BRAUNSCHWEIG/ Staatstheater: DON CARLO . Neuinszenierung

by ac | 11. November 2017 23:01

Verdis Don Carlo am Staatstheater Braunschweig – 11. November 2017. Premiere am 9. September 2017

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Copyright: Staatstheater Braunschweig/ Thomas M. Jauk

Mit Andrea Moses haben Intendantin Dagmar Schlingmann und Operndirektorin Isabel Ostermann eine mit vielen Preisen bedachte Regisseurin für die Eröffnungspremiere ihrer ersten Saison am Staatstheater Braunschweig gewinnen können. Sie inszenierte Verdis Don Carlo in der fünfaktigen Fassung auf italienisch. Die Anzahl der Fassungen ist wohl bei keinem anderen Werk Verdis so unübersichtlich. Häufig ist die vieraktige zu sehen, die ohne den vor allem musikalisch vielleicht weniger inspirierten Fontainebleau-Akt auskommt. Andrea Moses hat sich entschlossen, die erste Begegnung zwischen Carlo und Elisabetta zu zeigen. Vor ganz oder teils geschlossenem Vorhang stehen beide an Pulten, bis ihre Liebesbekundungen gestört werden. Ein Präludium auf der Vorderbühne, bevor die Geschichte ihren Lauf nimmt.

Den Rahmen der von Annett Hunger gestalteten Bühne bilden weiße Plastikvorhänge, mit  verschiedenen Farben durchleuchtet. Im ersten Akt stehen und hängen Vitrinen auf der Bühne, in denen Totenköpfe und Knochen sind, eine große als gläserner Sarg für Karl V.. Im zweiten Akt sind dann, wir sind im Garten, Pflanzen in und um die Glaskästen dekoriert.  Aus einem der hängenden Kästen stürzt Blut auf die am Ende des dritten Aktes zur Hinrichtung verurteilten Ketzer herab. Im vierten Akt sind, in Philipps Gemach, Bücher darin, im fünften schließlich Kerzen. So variabel diese einfachen Raumelemente zu nutzen sind, so sehr bleibt doch die Frage offen, was Andrea Moses mit diesen Bildern sagen möchte. Die Kostüme, von Adriana Braga Peretzki entworfen, zeigen Elemente einfacher Alltagskleidung, Anklänge an die Mode der 20er- und 50er Jahre, ein paar Halskrausen verweisen auf die Zeit, in der Don Carlo spielt. Soll das Überzeitlichkeit bedeuten? Andrea Moses gelingen einige starke, packende Bilder, vor allem im zweiten, dritten und fünften Akt. Aber der Eindruch einer in sich zusammenhängen Geschichte, eines stringenten Gedankens durch das Stück stellt sich nur bedingt ein.

Zwei Monate nach der Premiere hat Kapellmeister Iván López Reynoso das Dirigat übernommen und führt das Staatsorchester vor allem in den dramatisch verdichteten Momenten mit Impetus und üppigem Klang durch die Partitur. Auch die verhaltenen Momente, zum Beispiel der Beginn des vierten Aktes mit Philipps großer Szene, gelingen dank überzeugender Instrumentalsoli. Ivi Karnezi ist eine anrührende, aber zugleich selbstbewusste Elisabetta mit wunderbar strahlendem Sopran. Eduardo Aladrén gibt in der Titelpartie den Tönen zwar mitunter etwas viel Schluchzen mit auf den Weg, vermag aber mit seinem kräftigen, besonders in der Höhe hell und rund timbrierten Tenor einen überzeugenden Infanten zu geben. Die angekündigte gesundheitliche Beeinträchtigung war Eugene Villanueva als Posa nicht anzuhören, mit klar fokussiertem und kraftvollem Bariton ist er ein durch und durch stattlicher und am Ende würdig sterbender Freund Carlos. Ernesto Morillo gibt mit profundem Bassbariton dem König Format und, zu Beginn des vierten Aktes, menschliche Innerlichkeit. Nana Dzidziguri ist eine verführerische Eboli, singt das maurische Lied mit sicheren Koloraturen und verleiht ihrem letzten Auftritt dramatische Intensität. Andreas Mattersberger verfügt über eine gut geführte, helle Bassstimme, ist für den Großinquisitor aber noch eine ganze Spur zu jung. In den übrigen Partien ergänzen David Oštrek, Matthias Stier, Jelena Bankovic und Ekaterina Kudryavtseva das insgesamt sehr überzeugende Ensemble. Der Chor des Staatstheaters steht dem in nichts nach.

Nach vier Stunden gibt es begeisterten Beifall für alle Beteiligten.

Christian Schütte

ZUM TRAILER

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