Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper: LE NOZZE DI FIGARO – ein toller Abend. Premiere

Berlin/ Staatsoper: „LE NOZZE DI FIGARO“, ein toller Abend, Premiere, 07.11.2015

le nozze di figaro, Anna Prohaska, Ildebrando  D'Arcangelo, Foto Klärchen und Matthias Baus
Anna Prohaska, Ildebrando D’Arcangelo. Foto: Clärchen und Matthias Baus

„Ein toller Tag oder die Hochzeit des Figaro“ – so betitelte Pierre Augustin Caron de Beaumarchais sein reichlich frivoles Stück, das Mozart (wen wundert’s) so sehr gefiel, dass er Lorenzo da Ponto bat, ihm das „Büchel“ für eine Oper zu schreiben. Aus diesem tollen Tag wird nun in der Staatsoper im Schillertheater ein toller und überraschender Premierenabend.

So dirigiert der „Feuerkopf“ Gustavo Dudamel einen piekfeinen stimmigen Mozart und lässt auch die Solisten der Staatskapelle Berlin zu Worte kommen. Beim Forte wird bei ihm nicht übertrieben, alles bleibt melodiös, facettenreich und geschmeidig. Passend dazu trägt Dudamel in seinem ersten Operndirigat (zumindest in Europa) die Sängerinnen und Sänger auf Händen. Offenbar hat der Venezolaner Mozart lieben gelernt.

Jürgen Flimmmuss muss diesbezüglich nichts lernen, er liebt nach eigenen Worten die Oper „Le Nozze di Figaro“ ganz besonders. Also nimmt er Wolfgang Amadeus’ Geniestreich in seiner Inszenierung, zu der er fast wie die Jungfrau zum Kind kam, wörtlich und lässt so zusagen alle Puppen (die Interpreten) in schönen Kostümen (von Ursula Kudrna) tanzen.

Da der vorgesehene Regisseur nach einem halben Jahr abgesagt hatte, weil er mit Mozart nichts anfangen konnte, und weitere Wunschkandidaten nicht mehr frei waren, musste Intendant Jürgen Flimm selber ran, wie er es in einem Zeitungsinterview mit Humor wissen ließ. Dass er sein ursprüngliches Metier nicht verlernt hat, beweist er zur Freude des Publikums.

Während der Ouvertüre rückten die Sängerinnen und Sänger mit Sack und Pack an, leider so laut, dass sie die wunderbare Musik ziemlich stören. Besser wär’s, sie würden auf leisen Sohlen (vielleicht in Turnschuhen) über die Rampe gehen und ihre Koffer, angekommen im Urlaubsdomizil am Meer (Bühnenbild: (Magdalena Gut) nicht so herumwerfen.

Doch sonst gibt es bei dieser Inszenierung, berlinisch ausgedrückt, nichts zu meckern. Dass Flimm die Ulkschraube gelegentlich bis zum Slapstick andreht, gibt diese Mozartoper durchaus her. Deren Fülle von skurrilen Einfällen, Intrigen und absurden, teils ins fast Hochnotpeinliche abgleitenden Situation ist per se ein „Running Gag“. Nicht ohne Grund wurde sie Mozarts erster durchschlagender Erfolg.  

Die Interpreten werfen sich nun förmlich in ihre Rollen und setzen wie Ildebrando D’Arcangelo als Graf Almaviva munter noch eins drauf. Der turnt mal auf ein wackeliges Möbel (Susannas hin- und herrollende Kammer), lässt sich später auch in eine Gartenschubkarre fallen und wegfahren. Das sind Späße am Rande, doch die „Crew“ genießt solche Freiheiten und trumpft dazu mit gesanglichen Leistungen auf.

Allen voran D’Arcangelo. Der ist topfit und bestens bei Stimme. Ein Bariton, lupenrein und mit Tiefenpotenzial, im Zorn ein Erzengel Michael, der überaus eifersüchtig die Konkurrenten verfolgt (denn nur Männer dürfen fremdgehen). Aber er ist auch ein mitunter Nachdenklicher sowie ein warmstimmiger Schmeichler, wenn er nach langem Warten die vermeintlich bereitwillige Susanna vorwurfsvoll fragt: „Crudel! Perché finora farmi languir così?“

le nozze di figaro,  Lauri Vasar in den Dünen, Foto Clärchen und Matthias Baus
Lauri Vasar in den Dünen. Foto: Clärchen und Matthias Baus

Gegen soviel Power und virilem Charme hat es Lauri Vasar als Figaro nicht leicht. Ein schlanker Mann, agil, mit gutem Bass. Der muss sich hier echt gegen den dominanten Grafen wehren, erhält jedoch nach seiner Trotzarie „Se vuol ballare, Signor Contino“ (im Programmheft übersetzt mit „Falls unser Gräflein zu tanzen getraute“) freundlichen Zwischenbeifall und schneidet so gesehen besser ab als der bebrillt auftretende Florian Hoffmann als Musiklehrer.  

Der ist, wie’s gesamte Mannsvolk, ebenfalls hinter dem hübschen Kammerkätzchen Susanna – Anna Prohaska – her, die sich gewohnt frech und spritzig präsentiert. Anfangs klingt ihr feiner Sopran jedoch verhalten und kommt nicht so recht rüber. Erst im 4. Akt beim „Giunse alfin il momento“ und der anschließenden Arie „Deh, vieni, non tardar, oh gioia bella,“ ist sie hundertprozentig da, so wie man/frau es eigentlich von ihr gewöhnt ist. Der Applaus folgt prompt. Weit früher kann Dorothea Röschmann als Gräfin Almaviva mit „Porgi amor qualche ristoro“ ihr Leid über die verlorene Gattenliebe überzeugend dartun und die Zuhörer sofort für sich einnehmen. In solchen Momenten hält Flimm mit seinen Ulkkaskaden inne.

le nozze di figaro, Dorothea Röschmann und Ildebrando D’Arcangelo,  Foto Clärchen und Matthias Baus
Ildebrando D’Arcangelo, Dorothea Röschmann. Foto: Clärchen und Matthias Baus

Doch nicht lange, denn schon hat sich der junge Cherubino in Gestalt der superschlanken Marianne Crebassa eingeschlichen, streichelt und küsst die angebetete Gräfin, die sich das trotz der gespielten Gegenwehr gerne gefallen lässt nach dem Motto: der ist doch noch so jung, der will ja nur spielen.

Das will er/sie in der Tat, ein Jüngling im Stau der erwachenden Triebe. Der mag alle Frauen, umschwirrt sie wie ein Schmetterling, nicht selten aufdringlich. Dem geht es nur um die Liebe oder was er dafür hält, wie er in der Arie „Voi che sapete che cosa è amor“ der Gräfin und Susanne freimütig kundtut. Er/sie singt das mit engelsgleichem Mezzo, so dass die Zuhörer sogleich applaudieren. Die niedliche Barbarina, die ihn sich schließlich kapert, wird von Sónia Grane verkörpert.

Und dann ist da noch Katharina Kammerloher als Marcellina im 20’er Jahre Look, eine schicke, keineswegs (laut Libretto) alte Frau, die Figaro schon lange heiraten möchte und nun bekanntlich zu seiner Mutter mutiert. Eine von ihr mit viel Witz und vollem Mezzo interpretierte Partie. Otto Katzameier als Bartolo kann da nicht mithalten, wird aber vom Lebenspartner zu ihrem Ehemann.  

Bleiben noch Olaf Baer, der als Gärtner des Grafen die Bühne zur Doppelhochzeit mit klitzekleinen Sträußchen dekoriert, und der unverwüstliche Peter Maus als Richter Den Cruzio, ausgeborgt von der Deutschen Oper Berlin.

Das Stück spielt zuletzt, der Villa am Meer entsprechend, in einer hügeligen Dünenlandschaft, die den Sängerinnen und Sängern manch ein Auf und Ab zumutet, was einige mit sichtlicher Vorsicht tun. Figaro (Lauri Vasar), der zunächst verzweifelte Bräutigam, erweist sich dort aber als Mann in allen Lagen. Der hat seine Susanna, im Strandkorb als Gräfin verkleidet, an der Stimme erkannt.

Nach den freiwilligen und unfreiwilligen Verwirrungen in der Sommernacht nun der klare Morgen, und der zeigt zweierlei: Die Frauen sind klüger, aber auch beständiger in ihren Gefühlen. Die eigentliche Gräfin musste erst den Schleier lüften, damit ihr Gatte sie und ihre große Liebe erkennt. Reumütig fällt er ihr zu Füßen. Mit seinem „Contessa perdono“, von D’Arcangelo großartig und glaubhaft gesungen, hat sich Mozart fast selbst übertroffen. Sie verzeiht ihm großmütig.

Die wahre Liebe siegt also, wie lange, müssen wir wohl Mozart fragen. Großer Jubel, großes Chorfinale (einstudiert von Frank Flade), großer Publikumsjubel für alle, speziell auch fürs Regieteam!  

Ursula Wiegand

Weitere Termine: 09., 11., 13., 15., 19. und 21. Nov.

Außerdem überträgt ARTE die Oper live am Freitag, den 13. November, um 20.15 Uhr, sowohl im Fernsehen als auch im Internet auf der Musik-Plattform ARTE Concert, wo sie anschließend 90 Tage online abrufbar bleibt (concert.arte.tv).

Diese Seite drucken