Der Neue Merker

BERLIN/Musikfest/ Philharmonie: „IL RITORNO d’ULISSE IN PATRIA” von Claudio Monteverdi, halbszenisch

Musikfest Berlin/Philharmonie: „IL RITORNO d’ULISSE IN PATRIA” von Claudio Monteverdi, halbszenisch, 03.09.2017

Blumen für John Eliot Gardiner für seine Monteverdi-Trilogie, Copyright  Carolina Redondo
Blumen für John Eliot Gardiner für seine Monteverdi-Trilogie, Copyright Carolina Redondo

In dieser Monteverdi-Oper, uraufgeführt in Venedig 1641 mit dem Libretto von Ciacomo Badoaro, hat Furio Zanasi die Titelrolle des Odysseus (Ulisse) inne. Anders als tags zuvor in L’Orfeo – in der recht kleinen Partie des Apollo – kann er hier seine große Erfahrung und seinen wohlklingenden, nuancenreichen Bariton unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner voll zur Geltung bringen.

Auch optisch passt er zu diesem älter gewordenen Kriegshelden, der nach 10-jähriger Belagerung Troja besiegte und sich jetzt – nach weiteren 10 Jahren Irrfahrt – unwissentlich an einem einsamen Strand in seiner Heimat Ithaka befindet. Im Krieg um Troja ging es bekanntlich um die Rache für den Raub der schönen Griechin Helena.
Seine nach wie vor treu auf seine Rückkehr hoffende Gattin Penelope fragt sich jedoch in ständiger Trauer, warum er nach dem Sieg über die Helena-Räuber die Rückkehr zu ihr verpasst und damit die Ehre und das Leben seiner eigenen Frau aufs Spiel gesetzt hat!

Lucile Richardot, die schon in L’Orfeo als dramatisch trauernde Unglücksbotin Erstaunen erregte, kann nun mit ihrem ausdrucksstarken Mezzo ihr Können in aller Bandbreite vorzeigen. Sie ist die eigentliche Hauptperson und fast immer auf der Bühne. Zunächst als ständig um ihren abwesenden Gatten Trauernde und ihn innig Herbeisehnende.

Das zieht sich insbesondere durch die ganze erste Halbzeit, und insofern ist Monteverdi wohl auch der Vater der Endlos-Diskussionen und –Liebeserklärungen manch späterer Opernkomponisten. Es fehlt (mir) in der ersten Halbzeit trotz der engagiert aufspielenden English Baroque Soloists der belebende Monteverdi Choir.
Zunächst hellt nur das lebens- und liebeshungrige Dienerpaar, die kesse Zofe Melanto (Anna Dennis) und der sie heftig umwerbende Eurimaco (Zachary Wilder) das düstere Klagen auf. Vergeblich versucht Melanto die Königin zu bewegen, den, wie sie meint, toten Odysseus zu vergessen und sich wieder die (körperliche) Liebe zu gönnen. Drei freche Freier werben schon länger um die (angeblich) immer noch schöne Penelope.

Zu den Dreien gehört als Antinoo Gianluca Buratto mit seinem Donnerbass (Fährmann und Pluto in L’Orfeo). Schon im Prolog hatte er als Tempo (die Zeit) die Philharmonie mit seinem großartigen Organ gefüllt, war auch der Neptun, der böse Winde entfachte und so Odysseus’ Heimkehr verzögerte. Als einer der drei Möchtegern-Gatten mit erwarteter Königswürde (!) bedrängt dieser Antinoo (Buratto) heftig die unglückliche, darüber deutlich erschreckte Penelope. Dass sie sich diesen aufdringlichen Freiern verweigert, ist allzu verständlich.

Glücklicherweise fehlt nicht der Deus ex machina, hier in Gestalt der Göttinnen Minerva und Fortuna, von Hana Blažíková mit Ausdruck und ebensolch schönen Höhen gesungen wie am Vortag als La Musica und Euridice. Minerva gibt den gestrandeten und als Bettler verkleideten Odysseus in die Obhut des hier gar nicht so alten Hirten Eumete, der zwar seinen früheren Herrn nicht wieder erkennt, ihn aber gastlich in seiner Hütte aufnimmt.

Francisco Fernández-Rueda mit klangreichem Tenor und Spielfreude füllt diese Rolle bestens aus. Er verkörpert den zufriedenen Naturburschen, der auch mal den hohen Herrschaften mutig die Leviten liest. Er ist so zu sagen Montiverdis Anwalt für Anstand und Hilfsbereitschaft.

Minerva holt auch Odysseus’ Sohn Telemaco im Göttinnenflug aus Sparta herbei. Ergreifend das Wiedersehen von Vater und Sohn nach der offenbarten Identität. Krystian Adam, der gestrige Orfeo, singt und spielt auch diese relativ kleine Rolle überzeugend.

Dennoch nimmt das Geschehen erst nach der Pause so richtig Fahrt auf, zumal nun auch der Chor zur Stelle ist. Wieder wehrt Penelope tapfer alle Avancen ab und akzeptiert keine Geschenke. Sie hasst das das muntere Tanzen der anderen, die ihr Leben lieber genießen anstatt wie versteinert zu warten und zu trauern. Doch plötzlich kommt Penelope ein ihr von Minerva eingegebener guter Gedanke: welcher der drei Freier in der Lage sei, den Bogen des Odysseus zu spannen, soll ihr Mann werden. Ein Versprechen, dass sie danach sofort heftig bedauert.

Erheiternd zu hören und auch zu sehen ist es, wie die drei Freier ihre Muskeln spielen lassen, um den Bogen zu spannen. Selbst hierbei verzichtet Gardiner auf alle Requisiten. Penelope, nun ganz selbstbewusste Königin, deutet den Bogen nur mit den Armen an. Alle scheitern kläglich, nur der sich bescheiden nähernde Bettler (ihr Mann) schafft es. Laut Libretto tötet er mit den Pfeilen die drei Freier, was hier nicht gezeigt, sondern durch Minerva in der Ferne vollzogen wird.

Übrig bleibt jedoch ein Anhängsel der Drei: der verfressene Iro, der abgeschnitten von den bisherigen Pfründen das Verhungern fürchtet. Schon vorher fiel er, der englische Tenor Robert Burt, durch lustige Einlagen auf, doch nun zieht er eine Sondernummer ab. Wie der in allen Varianten volltönend singt, quiekt und raunzt, wie er tanzend und stolpernd seinen dicklichen Körper verschraubt, ist auch schauspielerisch eine Riesengaudi und insgesat eine Glanzleistung, für die er spontanen Beifall erhält. Laut Programmheft ist der Iro seine weltweite Paraderolle.

In den übrigen Partien gefallen als Pisandro: Michał Czerniawski, als Anfinomo: Gareth Treseder, als Giove: John Taylor Ward, als Giunone: Francesca Boncompagni, als Umana fragilità: Carlo Vistoli, als Amore: Silvia Frigato und als Ericlea: Francesca Biliotti. Keinerlei Veränderungen beim Regieteam (siehe unter L’Orfeo).

Und Penelope? Der Hirt und ihr Sohn versichern ihr, der starke Bettler sei ihr zurück gekehrter Ehemann, doch sie glaubt ihnen nicht. Bloß keine weitere Enttäuschung. Auch als er unverkleidet vor ihr steht, wehrt sie ihn ab und denkt an Zauberei.

Erst als er ihr die Muster auf der Seidendecke des Ehebetts schildert, ist der Bann gebrochen. Nein, sie fallen sich nicht jubelnd in die Arme, sehr langsam nähern sie sich einander. Ihre Hand, die Odysseus ergreifen will, zieht Penelope das erste Mal zurück, ehe dann beide wagen, sich zart zu berühren und sich nach so langer Trennung ganz vorsichtig zu umarmen. Ungemein berührende Momente, die manchen Zuschauern die Tränen in die Augen treiben.

Der Jubel danach für die beiden sowie für Gardiner und alle Mitwirkenden braust – wie am Vortag – durch die ausverkaufte Philharmonie.      

Ursula Wiegand

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