Der Neue Merker

Bizet: LES PECHEURS DE PERLES (DVD, Met 2016)

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Georges Bizet: 
LES PECHEURS DE PERLES
Metropolitan Opera, 2016
DVD  ERATO  Warner Music

Es liegt wohl an „Carmen“, dem überwältigenden Welterfolg dieser Oper, und das wird auch so bleiben: „Carmen“ hat alles andere, das Georges Bizet für die Bühne schrieb, gleichsam weggefegt. Wenn überhaupt eine seiner anderen Opern (und das auch nur sehr gelegentlich) gespielt wird, sind es die „Perlenfischer“, ungeachtet dessen, dass man im Vergleich zur Camen-Musik nicht auf die Idee käme, es handelte sich um denselben Komponisten. Wo die andalusische Zigeunerin ein Exempel musikalischer Spritzigkeit und (bei aller hoch emotionaler Dramatik) doch Leichtigkeit ist, handelt es sich bei den „Perlenfischern“ von 1863 um ein Werk konzentrierter, schwelgerischer Romantik. Die paar bekannten Highlights, das Duett von Tenor und Bariton, das bald zu Beginn kommt („Au fond du Temple Saint“), oder die berühmte Tenorarie des Nadir („Je crois entendre encore“), haben Wunschkonzert-Charakter und werden meist bei Starauftritten geboten. Allerdings ist auch der Rest der Oper, wenn man romantische Grand Opera liebt (allerdings – wer gibt das heutzutage schon zu?), höchst hörens- und durchaus auch sehenswert.

Dennoch werden die „Perlenfischer“, die im exotischen Ambiente des damaligen „Ceylon“ spielen, selten aufgeführt, wohl auch, weil die zentrale Partie der Priesterin Leila, die sowohl von Nadir wie von Zurga geliebt wird, die ursprünglich enge Freunde sind, so schwer zu singen ist. Wenn nun ein Star wie Diana Damrau diese Rolle für sich wählt, dann ist die Met dabei.

Denn Met-Intendant Peter Gelb ist ein Direktor der Primadonnen. Er hat ein Riesenhaus zu füllen, und er weiß, dass das nicht ohne besondere Angebote geht. Wenn Anna Netrebko die Lady Macbeth singen will, setzt er die Oper für sie an. Er hat Renée Fleming, die sich nun auf weisem Rückzug befindet, alle Wünsche erfüllt. Er spielt für Kristine Opolais die Rusalka und das Trittico. Und er wird alles ins Repertoire nehmen, was Diana Damrau, eine der souveränsten Sängerinnen unserer Tage, sich wünscht – zumal ein Werk, das seit genau hundert Jahren (1916) nicht mehr am Haus zu sehen war. Dass Gelb dann dank der Besetzung aus dem Risiko des „Unbekannten“ einen veritablen Erfolg machte, der nun auf DVD überzeugend zu überprüfen ist – das war Intendantenglück.

Wobei Diana Damrau an der Met mit der Inszenierung entschieden mehr Glück hatte als im Theater an der Wien 2014, wo Regisseurin Lotte de Beer eine jener Umsetzungen wählte, bei denen das Originalwerk nicht mehr erkennbar ist und entsprechend kaputt geht (Filmaufnahmen in Sri Lanka für eine Fernseh-Reality-Show). Nun hat auch die britische Regisseurin Penny Woolcock ihre ursprünglich (schon 2010) für die English National Opera in London geschaffene Version nicht ausschließlich im historischen Ceylon angesetzt, und wenn Zurga im dritten Akt im T-Shirt, mit Uhr und vor verschmutzten Aktenschränken agiert, wird der Versuch, einst und jetzt zu verschmelzen, schon schmerzlich.

Damrau Perlsenfischer sie alein  xx

Im allgemeinen aber verschwimmen die Grenzen zwischen einst und jetzt, man kann die gewaltigen Wasserprojektionen zwischendurch nicht nur als Tsunami-Zitat, sondern einfach als dramatische Stimmungen nehmen, und Diana Damrau darf im Sari ganz die schöne Priesterin, aber auch die liebende Frau sein – also das, was man konventionellerweise von den „Perlenfischern“ erwarten kann.

Die Damrau ist auch das Zentrum der Aufführung, so gut ihre Partner sind, ohne sie würde das Ganze nicht dermaßen funktionieren. Heute eine der bemerkenswertesten Sängerinnen – solche Spitzentöne hört man selten -, ist sie ein Wunder an Beherrschung einer immer schönen, großen, aller technischen Raffinessen fähigen Stimme. Sie überzeugt auch darstellerisch (nicht nur mit dem eleganten Wehen der Sari-Tücher), gibt so viel, dass die Dramatik der Geschichte geradezu vibriert. Ihre Chemie mit tenoralen Partnern funktioniert im allgemeinen wunderbar (hier wiederum sehr schön), und sie erfüllt bis ins Letzte diese Traumrolle, die natürlich nur für Sängerinnen wie sie geeignet ist, die alles können und sich vor nichts fürchten müssen. Tatsächlich braucht sie, nachdem sie Strauss (die Zerbinetta ist wohl Geschichte) hinter sich gelassen hat und von den Mozart-Mädchen zu den Damen vorgedrungen ist, solche Rollen. Es kann nicht immer nur Bellini und Lucia sein, obwohl ihr dramatischer Weg vermutlich zu den drei Donizetti-Königinnen führen wird (aber noch nicht).

Der Amerikaner Matthew Polenzani, der Met in den letzten zwei Jahrzehnten verbunden wie keinem anderen Haus und dort der „Tenor für alle Fälle“, der (außer Wagner) jegliches Repertoire singt, klingt und strahlt, wie man es von einem Tenor erwartet, hat die technische Souveränität für die Schwierigkeiten der Rolle, und er bringt Schmelz und glaubhafte Innigkeit in seine Beziehung zu Leila.

Mariusz Kwiecien, der am Anfang ein wenig trocken und angestrengt klingt, arbeitet sich in die Dramatik seiner Rolle hinein, man glaubt ihm die Brutalität im dritten Akt (da lässt ihn die Regisseurin aus verzweifelter Liebe fast zum Vergewaltiger werden), wendet sich aber dann überzeugend zum Edelmut – was die Baritone in der Oper eben alles zu leiden haben…

Wie auch in Wien sang Damrau-Gatte Nicolas Testé den Priester Nourabad (der diesmal wie ein solcher wirken durfte), und er ist ein mächtiger französischer Baß, der keine Protektion braucht.

Herrlich, wie der italienische Dirigent Gianandrea Noseda das Schwelgerische in Bizets Musik auskostet, aber auch die Dramatik hochpeitscht. Es ist im Ganzen ein mitreißendes Spektakel, nicht nur auf der Bühne und durch die Kraft der Interpreten, sondern auch aus dem Orchesterraum. Und wer gerne ein bisschen „alte Oper“ hat – der darf sich an der Musik erfreuen und an einer Aufführung, die ja doch ein wenig indisch (ceylonesisch…) aussieht. Wo bekommt man das heute außerhalb der New Yorker Met sonst noch geboten?

Renate Wagner

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