Der Neue Merker

BERLIN / Staatsoper: L’INCORONAZIONE DI POPPEA. Premiere

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Copyright: Bernd Uhlig

BERLIN / Staatsoper: L’INCORONAZIONE DI POPPEA, PREMIERE, 9.12.2017

Triumpf für Prohaska, Cencic und Milhofer: Der teuflische Reigen der Amoral

 In der Staatsoper Unter den Linden gedenkt man Monteverdis 450. Geburtstag (genauer gesagt 450. Wiederkehr des Tauftages) mit einer Neuproduktion einer völlig neuen musikalischen Fassung von Dirigent Diego Fasolis und Andrea Marchiol in einer Inszenierung von Eva-Maria Höckmayr. Die erste Berliner Vorstellung des Werks fand im Übrigen vor 60 Jahren im neu vergoldeten Apollosaal der Oper statt, dort wo sich jetzt die Gäste in der Pause um Sekt und Brötchen rangeln.

Basierend auf neuesten musikwissenschaftlichen Erkenntnissen wurde eine Art Pasticcio-Poppea mit Kompositionen anderer Barockmeister wie Francesco Cavalli, Filiberto Laurenzi, Francesco Sacrati oder Benededetto Ferrari, von dem das berühmte Schlussduett stammen soll, erstellt. Fasolis beruft sich hier auf René Jacobs, der ebenfalls Musik anderer Komponisten in die Poppea einfügte und die rezitativischen und ariosen Passagen üppig instrumentierte. Fasolis hat sich in dieser Logik mit 3 Cembali, Orgel, Theorben, Gitarre, Barockharfe, Viola da Gamba, Violioncelli, Violine, Dulzian, Bratschen, Flöten, Hörner, Posaunen und Schlagzeug für eine reiche Instrumentierung entschieden. Aber Fasolis geht noch weiter: er hat Sinfonien (etwa von Johann Rosenmüller oder Adam Krieger) und Ritornelle hinzugefügt sowie als Ouvertüre das Vorspiel zu Cavallis Oper „L‘Ercole amante“ gewählt. Andrea Marchio hat selbst eine Introduktion im Stiel Monbteverdis geschrieben, um eine Stimmungspause des Orchesters mit Hörnern und Posaunen überbücken zu können. So wiet so gut, das ist ungewöhnlich und für die Ohren gewöhnungsbedürftig, funktioniert aber so weit. Was nicht geht, ist, dass weil das Inszenierungskonzept auf der Bühne keine Götter vorsieht, Fortuna, Virtù und Amore kurzerhand zu Kindern von Nerone und Poppea umfunktioniert werden, die mit ihren extrem anspruchsvollen Parts heillos überfordert sind. Als Solisten des Kinderchores der Staatsoper Unter den Linden mögen sie ja für kleinere Aufgaben taugen, ein solches Maß an Intonationsproblemen und Unsauberkeiten in den Verzierungen und Läufen ist aber inakzeptabel.  Auch musste infolge dieser Regielaune auf musikalisch lohnende Stellen wie diejenige von Pallas und Mercurio verzichtet werden. Glücklicherweise hat man aber auf den Deus ex Machina dieser Oper, nämlich Amor (Lucia Cirillo) doch nicht ganz verzichten können.

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Copyright: Bernd Uhlig

Die Inszenierung spielt in einem hermetischen Raum, in dem alle Akteure der Oper ununterbrochen anwesend sind. Es ist die Versuchsanordnung einer Gesellschaft, die zerfällt, sich in perfiden Sex- und Machtspielen selbst abschafft. Als optische Metapher für die Auflösung von Sitte und Anstand hat Höckmayr das Hofzeremoniell, das Protokoll gewählt. Die historisierenden Kostüme (Julia Rösler) mit viel Gold-Lamee weichen im Laufe des Abends informellerer heutiger Kleidung (schwarz und Leder), die Hüllen fallen wie die moralischen Schranken und Tabus. Mit der Gleichzeitigkeit und dauernden Präsenz des ganz und gar unsympathischen, egomanen Personals der Oper entgeht Höckmayr der linearen Erzählstruktur. Die verschiedenen Hierarchien und sozialen Schichten der Handelnden treten so in permanenten wechselseitigen Austausch, die Aktion der gerade Geforderten wird ein mimischer bzw. pantomimischer Kommentar der anderen (eigentlich Unsichtbaren) hinzugefügt. Die bitterböse Satire wirkt wie ein stählernes, osmotisch oszillierendes Kammerspiel, eine messerscharfe Analyse des Menschlichen, vielleicht allzu Menschlichen dieser zeitlosen Oper um Ehebruch, Machtgier, Intrigen, Mord, und erotischem „qui pro quo“ (Jede/r treibts hier mit fast jedem). Nikolaus Harnoncourt hat das unnachahmlich so ausgedrückt: „Das Grundthema von Poppea ist die zerstörerische, auch gesellschaftszerstörende Macht Amors. Amor zeigt, wie sich auf seine bloße Laune hin die ganze Welt verändert, wie diese Laune genügt, um all Menschen völlig zu demaskieren. Da wird der Kaiser eines Imperiums zur Marionette einer gewöhnlichen Straßendirne, die nicht nur ihn selbst besitzen und beherrschen will, sondern die auch eine totale Umkehrung des moralischen Gefüges erzwingt.“

Folgerichtig wird Poppea am Ende Gefangene und Opfer der eigenen Spielanordnung. Nerone ist im Augenblick der Hochzeit und der Erfüllung des Wunsches der Poppea, Kaiserin zur werden, erotisch schon längst auf den Spuren des feschen Lucano (hervorragend Gyula Orendt). Der Kaiser hat im Laufe des Abends schon einen flotten Dreier mit eben diesem Lucano und Poppea absolviert und sich offenbar für den Burschen entschieden. In der letzten Szene der Oper entschwinden die beiden Männer händchenhaltend ins Off. Eine verheulte abgetakelte Poppea bleibt allein zurück. Damit will die Regie vielleicht auf den historisch überlieferten Kontext anspielen, wonach Nerone die schwangere Poppea mittels Fußtritt ins Jenseits befördert hat und dafür einen sehr schönen Sklaven – freilich nach vorheriger Kastration – ehelichte. Tja, so rasch schlagen die Launen des Amor bzw. der sexuellen Attraktion um.

Die Bühne (Jens Kilian) erinnert an eine zum Orchestergraben hin abfallende half pipe für Skateboard, ganz in Gold – zuweilen schon bis auf die schwarze Grundierung abgewetzt. Keine Requisiten, nur wie die letzten Hüllen der Zivilisation abgelegte Halskrausen und Volants, Mäntel und Perücken liegen achtlos auf der Bühne herum. Selbst der in seinem Blut badende Seneca (mit sonorem Bass Franz-Josef Selig) wird nach dem spektakulären Selbstmord ebenfalls auf der Bühne belassen, Statisterie sei Dank. Poppea wird den Umhang des toten Senecas in ein Kleid umfunktionieren, die unverschämte Usurpation bekommt ihr hier wie dort nicht gut.

Die Musik der Oper lässt sich wenig in die Karten schauen. Poppeas Gesang scheint zu gurren und zu locken, mit weiblicher Raffinesse hinzureißen und entpuppt sich doch nur als plumpe manipulative Anmache für einen durchschaubaren Zweck. Die musikalischen Signale bleiben – wie dies Tim Carter vermerkt – frustrierend unklar und die Musik selbst scheint stets den Fokus zu verlagern. Dirigenten Diego Fasolis animiert die Akademie der Alte Musik Berlin, die er um einige Musiker aus seinem Ensemble I Barocchisti verstärkt hat, zu hinreißender Spielfreude und barocker Farbenpracht.

Dem würdigen Anlass der dritten Premiere des neu eröffneten Hauses entsprechend hat die Staatsoper Unter den Linden ein grosso modo exzellentes Sängerensemble engagiert. Da wären einmal die Poppea der Anna Prohaska und der Nerone des Max Emanuel Cencic zu nennen. Beide bieten Weltklasse und gestalten ihre Figuren absolut glaubhaft. Dies vollführen sie eben nicht nur in der bewundernswerten Standfestigkeit und Ausdauer der steten Bühnenpräsenz sowie erotischen Akrobatik, sondern ganz wesentlich mit rein stimmlichen Mitteln. Prohaska ist sowohl mit ihrem honigtimbrierten lyrischen Sopran als auch der Schönheit ihrer Erscheinung eine großartige Poppea. Sie braucht dazu gar nicht in den geschichtlichen Kontext zu schlüpfen, sie spielt eine moderne Karrieristin ohne Hemmung. Max Emanuel Cencic ist mit seinem charaktervollen Counter ebenfalls der ideale Interpret des autokratischen und gefährlichen römischen Kaisers. Extravagant, exzentrisch, unberechenbar und launisch bis zur Hysterie ist dieser Nerone. Es geht ihm nicht um Stimmschönheit, sondern um den expressiven Ausdruck an sich. Im Duett mit Seneca sprüht er nur so vor Hass, die Doppeldeutigkeit und das Wandelbare sind Programm. Er kennt die Rolle in- und auswendig seit seinem Debüt als Nerone in Basel im Jahr 2003. Alle Facetten der Figur vermag Cencic mit seinem üppigen Alt musikalisch die adäquate Kontur zu verleihen. Dann kommt für mich sofort Mark Milhofer in der Rockrolle des Arnalta, für mich die große Überraschung des Abends. Großartig, wie bei ihm Stimme und Bühnencharakter, Komödiantisches und Tragik eine höhere Einheit bilden. Optisch eine Parodie auf den Butler Riff Raff in der Rocky Horror Picture Show, liefert Milhofer die schrägste Performance des Abends.

Die Gegenspieler von Poppea und Nerone, Ottavia und Ottone sind mit Katharina Kammerloher und Xavier Sabata besetzt. Beide liefern ihre Partien brav ab, bleiben aber im Endeffekt blass und zeigen auch stimmlich wenig Eigenprofil. Als Drusilla fegt Evelin Nowak mit zerzauselter Vogelnestfrisur über die Bühne, in der Intonation bleibt sie indes manch Klarheit schuldig. Aus dem Opernstudio der Staatsoper ist Erfreuliches zu vermelden. Sowohl Linard Vrielink als Erster Soldat und Konsul als auch David Ostrek als Tribun lassen aufhorchen. Der zweite Soldat ist mit Florina Hoffmann ebenfalls ganz hervorragend besetzt. Ausgerechnet aber der so verdiente und von mir verehrte Sänger Jochen Kowalski, an den ich mich besonders gerne u.a. im Zusammenhang mit seinem sensationellen Wiener Debüt in „Il Giustino“ von Händel an der Volksoper als auch seinen Orlowsky an der Met erinnere, hat in der Rolle der Nutrice enttäuischt. Die Stimme bricht nach unten hin weg und vermag hier nur noch gutturale Brusttöne zu erzeugen wie einst die ebenfalls großartige  Fedora Barbieri kurz vor ihrem Bühnenabschied. In der Höhe wird die Stimme dünn und hauchig.

Insgesamt hat die Staatsoper Unter den Linden nun eine ästhetisch wertvolle und konzeptuell diskutierenswerte Poppea im Repertoire, die sowohl musikalisch als auch von der Regie her ausgefallene Wege beschreitet. Für Kenner und Genießer!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Fotos: Bernd Uhlig

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