Der Neue Merker

BRANDENBURG / NEURUPPIN: JUBEL BEIM „6. AEQUINOX-FESTIVAL“

Brandenburg/Neuruppin: Jubel beim „6. AEQUINOX-FESTIVAL“, 20.-22. März 2015

von Ursula Wiegand

 Neuruppin, das hübsche Fontane-Städtchen rd. 70 km nordwestlich von Berlin, lockt die Besucher. Dort wurde am 30.12.1819 Theodor Fontane im Haus der Löwen-Apotheke geboren. Sein Werk „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, publiziert 1880, machten ihn und seine Geburtsstadt am Ruppiner See weithin bekannt. Nach wie vor wandern, radeln, fahren und schippern im Sommer viele auf seinen Spuren.

 Neuruppin, Geburtshaus von Theodor Fontane
Neuruppin, Geburtshaus von Theodor Fontane. Foto: Ursula Wiegand

 Doch schon zum Aequinox-Festival vom 20.-22. März strömen die Gäste in Scharen herbei. Aequinox bedeutet bekanntlich Tag- und Nachtgleiche. Nun werden die Tage wieder länger, bringen mehr Licht und Sonne. In Neuruppin feiert man Aequinox mit Barockmusik, dargeboten von international hochgeschätzten Solisten und Gruppen, und das bereits zum 6. Mal. 

Die Veranstalter – Gabriele Lettow, Vorsitzende des Fördervereins der Siechenhauskapelle –  und die Lautten Compagney mit ihrem Chef Wolfgang Katschner – haben dieses Festival im Jahr 2010 gegründet. Musikfreunde wissen, dass sehr Gutes und Interessantes geboten wird. Von den insgesamt 1.700 Karten sind nur 46 übrig geblieben! 

 Siechenhauskapelle, Portal
Siechenhauskapelle, Portal. Foto: Ursula Wiegand

 Der Mut der Veranstalter wird auf diese Weise belohnt und die Courage von Gaby Lettow ganz besonders. Gleich nach der Wende hat die Neuruppiner Bauingenieurin die Siechenhauskapelle (geweiht 1491), das dazugehörige Hospital und das Up-Hus (ein ehemaliges Wohnhaus für verarmte Familien) „für wenig Geld“ gekauft und das marode Ensemble mit „viel Geld“ (zumeist Fördermitteln) von 1991 – 2004 denkmalgerecht aufs Beste restauriert. Trotz der Unterstützung durch den 1999 gegründeten Förderverein „war es ein schwerer und steiniger Weg,“ sagt sie.

 Siechenhauskapelle, geweiht 1491, Altarraum
Siechenhauskapelle, geweiht 1491, Altarraum. Foto: Ursula Wiegand

 Die Siechenhauskapelle, das Siechenhospital und das ehemalige Up-Hus gehören zu den bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerken in Neuruppin und stehen sämtlich unter Denkmalschutz. Seit 2004 wird die Siechenhauskapelle, ein spätgotisches Juwel, für Konzerte, Lesungen, Seminare, Trauungen und einen Gottesdienst am Heiligen Abend  genutzt, insgesamt rd. 100mal jährlich. Das einstige Hospital und das Up-Hus hat Frau Lettow in ein urgemütliches Hotel und Restaurant verwandelt.

KulturKirche, frühere Pfarrkirche  St.Marien, 1806 
KulturKirche, frühere Pfarrkirche St.Marien von 1806. Foto: Ursula Wiegand

 Der Run aufs Eröffnungskonzert am 20. März mit dem Titel „La Diva“ in der Pfarrkirche St. Marien (von 1806), der heutigen KulturKirche, fällt besonders auf. Denn die Diva ist Simone Kermes, die „Queen of Baroque“. Sie kommt  sozusagen aus der Carnegie Hall nach Neuruppin und singt – begleitet von der Lautten Compagney – die Arien, die einst Georg Friedrich Händel für die damalige Diva Francesca Cuzzoni komponierte. „Die hat ein ganzes Nachtigallennest im Leib!“ soll damals ein Stallbursche von der Operngalerie herunter gerufen haben.

Simone Kermes hat zunächst einen ganzen Teufelsfuror im Körper. Mit „Furie terribili!“ aus Rinaldo – rockt sie den Händel wie ein Wirbelwind, dass (fast) die Wände wackeln. Das melancholische „Nachtigallennest“ schließt sie gleich an. Es ist die Arie der Cleopatra aus Giulio Cesare („Se pietà de me non senti“). In allen Facetten fleht nun steinerweichend diese Stimme, die überdies alles virtuos beherrscht, bis übers hohe C hinaus und dann wieder hinab in die rauchige Tiefe. Perfektion plus Ausdruck – sensationell!

 Simone Kermes, die Diva in Neuruppin
Simone Kermes, die Diva in Neuruppin. Foto: Ursula Wiegand

 La Diva Cuzzoni erhielt 1729  nicht nur in London, sondern auch in Wien Ovationen. Simone Kermes erhält sie jetzt im kleinen Neuruppin. Rund 50 Prozent der Karten haben pfiffige  Berliner gekauft. Andere Gäste sind aus diversen Himmelsrichtungen angereist und gesellen sich zu den Neuruppinern.

Sie alle wollen Simone Kermes, diesen schillernden Weltstar, zu Ticketpreisen von 20 bis 30 Euro erleben! Die lange Zusammenarbeit von Frau Kermes mit der Lautten Compagney, diesen außergewöhnlichen und auch zu jedem Schabernack bereiten Barock-Spezialisten, macht solch ein Wunder in Brandenburg – fernab weltbekannter Bühnen – möglich.

 Und wer bisher gemeint hatte, Barockmusik sei langweilig, wird nicht nur bei diesem fabelhaften Eröffnungskonzert eines Besseren belehrt, sondern an allen drei Tagen.  Gleich danach bietet die Lautten Compagney in kleiner Besetzung im Café Tasca eine „Session mit Barockmusik“. Ein Aufbruch zu weiteren Ufern und eine (ohnehin bestens passende) Verbindung von Barockklängen und Jazz.

Lautten Compagney in großer Besetzung, Foto Ida Zenna
Die Lautten-Compagney in großer Besetzung. Foto: Ida Zenna

Tags darauf wird’s beim Zurückdenken an das Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren deutlich ernster. „Echolot – ein Stimmengeflecht“ heißt das Programm im Hangar 312 auf einem ehemaligen russischen Militärgelände. Im Kalten Krieg waren dort sowjetische Kampfjets für den Eventualfall untergebracht. Leichtes Gruseln stellt sich ein. Der richtige Ort für ein wichtiges Thema.

Die Ausnahme-Schauspielerin Fritzi Haberlandt liest Passagen aus dem Monumentalwerk von Walter Kempowski. Es sind dokumentierte Äußerungen von Soldaten und Zivilisten, von Politikern, Künstlern, Prominenten und Unbekannten aus Deutschland, Europa, Amerika und Japan. Alle datiert mit 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht.

Fritzi Haberlandt spricht diese Überlegungen mit einprägsamer Schlichtheit, im Wechsel zu Kantaten von Johann Sebastian Bach, einfühlsam gespielt von der Lautten Compagney und ausdrucksvoll gesungen von Johanna Knauth (Sopran). „Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig, ist der Menschen Leben!“ heißt es im Schlusschoral.  Ein Highlight zum Nachdenken.

 Tanznacht, Jutta Voß und Niels Badenhop, UdK Berlin
Tanznacht, Jutta Voß und Niels Badenhop, UdK Berlin. Foto: Ursula Wiegand

 Und dann sind sie alle wieder da – das Publikum und die Lautten Compagney zur „2. Neuruppiner Tanznacht“. Hinzu kommt das gut vorbereitete „Ensemble Junger Barock“ der Kreismusikschule Ostprignitz-Ruppin. Die Gesamtleitung obliegt dem Flötisten Martin Ripper, der die jungen Musikanten mehrere Monate betreut hat. Als Gast glänzt Inma Férez (Sopran). Gemeinsam mit Andreas Nachtsheim (Barockgitarre) bringt sie spanische Barockmusik.

Besonders gefeiert wird das „Ensemble Historischer Tanz der UdK Berlin“ mit der Tanzmeisterin Jutta Voß. Die Grandezza dieser Tänze führt die historisch ausstaffierte Gruppe mit Charme und Witz vor, allen voran Jutta Voß und Niels Badenhop.

Nur bewundernd zuschauen? Nein. Zuletzt füllen die Besucher die Tanzfläche und lernen von den Experten die zierlichen Schritte.

 Melanie Hirsch und Gustav Peter Wöhler
Melanie Hirsch und Gustav Peter Wöhler. Foto: Ursula Wiegand

 „Peeping at Pepys“ wird dann der zuletzt intensiv bejubelte Knaller der lustigen Art in Neumühle Molchow. Szenen einer Ehe, gefertigt  nach den Tagebüchern des englischen Flottenbeamten und Lebemanns Samuel Pepys (1633-1703).

Alltagserlebnisse eines Pariser Paares in den Zeiten des Sonnenkönigs Ludwig XIV, des großen Brandes und der grassierenden Pest, gesprochen von Gustav Peter Wöhler und mit kessen Nuancen gesungen von Melanie Hirsch (Sopran) in der Rolle seiner amüsierfreudigen Frau, die sich ein Verhältnis mit einem aparten Tanzlehrer, hier dem Flötisten Martin Ripper, gönnt. 

Beide Interpreten, begleitet von der Lautten Compagney, sind großartige Schauspieler. Da wird gezankt und versöhnt, getanzt und gefeiert. Die liebe Gattin übersetzt dem Publikum mit einiger Verlegenheit die kaum jugendfreien Eskapaden ihres Ehemanns mit dem Dienstmädchen. Die Darmbeschwerden des Beamten „veranschaulicht“ der Percussionist Peter A. Bauer, ein Supertalent für Geräusche und Scherze aller Art. Der Barock war auch eine Zeit der Ausschweifungen. Zuletzt ist der Beamte erblindet, freut sich aber immer noch seines Lebens und genießt weiterhin das Wichtigste: „Die Musik, die Musik“!

 Mitglieder und Dirigent des Staats- und Domchores Berlin
Mitglieder und Dirigent des Staats- und Domchores Berlin. Foto: Ursula Wiegand

 Die bestimmt auch den großartigen Festival-Abschluss in der alten Dorfkirche Bechlin bei Neuruppin und ist gleichzeitig das Jubiläumskonzert des Staats- und Domchores Berlin zu seinem 550jährigen Bestehen.

Unter der Leitung von Kai-Uwe Jirka bringen diese „Berliner Jungs“ – unterstützt von der Lautten Compagney und Daniel Trumbull an der Orgel – mit reinster Intonation das Programm „Was frag’ ich nach der Welt“. Ein musikalischer Parcours vom 16. bis ins 20. Jahrhundert, u.a. mit Werken von Rosenmüller, Buxtehude, Mendelssohn Bartholdy, Distler und Reger. Immer wieder fallen einige Knaben als Solisten auf.

Mendelssohns „Verleih uns Frieden gnädiglich“, ertönt zum Schluss noch einmal. Wie zeitgemäß.-  

 Ursula Wiegand

 Infos: Zur herbstlichen Tag- und Nachtgleiche bringt Aequinox nur 1 Konzert, am 26. September, im März 2016 dann (hoffentlich) wieder das volle Programm.

Ticket Hotline, Gabriele Lettow: 0049-(03391-398844.  Infos zur Stadt (an der Autobahn A 24) unter www.tourismus-neuruppin.de .

 Neuruppiner Bilderbogen, Ansprüche moderner Frauen
Neuruppiner Bilderbogen, Ansprüche moderner Frauen. Foto: Ursula Wiegand

 Ein Tipp: Das frisch restaurierte Museum zeigt die Neuruppiner Bilderbogen, eine Auswahl von insgesamt 22.000 Motiven, gedruckt im 19. und 20. Jahrhundert in Millionenauflage mit den Themen Zeitgeschehen, lustige Geschichten, Religion und Wissenswertem. (U.W.)

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