Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper/Festliche Wiedereröffnung: „Zum Augenblicke sagen: Verweile doch! SZENEN AUS GOETHES FAUST“

Berlin/Staatsoper: Festliche Wiedereröffnung Unter den Linden mit „Zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Szenen aus Goethes Faust“ am 03.10.2017

René Pape (Mephisto) Elsa Dreisig (Gretchen), Meike Droste (ihr Double), Foto Hermann und Clärchen Baus
René Pape (Mephisto) Elsa Dreisig (Gretchen), Meike Droste (ihr Double), Foto Hermann und Clärchen Baus

Draußen Scheinwerfer, Blitzlichtgewitter und ein roter Teppich für die Ehrengäste, wie Bundespräsident Frank Walter Steinmeier. „Quatsch keine Opern“, sagt er gut gelaunt bei seiner Begrüßungsansprache zur Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden.

Es ist eine saloppe Berliner Bemerkung, wenn jemand zu lange redet. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und Kulturstaatsministerin Monika Grütters halten sich daran. Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit ihrem Ehemann Joachim Sauer im 1. Rang sitzend, macht kein Statement.

Richtig ist diese Kürze, denn viel zu lange haben alle auf dieses Comeback warten müssen: sieben statt der anfangs angekündigten drei Jahre. Die Baukosten sind derweil von 239 auf über 400 Millionen Euro gestiegen. 200 Millionen davon trägt die Bundesrepublik.

Hinter der nun im historisch korrekten Altrosa gestrichenen Fassade ragt noch ein Kran empor. Dennoch ist jetzt, am Tag der Deutschen Einheit, Entscheidendes vollbracht. Der Große Saal glänzt schöner als je zuvor. Gülden glitzert es auch im Foyer und im Apollo-Saal.
Am 4. und 5. Oktober gastiert Starpianist Maurizio Pollini, am 07.10. sind es die Wiener Philharmoniker. Danach schließt die Staatsoper für zwei Monate erneut ihre Pforten, denn drinnen ist noch Wichtiges zu tun.

Am 7. Dezember beginnt mit einem Konzert zum 275. Geburtstag der Staatsoper Unter den Linden und einem anschließenden Premierenwochenende mit Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ am 08. Dezember und Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ am 09. Dezember der reguläre Spielbetrieb.

Dieser 3. Oktober als Tag der Wiedereröffnung ist ein ertrotzter Termin. Später, bei der Premierenfeier, sagt GMD Daniel Barenboim mehrmals mit ernster Miene: „Wir haben darum gekämpft.“ Wir, das sind er und Intendant Jürgen Flimm. Herzlich bedankt er sich bei Flimm dafür, dass er an seiner Seite geblieben ist. (Anmerkung: Flimm erlitt zwischendurch vor lauter Stress einen Schlaganfall). Zwei erfahrene Kämpfer haben sich durchgesetzt.

Roman Trekel (Faust und Doctor Marianus), Meike Droste (Gretchen) und Chor, Foto Hermann und Clärchen Baus
Roman Trekel (Faust und Doctor Marianus), Meike Droste (Gretchen) und Chor, Foto Hermann und Clärchen Baus

Jürgen Flimm hat auch die jetzige Premiere inszeniert: „Zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Szenen aus Goethes Faust“ mit der Musik von Robert Schumann. Vermutlich wollen viele diesen Eröffnungsaugenblick emotional verweilen lassen. Ob ihnen das bei dem Bühnenbild, geschaffen von dem auch international bekannten Maler Markus Lüperts, gelingt? Mit starkem Pinselstrich und großen, auf dem Boden aufgestellten Gips- oder Pappmasché-Köpfen bebildert Lüperts die Faust-Passagen, hehres deutsches Kulturgut, auf seine Weise. Die Kostüme zwischen schlicht und kess hat Ursula Kudrna entworfen.

Flimms Inszenierung scheint Goethes Reime ebenfalls mit leiser Ironie umzusetzen. Oder hat er das alles ernst gemeint? Das ganze Stück ist eine Mixtur aus Musik- und Sprechtheater, getanzt wird auch (Choreographie: Gail Skrela).

Flimm lässt vieles in einer zusätzlich aufgestellten Guckkasten-Bühne singen und spielen, füllt die Bühne mit Personal und sorgt zunächst für Tempo und Schau-Effekte. Das nach ihrer Liebesaffaire mit Faust von der Kirche als Todsünderin gebrandmarkte Gretchen – auf einem Gestell über die Köpfe von Priestern und Nonnen hinweg getragen – ist ein starkes Bild.

Im 2. Teil wird’s eher besinnlich. Wenn dann vor dem Guckkasten eine Kinderschar – in Reihe auf Opernstühlen sitzend – immer Täfelchen mit dem Wort „Liebe“ passend zu Goethes Versen hochhält, wirkt das ziemlich albern.
Per saldo hat Flimm mehr Faust-Text eingefügt, als Schumann in seinen sieben Episoden aus Goethes Faust I und Faust II vertonte. Das Stück wird dadurch auf mehr als 3 Stunden gestreckt und nach der Pause leider zur Geduldsprobe. Vermutlich der Grund für die Buhs, die Flimm zuletzt einstecken muss. Vom allgemeinen Beifall werden sie jedoch bald übertönt.  

Doch nun zur Akustik, dem Knackpunkt des aufpolierten Hauses. Sinngemäß hatte Bundespräsident Steinmeier vor Beginn der Aufführung gesagt, die Staatsoper werde mit dem verbesserten Klang bald zu den bedeutendsten europäischen Opernhäusern gehören.

Auch diese Möglichkeit hat der Musikmensch Daniel Barenboim ertrotzt, nachdem er die von ihm gewünschte moderne Staatsoper mit zeitgemäßer Akustik nicht bekam. Zwar hatte eine solche  Variante den Wettbewerb gewonnen, doch eine Gruppe von einflussreichen Konservativen – der Tagesspiegel nannte sie kürzlich „die Stuck-und-Blattgold-Fraktion“ – opponierte. Die wollten ein festliches Opernhaus ohne besondere Rücksicht auf den Klang. Der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, gleichzeitig Kultursenator, gab nach, und so ist es beim früheren Rokoko-Look geblieben.
Doch Barenboim wäre nicht Barenboim, hätte er sich damit abgefunden. Vor allem durch die kostenträchtige Anhebung der Decke um rd. fünf Meter und den Einbau einer Nachhallgalerie wurde die gewünschte Nachhallzeit von 1,6 Sekunden erreicht.

Ist das nun zu hören? Aber wie! Weg ist der trockene Klangmischmasch. Jetzt füllt unter Barenboims Leitung die Staatskapelle Berlin tonsatt und doch transparent den Saal. Die Instrumentengruppen sind deutlich unterscheidbar. Beim Forte wird’s manchmal fast schmerzlich, da ist noch eine Anpassung an die neue Situation nötig.

Brillant klingt der von Martin Wright einstudierte Staatsopernchor, im Forte ist aber auch hier etwas Vorsicht geboten. Der Kinderchor (Leiter Vinzenz Weissenburger) mit seinen zarteren Stimmen profitiert von der neuen Akustik.  

Klar kommen nun die Stimmen der Sängerinnen und Sänger – sämtlich aus dem Ensemble – zur Geltung. Sie schwingen sich übers Orchester empor, werden von ihm nicht mehr untergebuttert. Auch die Sprecher/innen sind gut zu verstehen, denn Faust, Mephisto und Gretchen haben jeweils ein Double.      

Erst jetzt lässt sich in der Staatsoper hören, wie gewaltig und tonschön der Bass von René Pape klingt, hier als Mephisto, Böser Geist und Pater Profundus tätig. Sein Double: Sven-Eric Bechtolf). Roman Trekels lyrischer Bariton gewinnt merklich an Kraft und Farbe (Alter Ego: André Jung).  

Stephan Rügamer als schwebender Ariel, Foto Hermann und Clärchen Baus
Stephan Rügamer als schwebender Ariel. Foto Hermann und Clärchen Baus

Elsa Dreisigs
brillierender Sopran überzeugt noch mehr als bisher. Sie, der Jungstar des Hauses, ist auch darstellerisch ein exemplarisches Gretchen (gleichfalls ihr Pendant: Meike Droste vom Deutschen Theater). Meine Bewunderung gilt Stephan Rügamer als Ariel/Pater Ecstaticus. Die erstgenannte Rolle singt der Tenor schwebend am Seil hängend und macht dabei noch einen Überschlag.

Katharina Kammerloher
im schicken Rüschengewand attackiert Faust als Sorge. Gemeinsam mit Evelin Novak, Adriane Queiroz und Natalia Skrycka bildet sie mit Schöngesang ein schicksalträchtiges Quartett. Den Pater Seraphicus singt Gyula Orendt mit klangreichem  Bariton und schwingenden Hüften, die Soli bestreiten Narine Yeghiyan, Florian Hoffmann und Jan Martiník.  

Musikalisch ist diese Auftaktpremiere also voll gelungen. Alle Sängerinnen und Sänger werden mit starkem Applaus, Barenboim, die Staatskapelle und die Chöre auch mit Bravi belohnt. Nach den schwierigen Umständen während der Probezeit haben sie diesen Beifall doppelt und dreifach verdient.
Dieser erste Eindruck erweckt frohe Hoffnungen, doch das Anpassen an den neuen  stimmstärkenden und transparenter machenden Raum muss weiter geübt werden. Der akustisch ertüchtigte Große Saal verzeiht sicherlich keine Fehler.     

Ursula Wiegand

Weitere Vorstellungen des Premierenstücks am 06. Oktober sowie 14. und 17. Dezember 2017. Live-Übertragungen aus dem Großen Saal bis 7. Oktober nebenan auf dem Bebelplatz.  Der Vorverkauf für die Spielzeit 2017/18 beginnt am 07. Oktober 2017.

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