Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper: „L’INCORONAZIONE DI POPPEA“, Sex and Crime. Premiere

Poppea, Jochen Kowalski (Nutrice), Katharina Kammerloher (Ottavia), Foto Bernd Uhlig
Jochen Kowalski (Nutrice), Katharina Kammerloher (Ottavia). Copyright: Bernd Uhlig

Berlin/ Staatsoper: „L’INCORONAZIONE DI POPPEA“, Sex and Crime, Premiere 09.12.2017

Es ist eine wahre Geschichte – der Aufstieg von Kaiser Neros Maitresse Poppea zur Kaiserin von Rom, einhergehend mit der Verbannung ihrer Vorgängerin, der Kaiserin Ottavia. Claudio Monteverdi, dessen 450. Geburtstag in diesem Jahr weltweit gefeiert wurde, griff diesen historischen Stoff für seine letzte Oper auf, die er 1642, ein Jahr vor seinem Tod, komponierte: „L’INCORONAZIONE DI POPPEA“.

Gerade noch rechtzeitig springt die sanierte Staatsoper Unter den Linden, die am 07.12. ihr 275. Wiegenfest feierte, auf Monteverdis Geburtstagszug auf und gibt damit dem „Vater der Oper“ die ihm gebührende Ehre.

Beim Musikfest Berlin im September 2017 konnten die zahlreichen Fans Alter Musik sogar alle drei erhaltenen Monteverdi-Opern – Orfeo, Die Heimkehr des Odysseus und Poppea – mit Sir John Eliot Gardiner und seinem fabelhaften „Team“ halbszenisch in der Philharmonie erleben. Durch ganz Europa bis nach Nordamerika hat Gardiner Monteverdis Meisterwerke getragen.

„Poppea wird immer ein Publikumsliebling sein, denn diese Geschichte ist schlüpfrig und prickelnd“, hat er damals geäußert. Das weiß man auch an der Lindenoper und setzt bei diesem von Monteverdi harmlos als Opera musicale bezeichnetem Werk auf Sex and Crime und zieht vollszenisch nun alle Register.

Das ist in diesem Fall keine Übertreibung des Regietheaters, das alles steckt schon in dieser lebhaften, alle menschlichen Höhen und Tiefen schildernden Partitur. Wer Ohren hat zu hören, der höre. Es steckt ebenso im Text von Giovanni Francesco Busenello, der in einem Heftchen mitgeliefert wird. Außerdem läuft er overhead auf Deutsch und nun auch auf Englisch.

Erstaunlich an der Oper Poppea ist eigentlich Monteverdi selbst. Immerhin war er ab 1613 fast 30 Jahre lang Kapellmeister an Venedigs Markusdom, hatte viele sakrale Werke geschaffen und sich 1632 – erschüttert durch die Pest, der sein Sohn zum Opfer fiel – sogar zum Priester weihen lassen. Als 1637 die Oper Venedig eröffnet wurde, wandte er sich nochmals Opernthemen zu. Die (Un)Sitten der Herrschenden kannte er, wenn auch nicht gar so krass, aus seinen jungen Jahren am Hof von Mantua.

Die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr hat offensichtlich genau hingehört und genau gelesen. Mit spielfreudigen Sängerinnen und Sängern kann sie ihre Ideen verwirklichen, perfekt unterstützt von der Akademie für Alte Musik Berlin und der Leitung von Diego Fasolis, einem ausgewiesenen Barock-Experten. Gemeinsam breiten sie einen leuchtenden Klangteppich aus.

Ebenso leuchten die Stimmen, denen auch bei dieser Barockoper die schon mehrfach geschilderte Klangverbesserung im Großen Saal sehr zugute kommt. „Alle sind gesund“, verkündet vorab auch Intendant Jürgen Flimm, nur der Kronleuchter sei es vorher nicht gewesen. Doch selbst der hält in den 3 ½ Stunden durch. Das gilt auch für die Interpreten, die sich mit spürbarer Begeisterung in ihre Rollen stürzen und im Laufe des Geschehens noch besser und vollkommener werden.

Die Goldmedaille gewinnt nach meiner Einschätzung Anna Prohaska als Poppea. Schön  perlend und kraftvoll wie noch nie kommen die Koloraturen. Als Flittchen stakst sie auf ihren schlanken Beinen über die von Jens Kilian recht schlicht konzipierte Bühne, anfangs im wippenden Goldröckchen, später in einer raffinierten Korsage (Kostüme: Julia Rösler).

Mit ihrem klaren Sopran kann Anna Prohaska schmeicheln, trotzen, Häme ausdrücken und auftrumpfen. Alles weit entfernt von der Sterilität, die dem Barockgesang gelegentlich noch anhaftet. Welch ein Irrtum! Monteverdi belehrt allen eines Besseren! Barock – das war das pralle, nicht immer sittsame Leben, und genau wird an diesem Abend gesungen und gespielt.

Das aber nicht nur fürs Publikum, sondern vor dem gesamten, ständig auf der Bühne versammelten Hofstaat. Alle sehen, ob sie es wollen oder nicht, was die einzelnen Personen machen.

Immerhin schirmen zwei Soldaten Nero (Nerone) und Poppea beim Sex mit einem rötlichen Tuch ab, über das „im Eifer des Gefechts“ die Kleidungsstücke fliegen. Tuscheln ist nicht nötig, alle können sich ausmalen, was hinter dem sich bauschenden Tuch geschieht, auch die mühsam Haltung bewahrende Kaiserin Ottavia (Katharina Kammerloher).

Poppea, Max Emanuel Cencic (Nerone), Anna Prohaska (Poppea), Foto Bernd Uhlig
Max Emanuel Cencic (Nerone), Anna Prohaska (Poppea). Copyright: Bernd Uhlig)

Den Nerone gibt mit hellem, quecksilbrigen Countertenor Max Emanuel Cencic, ein international tätiger Champion auf diesem Gebiet. Er spielt den in Poppea verliebten Herrscher mal mit mal ohne Perücke. Verliebt ist eigentlich gar kein Ausdruck für diesen schmalen Sexgierigen, der außerdem ein Verhältnis mit seinem Lieblingssoldaten Lucano hat, verkörpert von Gyula Orendt (Bariton). Als Poppea hinzu kommt, praktizieren sie Sex zu Dritt.

Vergebens hatte zuvor der greise, hoch geachtete Philosoph Seneca, der frühere Lehrer Neros,  die Aufrechterhaltung von Sitte und Ordnung angemahnt. Der ist Poppea im Wege, den schwärzt sie bei Nero an, der ihn schließlich zum Selbstmord verurteilt. Mit erhabenem Bass füllt Franz-Josef Selig diese Rolle aus, nimmt gefasst das Urteil an und schneidet sich in die Halsschlagader. Blutend bricht er zusammen. Sein Double bleibt bis zum Ende auf der Bühne liegen. Triumphierend steigt Poppea über die Leiche.

Ja, diese Frau geht tatsächlich über Leichen, fordert von Nero auch die Beseitigung der Kaiserin Ottavia. Für ihn wird das eine recht leichte Übung, da er die ihm Angeheiratete ohnehin nicht liebt und sie ihm keinen Sohn geboren hat.

Poppeas weiteres Opfer ist Ottone, ihr Ex, der sie stets vergeblich umworben hat. Der kann ihr halt keine Krone bieten und wird herzlos abserviert. Sehr gefällt mir Xavier Sabata mit seinem dunkel getönten Countertenor in dieser Rolle. Der hat stimmlich und darstellerisch alle Nuancen parat, ist auch sonst als Schauspieler tätig.

Ihm ist das vergebliche Flehen ebenso zu glauben wie die spätere Wut. Von der Noch-Kaiserin Ottavia unter Druck gesetzt und um sein eigenes Leben zu retten, zeigt er sich sogar bereit, Poppea zu töten, wendet sich nun auch schnell der von ihm bisher verschmähten Drusilla (Evelin Novak) zu.
Indem er sich ihren Rock als Verkleidung ausleiht, missbraucht er indirekt ihre Liebe, bringt es andererseits aber nicht übers Herz, Poppea zu erdolchen. Drusilla nimmt hinterher sogar alle Schuld auf sich, bis Ottone endlich sein Vorhaben bekennt. Nero schickt ihn in die Verbannung, und Drusilla folgt ihm.

Angeblich ist es laut Monteverdi jedoch Amor (Lucia Cirollo) gewesen, die/der im roten Federrock über der Bühne schwebend, die schlafende Poppea vor der Ermordung geschützt hat. Beim Prolog wurden die Partien Fortuna, Virtú (Tugend) und Amor zunächst von Niels Domdey, Artina Kapreljan und Noah Schurz – drei Solisten aus dem Kinderchor der Staatoper gesungen.

Im Verlauf der Handlung verkörpert Lucia Cirollo außerdem, dann ich einer Hosenrolle, den über beide Ohren in die Zofe Damigella ( Narine Yeghiyan) verliebten, temperamentvoll werbenden Pagen und gewinnt damit sofort die Herzen des Publikums.

Die gewinnt auch der in einem viereckigen Reifrock dahinwandelnde Jochen Kowalski als Nutrice, die alte Amme der Kaiserin. Imponierend, wie er nahtlos vom Alt zum Countertenor, zur weiblichen und männlichen Stimmfärbung wechselt.

Fast noch mehr zieht Mark Milhofer als Vertraute Poppeas die Sympathien auf sich, vor allem in der Schlussphase, als Poppeas Krönung bevorsteht. Sie jubelt, da sie/er damit vom Dienstmädchen zur Lady am Hofe aufsteigt. Mit kräftiger Stimme und deutlichem Humor singt er seine Freude darüber hinaus. – In den übrigen Partien Linard Vrielink und Florian Hoffmann als zwei Soldaten sowie David Oštrek als Tribun.

Da nun alle hinderlichen Personen aus dem Weg geräumt sind, macht Nero wie versprochen Poppea zur Kaiserin. Die aber muss zuvor auf der Bühne mit ansehen, wie er seiner Ex-Gattin die edlen Kleider und die Handschuhe vom Leibe reißt. Aufrecht stehend erduldet die diese Schmach. Berührend und mit warmem Mezzo beklagt Katharina Kammerloher den Verlust ihrer Heimat und das Urteil, ab sofort allein in einem Boot übers Meer segeln zu müssen. Der langsame Tod ist ihr gewiss.

Poppea, die nun ihr Ziel erreicht hat, singt nun zusammen mit Nero ein seit Monteverdis Zeiten berühmtes Liebeslied. Doch kein Triumph steht in ihrem Gesicht, nur eine große Unruhe, und ihre Hände in den roten (Blut-)Handschuhen zittern. Plagt sie plötzlich die Reue, fürchtet sie, es könnte ihr einmal genau so ergehen wie Ottavia?

Fast widerwillig lässt sie sich von Nero die Handschuhe abstreifen, den Ehering an den Finger stecken und  Ottavias Krone aufsetzen. Erst allmählich beginnt sie wieder zu strahlen. Ein ungewöhnlicher Schluss und eine sehr nachdenkenswerte Idee der Regisseurin.

Die muss, vermutlich wegen der Sex-Szenen, zuletzt einige Buhs einstecken, ansonsten vehementer Jubel für alle, insbesondere für Anna Prohaska.

Für mich ist es eine großartig gelungene Aufführung, ein Knaller mit Tiefgang.

Ursula Wiegand

Weitere Termine, in teils anderer Besetzung, am 10. und 13. Dezember, danach erst wieder am 08., 12. und 14. Juli 2018

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