BLINDENMARKT / Herbsttage: FRAU LUNA – Operette von Paul Lincke

by e k | 8. Oktober 2017 10:19

Blindenmarkter Herbsttage triumphieren mit Linckes „Frau Luna“ – Mit Berliner Luft vom Mond in die Ybbsfeldhalle

Premiere 6. Oktober 2017

Copyright Roland Schuler

Copyright Roland Schuler

Der 1866 geborene Berliner Musikallrounder Paul Lincke, im ausgehenden 19. Jahrhundert Antipode zu Österreichs Riege erfolgreicher Operettenkomponisten, schuf als Hauptwerk die 1899 im Berliner Apollo-Theater uraugeführte Operette „Frau Luna“, das einzige bis heute immer wieder gespielte Standardwerk der sogenannten Berliner Spezies dieser Gattung. Im Juni erlebte man unter der Schlosslinde im oberösterreichischen Zell an der Pram eine charmante, intime, auf schauspielerische Feinheiten ausgerichtete Inszenierung.

Ganz anders geht es nun bei den 28. Blindenmarkter Herbsttagen in der Ybbsfeldhalle zu, wo man das von Schlagern überflutende Meisterwerk des Genres als Revueoperette präsentiert. Für die Regie gewann Intendant Michael Garschall Volksopern-Ensemblemitglied Gernot Kranner, der sich sehr gerne mit schwer zu inszenierenden Werken auseinandersetzt (siehe „Saison in Salzburg“ in Bad Ischl!). So hat der ehemalige Musical-Star das Libretto von Heinrich Bolten-Baeckers kräftig bearbeitet respektive ergänzt. Zunächst führt er mit dem von Peter Lodynski als nostalgischer Kaiser-Franz-Josef-Verschnitt verkörperten Ballonverkäufer Montag, der sich als „Mann im Mond“ entpuppt, eine Märchenfigur ein, die sich rühmt mit Ballons Ideen zu veräußern. So schenkt er dem braven Mariechen einen Ballon in Herzform, dessen Gewicht es den biederen Handwerkern Fritz Steppke, August Lämmermeier und Wilhelm Pannecke ermöglicht, in einer Badewanne auf die Reise zum Mond zu gehen und sogar noch die Zimmervermieterin Pusebach mitzunehmen. Bei Kranner heißen die drei Burschen übrigens Fritz Stipschitz, Gustl Lamnek und Willi Panigl. Dies im Hinblick auf Blindenmarkt, wo sich offensichtlich das liebe Mariechen, Braut von Fritz, auf Urlaub befindet. Der logische Lauf der Handlung ist nicht immer leicht nachvollziehbar.

Kaum am Mond treffen die Doppelbürger Berlins und Blindenmarkts auf den komödiantischen Mondgroom von Lorenz Bodner und das Faktotum Teophil, eine der ergiebigsten Komikerpartien der Operette. Infolge der bedauerlichen Erkrankung des Lokalmatadors Willi Narowetz spielt diese Partie als Einspringer Regisseur Kranner. Er wirkte bei der Premiere ein wenig nervös. Verständlich: Es ist sicher schwer, gleichzeitig als Regisseur und als Faktotum Frau Lunas das Heft in der Hand zu haben.

Hauptaugenmerk legt Kranner in seiner Regie auf die Turbulenzen, auf die von den Solisten und vom Chor geleistete Bewegungsregie, für die ihm Choregraphin Monica Ivona Rusu-Radman eine wertvolle Helferin war. Ohne professionelles Ballett sind Wiederholungen in Gestik und Bewegungen leider fallweise unvermeidbar.

Zu den wesentlichsten Sänger-Darstellern des Abends zählen die drei Handwerker: Andreas Sauerzapf als charmanter Fritz, der sogar Frau Luna ins Schwärmen bringt, Matthias Helm als stimmlich präsenter Gustl und Robert Kolar als komödiantischer Willi. Gabriele Schuchter wurde von der Regie als Pusebach ein wenig im Stich gelassen, sie hatte nicht die ihr gebührende Gelegenheit, ihr Können zu entfalten; auch ihr berühmter Radschlag ließ lange auf sich warten. Mariechen ist die herzige Katrin Fuchs, die in den Begegnungen mit dem greisen und weisen Mondmann alias Peter Lodynski zu prächtiger, intensiver Rollengestaltung findet.

Am Mond sind die drei attraktiven Göttinnen Martha Hirschmann als Luna, Heidi Manser als Stella und Verena te Best als Venus ebenso Idealbesetzungen wie die Blindenmarkter Lokalgrößen Christiana Bruckner als Jungfrau und Heinz Müller als Mars. Als Prinz Sternschnuppe wird kein Geringerer als der fesche Bariton Thomas Weinhappel aufgeboten. Diese Partie ist ihm wie auf den Leib geschrieben, sein Ärger mit Lunas Reserviertheit und seine Aktivitäten für die Erdenbürger begeistern gleicherweise. Alle anderen Mitwirkenden passen sich dem hohen Niveau nahtlos an.

Für den optischen Rahmen sind Bühnenbildner Marcus Ganser und Kostümschöpferin Agnes Hamvas verantwortlich. Sie schaffen es mit ihren Kreationen, dem Publikum tatsächlich den Sprung von der Erde zum Mond und zurück eindringlich und farbenfroh zu vermitteln.

Den absoluten Höhepunkt freilich schafft einmal mehr Kurt Dlouhy als musikalischer Leiter des Abends. Unter seinem Dirigat erblühen Paul Linckes Evergreens so farbenreich, wie es die Partitur gestattet, temperamentvoll und gleichzeitig sängerfreundlich. Das Kammerorchester Ybbsfeld mit Konzertmeister Martin Reining an der Spitze und der ebenfalls von Dlouhy einstudierte Chor bieten optimale Klangerlebnisse.

Wenn zum Finale der zündende Marsch „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft“ unter begeistertem Klatschen der Zuhörer immer wiederholt wird und man sich eigentlich laut Regie in Blindenmarkt befindet, sollte man über den Inhalt nicht allzuviel nachdenken, sondern sich freuen, einem großartig servierten Klangerlebnis aus Berliner Spitzenschlagern und einer farbig-fröhlichen Operettenproduktion beigewohnt zu haben.

Ingo Rickl

MERKEROnline

Aufführungen bis 29. Oktober, wenige Restkarten vorhanden unter Tel. 07473/66680 oder karten@herbsttage.at

 

Source URL: http://der-neue-merker.eu/blindenmarkter-herbsttage-triumphieren-mit-linckes-frau-luna-mit-berliner-luft-vom-mond-in-die-ybbsfeldhalle-6-oktober-2017