Der Neue Merker

BERLIN/ Schaubühne: PROFESSOR BERNHARDI von Arthur Schnitzler – Ein Ende ohne Zukunft

BERLIN/ Schaubühne:  PROFESSOR BERNHARDI von Arthur Schnitzler – Ein Ende ohne Zukunft

Ostermeier holt in der Berliner Schaubühne Schnitzers „Professor  Bernhardi“ in die Gegenwart

Eine Wand mit Türen genügt als Bühne. Alles ist klinisch weiß, nur die Zimmerbezeichnungen, von Katharina Ziemke live an die Wand geschrieben, ausgewischt und verschmiert, stören die sterile Sauberkeit  ganz so wie manche Figuren aus dem Stück das menschliche Miteinander  durch ihr opportunistisches Verhalten.

1912 wurde Schnitzlers Komödie „Professor Bernhardi“  für Wien zu kritisch, in Berlin uraufgeführt, da der Antisemitismus im multikulturellen Wien an Terrain gewann. Neue Perspektiven waren in weiter Ferne. Genau dieses Gefühl der Zeitenwende fasziniert Thomas Ostermeier, weil sich darin viele Parallelen zu unserer Zeit finden.

Zusammen mit Dramaturg Florian Borchmeyer entwickelte er eine „hochdeutsche“ Form des „Professor  Bernhardi“ für die Berliner Schaubühne und wunderte sich dabei selbst immer wieder  über Schnitzlers  aktuelle Formulierungen. Nicht  Ostermeiers, Schnitzlers  Worte sind es tatsächlich, die zweidreiviertel Stunden faszinieren, aber eben nur deshalb, weil Regie und Ensemble eine Glanzleistung liefern, die Komödie in ein tiefgründiges Schauspiel mit vielseitigen Fragestellungen, inwiefern soziale Interaktionen Persönlichkeiten verändern. Die Konfrontation von Juden und Antisemiten ist nur ein Aspekt. Genauso relevant ist der Schlagaustausch zwischen naturwissenschaftlich analytischem Denken  und gläubigem Standpunkt, zwischen geradlinigem Handeln nach individuellem Werte- und Würdesystem und einem kompromissbereiten Handeln im Hinblick auf ein gemeinnütziges Ziel. Das sind die  aufeinander prallende Eckpfeiler am Ende einer Kulturepoche damals wie heute.

Dass die Titelfigur Professor Bernhardi gleichzeitig Jude ist, wenn auch ein völlig unorthodoxer, gibt der Handlung  die Logik, aus einem kleinen Disput eine große Sache zu machen und den Dialogen eine zusätzliche Würze durch den aufleuchtenden Antisemitismus.

Professor Bernhardi, Direktor einer Privatklinik, verweigert einem Pfarrer einer Patientin, die Absolution zu erteilen, weil er es für besser hält  die Patientin, die in ihrer letzten Stunde  glaubt, gesund zu werden, in dieser Euphorie einschlafen lassen will. Bernhardis Verhalten wird  von seinem konkurrierenden Stellvertreter mit medialer Unterstützung und falschen Zeugenaussagen zur „Störung der Religionsfreiheit“ hochstilisiert. Die Ärzteschaft polarisiert sich, als der Förderverein der Klinik zurücktritt. Bernhardi muss sich vor Gericht verantworten, verliert  Amt und Ehre, sogar die ärztliche Zulassung. Nach zwei Monaten Haft entlassen, rehabilitiert  durch das Bekenntnis einer Zeugin, falsch ausgesagt zu haben, will er trotzdem  nicht in die Revision gehen.

Ostermeiers Regie und der Brillanz des Ensemble geben ist es zu danken, dass das  Stück in jeder Phase der Inszenierung ein spannenden Schlagabtausch wird. Mit Livevideos schafft Ostermeier eine verfremdende Distanz. Er emotionalisiert das Stück  durch den Blick hinter die Tür auf die Patientin, fokussiert  auf die Schauspieler und deren Schattierungen zwischen verbalen und nonverbalen Sprachebenen und führt vor allem die ständige Einmischung der Medien in soziales Geschehen vor Augen. Das ist wiederum ein sehr realistisch gezeichnetes Panoptikum unterschiedlichster Charaktere.

Dreh- und Angelpunkt ist Professor Bernhardi mit Jörg Hartmann ein ganz smarter Anzugtyp,  der den eloquenten Sarkasmus dieser Figur und das damit verbundene Selbstbewusstsein durch eine extrem bescheidene, fast etwas linkische Art immer wieder relativiert, am authentischsten, wenn er als  Bernhardi immer die absolut gelassen, auch einmal die Nerven verliert. Als sein größter Widersacher entwickelt sich Bernhardis Stellvertreter Dr. Ebenwald. Sebastian Schwarz zeichnet ihn mit rigoroser Übergriffigkeit als Nazi von ersten Sekunde an. Konrad Singer gelingt als Dr. Filitz ein zackig lächerlicher Mitläufertyp. Den Minister, Exschulfreund und -kollege Bernhardis , setzt Hans-Jochen Wagner als grandiose Wendehalssatire in Szene.

Die Doktoren für Bernhardi bleiben allesamt sympathisch. Blumig umständlich, schon etwas altertümlich schrullig und nervig, doch überaus liebenswürdig Thomas Bader (Dr. Cyprian), souverän, durch und durch ein Ehrenmann mit Sinn fürs Pragmatische Robert Beyer (Dr. Pflugfelder), moralisch integer, aber strategisch unerwartet kontraproduktiv Eva Meckbach (Dr. Adler).

Hinter sachlicher Miene verschanzt, herzlos ehrgeizig spielt Veronika Bachfischer die jüdische Aufsteigerin (Dr. Wenger), die ihrem Mäzen Professor  Bernhardi eiskalt in den Rücken fällt.

Der Pfarrer, Laurenz Laufenberg spielt ihn mit einer naiven euphorischen Jugendlichkeit, wirkt in seinem Insistieren, Wiedergutmachungsversuchen wie ein Unschuldslamm, doch seine hehren Worte machen aus der reinen Seele  eine Satire dogmatische Sturheit.

Nur zwei Nebenfiguren verändern sich den Zeitgeschehnissen entsprechend grundlegend. Als flapsig kritischer Medizinstudent wandelt sich Moritz Gottwald zum duckmäuserischen Fiesling. Umgekehrt outet sich der einst unkonventionelle Dr. Winkler in seiner Funktion als Ministerialrat zum vifen Strategen im Zentrum der Macht, mit Christoph Gawenda herrlich lässig besetzt. Ihm gehört das Schlusswort. Schmunzelnd erklär er, dass es ein Fehler sei im speziellen Fall das Richtige zu tun. Dann wäre er „genauso ein Rindvieh gewesen“  wie Bernhardi.

Obwohl Professor Bernhardi Opfer ist, bleibt er nicht schuldfrei. Zu sehr stellt er seinen absolut medizinischen Standpunkt über das Seelenheil der Patientin. Zu sehr handelt er  nur aus ganz persönlichen Gründen, ohne Vision und Verantwortung für das Ganze. Ein Ende ohne Zukunft, vage zwischen Opfer und Schuld ist das nachdenkliche Resümee.

Michaela Schabel 

 

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