Der Neue Merker

BERN: UN BALLO IN MASCHERA. Premiere

BERN / UN BALLO IN MASCHERA 6.2.2016 (Alex Eisinger)

kzt
Copyright: Philipp Zinniker

Für Opernfreunde ist es Allgemeinwissen, dass die Zensur Neapels die dort geplante Uraufführung des „Ballo in Maschera“ auf Grund des Königmords platzen liess, Rom als Einspringer die Verlegung der Handlung aus Europa weg nach Nordamerika durchsetzte. Und somit wurde schon 1859, ein erstes Mal ein Werk in ein anderes Milieu verpflanzt. Verdi’s Maskenball, Werk mit dramaturgisch sehr stringentem Plot, eignet sich geradezu für andere Örtlichkeiten, Dreiecksgeschichten gibt es allerorten, der Mord könnte sich am Wiener Opernball, einem Faschingsball in Deutschland, einem Fasnachtsball in der Schweiz, einem Ball der HighSociety oder in einer Disco ereignen, die Wahrsagerin Ulrica lässt man ohne Sinnentfremdung zur Astrologin oder zum Medium mutieren. Vielleicht ist es gerade dieser Handlungs-Geradlinigkeit geschuldet, dass Regisseure erstaunlicherweise bei diesem Oeuvre meist eher brav am Original bleiben. Mir bleibt nur eine brandaktuelle Inszenierung in Erinnerung haften, als in den Neunzigerjahren zur Zeit der Clinton/Lewinsky-Affäre Zürich das Werk im Oval Office des Weissen Hauses spielen liess.

Nun auch KonzertTheater Bern in der Regie von Adriana Altares hat sich für Nordamerika entschieden, zeigt – was weit wichtiger ist als die Örtlichkeit – Riccardo als ein Gouverneur, der an Kunst, Theaterspiel und Geld ausgeben, nur in geringem Mass an Politik und seinen Geschäften interessiert ist. Das äussert sich einmal bildlich (Bühne: Christoph Schubiger), dass in seiner Residenz renoviert wird, zum andern dass er Kostüme (Nina Lepilina) und Verkleidungen mag. Sein spielerischer Charakter ist in der Handlung durchaus vorgegeben: er begibt sich mit seiner Entourage zur angeklagten Ulrica um sich selbst ein Bild zu machen, um unerkannt zu bleiben verkleidet er sich, spontan gibt er Geld aus um deren Prophezeiung für den Matrosen wahr werden zu lassen. Auch musikalisch ist dieser Charakterzug nach der für ihn fatalen Voraussage seiner eigenen Zukunft durch „è scherzo od è follia…“ und dem sich anschliessenden Ensemble mit Chor klar legitimiert. In dieser Grenzsituation flüchtet er sich ins Spiel, in einen eigenen, beinahe kindlichen Fantasie-Kosmos. Frau Altares unterstreicht ihre Grundidee, dass das Werk durchaus auch eine komische Seite hat, durch eine sehr genaue, differenzierte Führung der beiden bassgewaltigen Verschwörer Samuel (Kai Wegner) und Tom (Pavel Shmulevich), die nicht wie üblich nur in einer Ecke stehen und bös dreinschauen, sondern schon fast Mephisto-ähnlich immer mal wieder aktiv in die Handlung eingreifen. Ein wahrer „coup de théâtre“ gelingt der Regisseurin auf dem Friedhof zum Abschluss des zweiten Akts, wenn die als Mordwaffe vorgesehenen Golfschläger der Verschwörer nach der überraschenden Demaskierung Amelias und dem damit verbundenen musikalischen Stimmungsumschwung zum Spottchor hin zum Geigenbogen umfunktioniert werden. Das nimmt Dr.Mirakel-grotesk-hoffmanneske Züge an und unter dem Hohngelächter wird Amelia betatscht, zur Prostituierten degradiert. Daumen hoch für die konsequente, lebendige Regie, auch wenn zwei-drei kleine Einfälle überflüssig waren.

Kevin John Edusei spielt mit dem Berner Symphonie Orchester einen dynamisch sehr differenziert-abgestuften Verdi, allerdings wird es einige Male arg knallig, schlicht zu laut. Und noch ein Einwand: die Übergänge zur Bühnenmusik und eine zusätzliche Einspielung ab Konserve/Aufnahme (?) waren in der Lautstärke zu wenig abgestimmt, aber das lässt sich korrigieren. Wunderschön hingegen das Solo des Englischhorns in Amelias erster Arie. Der Chor, wie immer von Zsolt Czetner bestens einstudiert, war voll bei der Sache und die Balance der einzelnen Stimmen machte Freude.

Zu den Sängern: Die beiden Kleinstpartien/Wurzen waren mit Mariusz Chrzanowski und Andres del Castillo adäquat besetzt, der Silvano des Wolfgang Resch wusste weniger zu gefallen, stark die bereits oben erwähnten Verschwörer Samuel und Tom, Letzterer im Sinne der Regie äusserst spielfreudig. Yun-Jeong Lee war Oscar, vom Charakter her als androgyner Begleiter des Vorgesetzten gezeichnet: die Stimme der Koloratursopranistin aus Korea ist gewachsen, hat aber ihre Agilität bewahrt, das bewies die federleicht-überzeugend präsentierte Arie im Schlussbild. Zu Beginn schien sie mir nervös, sang einige Hochtöne mit Überdruck. Die Serbin Sanja Anastasia hauste in einem Wohnwagen, ging ihrer Arbeit unter einer Autobahnhochstrasse nach, sang die schwierige Partie der Seherin ausdrucksstark wie manche Ulrica-Kollegin mit zwei nicht ganz verblendeten Stimmregistern. Die gesangliche Krone der Aufführung geht ganz eindeutig an die wunderbare Amelia der Miriam Clark: ein erlesenes Timbre, eine technisch sauber geführte Stimme, die selbst im zartesten Piano bis in den hintersten Winkel trägt, doch auch in Expansion zu dramatischen, wunderbar runden, dem Ohr schmeichelnden Akzenten befähigt ist … grossartig! Der Mexikaner Juan Orozco war ein Renato, der den Anforderungen dieser Baritonpartie mehr als gerecht wurde, insbesondere berührte seine differenzierte Darstellung, die Entwicklung vom Freund-Kollege-loyaler Mitarbeiter des Chefs hin zum wütenden Ehemann, der trotz seiner Enttäuschung seine Gattin noch immer liebt. Alessandro Liberatore hat erfreulich viele, wenn auch nicht alle Facetten der Regievorgabe umsetzen können, die Versetzung seines untergebenen Freundes und damit der Verzicht auch auf Amelia wurde schwermütig überzeugend vermittelt, die spielerische, locker-leichte Seite, die ich mir mit einer Herzogattitüde des Rigoletto-Herzogs gewünscht hätte, kam weniger ausgeprägt herüber. Der Künstler hat das Potenzial, alle Töne für diese Zwischenfach-partie, allerdings schien mir sein Tenor ab und an leicht gefährdet, etwas belegt zu sein, wie nach einer erst kürzlich überwundenen Verkühlung, nicht ganz frei zu strömen.

Résumé: ein Erfolg von unbestrittener Qualität an einem kleinen Haus und als Folge einhelliger, begeisterter Beifall beim Premierenpublikum für eine schlüssige Interpretation.

Alex Eisinger

 

 

 

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