Der Neue Merker

BIETIGHEIM/ BISSINGEN: „FRAU MÜLLER MUSS WEG“ von Lutz Hübner

 „Frau Müller muss weg“ im Kronenzentrum Bietigeim
MOBBING UND LEISTUNGSDRUCK
„Frau Müller muss weg“ von Lutz Hübner im Kronenzentrum am 25.10.2017/BIETIGHEIM-BISSINGEN
Für das Staatsschauspiel Dresden wurde diese spritzige Komödie von Lutz Hübner geschrieben. In der Regie von Kay Neumann lässt man hier einen wirren Elternabend Revue passieren, bei dem die Grundschullehrerin gemobbt wird. In wenigen Monaten gibt es Zeugnisse, die über das Schicksal der weiteren Schullaufbahn entscheiden. Streitpunkt ist die Empfehlung für Gymnasium, Real- oder Hauptschule. Die meisten Eltern wollen ihr Kind allerdings aufs Gymnasium schicken – damit ist der Konflikt vorprogrammiert.

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Claudia Rieschel. Copyright: Oliver Fantitsch.

Die von Claudia Rieschel recht burschikos gemimte Grundschullehrerin Sabine Müller hat hier ihre liebe Not, denn die Eltern sprechen ihr an diesem Abend nach einem eher gemütlichen Beginn mit Blumenstrauß das Misstrauen aus. „Man muss mir das erst nachweisen, dass ich Fehler gemacht habe“, so Frau Müller echauffiert. Die Eltern sind sauer und drohen mit Streik: „Dann schicken wir die Kinder eben nicht mehr in die Schule!“ Die Pädagogin aus Leidenschaft wehrt sich vehement gegen diese Unterstellungen. Plötzlich schwinden die Eltern-Allinanzen, denn Frau Müller platzt plötzlich der Kragen. Sie verlässt kopfüber das Klassenzimmer und lässt die Eltern alleine und ziemlich ratlos zurück.

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Gerit Kling, Thomas Martin. Copyright: Oliver Fantitsch

Bei Kindern hört der Spaß auf. Da zeigt sich, wie solidarisch eine Gesellschaft wirklich ist und wie sie mit Erfolg und Niederlagen umgeht. Da werden keine Gefangenen gemacht und keine Konzessionen“, meint der Autor Lutz Hübner. Kay Neumann hat diese verzwickte Situation rasant und witzig inszeniert (Ausstattung des rustikalen Bühnenbildes: Monika Frenz). Gerit Kling übernimmt dann als Verwaltungsbeamtin in der Staatskanzlei und Elternsprecherin Jessica Höfel aus Mannheim resolut das Zepter: „Ich hab‘ die Schnauze voll!“ Die Situation im Klassenzimmer spitzt sich in elektrisierender Weise bei dieser Inszenierung immer mehr zu. Denn auch die anderen Akteure verlieren nach dem unvermuteten Abgang von Frau Müller die Nerven. Beziehungsprobleme zwischen dem von Wolfgang Seidenberg explosiv gespielten arbeitslosen Fernmeldetechniker Wolf Heider und der von Iris Boss emotional gemimten Museumspädagogin Katja Grabowski eskalieren. Zuerst hat man sich über das „Gewäsch“ von Frau Müller aufgeregt („Weil unsere Kinder unglücklich sind!“), jetzt übertragen sich die Konflikte auf die Konversation zwischen den Eltern, die immer mehr ausflippen. Katrin Filzen verliert als Kölnerin und Übersetzerin englischer Belletristik letztendlich die Nerven und beginnt zu heulen. Ihr Mann Patrick Jeskow (fulminant von Thomas Martin verkörpert) verteidigt sich vehement gegen Vorwürfe: „Ich bin kein Arschkriecher!“ Auch den anderen Protagonisten platzt jetzt der Kragen, es kommt zur ultimativen Bildungsexplosion. Man mokiert sich leidenschaftlich über die „unfähige Kuh“ Frau Müller und bemerkt gleichzeitig, dass diese ihre Handtasche im Eifer des Gefechts vergessen hat. Jetzt gibt es kein Halten mehr: Die Handtasche wird durchstöbert, man entdeckt, dass sie ihren Hausschlüssel vergessen hat und erwartet deshalb, dass sie zurückkommt. Die Spannung steigt unaufhörlich. Die Luft ist bis zum Zerreissen gespannt. Denn gleichzeitig entdecken die verdutzten Eltern in der Handtasche eine Liste mit guten Noten. Jetzt will man Frau Müller plötzlich wieder behalten und die Vorwürfe sind Schnee von gestern. „Es gibt immer Kinder, die sich verweigern“, lautet die neue Erkenntnis.

Der Elternabend ist zum Tribunal mit einem angeklagten Lehrer geworden. Doch der Schuss geht nach hinten los, denn Frau Müller kommt zurück. Sie erwischt sogar den peinlich berührten Jeskow beim Durchstöbern ihrer Handtasche und fordert diese zurück. Man erklärt der völlig überraschten Frau Müller, dass man sie wiederhaben möchte. Diese nimmt das Angebot nach langem Zögern schließlich an. Aber die Eltern haben zu spät gemerkt, dass Frau Müller nur die Liste vom letzten Jahr in ihrer Handtasche hatte. Es wird also in diesem Jahr wirklich schlechte Noten für einige Schüler geben. „Das geschieht euch recht„, meint Katja Grabowski nach dem endgültigen Abgang von Frau Müller. Die Probleme mit der Psyche haben für die sprachlosen und am Boden zerstörten Eltern jetzt erst angefangen. Und der Vorhang fällt.

Viel Applaus.
Alexander Walther

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