Der Neue Merker

BONN: SALOME. Premiere

Oper Bonn: SALOME – Premiere am 1.Februar 2015

 Man kann an „Salome“ zweifellos aus unterschiedlicher Sichtweise herangehen – als Auflehnung eines pubertierenden Teenagers gegen den (Stief)vater, als Trotzakt eines verwöhnten Kindes, als innerfamiliäre und geschlechterdominierte Machtprobe, als aus der Bibel extrahierte Story. Die handelnden Personen geben ebenso Aufschluss über Ort und Zeit der Handlung, wie die Angaben von Richard Strauss selbst in Partitur und Libretto – Eine große Terrasse im Palast des Herodes zur Zeit der Regierung Herodes II. Antipas. Aus diesen Komponenten haben Regisseure immer wieder gültige Interpretationen geschaffen. Ältere Opernbesucher in Wien erinnern sich noch an die (heute schon legendäre) beinahe minimalistische Inszenierung von Wieland Wagner die dann 1972 von der noch heute am Spielplan stehenden Deutung durch Boleslaw Barlog (Regie) und Jürgen Rose (Ausstattung) abgelöst worden ist. Aber jede dieser unterschiedlichen Herangehensweisen hat das lokale Umfeld und die immer wieder schwülstige Musik ideal kombiniert.

Warum diese langatmige Einleitung. Die Intendanz der Oper Bonn hat für die aktuelle Neuinszenierung von „Salome“ ein Team engagiert, das in der szenischen Umsetzung einen ganz anderen Weg geht. Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy, die in der letzten Saison in Bonn durchaus erfolgreich „Written on Skin“ von George Benjamin auf die Bühne gestellt haben, verlegen das Stück in die Entstehungszeit und sehen Parallelen zur aktuellen politischen Situation eines Staates in Ost-Mitteleuropa. Die Oper spielt also nicht mehr im Palast des Herodes sondern in einem Kaffeehaus. Denn, so Magdolna Parditka in einem Interview mit dem SWR vor der Premiere, „Wo saß Strauss damals, wo saß Oscar Wilde? Das ist das Kaffeehaus! Da können wir auch all die unterschiedlichen Völker, die in dem Stück vorkommen, zusammenbringen. Diese bekannte Kaffeehausidylle kippt dann nach und nach, während die Tragödie fortschreitet, ins Surreale. Plötzlich bricht diese gewohnte Welt zusammen. Der Krieg steht vor der Tür. Wo man vorher Kaffee oder Wein auf dem Silbertablett serviert worden ist, dann werden halt Köpfe auf dem Silbertablett vorgetragen.“ Eine Sichtweise, die von traditionsverliebten Opernfreunden zweifellos nicht geteilt wird (aber ist nicht auch Wieland Wagner ob seiner Radikalität einstmals angefeindet worden und was hat das Jugendstilambiente de Jürgen Rose mit der Zeit kurz nach dem Beginn unserer Zeitrechnung zu tun?). Ein Konzept aber, das in seiner Eindringlichkeit aufgehen kann (und die Betonung liegt auf „kann“), wenn die Umsetzung stimmt. Da ist der zweite Ansatz dieser Regie schon deutlich mehr zu hinterfragen. Dieser wird im oben erwähnten SWR-Interview von Alexandra Szemerédy wie folgt erläutert: „Wir haben da ganz was Aktuelles und noch viel Fürchterlicheres als einen abgetrennten Kopf gefunden, nämlich ein Familiendrama. Eine Inzestgeschichte, Missbrauch. Salome wird ja vom Vater, Ziehvater Herodes vergewaltigt. Ihr erster Satz ist ja: Warum sieht er mich so an? Was will er von mir? Ist das denn nicht seltsam, dass der Mann meiner Mutter mich so ansieht?“ Dieser Auslegung, dem sexuellen Missbrauch eines Kindes als Kernthema, kann ich mich nicht anschließen; ich würde auch die zitierte Textstelle nicht so deuten – ich habe aber auch keine Erfahrung mit den Opfern von Sexualvergehen im Kindesalter. Dass im Programmheft seitenweise Bibelstellen zitiert werden, passt jedenfalls zu keiner der Ideen des Regieduos.

Parditka und Szemerédy kennen einander seit der Studienzeit am Budapester Bela-Bartok-Konservatorium und arbeiten seit mehreren Jahren zusammen. Gemeinsam führen sie Regie, gemeinsam schaffen sie Bühnenbild und Kostüme. „Salome“ lassen sie also in einem Kaffeehaus spielen. Ambiente – angedeuteter schwarz-weißer Marmorboden und –tische mit Thonetstühlen – wie Kostüme erinnern an die 20er und frühen 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Das ist eine auch für mich gültige Übertragung des im Textbuch angegebenen Spielortes. Die Damen tragen Bubikopf und Charlestonkleider, Herodias raucht mit einem langen Zigarettenspitz, die Herren – auch die beiden Nazarener und die fünf Juden – sind in unauffällige Anzüge gekleidet. Herodes, Narraboth und später auch Jochanaan (!) tragen Fantasieuniformen, die beiden Soldaten sind in dieser Inszenierung Kellner (was etwas sonderbar wirkt, wenn es im Text heißt „Er ist unser Hauptmann, Herr“ und echt uniformierte Soldaten den Leichnam Narraboths von der Bühne schleifen). Mit der Texttreue halten es die beiden regieführenden Damen auch an anderen Stellen nicht so ganz genau. Es gibt keine Zisterne; damit der Prophet auftreten kann, hebt sich die Hinterwand der Kaffeehausbühne. Und weil er als Gefangener entsprechend ausgehungert ist, bedient er sich sogleich an den Speise- und Getränkeresten am Tisch der Familie Herodes. Da fällt es gar nicht mehr ins Gewicht, dass Salome den Kopf des Jochanaan nicht küssen kann, denn es gibt diesen Kopf nicht – am Tisch sitzt neben ihr ein kopfloser Torso. Ist der Premierenbesucher aus Wien kleinlich, wenn ihn derartige Bild-Text Differenzen stören? Ohne Einwand gut gezeichnet sind hingegen die psychischen Traumata der in der Sichtweise der Regie vom Stiefvater geschändeten Salome. Wenn sie, während ein Paar (überzeugend Nathalie Brandes und Olaf Reinecke) an Stelle von Salome tanzt, nach und nach die gesamte Festgesellschaft im Hause Herodes mordet, ist das die theatralische Umsetzung von Zeichnungen, die man von jugendlichen Sexualopfern kennt.

Musikalisch steht diese „Salome“ auf durchwegs hohem Niveau. Dass einzelne Passagen eher an Sprechgesang erinnern oder da und dort der große Bogen fehlt, deute ich eher als dem Regiekonzept geschuldet. Die Titelpartie verkörpert Nicola Beller Carbone mit enormen stimmlichem wie darstellerischem Einsatz. Optisch eine ideale Salome – schlank, beinahe zerbrechlich – meistert sie die anspruchsvolle Partie und geht in der Klangfülle des Orchesters nicht unter. Kokett gegenüber Narraboth, hörig der Mutter, trotzig gegenüber Herodes, fordernd vor Jochanaan, um schließlich im Schlussgesang beinahe weltentrückt zu wirken. Diese Salome ist kein hochdramatischer Sopran (wie so oft), sondern rollengerecht jugendlich-dramatisch. Anja I.Bartz, langjähriges Mitglied der Bonner Oper, singt und spielt überzeugend ihre Mutter Herodias. Perfekt die an die jeweilige Situation angepasste Stimme; anders in der Farbe und im Charakter im Gespräch mit Salome und im familiären Machtkampf mit Herodes. Diesen gestaltet Roman Sadnik, in seiner Heimatstadt Wien viel zu selten zu hören, mit überzeugendem Ausdruck. Darstellerisch omnipräsent überzeugt er stimmlich mit selten gehörten Lyrismen gleichermaßen wie verzweifelten Ausbrüchen. Man merkt ihm an und hört es, wie er unter seinem familiären Umfeld leidet. Mark Morouse ist in Bonn ein Liebling der Opernfreunde. Berechtigt. Persönlichkeitsstark und stimmgewaltig gibt er einen Jochanaan, der in dieser Inszenierung weniger der pastose Prophet als der Unheil kündende Mahner ist. Man kann verstehen, dass Salome dieser Stimme erliegt. Für die nächste Spielzeit ist er als Fliegender Holländer angekündigt; man darf schon jetzt gespannt darauf sein. Kurzfristig eingesprungen sind Johannes Mertens als Narraboth und Lisa Wedekind in der Partie des Pagen (in dieser Inszenierung eine Pagin). Beide mit schönen Stimmen, die Lust auf ein Wiederhören in größeren Rollen machen. Ein pauschales Lob den fünf Juden (Martin Koch, Christian Georg, Taras Ivaniv, Ali Magomedov, Johannes Marx – teilweise im „Hauptberuf“ Mitglieder des Chores), den beiden Nazarenern (Priit Volmer und Christian Specht), den beiden Soldaten (Rolf Broman und Martin Tzonev) sowie dem Cappadocier (Algis Lunskis) und dem Sklaven (Martina Kellermann).

Kompetent und aufmerksam, manchmal mit ungewohnter Tempomodulierung, leitete der scheidende GMD Stefan Blunier das schmissfrei spielende Beethoven Orchester Bonn. Auch bei den vollsten Klangwogen werden die Sänger nie zugedeckt und bleiben auch die Ensembles, etwa das Streitgespräch der Juden, textdeutlich.

Jubel für Orchester, Dirigent und Solisten, vereinzelte Missfallensäußerungen für Regie und Ausstattung.

 Michael Koling

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