Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper: IL TROVATORE. „Der Löwe im ewigen Eis – Domingo Forever. Derniere

BERLIN, Staatsoper im Schillertheater, Il Trovatore, 22.12.2013

Der Löwe im ewigen Eis – Domingo Forever

Il Trovatore, Anna Netrebko, Plácido Domingo, Foto Matthias Baus
Anna Netrebko und Placido Domingo. Foto: Matthias Baus

 Wahrlich eine umjubelte Derniere einer schon jetzt als legendär zu bezeichnenden Aufführungsserie. Anna Netrebko und Placido Domingo zeigen ganz ganz große Oper, ungehemmt, roh und saftig. In einer der wundersamsten Partituren, die je auf einen wild dem Odeur des Schundromans anhaftenden Text komponiert worden ist. Und die Musik ist genialster dramatischer Belcanto mit einer romantisierenden Sehnsucht ins ungestüm brutal farbige Mittelalter rund um Grafen, Zigeuner, Hofdamen, Soldaten, singende Kriegsherren, um Hexerei, Feuer, Geisterspuk, Verwirrung, Klosterwelten, Belagerungen, Spionage, Scheiterhaufen, Gift und Galle, Kerker und Brudermord. Sir Walter Scott  im Groschenformat. Absurd, abstrus und deswegen so besonders aufregend in unserer allzu rational kühlen Zeit.

 Umso dankbarer darf man auch sein, dass Regisseur Philipp Stölzl in dieser Oper das theatralisch-bunt-Irrationale betont und aus einer wilden spanischen politischen Geschichte (Thronfolgerstreit zwischen dem Infanten Ferdinand und Herzog von Urgel) ein Stück „Brettervorstadttheater“ schafft.  In seinem Universum geht es um pralle Emotionen und lebendige Theaterfiguren in wonnig derber Schablone, und nicht um Charaktere und psychologisches Erklären. Ein großer Einfall zu einer der schönsten und am schwierigsten zu realisierenden und singenden Opern der gesamten Operngeschichte. Die optische Bühnenumsetzung durch Conrad Moritz Reinhardt trägt dem Rechnung und führt in einen in der Mitte durchgesägten Allzweck-Kubus, deren Wände in weißer Würfeldekoration viel Raum für szenische Verwandlung bietet. Da gibt es Falltüren und Öffnungen wo immer das Zaubertheater es gerade will. Video-Projektionen unter Verwendung von Bildzitaten von René Magritte und Salvador Dalí vergrößern, kommentieren, bringen Blume und Farbe in den blutigen Reigen um Krieg, Leidenschaften und Familiendrama.

 Die Personenregie nimmt sich der commedia del‘arte Figuren wie Marionetten in einem Rembrandtschen Gemälde an, sie haben wie die Puppe Olympia ihrem Demiurgen zu folgen. Herr Stölzl lässt uns die Maschine Theater so hautnah erleben, wie man sich das als Kind in seinen kühnsten Träumen imaginiert haben mag. Der fabelhafte Chor und die Tänzer scheinen in ihrer ausdrucksstarken Typologie einem Stummfilm aus den 30-er Jahren zu entstammen. Theater an und für sich, was noch durch die mittelalterlich historisierenden Kostüme von Ursula Kudrna verstärkt wird. Nicht Rüschen und Taft, sondern greller Reifrock, grobes Leinen und wirres langes zerzaustes Haar. 

 Und wie fügen sich La Netrebko und der große Domingo in diese Ideen? Hervorragend! Beide selbst Vollblutbühnentiere scheinen große Freude an mittelalterlichen Mysterienfest dieser Verdi-Oper zu haben. Die stanizelartig verengte Bühne vergrößert nochmals die beiden Stars und deren mächtig auftrumphenden Gesang. Und wie die Bühne und das Konzept des Regisseurs das suggerieren, wird auch nicht immer fein und ziseliert gesungen, dafür aber umso leidenschaftlicher und wahrhafter. Domingo gebührt für mich persönlich die Krone des Abends. Ein fliegender Holländer, Mephisto, und Fiesling zugleich, singt er, als ob es kein Morgen gäbe. Sein zerfurchtes Gesicht ist das kondensierte Abbild der Oper der letzten 50 Jahre. Die Stimme rauh und mächtig, fahl und leuchtend, (noch immer) überreich an Farben und vokalen Möglichkeiten. Selbst die Kurzatmigkeit an manchen Stellen weiß der große Künstler in Ausdruck und Sinn zu münzen. Seine Duette und Szenen mit der Leonora der Netrebko sind Höhepunkte an zeitlosem Musiktheater schlechthin. Frau Netrebko ist stimmlich am Zenit ihrer Möglichkeiten und singt die Rolle mit dunkel kräftigen Sopran. Man kann sich derzeit keine passendere vokale Umsetzung vorstellen. Wie bei anderen großen OpernkünsterlInnen vor ihr, rührt die Faszination Netrebkos (oder auch Domingos) für das Publikum aus einer Gesamtheit an stimmlicher Unverwechselbarkeit (nicht Perfektion wohlgemerkt), persönlicher Ausstrahlung und einer unbedingten Hingabe an die Bühnenkunst. Gepaart mit hoher künstlerischer Erfahrung, blindem Bühneninstinkt und kollegialem Ensemblegeist gelingen dann, wenn auch der orchestrale Teil stimmt, unvergessliche Aufführungen. Letzteres ist in diesem Fall dem musikalischen Hausherrn der Staatsoper Berlin im Schillertheater Daniel Barenboim zu verdanken. Er setzt das Zauberfüllhorn der Partitur mit der Staatskapelle Berlin und stark gestaltender Hand um. Und wie immer wenn große Dirigenten Oper machen, gibt es dieses unnennbare Mehr an Präzision und Ausdrucksschärfe, an Transparenz und Drive, an Mut zum Äußersten und Letzten. Eine Gratwanderung sicherlich. Seien wir ehrlich: Gerade dieser ausgelassene Taumel am 5000-er Grat inklusive jederzeitiger Ansturzgefahr macht doch die Faszination der Kunstgattung Oper aus.

 Großen und zu recht heftig akklamierten Anteil am Gelingen dieses Trovatore in Berlin, der von der Firma Unitel für DVD mitgeschnitten wurde, kommt auch den anderen Protagonisten zu. Dem tapferen Manrico des Gaston Rivero, dem ohne Edeltimbre und vordergründigen optischen Atouts dennoch stimmlich alles gelingt. Der in lyrischen Passagen das verspricht, was er letztlich bis hin zum mörderischen Schlusston der Stretta auch dramatisch einlösen kann. Bravo! Und die Azucena der Marina Prudenskaya ist ein Klasse für sich, vielleicht noch etwas jung für die Rolle, aber was für eine edle Stimme und musikdramatische Intelligenz. Technisch beherrscht sie die Rolle vollkommen. Der einprägsame Ferrando des Adrian Sâmpetrean führt die gute Riege der Comprimarii an: die Inez der Anna Lapkovskaja, den Ruiz des Florian Hoffmann, den alten Zigeuner des Wolfgang Biebuyck und den Boten des Stefan Livland.

 Ein exzeptioneller Opernabend, der in  nichts der Erinnerung an den Troubadour in Wien unter Karajan Ende der 70-er Jahre nachsteht, damals in einer Serie freilich noch mit dem für Bonisolli eingesprungenen Placido Domingo als Manrico….

 Dr. Ingobert Waltenberger

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