Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsoper: DIE FRAU OHNE SCHATTEN

Berlin/ Staatsoper: „DIE FRAU OHNE SCHATTEN“ von Richard Strauss, 13.04.2017

Camilla Nylund (Kaiserin, knieend), Michaela Schuster(böse Amme) © Hans Jörg Michel
Camilla Nylund (Kaiserin, knieend), Michaela Schuster (böse Amme) © Hans Jörg Michel

Die diesjährigen FESTTAGE der Staatsoper erhalten durch die Premiere der „FRAU OHNE SCHATTEN“ einen besonderen Akzent. Total neu ist diese Inszenierung von Claus Guth allerdings nicht, sondern die dritte Variante nach den Aufführungen im Teatro alla Scala di Milano und am Royal Opera House Covent Garden London.

Das tut aber nichts zur Sache, und dass ich reisebedingt erst die 2. Vorstellung (von leider nur dreien) besuchen kann, ist angesichts der dieser äußerst komplexen Partitur und ihrer stimmlichen Darbietung eher als Vorteil zu werten.

Um es gleich vorwegzunehmen: unter der ebenso jugendfrischen wie kenntnisreichen Leitung des 80jährigen Zubin Mehta läuft die Staatskapelle, frei vom Premieren-Stress, zur Bestform auf. Da auch die Sängerinnen und Sänger zumeist große Klasse sind, wird der Abend zum musikalischen Hochgenuss und macht deutlich, wie großartig und differenziert Richard Strauss in seiner (stark Wagner beeinflussten) Tonsprache die Ängste und Gefühle der einzelnen Personen hören lässt und daraus ein Gesamtdrama geformt hat. Er selbst hielt diese Oper für sein bedeutsamstes Werk.

Dennoch – mit dem Text Hugo von Hofmannsthals konnte und kann ich – als Großstadtfrau von heute – nicht konform gehen. Schauen wir mal genauer hin. Hinter diesem – in einen ausufernd schwelgerischen Text gekleideten – Märchen verbirgt sich wahrscheinlich das jeweilige Trauma zweier verheirateter Kindfrauen.

Das eine (zu) junge Mädchen, ist eine zerbrechliche Gazelle, gespielt von Sarah Grether, eine passende Metapher. Vom Kaiser erjagt, reagiert sie darauf mit einer psychischen Erkrankung und schlimmen Angstträumen. Die andere, die seelisch etwas robustere Frau des Färbers Barak, mit Trotz und Aufruhr.

Und die in feinste Verse verpackte Moral von der Geschicht’?  Nur das Kinderkriegen in möglichst großer Zahl ist laut Hofmannsthal der alleinige Sinn einer Ehe und erbringt die Lösung aller psychischen Probleme. Wenn das so einfach wäre!

Vermutlich waren für Hofmannsthal seine Frau und die drei Kinder tatsächlich der Ruhepunkt in seinem Künstlerleben. Auch in heutiger Zeit gibt es Frauen oder Paare, die sich vergeblich nach einem Kind sehnen und Abhilfe suchen. Bei vielen geht es aber eher, oft aus wirtschaftlichen Gründen, um Kindervermeidung. 

Auch Guth geht bei diesem Libretto auf Distanz, steckt die Kaiserin im weißen Unschuldsgewand als Patientin ins Bett, das gleich anfangs in ein Mahagoni getäfeltes Zimmer geschoben wird (Bühnenbild und Kostüme: Christian Schmidt).

Doch der Arzt und die Amme, die sie betreuen, werden für das schon – durch den eifersüchtigen und überaus strengen Vater (Keikobad, Paul Lorenga in Gestalt eines stummen Alpensteinbocks) – vorgeschädigte Mädchen sofort zu Angst einflößenden Personen. Der Doktor gibt ihr Medizin und sich gleichzeitig als Abgesandter des Vaters zu erkennen (Roman Trekel). Seine Botschaft: ihr Man, der Kaiser, würde zu Stein, wenn sie nicht in den letzten 3 Nächten des „Probejahres“ doch noch schwanger und einen entsprechenden Schatten werfen würde.

Camilla Nylund erweist sich schnell sowohl gesanglich als auch darstellerisch als die ideale Verkörperung dieser Kindfrau, die ihren Mann durchaus nicht ablehnt und sich schuldig fühlt, dass sie ihm trotz seiner allnächtlichen (!) Bemühungen kein Kind schenken kann. Der Gedanke, er könnte versteinern, peinigt sie. Doch ihr junger Körper weigert sich und ihre Seele sicherlich auch. Ein Engel zwischen Wahn und Wirklichkeit mit einem genau zu dieser Rolle passendem lyrischen Sopran, der aber in den entscheidenden Phasen der folgenden zwei Akte auch mit Stärke und Glanz überzeugt.    

Die fürsorgliche Amme ist nun eine raffiniert bösartige Begleiterin, vielleicht ihr eigenes dunkles Alter Ego. Sigmund Freud lässt grüßen. Diese Betreuerin verführt sie dazu, bei den eigentlich verachteten (Mit-)Menschen den so dringend benötigten Schatten zu finden und einer Frau abzukaufen. Ungemein trumpft Michaela Schuster in dieser Ammenrolle auf, eine Böse wie im Bilderbuch mit prachtvollem, Wagner gestähltem Mezzo.

Geht es hier aber wirklich, so frage ich mich, ums Abkaufen des Schwangerschaftsschattens oder vielleicht gar – wie in Gerhart Hauptmanns Schauspiel „Die Ratten“ – um den Kauf eines fertigen Babys, um es dann als das eigene auszugeben?

Nein, hier bleibt alles im nebulös Märchenhaften, und wäre auch so kaum machbar. Denn die resolute Frau des Färbers ist keineswegs schwanger, die verweigert sich ihrem deutlich älteren Mann in den schlabbrigen Arbeiterhosen, dem sie anvertraut ist, wirft ihn sogar aus dem gemeinsamen Bett.

Doch der Färber Barak ist ein herzensguter Mensch, der seine nichtsnutzigen Brüder mit durchfüttert und auf das „junge Herz“ seiner Frau ungewöhnlich viel Rücksicht nimmt. Die beiden sind das eigentlich agierende Paar. Ist es das wirklich, oder träumt die kranke Kaiserin das alles? Jedenfalls kann Iréne Theorin mit ihrem dramatischen Sopran sehr realistisch keifen und später, nachdenklich geworden, mit schließlich doch noch gefundener Herzenswärme ebenfalls überzeugen. Die besitzt Wolfgang Kochs Bariton ohnehin. Ihm glaubt man/frau jedes Wort und jede Geste.  

Während dieser Szenen einer Nicht-Ehe ist die Kaiserin selbst zum Schatten geworden, steht unerkannt von den beiden an der Wand und beobachtet verzweifelt die Zuspitzung der Situation. Als die Färbersfrau ihrem Mann ihr angebliches, von der Amme angestacheltes und innerlich ersehntes Verhältnis mit einem jugendlichen Beau (Jun-Sang Han) beichtet, rastet der friedliche Barak aus und will sie töten. Das imponiert ihr, nun ist er für sie plötzlich der „große Barak“, dessen Strafe sie sogar – beide in getrennten Gefängniskammern sitzend – mit gewisser Lust zu erwarten scheint.

Und der Kaiser? Den gibt Burkhard Fritz und verfügt damit über eine eher undankbare Rolle. Der, auch schon ein älterer Mann (!), hat mit Hilfe des roten Falken die erwähnte Gazelle erjagt, die sich daraufhin in eine junge Frau verwandelte. (Wahrscheinlich hat er das Mädchen aufgrund seiner kaiserlichen Stellung erhalten und muss nun „liefern“).

Jedenfalls vergöttert er sie und begehrt sie unaufhörlich. Unwissentlich, aber genau in den sein Leben entscheidenden drei Jahresresttagen geht er auf die Jagd und ist erstmal verschwunden. Dort im Gebirge, den nahen Tod bemerkend, entwickelt sein Tenor die anfänglich vermissten dramatischen Qualitäten. Das Unheil kündet ihm wieder der rote (hier grauweiße) Falke mit spitzen Schreien an (Narine Yeghiyan). Und immer wieder erklingt geisterhaft der Chor, einstudiert von Martin Wright

Bekanntlich wird durch den aufkommenden Mut der Kaiserin letztendlich alles gut. Heilung durch Selbsttherapie. Sie überwindet trotz der Warnung der Amme ihre Ängste und wagt sich zu ihrem strengen Vater ins raue Gebirge, sprich zum Gespräch ins Elternhaus, in dem die Mutter fehlt. Unterwegs weigert sie sich, das mit Wasser vermischte Blut anderer Frauen zum eigenen Heil zu trinken. Ihr tapferes „ich will nicht“ macht sie gesund. Im Sonnenschein steht sie mit empor gereckten Armen am offenen Fenster. Ein treffendes, schönes Bild.

Zuletzt distanziert sich Guth offensichtlich von Hofmannsthals propagierter und von Strauss musikalisch gestalteter Erlösungstheorie. Was nun zu sehen ist, wirkt – nach der bis dahin eher strengen Inszenierung an den wechselnden, durch die Drehbühne aneinander gereihten Schauplätzen – wohl absichtlich ungemein kitschig. Jetzt tummeln sich lauter Kindlein auf der Bühne, zunächst mit Gazellenköpfen, dann ohne, hüpfend und mit hellen Stimmen singend (Kinderchor geleitet von Vinzenz Weissenburger). Nachwuchs produzieren en masse als Medizin gegen die Angst von Kindfrauen und sonst gar nichts. Solche Vorstellungen wären heutzutage selbst für viele Männer ein Albtraum.

Nur dem sympathischen Färber Wolfgang Koch möchte ich glauben, der für die Ungeborenen noch mehr schuften will als bisher schon. Er ist der bescheidene kleine Held mit dem großen Herzen in diesem doch recht zweifelhaften, von Richard Straus in opulente hochromantische Klangwelten getauchten Märchen.

In weiteren Rollen als Ein Hüter der Schwelle des Tempels: Evelin Novak, Eine Stimme von Oben: Anja Schlosser, Buckliger: Karl-Michael Ebner, Der Einäugige: Alfredo Daza, Der Einarmige: Grigory Shkarupa, Dienerin 1: Sónia Grané, Dienerin 2: Evelin Novak, Dienerin 3: Natalia Skrycka, Kinderstimme 1: Sónia Grané, Kinderstimme 2: Evelin Novak, Kinderstimme 3: Natalia Skrycka; Kinderstimme 4/5/6: Chorsolisten,  Die Stimmen der Wächter der Stadt 1: David Oštrek, Die Stimmen der Wächter der Stadt 2: Gyula Orendt, Die Stimmen der Wächter der Stadt 3: Dominic Barberi.   

Ursula Wiegand

 Nur noch eine Aufführung am 16. April

 

 

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