deren Kuckuck hervorkommt, wenn Humperdinck ihn rufen lässt, machen einfach Freude, ebenso der von einem Knabensopran dargestelle Sandmann  mit Salzstreuer. Nach dem Abendsegen legen sich Hänsel und Gretel auf zwei Chaisen ab,  werden dort zugedeckt von den Hoteldienern, die 14 Engelfiguren hereintragen und einen Weihnachtsbaum in der Mitte der Halle errichten.

In diesem Raum erwachen die beiden nach der Pause, ein Hexenhäuschen gibt es nicht, stattdessen kommt die Dame mit Hut in einer riesigen Torte angefahren. Der Kamin verwandelt sich in den Ofen, Hänsel wird zum Mästen an einem Garderobenhaken aufgehängt und die Dame mit Hut verwandelt sich in einen Schlächter mit zotteligen Haaren und blutbefleckter Schürze, in der die Axt, die während der Ouvertüre in der Handtasche verschwunden ist . Sicher, das sind Bilder, die anders sind. Aber sie stimmen in sich und lassen das Märchen ganz bei sich. Brigitte Fassbaender weiß genau, wie Theater funktioniert, die Aufführung ist eine runde Sache, wie aus einem Guss. Kinder können sich hier ebenso gruseln wie ihre Eltern oder Großeltern und ebenso sehr berührt werden. Eine Aufführung für alle zu gestalten und zugleich etwas Neues, was mit den Gewohnheiten nicht bricht, sondern sie weiterdenkt, war Brigitte Fassbaenders Ziel. Es ist ihr gelungen.

Nicht weniger war die musikalische Seite ein Garant für den Erfolg der Premiere. Braunschweigs neuer erster Kapellmeister Iván López Reynoso bringt mit dem bestens aufgelegten Staatsorchester Humperdincks vielschichtige und farbenreiche Partitur nuancenreich und erfüllt von schönstem Klang zur Geltung. Die Klangwogen sind, das liegt in der Partitur, manchmal so üppig, dass Textverständlichkeit auf der Bühne nicht leicht umzusetzen ist. Dafür ist die Übertitelung auch bei einem vermeintlich so bekannten Stück eine sehr sinnvolle Sache.

Ein junges Ensemble steht auf der Bühne und singt nicht nur mit großer Begeisterung, sondern vor allem mit kangvollen Stimmen. Carolin Löffler und Ekaterina Kudryavtseva ergänzen sich in den Titelrollen ganz wunderbar, ihnen zur Seite sind Nana Dzidziguri und Maximilian Krummen ein vitales Elternpaar. Matthias Stier singt die Hexe mit charaktervollem Tenor und spielt sie mit süffisanter Freude. Moritz Gildner bringt als Sandmann-Knabe eine ganz neue, sehr berührende Farbe in diese Szene, und Jelena Bankovic schließlich darf als Barkeeper-Taumann Hänsel und Gretel wieder aufwecken.

Großer Applaus für das gesamte Ensemble und den Kinderchor, für das Staatsorchester sowie für Brigitte Fassbaender und ihr Team mit Bühnen- und Kostümbildnerin Bettina Munzer und Grigory Shkiyar, der für die stimmungsvollen Videos verantwortlich zeichnet

Christian Schütte

Anm. d. Red. : Das genannte Hotel Ilsenstein gibt es wirklich, im Harz nahe dem Brocken in Ilsenburg. Hier die Website. Ob die weltbekannte ECHO dekorierte Regisseurin dort Gast war/ist?

Wie gut das wir google haben.

http://www.waldhotel-ilsenburg.com/

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