Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper: HÄNSEL UND GRETEL. In Achim Freyers kunterbuntem Kinderbuchland.Premiere

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Copyright: Monika Rittershaus

BERLIN / HÄNSEL UND GRETEL, Staatsoper Unter den Linden, PREMIERE, 8.12.2017

In Achim Freyers kunterbuntem Kinderbuchland

„Mein Märchen ist aus, dort läuft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große, große Pelzkappe daraus machen.“ Letzter Satz aus Hänsel und Gretel von Jacob und Wilhelm Grimm

Draußen schneit‘s, aus allen Weihnachtsmärkten in Berlin – auch rund um die nahe St.-Hedwigs-Kathedrale – strömt Zimt- und Punschduft und in der Staatsoper Unter den Linden ist die zweite Premiere nach der Wiedereröffnung des prächtig restaurierten Hauses angesetzt. Es wird zwar noch geschraubt gehämmert und verputzt, wie Achim Freyer das in einem Interview anmerkte, sodass des quirlig genialischen Malers, Bühnen- und Kostümbildners, der auch für die Inszenierung verantwortlich ist, „ganze Kleidung von den frisch gestrichenen Türen im Zuschauerraum versaut war“.

Das Publikum merkt davon nichts, alles scheint perfekt zu sein, bis auf die Sitzabstände im 2. Rang, die an die extreme Enge von Billigairlines erinnern. Dafür wird Alt und Jung sofort von einem für Freyer so typischen märchenhaften Setting im halbdunklen Bühnenraum gefangen genommen. Es ist Nacht und die Sterne funkeln, die Bühne verjüngt sich extrem perspektivisch nach hinten bis zu einem zweiten kleinen Bühnenvorhang, vor dem sich der Dirigent von seinem Pult aus geschickt projiziert, zu Beginn und nach der Pause verneigen darf. Der Orchestergraben in die Szene mit eingebaut, mit Netz versteht sich, damit das rundherum agierende Völkchen und Getier nicht in die Tuba oder auf die Violinen fällt. Und, so die Absicht des Regisseurs, die Zuseher durch die Verlagerung der Aktion nach ganz vorne auch auf den Plätzen mit schlechter Sicht was von dem wuselnden Bühnenzauber mitbekommen.

Wer sich in diesem Opernmärchen, das vom Gegensatz Arm und Reich, dem offenbar nicht für alle selbstverständlich zu befriedigendem Grundbedürfnis nach Nahrung, kindlichem Mut und Übermut, aber auch von tristen Familienverhältnissen und einer bösen kannibalischen Hexe handelt, eine auch nur annähernd feuilletontaugliche Regietheateransage erwartet hat, wird nicht auf seine Rechnung kommen. Achim Freyer und sein Team leben vom kindlich verspielten, frei assoziativen Zugang, dem großen poetischen Entwurf, von Phantasterei und Farbe, zeichnerischer Freude und fabulösem Staunen. Und das überträgt sich.

Hänsel und Gretel sind Puppen mit überdimensionalen Köpfen, Vergrößerungen ins Theatralische, hinter denen die realen Personen verschwinden. Sie erinnern an Gestalten aus Trickfilmen bzw. scheinen direkt aus einem Kinderbuch entsprungen. Die Gesichtsmimik muss durch pantomimische Minimalistik und nettem Augenrollen kompensiert werden. Die Bühne wimmelt vor allerlei fabelhaftem Getier, einer „Zweipersonen“ Katze, die zu den herumtrippelnden Mäuslein ganz lieb ist, einer Riesenspinne mit Flügeln oder einem Frosch, der unentwegt auf einer Schiene hinter dem Orchester hin- und her fährt. Ein weißer Riesenhungerkoch mit Loch im Bauch versinnbildlicht die materielle Misere des Besenbinders Peter und seiner Gertrud. Die naive Ausstattung ist oftmals nur durch Pinselstriche angedeutet, der Wald wird als bewegtes graphisches Element auf die schwarzen Wände projiziert.

Es sind magische Fragmente einer erfundenen Welt mit einer beabsichtigen gehörigen Portion Kapitalismuskritik. Achim Freyer drückt da so aus: „Er, sie, es, wir mit Mut, Lust und Wachsamkeit in einer Welt, die nicht ist, was sie ist, was sie sein könnte und müsste, eine Welt aus Missbrauch und Gewalt, Ausbeutung, Gewinn und Machtsucht.“ Er will dieser Welt die beste, die wir haben mit Danken und Staunen über das Wunder entgegensetzen. In diesem kunterbunten Rahmen spielt sich das Stück ab. Mutter Gertud, in einem rot-schwarz getupften „Marienkäferkleid“, und der Besenbinder Peter – ein Waldschratt mit rot-grün-gelber Tracht – müssen sich auf die Suche nach den beiden Kindern machen, die sich bekanntlich beim Erdbeerensuchen im Wald verloren haben.

Klar, dass Freyer die Traumsequenz von Hänsel und Gretel im Wald voll ausschöpft und einen wirklich traumhaften Elfenzirkus daraus bastelt. Da bekommen Kind und Eltern auf dem großen Spinnennetz einen Dompteur, eine Seiltänzerin und einen Gewichtsheber zu bestaunen, ein Pandabär radelt auf einen Minifahrrad, fahrende Mäuse treiben ihr Unwesen, geigende Hühner, der Zauberer Hänsel und die Zirkusreiterin vervollständigen das Personal, bei dem auch ein Handstandclown nicht fehlen darf.

Eine bunte Welt tummelt sich auf Freyers Märchenbühne, die ganz vortrefflich zu der spätromantischen Musik Humperdincks passt. Leider geht bei diesem Konzept der ganze Schrecken der Hexenszene, das Archetypische von Gut und Böse vollkommen verloren. Die Hexe ist ebenfalls eine so ganz und gar nicht schrecklich anzusehende Puppe mit Wurstlippen, Bonbons als Augen und eine Tasse heißer Schokolade als Kopfschmuck, die Nase erweist sich nach langem Raten als ein rotlackierter Finger. Diese Hexe tritt als Trias auf, die Puppe mit jeweils zwei begleitenden überdimensionierten Händen. Das unauffällige Lebkuchenhaus ähnelt einer kleinen Hundehütte mit einem roten Lebkuchenherzen als Tür. Laut Freyer soll die Hexe riesig sein, materielle Verführung und Verlockung, ja gar eine weltweite Konsumkette symbolisieren. Aber so richtig böse geht auch wieder nicht, denn die Hexen sind ja in Freyers Sicht kluge Frauen gewesen, die auf den Scheiterhaufen kamen. Also stellen sie zwar das Böse dar, sind aber eigentlich klug? Das gibt es natürlich, aber wie diese Gedanken auf das Märchen bezogen zusammengehen, muss Freyer erst einmal erklären.

Daher darf kein Backofen oder dergleichen auf der Bühne sein, sondern es wird eine niedliche Verbrennung von Süßigkeiten ein klein wenig angedeutet. Dieses bei den Haaren herbeigezogene Ende deutet Freyer als Vernichten eines ganzen Systems, als quasi revolutionärem Vorgang. Das mag als interpretatorisches Manifest gelten und wem‘s gefällt auch passabel erscheinen, sichtbar wird davon auf der Bühne jedoch rein gar nichts. Die optische Überfülle erstickt ohnedies jede gewollte ideologische Deutung im Keim. Wer das Stück nicht kennt, sieht lediglich Puppen herumflitzen und dann einen harmlosen projizierten Flammenvorhang, hinter dem einige nicht wirklich erkennbare Objekte geworfen werden. Der political correctness wegen wird final eigentlich das Anschauliche, das Drama geopfert. Die Erlösung der Kinder, die auf der Bühne stattfindet, bleibt so völlig unverständlich. Wenn alles nur hochabstrakt angedeutet und nichts mehr gezeigt wird, gibt es auch keine Katharsis auf dem Theater.

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Copyright: Monika Rittershaus

Musikalisch ist die Aufführung erstklassig. Der künstlerische Lorbeerkranz gebührt der Staatskapelle Berlin samt ihrem Dirigenten Sebastian Weigle, die hier wieder einmal zeigen dürfen, wie sehr sie bei Wagner und mindestens ebenso im nachfolgenden spätromantischen Fahrwasser zu Hause sind. Die seidigen Streicher, das edle Holz, das amberfarbene Blech begeistern und verwöhnen die Ohren. Beim ausgezeichneten Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden (Einstudierung Vinzenz Weissenburger) dürfte schon die Vorfreude auf Weihnachten und die vielen erwarteten Geschenke zu spüren sein, mit so viel Eifer und Energie wird da an die Sache heran gegangen.

Die Sängerriege wird angeführt von der hinreißenden Gretel der Elsa Dreisig. Mit silbernem Jubelton und einer immensen Leuchtkraft bis in die höchsten Höhen ist sie der klingende Leuchtturm des Abends. Ihrem Hänsel, der mit einem charaktervoll timbrierten lyrischen Mezzo ausgestatteten Katrin Wundsam, gelingen ebenso – vor allem in den Duetten mit der Gretel – herrlich innige Momente, in der Tiefe fehlen der Stimme allerdings Expansionsfähigkeit und Glanz. Ein Wuchtweib mit „Elektra-Stimme“ ist Marina Prudenskaya als Mutter. Roman Trekel gibt einen vokal untadeligen Peter. Stephan Rügamer bleibt der Rolle der Hexe die Exzentrik und das Gefährliche schuldig, zu aseptisch und schaumgebremst klingt hier sein schöner Charaktertenor. Corinna Scheurle als Sandmännchen und Sarah Aristidou als Taumännchen zeigen, dass es um den sängerischen Nachwuchs Unter den Linden gut bestellt ist.

Fazit: Eine märchenhafte, optisch opulente Aufführung in hoher musikalischer Güte, die jedoch der vielen Harmlosigkeiten wegen am Ende weder der Quintessenz des Märchens noch der beabsichtigten Lesart (ganz) gerecht werden kann.

Dr. Ingobert Waltenberger
Fotos: Monika Rittershaus
Hänsel und Gretel
Hänsel und Hexe

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