Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper: JAKOB LENZ von Wolfgang Rihm – La ultima im Schiller Theater

Berlin/ Staatsoper: La ultima im Schiller Theater mit „JAKOB LENZ“ von Wolfgang Rihm, 14.07.2017

Schiller-Theater am 14.7.2017 nach der letzten Staatsoper-Aufführung. Foto Ursula Wiegand6611
Das Schillertheater nach der letzten Staatsopernaufführung am 14.7.2017. Copyright: Ursula Wiegand

Es ist die allerletzte Aufführung der Spielzeit 2016/17 und auch die allerletzte im Ausweichquartier, dem Schiller Theater in Berlin-Charlottenburg. Dieses zunächst mit einigem Argwohn betrachtete und nach langem Leerstand für die Staatsoper aufgemöbelte Ausweichquartier hat sich – trotz der räumlichen Nähe zur Deutschen Oper Berlin – in den sieben Jahren seiner Nutzung weit besser bewährt als zunächst erwartet. Trotz der nicht operngemäßen Akustik erreichte das Haus unter der Leitung von Jürgen Flimm und GMD Daniel Barenboim in der letzten Saison eine Auslastung von 90 %! 

Geboten wurden rd. 320 Veranstaltungen, darunter 13 Opernpremieren im großen Haus und in der Werkstatt und 19 Repertoirestücke. Insgesamt gab es vom Herbst 2010 bis zum Sommer 2017  im Schiller Theater und an anderen Spielstätten über 2.400 Veranstaltungen, darunter mehr als 100 Premieren im Schiller Theater, in der Werkstatt sowie an den weiteren Spielorten. Darüber hinaus wurden mehr als zwei Dutzend Repertoire-Produktionen und über 550 Konzerte gespielt, vom Soloabend bis zur groß besetzten Chorsinfonik.

Rund 1,3 Millionen Besucher kamen in den vergangenen sieben Jahren, dazu noch weitere 250.000 zu „Staatsoper für alle“. Per saldo eine Erfolgsbilanz. Die flexiblen Berliner und die zahlreichen Auslandsbesucher haben aufgrund des Gebotenen der Staatsoper auch im Ausweichquartier die Treue gehalten.

Georg Nigl als Jakob Lenz, Foto Bernd Uhlig
Georg Nigl als Jakob Lenz. Copyright: Bernd Uhlig

Bei dieser allerletzten Vorstellung ist das Schiller Theater fast ausverkauft, obwohl nichts Gängiges geboten wird oder gerade deswegen. Es handelt sich um eine eher schwere, anspruchsvolle Kost in der nun siebenjährigen Reihe „Infektion!-Festival für neues Musiktheater an der Berliner Staatsoper“. Und es ist auch die letzte von fünf Aufführung von „Jakob Lenz“ nach der Berliner Premiere im Juli, ein Frühwerk von Wolfgang Rihm komponiert 1977/78. Allerdings handelt es sich um eine schon zwei Jahren alte Koproduktion mit der Oper Stuttgart und dem Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel.

Regisseurin Andrea Breth hat sie für Berlin neu eingerichtet, nicht in der Werkstatt, sondern im großen Saal des Schiller Theaters, wo diese Oper trotz ihrer nur 80minütigen Dauer auch hingehört. Genau begleitet sie die Ängste und Zwangsvorstellungen des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz bis zum Abgleiten in den Wahnsinn. Vorlage ist der Text von Michael Fröhling, frei gestaltet nach der Novelle „Lenz“ von Georg Büchner.

Der wirkliche Jakob Lenz hatte 1778 bei den ersten Anzeichen seiner Krankheit Schutz und Hilfe beim Pfarrer Oberlin gesucht, einem gütigen, verständnisvollen, hier aber steif agierenden Mann im schwarzen Talar, gesungen von Henry Waddington (Bass). Den Freund und Arzt Christoph Kaufmann im weißen Kittel (Kostüme: Eva Dessecker) singt John Graham-Hall (Tenor). Der betrachtet „den Fall“ eher zynisch. Er scheut sich verständlicherweise, Lenz zu berühren, der sich zuletzt mit Kot beschmiert hat und steckt ihn in der psychiatrischen Klinik mit des Pfarrers Hilfe in eine Zwangsjacke.

Schwere schwarze Steine liegen anfangs auf der von Martin Zehetgruber gestalteten Bühne, zwei nur mit einem Slip bekleidete Männer räkeln sich dort verzweifelt – Georg Nigl als Jakob Lenz und sein Double, der Artist Martin Bukovsek, der sich zuletzt – statt Lenz – von der Bühnendecke hinunterstürzt und wie tot liegen bleibt.

Der wahre Lenz hat indessen alle Stadien seiner Krankheit durchlitten. In beispielloser Selbstentäußerung ist Georg Nigl dieser Mann, zeigt ihn wütend und weinerlich, auftrumpfend und verletzlich. Nigl spricht, schreit und singt den schwierigen Part mal kraftvoll, mal im Diskant oder mit Kinderstimme. Einer, dem die Realität entgleitet, ein armseliger Clown, der extrem leidend in einer anderen Welt zu Hause ist, dem gar die Stille ganz unerträglich im Gehirn lärmt. Lenz war ein Ex-Freund von Goethe, der ihn wegen einer „Eselei“ verstieß. Ob das der labile Lenz nicht verkraftet hat oder von kleinauf die Krankheit in sich trug, ist unerforscht.

Jedenfalls hatte sich Lenz – laut Libretto – in eine Friederike verliebt, vermutlich die junge Friederike Brion, mit der Goethe rd. 1 ½ Jahre liiert war. In dieser Inszenierung erscheint sie als heiß geliebtes Kind oder Kindfrau. In diesen Phasen wird Rihms Musik sehr zart.
Als die Kleine stirbt, gerät Lenz völlig außer sich, stellt sich auf einen Tisch und befiehlt der Toten erfolglos mit Jesu Worten: „Stehe auf und wandle“. Eine Szene, die unter die Haut geht, wie so manches in dieser packenden Inszenierung. Seinen angekündigten Selbstmord verwirklicht er jedoch nicht. Das ist ihm nach eigenen Worten zu langweilig.

Georg Nigl  als Jakob Lenz in der Psychiatrie, Foto Bernd Uhlig
Jakob Lenz (Georg Nigl) in der Psychiatrie. Copyright: Bernd Uhlig

Der mit der Partitur bestens vertraute Dirigent Franck Ollu zeichnet – gemeinsam mit nur neun Instrumentalisten der Staatskapelle Berlin – gekonnt den musikalischen Rahmen, lässt auch deutlich Wolfgang Rihms Zitate traditioneller Musik hören, eine Mischung von  Tonalität und Atonalität mit Anklängen an Madrigale oder Ländler.

Einfühlsam begleitet er – neben den Hauptpersonen – auch die gelegentlich auftretenden sechs Sängerinnen und Sänger, die dem Kranken auf seinem Weg in den Wahnsinn folgen. Und der, Georg Nigl, ist ohnehin die eigentliche Hauptperson, und man/frau  fragt sich nur, wie verkraftet er dieses vollständige Hineinschlüpfen in die Rolle eines psychisch Kranken.  

Selbstverständlich gelten ihm im kräftigen Beifall die verdienten Ovationen. Lange jubelt das Publikum und würdigt wohl gleichzeitig die per saldo gelungenen Staatsoperjahre im Schiller Theater.

Am 03. Oktober wird Daniel Barenboim erstmals seit sieben Jahren den Taktstock wieder in der sanierten und restaurierten Staatsoper Unter den Linden heben und die Spielzeit 2017/18  mit einer Neuproduktion eröffnen. Ihr sinniger Titel: „Zum Augenblicke sagen: Verweile doch!“ mit Robert Schumanns „Szenen aus Goethes Faust“ in der Inszenierung von Jürgen Flimm sowie Roman Trekel, Elsa Dreisig und René Pape in den Hauptrollen.

Dann werden die Anwesenden die Ohren spitzen, wurde doch die Saaldecke um ca. 5 Meter erhöht und die Nachhallzeit durch die Baumaßnahmen von 1,1 auf 1,6 Sekunden gesteigert. Die Augen der Berliner brauchen sich kaum umzugewöhnen. Die ursprünglich geplante echte Modernisierung des Saals stieß auf Widerstand und wurde abgeblasen. Optisch bleibt es also beim „DDR-Rokoko“, und was Opernaufführungen betrifft, wird es eine Wiedereröffnung auf Raten.

Gestartet wird mit einem „PRÄLUDIUM“ vom 30. September bis 8. Oktober. Den Auftakt bildet ein gratis Open-Air-Konzert „STAATSOPER FÜR ALLE“ mit Daniel Barenboim, der Staatskapelle Berlin und dem Staatsopernchor am 30. September um 17 Uhr auf dem Bebelplatz. Anschließend folgen Konzerte, u.a. mit Maurizio Pollini.

Im Dezember geht’s dann richtig los. Am 7. Dezember gestalten die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta das Konzert zum 275. Geburtstag der Staatsoper Unter den Linden! Ihm folgt ein Premierenwochenende mit Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ (am 8. Dezember) und Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ (am 9. Dezember).

Insgesamt acht Premieren werden in der Spielzeit 2017/18 geboten, darunter als Highlights am 11.02.2018  Richard Wagners „Tristan und Isolde“ mit Andreas Schager und Anja Kampe in den Titelrollen sowie 17. Juni „Macbeth“ mit Plácido Domingo und Anna Netrebko. Weiteres unter https://www.staatsoper-berlin.de/de/spielplan/

Ursula Wiegand  

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