Der Neue Merker

BERLIN / Pierre Boulez Saal: SCHUBERT KLAVIERMUSIK ZU VIER HÄNDEN. DANIEL BARENBOIM & RADU LUPU

BERLIN / Pierre Boulez Saal: SCHUBERT KLAVIERMUSIK ZU VIER HÄNDEN, 8. März 2017

Wunderduo DANIEL BARENBOIM & RADU LUPU im dritten Eröffnungskonzert des neuen Konzertsaals

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Copyright: Volker Kreidler

Ein ungleiches Brüderpaar bilden die beiden Herren im grauen Haarkranz. Würdevoll betreten sie pünktlich den neuen Pierre Boulez Saal in der Barenboim/Said Akademie in diesem dritten Eröffnungskonzert und werden andächtig begrüßt. Der Saal ist zum Bersten voll, drei Reihen an Stühlen wurden zusätzlich bis an den Rand des Steinway in diesem ovalen Amphitheater aufgestellt. Die Platzsuche gestaltet sich schwierig, das System an Treppen, Blöcken, Reihen und Plätzen ist auch den Saalanweisern noch nicht hinreichend geläufig. 

Überhaupt muss sich einiges erst einstellen und glätten, wie der Konzertbesucher bald bemerkt. Wer ortsunkundig die nicht ausgeschilderte Kassa oder die Garderobe sucht, muss sich erst durch die Masse an Menschen am Büffet im engen Foyer durcharbeiten. Als noch „unbekannter“ Geheimtipp erweist sich die Garderobe im Rang, ebenfalls im Zufallsmodus auszumachen. Das Personal an den Eingängen und der Getränkebar ist höchst sympathisch und bemüht. Das System mit Kassenbons aber so schwerfällig, dass viele wohl auf den vorzüglichen Riesling besonders während der kurzen Pause verzichten mussten. Vielleicht setzt sich mit der Zeit die Erkenntnis durch, dass ohne die architektonische Prävalenz in Frage zu stellen, einige Ausschilderungen doch von Vorteil wären.

Schließlich scheint sich trotz aller anfänglicher Orientierungslosigkeit doch eine eingeschworene Gemeinde an Kennern und Genießern versammelt zu haben und Barenboim/Lupu können loslegen. Auf dem Programm stehen Werke für Klavier zu vier Händen: die Sonate B-Dur D 617, die Fantasie f-moll D 940 sowie nach der Pause das Divertissement sur des motifs originaux français e-moll D 823 und als Zugabe das Rondo in A-Dur.

Schuberts Klaviermusik, und besonders seine große Fantasie in f-Moll, entstanden im letzten Lebensjahr des Komponisten unmittelbar vor den bedeutenden drei späten Klaviersonaten, bildet den Stoff, aus dem die Götter Träume weben. Daniel Barenboim, Hausherr und Mitbegründer des neuen Konzertsaalwunders an der Spree im von Richard Paulick nach der Zerstörung im Krieg neu entworfenen Magazin für die Kulissen der Staatsoper Unter den Linden, wird im März 2017 nicht weniger als 17 Konzerte, die meisten davon als Pianist mit Werken von Franz Schubert, bestreiten.  

Ein ganz besonderer Leckerbissen war wohl die gestrige allerhöchste Begegnung mit seinem charismatischen rumänischen Kollegen Radu Lupu. Es war ein magischer Abend für alle Freunde von Klaviermusik zu vier Händen, beide Stars befanden sich in absoluter Geberlaune und waren von den Schubert-Musen auf beide Wangen geküsst. Wer kennt sie nicht, die berühmten DECCA Aufnahmen Radu Lupus mit Schuberts Klaviersonaten? Für viele, auch für mich, ist Lupus Schubert Spiel das non plus ultra an feinfühliger und überiridischer Anschlagskultur. Die Töne scheinen wie Sternenstaub von den Händen Lupus zu fallen. Wer gestern das berühmte einleitende Motiv aus der Fantasie in f-moll gehört hat, übrigens das einzige Stück des gestrigen Abends, wo Lupu die oberen Register gespielt hat, weiß, welch großem Augenblick er da lauschen durfte. 

Aber auch Barenboim, dessen Anschlag konkreter, sachlicher, vielleicht auch verspielter klingt, schöpft aus einem unendlichen Arsenal an ausgefeilter pianistischer Technik. Da perlen die 32/tel im ersten Satz der Großen B-Dur Sonate in den Raum und geben einen ersten Eindruck der tollen Akustik des Saals. Barenboims jugendliche Energie ist unglaublich und versprüht sich eloquent im Miteinander des intimen Zwiegesprächs mit dem Klavierpartner. Die wechselnden Stimmungen zwischen Lebensfreude, Melancholie und Trauer schweben über den mächtigen Partituren. Kennst Du die Verwandlung? Die Zuschauer werden Zeugen dieses seltenen alchemistischen Prozesses, der den Augenblick still stehen lässt. Der Schubert‘sche Bekenntniston wandelt sich in Ewigkeit. Die finale Fuge ist des beredter Zeuge.

Natürlich bildete die Fantasie in f-moll das Zentrum des Abends. Gewidmet seiner heimlich geliebten Schülerin Karoline von Esterházy, wandelt die Sonate das punktiert verträumte Hauptthema von f-moll in f-dur. Radu Lupus Kunst jetzt steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Fein werden die Übergänge gewoben, des Gesagte verflüchtigt sich im modularen Wechsel. Barenboim ist in den energischeren Passagen des zweiten Satzes und im dritten Satz tonangebend, Lupus zarte Antworten in den Wiederholungen der lyrischen Melodie des ersten Themas nicht von dieser Welt. Grandios!

Auch nach der Pause und in der großzügigen Zugabe mit dem Rondo in A-Dur gibt es Schubert-Glück pur. Intensiver Applaus und Standing Ovations beschließen einen erstaunlichen Abend.

Zur Akustik: Yasuhisa Toyota ist hier sein Meisterstück gelungen. Weit mehr als in der für mich klanglich uneinheitlichen und letztlich enttäuschenden Elbphilharmonie ist die akustische Komponente dem klaren und präzisen Nutzungszweck als Kammermusiksaal entsprechend faszinierend. Hell und hellhörig ist der kubische Raum, jeder Ton des Klaviers erklingt mit höchster Präzision, hat aber auch jenes poetische etwas, das Musik nicht als kalten technischen Akt, sondern als Magie empfinden lässt. Die Musik „ploppt“ weniger als in Hamburg, das Holz als vorherrschendes Material scheint der „Weißen Haut“ an Gipsfaserplatten der Elphi überlegen. Huster explodieren allerdings auch hier überproportional. Vielleicht sollte man, wie dies im Wiener Konzerthaus eine Zeitlang für wohltuende Ruhe gesorgt hat, überall Behälter mit Hustenzuckerl aufstellen. Ein Sponsor dafür wird sich doch finden lassen.

Etwas psychedelisch wirken die in geschwungene Linien in den Raum gepflanzten Ränge, die sich wie zwei akrobatische Skaterbahnen oval an die Wände schmiegen. Da kann dem Zuschauer schon mal schwindlig werden vor lauter Auf und Ab. 

Insgesamt ist der Pierre Boulez Saal aber ein Gesamtkunstwerk und wird das Musikleben in Berlin nachhaltig bereichern. Der Spielplan ist sensationell und unverwechselbar zugleich. Das gemeinsame Dach mit der Musikhochschule bietet aber ein ganz besonderes Flair, das den Alltag ganz rasch vergessen lässt. Hingehen und genießen!

CD-Tipps für Schubert Fantasie in f-moll:

Radu Lupu & Murray Perahia, Duo Tal & Groethuysen

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Foto: Volker Kreidler

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