Der Neue Merker

BERLIN/Philharmonie: DEUTSCHES SYMPHONIE-ORCHESTER / Piotr Anderszewski

Berlin/ Philharmonie: Deutsches Symphonie-Orchester (DSO) mit Piotr Anderszewski, 19.11.2017

Ein reines Schumann-Programm hat Seltenheitswert, und eigentlich sollte es Jiří Bělohlávek leiten, Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, der nach der Wende an den Pulten der Welt gastierte und die Musik seiner Heimat international bekannt machte. Gerade wollte er sich Robert Schumann widmen, als er mit 71 Jahren am 31. Mai 2017 den Kampf gegen den Krebs verlor. Seinem Andenken ist dieses Konzert gewidmet.

Antonello Manacorda (c) Nikolaj Lund
Antonello Manacorda. Copyright: Nikolaj Lund

An seine Stelle tritt nun Antonello Manacorda, auch ein Musiker mit internationaler Erfahrung und seit 2010/2011 Künstlerischer Leiter der Kammerakademie Potsdam. Der 47Jährige ist ein sportlich fitter Typ, und genau so dirigiert er: energisch und mit lebhafter, genau passender Körpersprache. Alle Details werden beachtet, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) wird ständig anspornt, obwohl die Instrumentalisten sicherlich genau wissen, was sie zu tun haben.

Manacorda drückt jedenfalls aufs Tempo und trifft sich dabei durchaus mit Schumann, der seine 1848 komponierte Ouvertüre zu Lord Byrons Drama „Manfred“ op. 115 einteilte in „Rasch, Langsam“ und „In leidenschaftlichem Tempo“, passend zur Märzrevolution 1848, die Schumann begeisterte. Ein Werk voller Farben und Stimmungen, die gut herausmusiziert werden.

Dieser Reichtum an Farben und unerwarteten Wendungen ist auch charakteristisch für Schumanns „Klavierkonzert a-Moll“ op. 54. Der 1. Satz entstand schon 1841, kurz nach der endlich erreichten Hochzeit mit Clara Wieck. Dem offenbar glücklichen Robert sind in diesem Satz besonders viele überraschende Wendungen eingefallen.

Mut hat er ebenfalls bewiesen: Nur ein kurzer Impuls des Orchesters und schon ist der Solist an der Reihe mit einer Kaskade kraftvoller Akkorde. Das war etwas Neues, das hatte noch nicht einmal Beethoven in seinem als heldenhaft eingestuften „Klavierkonzert Nr. 5 in Es-Dur“ gewagt.  Daniel Barenboim hatte es gerade zu seinem Geburtstag am 15. November 2017 gespielt.

Der sitzt nun mit seiner Familie eine Reihe vor mir und dürfte wohl nicht nur wegen Schumann gekommen sein, sondern vermutlich wegen des international hochgeschätzten und mit vielen Preisen bedachten Klaviervirtuosen Piotr Anderszewski, der übrigens am 18. April 2018 im Pierre Boulez Saal Werke von Mozart, Janácek und Chopin darbieten wird.

Piotr Anderszewski (c)Simon Fowler, b
Piotr Anderszewski. Copyright: Simon Fowler

Der lässt jetzt dieses Konzert aufblühen, wirft sich mit Kraft in die Partitur, in der der Romantiker Schumann sich vom Einfluss der Klassik befreien möchte. Anderszewski gestaltet alles voll überzeugend, die „Kracher“ und die flinken Läufe ebenso wie das Zärtliche, wobei der Robert wohl an seine Clara dachte. In diesen Passagen beugt sich der Interpret lächelnd tief auf die Tasten und bewegt den Mund, als wolle er dieses Liebeslied mitsingen.

Mit einem großartigen, facettenreichen Solo zieht der 48Jährige die Hörerinnen und Hörer noch mehr in seinen Bann, und dass er alles in den Fingern und im Kopf hat, ist selbstverständlich. Der könnte dieses Konzert sicherlich auch irgendwann in der Nacht, aus dem Schlaf gerissen, überzeugend darbieten.

Diesen 1. Satz hat Clara Schumann im August 1841 in Leipzig mit dem Gewandhausorchester uraufgeführt, doch dann war erstmal Pause. Keiner wollte das Stück, so wie es war, drucken. Schumann musste zwei weitere Sätze hinzukomponieren, tat das aber erst 1845. Es sei dennoch ein Werk wie aus einem Guss, ist im Programmheft zu lesen. Dennoch scheint – so der persönliche Eindruck – den beiden nachträglich zu Papier gebrachten Sätzen etwas vom unmittelbaren Zauber des (bei dieser Gelegenheit revidierten) ersten Satzes zu fehlen. Heftiger, hoch verdienter Beifall belohnt den großartigen Pianisten.

Schließlich Schumanns „Symphonie Nr. 2 C-Dur“ op. 61, komponiert 1845/47. Auch hier probt Schumann ein bisschen den Aufstand gegen den Übervater Beethoven und die Klassik, indem er z.B. das Adagio erst dem dritten Satz anvertraut. Dass Schumann orchestrieren kann, beweist er, doch wirkt manches doch sehr unruhig und gewollt. Zumal der relativ bekannte 2. Satz mit dem Scherzo zu schnell dirigiert und dadurch nicht richtig zum Singen gebracht wird. Da steht zwar auch Allegro vivace, aber das war denn doch zuviel an Hetze.

Der dritte Satz ist Johann Sebastian Bach gewidmet, wobei sich Schumann durchaus auf einige seiner Werke bezogen hat. Bach war für Schumann „das täglich Brot“, aber so souverän wie beim großen Vorbild gelang dem Romantiker Schumann die eher klagende Fuge – ein Spiegelbild seiner Depressionen – nicht. Im letzten Satz hat er wieder Mut gefasst und trumpft optimistisch auf. Mit einem strahlend musiziertem Schluss endet diese Symphonie und dieser mit viel Applaus bedachte Schumann Abend.

Ursula Wiegand

 

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