Der Neue Merker

Berlin/Komische Oper: MEDEA – Premiere in Anwesenheit des Komponisten Aribert Reimann

BERLIN / Komische Oper: MEDEA – Premiere, 21.5.2017

Mit Begeisterung aufgenommene Berliner Erstaufführung in Anwesenheit des Komponisten Aribert Reimann

„Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht“ Medea

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Nicole Chevalier (Medea). Copyright: Monika Rittershaus

Die von der Wiener Staatsoper in Auftrag gegebene, 2010 daselbst uraufgeführte Oper Medea nach einer Textvorlage des österreichischen Dramatikers Franz Grillparzer (letzter Teil aus der Trilogie „Das goldene Vlies“) erlebte nun in der Heimatstadt des Komponisten eine in jeder Hinsicht qualitätsvolle und musikalisch bemerkenswerte Erstaufführung. Reimann, dessen Opern „Lear“, „Melusine“, „Troades“ und „Gespenstersonate“ mir nicht zuletzt dank Martha Mödl und Fischer-Dieskau bekannt sind, hat in Medea einen Stoff gefunden, der wohl seit der zunehmenden Flüchtlings- und Migrationsströme von atemberaubender Aktualität ist. 

Die Inszenierung des in Island lebenden Australiers Benedict Andrews ist seine zweite Arbeit an der Komischen Oper Berlin nach Prokofievs „Feurigem Engel“. Er lässt das Drama in zwei Teilen auf leerer Bühne spielen.  Lediglich ein mit Fäden angedeutetes schmales Haus und eine kurze schwarze Mauer bilden den Rahmen, der die aktionsreiche Vorderbühne vom nackten schwarzen Bühnenraum, an dessen hinterer Wand die gerade nicht beschäftigten Solisten auf Stühlen wie im Wartezimmer eines Arztes ausharren, trennt. Andrews konzentriert sein dramaturgisches Konzept ganz auf die Personenführung, die in bester Schauspielmanier intensiv dem Text (und der Musik) folgend den Sängerinnen und Sängern das Letzte an Selbstentäußerung und Bühnenaktion abverlangt. 

Das gesamte Drama geht von inneren Erleben Medeas, ihrer Verstrickung in diese ausweglose Situation aus Mannes- und Mutterliebe, politischer Ausgrenzung, Schuldzuweisung und schließlich Ausweisung samt tödlichem Finale aus. Es darf nicht vergessen werden, dass auch ihr Weg aus Kolchis an den Hof von Korinth gesät mit Verbrechen und Treubruch ist. Aus Liebe zu Jason hat sie ihren Bruder Absyrtos sterben lassen und den Vater bestohlen. Genau aus diesem inneren Drama schöpft Reimann die mit vertrackten Koloraturen und Wahnsinns-Intervallsprüngen gespickte Musik. Aber auch Jason, der gemeinsam mit Medea als vermeintliche Mörder des König Pelias aus Jolkos zu Verbannung und Tod verurteilt wird, erfährt in der musikalischen Deutung durch Reimann (und die Regie) ein differenzierteres Bild, als dies die übliche Charakterisierung als Opportunist und Weiberheld vermuten lassen würde. Er soll zwar Kreusa (Anna Bernacka), die Tochter des Kreon (Ivan Tursic), heiraten, von oberflächlichem Glück des Bräutigams kann aber zu keiner Zeit Rede sein. Zu sehr ist sein Weg und sein Leben mit dem Medeas verwoben. 

Medea rächt sich fürchterlich an ihrem eigenen Schicksal, indem sie zur Schicksalsgöttin ihrer Kinder, die sie erdolcht und von Kreusa, die sie im Flammenkleid verbrennen lässt, wird. Für die Verbrennungszene wird der Zuseher sogar Zeuge eines spektakulären Stunts.

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Nicole Chevalier (Medea). Copyright: Monika Rittershaus

Die Besetzung schöpft in der Mehrzahl aus den vorhandenen Kräften des Ensembles. Eine Irrsinnssache eigentlich, dass eine Institution wie die Komische Oper ein vokal so schwierig zu realisierendes Werk mir nichts dir nichts  fast durchwegs mit eigenen Kräften ganz vorzüglich besetzen kann. Gar nicht hoch genug kann Nicole Chevalier in der Titelrolle gelobt werden. Der jungen Sängerin gelingt musikalisch einfach alles. Trotz aller noch so abwegiger Intervallabfolgen, unglaublicher emotionaler Ausbrüche in hohe und höchste Register, Sprünge von „Tal zu Berg“, klingt Chevaliers Stimme stets perfekt geführt, klangschön und dennoch wahrhaftig. Mit ihrer kompletten Aneignung der Figur (Elektra lässt grüßen), einer atemberaubend intensiven Gestaltung, die schlafwandlerisch und in wachsendem Irrsinn die Spannungsschraube immer schneller und intensiver in das Fleisch des Lebens bohren lässt, ersingt und erspielt sich Chevalier einen ganz großen persönlichen Theatertrumpf. Als Jason mimt Günter Papendell nicht den „Ungustl vom Dienst“, den widerlichen Macho, der die arme Medea für die Rückholung des goldenen Widerfells schamlos ausnutzt und dann wegwirft, sondern berührt besonders im zweiten Teil ganz besonders, als er zu ahnen beginnt, dass es keine schmerzlose Trennung von Medea und einem seiner Söhne im Sinne Kreons geben wird. Als dritter im Bunde der großen Darsteller und Sänger ist Eric Jurenas als Herold zu nennen. Stupend, mit welcher Ausdruckstiefe und vokalen Präsenz dieser junge Sänger die tragische Rolle eines Abgesandten des Gerichts des griechischen Städtebunds als Urteilsverkünder auszustatten vermag. Nach dieser Leistung kann dem vielversprechenden Talent wohl eine große Zukunft vorausgesagt werden. Im August 2017 wird er beim Innsbrucker Festival der Alten Musik in Richard Kaisers Oper „Octavia“ in der Rolle des König Tiridates zu hören sein. Aber auch Nadine Weissmann als Gora hat ihren Applaus zu Recht verdient.

Für die musikalische Leitung hat die Komische Oper Steven Sloane, seit über 20 Jahren Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, einen erfahrenen amerikanisch-israelischen Dirigenten engagiert. Er bleibt der hochdramatischen Partitur ein kundiger Anwalt, und vermag vor allem im zweiten Teil auch mit lyrischen Tönen zu punkten. Teile des Schlagzeug waren wirkungsvoll im Zuschauerraum links und rechts von der Bühne platziert.

Die Komische Oper hat dieses sicherlich äußerst hörenswerte musikdramatische Werk jetzt im Repertoire. Es ist fordernd für das Publikum und strapaziert im ersten Teil durch permanenten Hochdruck ganz schön die Konzentration. Erst im zweiten Teil findet Reimann zu einer Ausgewogenheit in der Spannungsdramaturgie und gibt dadurch die Möglichkeit, sich durch Geschehen und Personen berühren zu lassen. Das Publikum war bestens disponiert und hat trotz manch leerer Plätze nach der Pause Sänger, Orchester, Dirigenten und das „leading team“ ausgiebig gefeiert, wie sich das für so eine Premiere auch gehört. Der Komponist war sichtlich dankbar und hat alle Beteiligten vor dem Vorhang gerührt geherzt und umarmt. Es darf berichtet werden,dass dieses wohl erfolgreiche Wiener Auftragswerk somit gut und wohlbehalten in Berlin angekommen ist.

Anmerkung: Die Premiere am 21.5. wurde auf theoperaplatform.eu live gestreamt und ist danach noch sieben Tage abrufbar.

Dr. Ingobert Waltenberger

Fotos: Monika Rittershaus

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