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BERLIN/ Staatsoper: FAUST-SZENEN von Robert Schumann zur Wiedereröffnung. ZUM AUGENBLICKE SAGEN: VERWEILE DOCH!. Premiere

BERLIN/ STAATSOPER: FAUST-SZENEN von Robert Schumann zur Eröffnung (3.10.2017)

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Copyright: Staatsoper Berlin

Nach nunmehr 7 Jahren und 4 Spielzeiten mehr als geplant im Ausweichquartier des Schillertheaters, durfte die Staatsoper endlich wieder zurückkehren in ihr historisches, prächtig herausgeputztes Stammhaus Unter den Linden. Die Stückauswahl, zu der sich Noch-Intendant Jürgen Flimm und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim haben hinreissen lassen, ist nach wie vor durchaus kritikwürdig: Schumann’s „Faust-Szenen“, oder wie es heuer an der Staatsoper heisst: ZUM AUGENBLICKE SAGEN: VERWEILE DOCH! »Szenen aus Goethes Faust«. Denn ausschliesslich Schumanns Partitur an diesem Abend zum klingen zu bringen, wäre dann doch etwas wenig. Weshalb dann nicht die Choose etwas ausdehnen? Jürgen Flimm liebt Schauspieler. Wie wäre es dann mit Schauspielern? Zum Glück hat Schumann nicht den gesamten Faust vertont, so blieben dann auch noch genug Schnipsel übrig, die man rezitieren kann. Und fertig ist der Premierenabend. Klingt in der Theorie wahrlich etwas nach Werkstatt-Charakter, eher nach einem Hochschulprojekt als nach einer glanzvollen Wiedereröffnung eines der wichtigsten Opernhäuser der Welt. Und dennoch: der Abend überzeugte, berührte sogar und bleibt in seiner Gänze (wahrscheinlich bewusst) konkurrenzlos.

Das Regiekonzept von Jürgen Flimm setzt vor allem auf grosse Bebilderung. Die bunte, kinderbuch-ähnliche Bühne von Markus Lüpertz erinnert sehr an die Phantasiewelten Achim Freyers. Farblich überladen, stilistisch wild durchwachsen. Die wunderschönen, zum Teil biedermeierinspirierten Kostüme von Ursula Kudrna gehen da fast ein wenig unter, wirken wie rosa Zuckerguss auf einer regenbogenbunten Kindergeburtstagstorte. Jürgen Flimm, wie soll es anders sein bei einem schauspielerprobten Regisseur, traut den Worten mehr als der Musik. Wo Schumann sich mit seiner romantischen Kompositionen brav dem Faust-Stoff nähert, sorgt das Schauspielensemble für die fehlende Portion Energie und Aufruhr. Gedoppelt sind die drei Hauptpartien; Faust, Gretchen und Mephisto in ähnlichen, nicht ganz identischer Kostümierung. Selten sind sie zusammen auf der Bühne, oft geschieht ein fliegender Wechsel. Dieser Spannungsbogen tut dem Werk nur gut, ein reiner Schumann hätte wohl kaum den selben Effekt gehabt. So aber bleibt der Abend spannend, berührt mitunter und unterhält. Dennoch beginnt das Spektakel leider merkwürdig: die einstige Grande-Dame der Staatsoper, keine geringere als Anna Tomowa-Sintow, betritt das Rednerpult und rezitiert Goethes Zueignung. Was sicherlich aus einem Anflug der Nostalgie gedacht war, wirkte leider verstörend und irgendwie befremdlich. Welchen Effekt ein schlecht abgelesenes Gedicht haben soll, dessen Aussprache mehr an die bulgarische als an die deutsche Sprache erinnerte, entzieht sich meiner Kenntnis. Was danach folgte, machte dann aber mehr Hoffnung auf einen unterhaltsamen Abend. Das märchenhaft inszenierte Licht von Olaf Freese faszinierte von der ersten Szene an, schafft Traumwelten wie zum Beispiel in der Schlussszene, wo man bei Flimm mitten in einer buddhistischen Tempelanlage angekommen zu sein scheint.

Meike Droste als Gretchen und Sven-Eric Bechtolf als Mephisto ergänzen grandios die Leistungen ihrer jeweiligen Rollenkollegen. Bechtolf zynisch-fies, Droste auftrumpfend und ausdrucksstark. Nur der Faust von André Jung will nicht so recht über die Rampe kommen, bleibt in Ausdruck und Spiel weit hinter seinen Kollegen zurück. Aber so grossartig wie Roman Trekel singt und agiert, hätte er wahrlich keine Doppelung nötig gehabt. Was für ein Wortkünstler, welch edler, sonorer Klang. Wenn er wie ein Erleuchteter in der Tempelsszene des Schlussbildes weissgeschminkt auf einem Kahn  daherschwebt, gehört die Szene ganz ihm. Bei René Pape ist der Mephisto klangtechnisch in bewährt-guten Händen, allerdings ist man hier für Bechtolfs Rollenergänzung dankbar, denn außer schönen Tönen kann Pape der Partie nicht wirklich aussagekräftigen Charakter verleihen. Das Gretchen hat mit der jungen franko-dänischen Sopranistin Elsa Dreissig eine würdige Intepretin gefunden, die mit ihrem lieblichen und zugleich schön gerundetem Sopran bezaubert. Im Zusammenspiel mit ihrem Pendant Maike Droste gelingen anrührende Szenen, etwa wenn sie Hand-in-Hand nach der Kindstötung von der Bühne schreiten, die eine kindlich-naiv, die andere ganz selbsbewusst.

Auch das Ensemble der Nebenrollen ist mehr als zufriedenstellend besetzt. Allen voran der vollmundig-strahlende Sopran von Evelin Novak (die Not), die den Ensembleszenen viel Glanz verleiht. Katharina Kammerloher ist eine edle, gouvernantenhafte Marthe. Adriane Queiroz (Der Mangel) und Natalia Skrycka (Die Schuld) unterstützen ihre Kolleginnen mit saftigen Mittelstimmen. Wunderbar lyrisch die Kurzauftritte vom fliegenden Engel Ariel in Gestalt von Stephan Rügamer und dem tanzenden Pater Seraphicus Gyula Orendts.

Daniel Barenboim geht gewohnheitsgemäss ganz im romantischen Repertoire auf, entlockt vor allem den Streichern herrlich weiche Klänge. Der Staatsopernchor klingt am besten in seiner Gänze, weniger optimal, wenn nur die Damen allein singen.

Barbara Rosenrot

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