BOCHUM/ Audimax Ruhr-Universität: AN ALLEM IST HÜTCHEN SCHULD von Siegfried Wagner

by ac | 19. Oktober 2015 18:59

Bochum/ Audimax: An allem ist Hütchen schuld  18.10.2015


Siegfried Wagner mit Gattin Winifred

 Nach einer Durststrecke von einigen Jahren, während der zumindest im deutschsprachigem Raum keine Siegfried-Wagner-Oper mehr aufgeführt wurden, wurde jetzt in Bochum im Audimax der Ruhruniversität die Märchenoper „An allem ist Hütchen schuld“, aufgeführt, nachdem sie noch vor etwa zwei Jahren an einem Stadttheater des Ruhrgebiets aus Spargründen abgesagt wurde. Ausführende waren auch bei dieser Neuinszenierung das piano-pianissimo Musiktheater unter Leitung Peter P.Pachl, das einzige Theater, das sich heute noch für Siegfried Wagner-Aufführungen einsetzt. Die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Lionel Friend und der Sonderchor der Ruhruni (E.: Hans Jaskulsky) konnten dazu gewonnen werden. Es ergab sich eine sehr gelungene schöne Aufführung  trotz der eingeengten Möglichkeiten im Audimax, nichtsdestotrotz konnte mehr als eine halbszenische-semikonzertante Aufführung wie noch vor ein paar Jahren in Danzig („Schmied von Marienburg“) realisiert werden, wohl da auch einige Sponsoren dazugekommen waren. ‚An allem ist Hütchen schuld‘ ist S.Wagners op.11 und gehört damit noch zu den früheren seiner über 20 Opern, sie erschien aber 1915, also nur 15 Jahre vor seinem Tod. Es handelt sich bei diesem Opus um eine Märchenkompilation aus über 40 Märchen der Brüder Grimm und anderer Märchenautoren, die von Siegfried Wagner, der seine Texte auch selber dichtete, oft mit ironischem Blick wie musikalische Motive zueinandergefügt werden. Handlungsträger stellen dabei auch zwei Märchenfiguren, nämlich Katherlieschen und Frieder dar, deren Liebe in 3 Akten auf harte Proben gestellt wird, bis es endlich für sie ein Happy-end gibt. Insofern wäre die Oper in ihren Wanderungen und Prüfungen, die die beiden unabhängig voneinander zu durchlaufen haben, und in denen sie in die jeweiligen Märchenplots geführt werden, mit Mozarts Zauberflöte zu vergleichen, aber ohne deren (Freimaurer-) Ideologie.

Zusätzlich zu den Düpierungen durch bösartige Märchengestalten/Hexenweibchen.Tod,Teufel, Sakristan etc.) geistert durch die ganze Handlung das Hütchen, ein Kobold, der den Verliebten das Leben zusätzlich schwer macht, wenn er auch eher wie ein kleiner Amor herüberkommt. Seine Machenschaften werden von Siegfried Wagner erst gestoppt, wenn gegen Ende in einem Melodram, die einzige ‚Unterbrechung‘ der sonst durchkomponierten Akte, Jacob Grimm und S.Wagner selbst einen Disput über die Auflösung dieser ‚Negativserie‘ halten lässt. In der Inszenierung stürzen dabei drei Denkmalfiguren der Brüder Grimm vom Sockel und die Dichter/Komponist verständigen sich via Telefon.

 Bei P.P.Pachl beginnt das Spiel in einer Käsefabrik, in der Katherlieschen sich unmöglich macht wegen ihrer angeblichen bzw. vorgetäuschten Dummheit, und dann zum Sexualobjekt der Männer ihres Ortes verkommt. Frieder versteht sich als einziger mit ihr, ist aber von seiner Mutter an die ’schieche‘ Trude versprochen. Die moderne Käsefabrik wird auf  einer Video-Breitleinwand eingespielt (Sebastian Rausch). Die Märchensituationen werden in starken Personenregien vergegenwärtigt und ‚herangezoomt‘ (Höhepunkt: der Teufel mit den drei goldenen Haaren mit seiner Ellermutter, aber auch die Szene mit der in den Sakristan verliebten Müllerin, wo Katherlieschen mit Hilfe eines kranken aber wahrsagenden Raben die Verstecke der edlen Speisen und dasjenige des Sakristans verrät, hat es in sich).

Robert Pflanz schafft mit nur zwei Ikea-Tischen immer wieder plastische „Bühnenbilder“, dazu stehen noch schwarze Tartan-Decken auf der sonst leeren Spielfläche zu Verfügung. Die teils grotesk ironischen Kostüme stammen von Christian Bruns.

 Ganz ebenmäßig gestalten die Bochumer Symphoniker einen nicht enden wollenden Klangfluss, der einen ganz eigen-romantischen Schimmer aufweist, öfter ehestens an ‚die Meistersinger von Nürnberg‘ erinnernd. (Auch eine knackige Fuge kommt vor samt Prügelszene am Ende.) Also für 1915 kein Avantgardismus, sondern leicht impressionistisch angehauchter  Schönklang, in der Wiedergabe sehr harmonisch aufbereitet. Lionel Friend kann diese fast verinnerlichte Märchen-Musiksprache den Musikern lebhaft vermitteln, und auch die Akustik ’spielt mit‘.

 In der Kurzrolle des singenden springenden Löwenecketrchetns tritt Laura Lietzmann auf, die auch einen Part des Hütchens singt. Die stumme Rolle desselben gestaltet ganz amorhaft Alexander Lueg. Märchenfrau, Wirtin und Trude werden von Maarja Purga mit rollengemäßer leicht kreischender Stimme übernommen. Der Sakristan ist Kieran Carrel mit eindrücklichem Spiel. Müllerin und Hexenweibchen mimt und singt Annamaria Kaszoni mit großem Animo, die Kurzrolle Müller und  ein kranker Königsohn übernimmt Martin Schmidt. Der Wirt, Teufel und Mond ist Axel Wollaschek mit ganz plastisch tumb-bösem Spiel und charakterstark baßbaritonalem Gesang. Den Tod  gibt sehr eindrücklich Ralf Sauerbrey. Ganz köstlich markant auf den Punkt kann Julia Ostertag des Teufels Ellermutter sowie Frieders hartherzige Mutter zeichnen, wobei ihr ein äußerst klangsatt-prägnanter Mezzosopran zu Verfügung steht.

Als das hohe und gleichzeitig niedere Paar fungieren Hans-Georg Priese/Frieder mit einem super heldisch angelegten, klangreich farbigen Tenor, den man sich bereits als Jung-Siegfried vorstellen kann, und Katherlieschen Rebecca Broberg mit schön voluminösem gleichzeitig weichem Sopran, die sich sehr sympathisch aus ihrer Dienermentalität herausarbeitet.                                                                  

Friedeon Rosén

                                                         

 

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