Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper: HÄNSEL UND GRETEL in kunterbunt. Zweite Vorstellung

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Katrin Wundsam und Elsa Dreisig als „Hänsel und Gretel“. Copyright: Monika Rittershaus

Berlin/Staatsoper: „HÄNSEL UND GRETEL“ in kunterbunt,  2. Vorstellung, 11.12. 2017

Regen, Wind, alles grau in grau – bei solch ungemütlichem Winterwetter sehnen sich wohl alle nach Sonne und frischen Farben. Die Sonne können wir nicht herbeizaubern. Innenräume mit satten Farben zu füllen – das schaffen, wenn sie denn mögen, die Regisseure mit ihren Bühnen- und Kostümbildnern.

Achim Freyer
, als Allrounder für alle drei Aufgaben zuständig, mag das und gestaltet bei Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ in der Staatsoper Unter den Linden alles kunterbunt. Auch bevölkert er die Bühne, wie es seine Art ist, mit einer Fülle von lustigen und leicht grauslichen Fabelwesen. Unter der Bühnendecke hängt eine riesige Kreuzspinne. In ihrem stabilen Netz turnen später die Zirkusakrobaten.

Immer wieder läuft, schleicht und springt Freyers Tierwelt über die Bühne, ständig gibt’s was zu bestaunen. Wohin zuerst schauen? Die übergroße, böse blickende Katze erbeutet ein Mäuschen. Ein rosa Schwein hüpft auf den Hinterpfoten, sprich Menschenbeinen.

Freyer, nun 83 Jahre alt, verwirklicht nach wie vor seine überbordenden Kinderträume, und hofft, dass auch in uns noch ein Kind steckt. Selbstverständlich will er die Kids bestens unterhalten und muss sie außerdem 2 ½ Stunden wach halten. An diesem Abend beginnt die Vorstellung um 19.30 Uhr und endet kurz vor 22.00 Uhr. Danach ein längeres Gedrängel an den Garderoben, schließlich der Heimweg. Für die Kleinen, die am nächsten Morgen um 8.00 Uhr in der Schule sein müssen, ist das reichlich spät.

Dass diese Neu-Inszenierung von „Hänsel und Gretel“ die erste ist seit 1963 in der Lindenoper, verblüfft ebenso wie die Tatsache, dass ausgerechnet eine, wenn auch hochwertige Märchenoper den Premierenreigen an der wieder in Betrieb genommenen Staatsoper eröffnet. Jetzt also „Kinder an die Macht“, wie vor Jahren Herbert Grönemeyer gesungen hat? Am 9. Dezember durften drei kleine Solisten sogar beim Prolog von Monteverdis Poppea das Singen üben.

Der Blick durch den ausverkauften Saal zeigt jedoch: die Kleinen sind an diesem Abend ganz deutlich in der Minderheit. Sind die vielen, oft älteren und hörbar aus anderen Gegenden angereisten Erwachsenen zur Auffrischung ihrer Kindheitserinnerungen gekommen? Oder weil sie die wieder eröffnete Staatsoper erleben wollten?

Eine andere Frage erscheint mir noch wichtiger: Warum müssen Katrin Wundsam als Hänsel und Elsa Dreisig als Gretel, zwei junge Sängerinnen, solch überdimensionierte Baby-Kunstköpfe tragen? Unter diesen fast bis auf Brusthöhe hinunter reichenden „Wasserköpfen“ wirken sie tatsächlich wie kleine Kinder. Wenn sie an zwei Stäbchen ziehen, können sie sogar „lebensecht“ mit den Augen kullern.

Das gefällt mir (und einer Mutter vor mir) nicht sehr, werden die Kids doch ohnehin mit allen Arten von Kunstmenschen, insbesondere im Kinder-Fernsehen, überfüttert. Wie wir es bei Freyers Inszenierung lernen, ist der Schluss ein Appell gegen die Überfütterung mit Naschzeug. Denn die böse Knusperhexe, die kannibalisch gerne kleine Kinder verspeist (!), wird hier nicht ins Feuer geworfen, sondern nur der Süßkram, mit dem heutige Kinder überhäuft werden. Eigentlich sollten Hänsel und Gretel ihren „Kopfputz“ auch wegwerfen.

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Katrin Wundsam und Elsa Dreisig als „Hänsel und Gretel“. Copyright: Monika Rittershaus

Bewundernswert ist jedoch, wie perfekt und abwechslungsreich Katrin Wundsam, Mezzosopranistin aus Österreich, und die nun zum Ensemble der Berliner Staatsoper gehörende Elsa Dreisig trotz ihrer (mit Luftspalten versehenen) Großköpfe singen und spielen. All’ die Kinderlieder, die sie so hübsch trällern, könnte ich noch ziemlich textsicher, wenn auch weniger schön als die beiden, mitsingen. Vermutlich hören sie jedoch viele Kids hier zum ersten Mal.  (Text: Adelheid Wette, Humperdincks Schwester, nach dem Märchen von Jacob und Wilhelm Grimm).

Die hier sehr strengen Eltern – die Mutter Gertrud, Marina Prudenskaya im leuchtend roten Kleid, und der Kräuterlikör liebende Vater Peter, an diesem Abend Arttu Kataja in einer Art Bayernlook, dürfen in Menschengestalt bleiben. Als Besenbinder darf er auch kräftig den Besen schwingen.

Während der Mezzo von Frau Prudenskaya im hohen Bereich öfter mal schrill klingt – da müsste von der Technik nachgesteuert werden! – füllt Arttu Katajas kräftig warmer Bariton den Saal mit polternder Gemütlichkeit. So wie sie alle, auch Hänsel und Gretel, ausstaffiert sind, glaubt man ihnen die Armut nicht so ganz.

Die böse Knusperhexe, gesungen von Jürgen Sacher – trägt natürlich eine Kopfmaske, hat das Gesicht auf der Brust und eine Wurst als Nase. Manche meinen, es wäre ein Pimmel. Das Schlimmste sind angeblich ihre riesengroßen Hände mit den roten Fingernägeln, mit denen sie nach den Kindern greift. Die hatten sich im Wald verirrt und futtern nun Lebkuchen von der Hauswand.

Musikalisch geht die Aufführung voll in Ordnung, zumal Dirigent Sebastian Weigle, 15 Jahre lang 1. Solohornist der Staatskapelle Berlin, den jetzigen Mitgliedern viel an Wärme und Klangsinn verordnet, was den liedhaften Szenen sehr zugute kommt.

Im dritten Bild, das im Wald spielt, wagnert es dann überdeutlich, was nicht weiter wundert, da Humperdinck als dessen Assistent voll in seinen Sog geriet. Gleich wird wohl, so denke ich, „Siegfrieds“ Waldvöglein singen. Nein, das macht hier das Sandmännchen (Corinna Scheurle). Das Taumännchen am Morgen singt Sarah Aristidou. Per saldo sind auch die Wagner-Anklänge bei Weigle in kundigen Händen.

Ende gut alles gut. Bekanntlich entgehen Hänsel und Gretel mit kindlicher Schläue der bösen Hexe. Nun also Jubel, Trubel Heiterkeit. Beim heftigen Beifall rennen sie alle im Kreis über die Bühne, die nun nicht mehr strengen sondern glücklichen Eltern, die lebendig gebliebene Knusperhexe und sämtliche Fabelwesen, sprich der fröhliche Kinderchor, einstudiert von Vinzenz Weissenburger.

Katrin Wundsam und Elsa Dreisig nehmen mal kurz ihre Riesenköpfe ab und rennen mit den anderen weiter. Und wenn sie keine Blasen bekommen haben, rennen sie noch heute…

Ursula Wiegand  

Weitere Vorstellungen am 12., 23., 25. und 29. Dezember 2017

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