Der Neue Merker

BRATISLAVA / Neues Opernhaus: Charles Gounod „ROMÈO ET JULIETTE“

 

Scéna

BRATISLAVA Neues Opernhaus
Charles Gounod “ROMÉO ET JULIETTE”
6.und 8.März 2015  Doppelpremiere
Von Peter Skorepa / Fotos: SND – Jozef Barinka

 

Keine Frage, rund 60 km östlich von Wien – und das ist ja längst bekannt – wird auch sehr oft gute Oper gemacht und seit einigen Jahren auch im Neubau der Oper von Bratislava, dessen Äußeres einem luxeriösen Konsumtempel aus Marmor und Glas gleicht, so wie jene, welche die Umgebung des Musentempels zieren. Auch innen wurde mit teuren Materialien nicht gespart, der Saal für die Ballett-und Opernaufführungen fasst 861 Plätze und von jedem einzelnen der Sitze sind ausgezeichnete Sichtverhältnisse garantiert, da haben Sie das Wort Ihres Online-Merkers!

Die Doppelpremiere – eine am Slowakischen Nationaltheater gerne geübte Praxis – war diesmal dem berühmtesten Liebespaar der Welt gewidmet, William Shakespeares “Romeo und Julia”, in der Opernfassung von Charles Gounod und natürlich in französischer Sprache. 

Eva Hornyátková

Eva Hornyátková

Geplant war der Einsatz aller Doppelbesetzungen an zwei Abenden, doch auch in Bratislava zirkulieren die Viren und so kam das Liebespaar des ersten Abends auch gleich am zweiten Abend zum Einsatz, allerdings verschob man diese zweite Aufführung zwecks Schonung der Kehlen um einen Tag. Mit Eva Hornyáková kam ein jugendlich-dramatischer Sopran als Julia zum Einsatz, der mühelos, mit großer Anteilnahme und glockenhellen Mitteln seinen Part sang und ihren Partner in den Duetten mitzureißen vermochte. Höhepunkt ohne Zweifel die Gestaltung der Szene mit dem Gifttrank. Sie konnte tatsächlich so in Erscheinung treten, “wie der Lichtstrahl, der nach einem Gewitter leuchtet”, wie es im Text heißt.

Weniger glücklich sollte einem ihr Roméo mit seinem, in den hohen Lagen kopfigen und gepressten Tenor machen, der Koreaner Kyungho Kim schaffte es nur selten, der Stimme ein Mezza-Voce abzuluchsen. Vielleicht waren es bei ihm auch Viren schuld, denn er sang an diesem Haus schon Besseres, etwa einen Rodolfo mit tadellosem hohen C, welches ihm diesmal in der Duell-Szene nur als ein sehr gequält klingendes zur Verfügung stand. Und natürlich sind gerade bei diesem Sänger die sattsam bekannten asiatischen Spielanteile vor allem mit den scheinbar so teilnamslosen Mienenspiel kein geringer Nachteil, die einem das Mitfühlen versperren. Dabei hat sich der Regisseur, der Slowene mit dem spanisch klingenden Namen Diego de Brea alle Mühe gegeben, den Figuren ein höchst artifizielles und verfremdet wirkendes Leben einzuhauchen.

Die Bühne ist vollkommen leer, die Nennung von Marko Japelij als Designer derselben reizt beinahe zum Lachen wenn da nicht doch eine kassetierte Deckenkonstruktion hinge und der Bühnenhintergrung mit verschiebbaren Tafeln abschlösse. Aber wir dürfen nicht kleinlich sein, raffiniert eingesetzte Scheinwerfer und Lichteffekte sind bemerkenswert und der Bühnennebel taucht mehr als oft die Szene in ein mystisch wirkendes und diffuses Licht. Und auf der zeitweilig zum Bühnenboden herunter gelassenen Kassettendecke darf auch vorsichtig vom Liebespaar herumspaziert werden.

In diesem Ambiente läßt de Brea eine sehenswerte Personenregie passieren, angefangen vom Eingangschor, mit welchem die blutrünstgen Ausschreitungen des mittelalterlichen Verona vorgeführt werden (“Sie trugen Blut auf die Schwellen ihrer Paläste”) über eine heitere Trauung und eine tatsächlich spannend inszenierte Fechtszene und den verlangsamten Bewegungsabläufen der Liebesszenen. Dass eine, die Musik störende Hermeneutik stattfände, das kann man dem Regisseur nicht nachsagen, er stellt das Stück mit rein optischen und theaterwirksamen Mitteln auf die Bühne und findet damit sein auslangen.

Die Kostümschau von Blagoj Micevski fordert die Phantasie heraus, eindeutige Zuordnungen sind eher symbolischer Natur, wie der englisch wirkende, moderne Anzug mit entsprechender Schirmkappe des Benvolio einerseits und der mittelalterliche Spitzhut mit Schleier der Gertrude andererseits. Dazwischen kann man allerdings kein erkennbares Konzept für die per se durchaus sehenswerten Entwürfe erblicken.

Ales Jenis fiel noch als Mercutio auf, auch Daniel Capkovc in der gleichen Rolle, als Stéphano gefielen Terézia Kruziliaková und besonders Monika Fabianová und aus den vielen Rollen ist noch der Capulet des Sergej Tolstov zu nennen.

Rastislav Stúr dirigierte das Orchester der slowakischen Nationaloper und gab alles Französische, was Gounod zusteht und alles an Feingefühl in der Sängerbegleitung, das ihnen gebührte. Man konnte in den großen musikalischen Bögen der Liebesszenen genügend schwelgen. Die Choreinstudierung besorgte Pavol Procháska.

Die Vorstellungen waren ausverkauft, was bei dieser großen Stadt kein Problem sein sollte, der Applaus freundlich für alle bis hin zu stürmisch für die Darstellerin der Julia.

 Fazit: Für Leute, die sich nicht von einer leeren Bühne schrecken lassen, dafür aber mehr Theatermystik als Regieunsinn sehen wollen, dazu eine hörenswerte Julia!

 

Peter Skorepa
(der sich Pauschal für falsch gesetzte oder fehlende Schriftzeichen entschuldigt)

           

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