Der Neue Merker

BONN: SALOME. Grausame Aussichten. Premiere

BONN: SALOME. Premiere am 1. Februar 2015

 Herodes zu Salome: „Vielleicht habe ich dich zu lieb gehabt.“ Diesem Satz in der Oper von Strauss begegnet im Zeitalter immer neu entdeckter Kindesmissbräuche mit geschärften Ohren. Das weibliche Regieduo ALEXANDRA SZEMERÉDY/MAGDOLNA PARDITKA zieht in Bonn daraus eine nahezu grausame Konsequenz, mit dem berüchtigten Tanz der sieben Schleier als Kulminationsszene. Zunächst scheint es, das hinzutretende Tänzerpaar sei eine Verlegenheitslösung, Schonung für die Sängerin der horrenden Titelpartie. Doch dann löst sich Salome aus dem Reigen, legt an der Rampe ihre Kinderkleider an und ruft sich ihr inzestuöses Erlebnis wieder ins Gedächtnis. Der Tanz mündet in ein erträumtes Massaker an den Eltern und der sie umgebenden dekadenten Gesellschaft. Dem „reinen“ Joachanaan vermag Salome, das verderbte Kind, nur mit einem lasziv gewordenen Charakter zu begegnen. Ihre früh verlorene Seele läuft Amok. Der 1. Soldat, dem Propheten fast freundschaftlich verbunden, schleppt den zuletzt Geköpften an den Tisch der Herodes-Sippe und serviert der Familie ihre eigenen vom Rumpf getrennten Köpfe. Grausame Aussichten.

 Selten ist der Zeittransport derart stimmig geraten wie jetzt in Bonn. Die glitschigen zwanziger Jahre bilden einen idealen Hintergrund für die dekadente Atmosphäre der Oper, eingefangen im Schwarz-Weiß-Raum eines Nobelrestaurants (Ausstattung: das Regieteam). Dass zu den potentiellen Toten der Herodes-Sippe auch Salome gehört, bereitet einige Schmerzen, denn man spürt das tragische Potential ihres lasterhaften Tuns. Manche Überlegungen zu dieser aufregenden Opernkonzeption verdichten sich übrigens erst nach Ende der Aufführung. Sie lässt einen nicht los.

 Die attraktive NICOLA BELLER CARBONE wirft sich voll und ganz auf die Titelpartie. Die manchmal recht ungehemmte Lautstärke des von STEFAN BLUNIER narkotisch gesteigerten Orchesterklanges lässt nicht immer verlässlich erkennen, ob da möglicherweise auch Überforderung mitspielt. Insgesamt aber eine fulminante, unter die Haut gehende Leistung.

 ROMAN SADNIK, in Bonn seit Schrekers „Irrelohe“ (2010) bekannt (diese Aufführung ist  auf CD greifbar) gibt einen fatalistischen Herodes. Seine Konzentration nicht zuletzt auf Wagners Heldenpartien wird durch diese Leistung freilich nicht unbedingt sanktioniert. Doch kein Orakeln ohne Hörerlebnis. ANJARA I. BARTZ gibt eine impulsive Herodias, bleibt bei allem Engagement allerdings etwas unter den Möglichkeiten der Partie. Den liebestrunkenen Narraboth verkörpert JOHANNES MERTES schönstimmig. Nach wie vor in voller baritonaler Blüte: MARK MOROUSE als Jochanaan. Die restlichen Sänger taten ihr Bestes.

 In den Premierenbeifall mischte sich einiger Protest gegen das Regieteam, was bei dem sonst immer so geduldigen Bonner Publikum verwundert. Nachvollziehbar ist dieser Missmut nicht, denn die von der Inszenierung angeregten Überlegungen zum Stoff bedeuten effektiv mehr als etwaige Kritik an Details, was für die Anfänge der Aufführung durchaus gelten mag.

Christoph Zimmermann

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