Der Neue Merker

BERLIN/ Staatsballett: „ERDE“ von Nacho Duato und „THE ART OF NOT LOOKING BACK” von Hofesh Shechter

Berlin/Staatsballett:ERDE“ von Nacho Duato und „THE ART OF NOT LOOKING BACK” von Hofesh Shechter, 21.04.2017

Ballettabend  Duato-Shechter, Duatos Stück Erde, Foto Yan Revazov, b (1)
„Erde“. Copyright: Yan Revazov

Zuerst die kraftvolle Moderne, die deutsche Erstaufführung von „The art of not looking back“ (Die Kunst, nicht zurück zu schauen) des britisch-israelischen Choreographen Hofesh Shechter. ein Star des modernen Tanztheaters. Es ist ein sehr persönliches Stück, frühe Verluste und Verwundungen widerspiegelnd.

 Vom Band ertönt seine Stimme „My mother left me, when I was two“ (meine Muter verließ mich, als ich zwei war). Gemeint ist die Scheidung seiner Eltern, die offenbar starke Spuren hinterlassen hat. Dazwischen auch mal Schreie und hämmernde Beats wie das Schlagen eines Herzens. Die „Musik“, zumeist elektronisch und mitunter krass laut werdend, kommt in beiden Choreographien vom Tonträger.

Shechters Stück, uraufgeführt 2009 auf dem Brighton Festival und dort stark gefeiert, hat keineswegs Patina angesetzt. So wie er unter dem Weggang der Mutter gelitten hat, so leiden ständig Millionen in aller Welt. Wie fatal sich das auswirkt, und sich solch ein Verlust verarbeiten lässt oder auch nicht, zeigt er mit sechs Tänzerinnen des Staatsballetts Berlin, einstudiert von Sita Ostheimer. Sie verkörpern Frauen wie Du und ich in „netten“ Kleidern (Kostüme Becs Andrews).

 Den Damen vom Staatsballett wird hier nun ganz anderes abverlangt, als sie es bisher gewohnt sind. Kein klassischer Spitzentanz, keine Pirouetten, keine Pas de deux mit helfender Männerhand. Das hier ist die Welt der Singles weit nach Petipa, Balanchine und Bart. Das ist extremer Ausdruck, das Schwanken zwischen Resignation und getanzter Qual bis zu zuckenden, vielleicht epileptischen Anfällen.

 Großartig, wie sich Weronika Frodyma, Marina Kanno, Mari Kawanishi, Krasina Pavlova, Pauline Voisard und Xenia Wiest risikobereit in diese Rollen werfen und schonungslos dartun, welch schwierige Kunst es ist, nicht rückwärts zu blicken oder gar eine Partnerschaft aufzubauen. Das scheint nicht zu gelingen. Eine sagt (vom Band), dass sie alles für ihn tun will, doch er lehnt es ab. Bloß keine Bindung. Der zuletzt eingespielte Liebessong, gesungen von Mann und Frau, geht ins Leere, keine steht mehr auf der Bühne. Die Sechs haben alle Illusionen verloren. Starker Beifall.

 Nach dieser faszinierenden Verlust- und Zerrissenheitsstudie hängt die Messlatte für Nacho Duato hoch, der hier nach dreijähriger Tätigkeit eine zweite eigene Choreographie und erstmals eine längere für das Staatsballett Berlin präsentiert. Überarbeitet hat es sich also nicht.

Mit der Uraufführung von „Erde“ tut er nun seine Sorge über die Zerstörung unseres Planeten durch die Menschen kund. Doch Anliegen sind schwierig zu übermitteln, selbst wenn man fast 30 Tänzerinnen und Tänzer damit beschäftigt und sich über die Szenerie (Bühne: Numen + Ivana Jonke) sichtlich Gedanken gemacht hat.

Ballettabend  Duato-Shechter, Duatos Stück Erde, Foto Yan Revazov, b (2)
„Erde“. Copyright: Yan Revazov

Getanzt wird gut und schwungvoll, mitunter auch mutiger und einfallsreicher als in den Märchen-Choreographien. Generell bleibt jedoch das Bewegungsvokabular im Klassisch-Gewohnten. Wer kein Programmheft gekauft hat, kommt nicht unbedingt darauf, dass es hier um die Rettung der von uns überforderten Erde quasi – kitschig von Glockenschlägen untermalt – in letzter Minute geht.

In 11 Szenen versucht Duato, den Zuschauern diese Botschaft nahe zu bringen. Vieles geschieht hinter einem Plastikvorhang auf vernebelter Bühne. Oft sind die Tänzerinnen und Tänzer nur schemenhaft in diesem (hellen) Smog zu erkennen. Mal tanzt auch einer mit Plastikhandschuhen. Als gepeinigte Erde agiert Ksenia Ovsyanick.

Die prägnanteste und mit einem Auflachen quittierte Nummer ist die mit fünf athletischen Herren in offenen Pelzmänteln überm nackten Oberköper (Kostüme: Beate Borrmann). Die wirbeln übers Parket und strecken dem Publikum, sprich den Tierschützern, die Zunge heraus. Doch insgesamt wirkt diese Choreographie recht beliebig, erheischt nicht die Aufmerksamkeit, die diesem wichtigen Thema angemessen wäre.

Zuletzt bevölkert das blau gekleidete Ensemble die Bühne, so zu sagen eine „Blue Man Group“ mit Damen-Beteiligung. Und nun kommt doch noch Hoffnung auf, dass der Erduntergang zu vermeiden ist. Duato, so heißt es dazu, wollte einen versöhnlichen Schluss. Wie die Erde zu retten ist, wird allerdings nicht verdeutlicht. Jedenfalls reißt ein Tänzer den Plastikvorhang herunter, und nun sind alle nebelfrei zu sehen. Ein paar grüne Bäumchen werden auf die Bühne gerollt, unter die sich die gerettete Erde zufrieden kauert. Na ja.

 In den übrigen Rollen die Damen: Julia Golitsina, Jordan Mulli, Elena Pris, Katherine Rooke, Pamela Valim, Pauline Voisard, Luciana Voltolini und Patricia Zhou.

Die Herren: Alexander Abdukarimov, Alexander Akulov, Taras Bilenko, Paul Busch, Joaquín Crespo Lopes, Arshak Ghalumyan, Dominic Hodal, Cameron Hunter, Olaf Kollmannsperger, Nikolay Korypaev, Konstantin Lorenz, Sacha Males, Vladislav Marinov, Alexej Orlenco, Kévin Pouzou, Wei Wang, Dominic Whitbrook und Mehmet Yumak.

 Auch für diese Choreographie gibt es starken, mit Gekiekse untermischten Applaus.

Die ist aber nach Duatos Worten seine letzte fürs Staatsballett, hat er doch bereits um die Aufhebung seines bis 2019 laufenden Vertrages schon für 2018 gebeten. Der Schwede Johannes Öhman muss also schon ein Jahr früher als geplant Duatos Stelle übernehmen. Ob das die vom Staatsballett bisher übel angefeindete Co-Chefin Sasha Waltz, die die Tänzerinnen und Tänzer in die Moderne führen soll, ebenfalls vorzeitig tun wird, ist eine bisher ungeklärte Frage.

Ursula Wiegand

Weitere Aufführungen am 23. und 28. April, am 22., 24. und 29. Mai sowie am 04., 09., 11., 27. und 29. Juni.

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