Der Neue Merker

BERLIN/ Pierre Boulez-Saal: GROSSE BEGEISTERUNG BEI ERÖFFNUNG

Berlin/ Pierre Boulez Saal: große Begeisterung bei der Eröffnung, 5.3. 2017

 New York hat die Carnegie Hall, Hamburg nun endlich die Elbphilharmonie, und schon seit 1963 besitzt Berlin mit der von Hans Scharoun konzipierten Philharmonie einen Weltklasse-Klangtempel.

Eröffnungskonzert, Pierre Boulez Saal, Foto Peter Adamik
Eröffnungskonzert, Pierre Boulez Saal, Foto: Peter Adamik

Dennoch setzt der am 4. März eröffnete Pierre Boulez Saal in der Französischen Straße in Berlin-Mitte in seiner Art neue Maßstäbe. Er ist der modernste Musiksaal der deutschen Hauptstadt und mit maximal 682 Plätzen sozusagen Berlins kleine „Spreephilharmonie“. Eine ganze Woche lang wird die Eröffnung gefeiert.

Am 4. März, dem ersten Tag, war viel politische und kulturelle Prominenz geladen, und die äußerte sich begeistert. „Du fühlst dich hier gleich wohl“, sagte der noch amtierende Bundespräsident Joachim Gauck und nannte den Pierre Boulez Saal „eine Perle“.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, ein eifriger Konzertgänger, äußerte, er sei fast sprachlos. Es gäbe keinen zweiten Saal wie diesen auf der Welt. Wenn er damit dessen ovale Form meinte, ist das richtig. Die verdankt der Pierre Boulez Saal dem US-Stararchitekten Frank Gehry. Aber auch Daniel Barenboim.

 Frank Gehry am 03.03.2017, Foto Ursula Wiegand
Frank Gehry am 03.03.2017, Foto: Ursula Wiegand

 Gehry, der beizeiten anreiste, hat in einem Interview am 3. März aus dem Nähkästchen geplaudert und geschildert, wie es dazu kam. „Zunächst habe ich Daniel einen konventionellen Entwurf vorgelegt, vorne das Orchester und hinten das Publikum. Wo sind denn die Ovale, hat Daniel mich gefragt,“ erzählt der 88-Jährige. Die hatte er 2012 bei einer Besprechung auf ein Blatt Papier gemalt, vermutlich ganz in Gedanken. „Daran kann ich mich bis heute nicht mehr erinnern,“ räumt er lächelnd ein.

Doch Barenboim bewahrte diese Skizze, die nun den Spielplan 2017 ziert, auf und wollte ohnehin „etwas Besonderes“, einen variabel nutzbaren Raum und vor allem diese Ovale. Wie sehr er seinen Freund Frank darum gebeten hat, ist auf einem Schild in der Barenboim-Said-Akademie zu lesen, der Heimat des neuen Konzertsaals.

 Daniel Barenboims Bitte an Frank Gehry
Daniel Barenboims Bitte an Frank Gehry, Foto: Ursula Wiegand

 Der ist ohnehin ein Geschenk Gehrys an Barenboim. Also hat er ihm diesen Wunsch erfüllt und die ungewöhnliche Saalform durch zwei gegeneinander verschobene Rang-Ellipsen noch zusätzlich betont. Wie eine Achterbahn für die Töne kam sie mir sofort vor.

Ob er Musik mag, frage ich Gehry. „I love music,“ ist seine prompte Antwort. Vielleicht soll die Musik ebenso durch den Saal schwingen wie diese beiden Ellipsen, überlegt mein „denkendes Auge“.

 Lev Loftus, Schlagzeuger aus Tel Aviv (2)
Lev Loftus, Schlagzeuger aus Tel Aviv, Foto: Ursula Wiegand

 Wie rundherum zu erfahren ist, gefällt dieser mit Tannen- und Zedernholz ausgekleidete Kammermusiksaal dem Publikum ebenso wie den Instrumentalisten. „Dieser Saal fühlt sich irgendwie warm an,“ äußert der in Toronto geborene und nahe Jerusalem aufgewachsene Schlagzeuger Lev Loftus. „Es fühlt sich gut an, hier zu spielen, der Klang ist sehr gut, fast wie zu Hause im Salon,“ strahlt der 30-Jährige, der am Mozarteum in Salzburg studiert hat und an der Oper Tel Aviv arbeitet. „Ich glaube, alle von uns sind sehr begeistert,“ sagt er und meint damit das neu geschaffene Boulez Ensemble (bestehend aus Mitgliedern des West-Eastern Divan Orchestra und der Staatskapelle Berlin) und dessen Gäste.

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Daniel Barenboim, Foto: Peter Adamik

Barenboim will „Musik für das denkende Ohr“ bieten, und das bekommt bei dem höchst unterschiedlichen Eröffnungsprogramm, das an diesem 5. März wiederholt wird, tatsächlich einiges zu tun. Überdies dient solch ein Parcours durch Zeiten und Stile auch als Test für den Raumklang und die Fitness der Musikanten. Klar, dass der Akustikdesigner Yasuhisa Toyota erneut dem Gebotenen lauscht.

Der Flügel für Daniel Barenboim steht schon auf dem Parkett, bevor das Publikum in den Saal strömt. Das Podium wurde gänzlich weggeräumt. Die Musizierenden sind so zum Greifen nahe, nicht nur in den ersten Reihen.

Der Flügel für Daniel Barenboim steht schon parat
Der Flügel für Daniel Barenboim steht schon parat, Foto: Ursula Wiegand

Generell ist hier niemand mehr als 14 Meter von ihnen entfernt. Für wie wichtig sie diese Nähe und die sich dadurch ergebende Kommunikation zwischen den Interpreten und den Zuhörern halten, haben Gehry und Toyota vorab betont und sind damit ganz auf Barenboims Linie.

Der hat im ersten Teil eine Doppelfunktion, dirigiert als Auftakt „Initiale“ von Pierre Boulez, eine 1987 komponierte Fanfare für 7 Blechbläser und eines der wenigen Stücke, die nicht weiterentwickelt wurden. Die Bläser stehen rechts und links oben im Saal und durchfluten den ganzen Raum mit ihrem Klang.

Nun setzt sich Barenboim an den Flügel, um Anna Prohaska (Sopran) beim Schubert-Lied „Der Hirt auf dem Felsen“ zu begleiten. Von meinem Platz auf der ersten Rang-Ellipse kann ich ihm genau auf die flinken Fingen gucken, sehe, wie seine Linke mitunter die Tasten tupft. Von einer Klarinette umschmeichelt macht Anna Prohaska den jungen Hirten lebendig, der von seiner weit entfernten Liebsten singt, um dann vor lauter Sehnsucht in kummervolles Moll zu fallen. Doch beim Frühlingsnahen beginnt er zujubeln und macht sich fürs fröhliche Wandern bereit. Wenige Tage nach diesem optimistischen Liedschluss endet Schuberts kurzes Leben.

Starker Applaus, doch noch mehr davon ernten bald Herr Mozart und die Interpreten. Die offerieren mit Schwung sein „Klavierquartett Es-Dur“ KV 493. Dabei fällt mir auf, dass sich die tieferen Streicher, insbesondere das Cello von Kian Soltani, klanglich gut erkennbar durchsetzen. Fröhlich schultert er nach dem Konzert sein Instrument.

Cellist Kian Soltani nach Konzertende
Cellist Kian Soltani nach den Konzert, Foto: Ursula Wiegand

Dagegen erschien mir das leisere Instrument, die von Michael Barenboim gekonnt gespielte Violine, akustisch benachteiligt zu sein. Ähnliches war später auch bei den Harfen zu bemerken und bedarf wohl der Nachjustierung. Das aber bleibt mein einziger Einwand gegen den – von meinem Platz aus – ansonsten als gelungen empfundenen Raumklang. Jörg WidmannsFantasie für Klarinette solo“ gespielt auf der Empore rechts oben, wird jedenfalls zu einem witzig-klaren Vergnügen. Völlig fasziniert von einem Boulez-Konzert hat er das kurze Stück 1993, als 20Jähriger, aufs Notenpapier geschrieben.

Die Stunde der Wahrheit schlägt schließlich bei Dissonanzen reicher Musik. Alban BergsKammerkonzert für Klavier und Geige mit 13 Bläsern“ lässt aber trotz der vorherrschenden Heftigkeit mein denkendes Ohr nicht ertauben. Vielleicht federt das viel verbaute, per se schwingende Holz einiges ab. Die Instrumente bleiben auch unterscheidbar. Karim Said, nun am Klavier, ist gut herauszuhören.

Die 13 Bläserinnen und Bläser fegen mich ebenfalls nicht vom Sitz. Sie stehen jedoch auf dem Saalboden und obendrein beidseitig von mir. Womöglich ist es bei solchen, zumal volumig besetzten Werken angenehmer im Rang zu sitzen als direkt vor den Bläsern und Schlagzeugern. Ein Überblick aufs Geschehen ist ein weiterer Vorteil.

Herausforderung sur Incises, Foto Peter Adamik
Herausforderung sur Incises, Foto:  Peter Adamik

Wahrscheinlich gilt das auch für das letzte Stück, „sur Incises“ von Pierre Boulez, einem echten „Knaller“, an dem Boulez insgesamt 10 Jahre gearbeitet und dabei das ursprüngliche Klavierstück ständig erweitert und kompliziert hat. „Work in progress“ – das war seine Art des Komponierens.

Ein Werk von irrwitziger Schwierigkeit für die Interpreten ist es auf diese Weise geworden: drei Klaviere, drei Harfen und drei Schlagzeuger müssen sich koordinieren. Eine enorme Herausforderung, aber eigentlich genau passend für die oft aus verfeindeten Ländern stammenden jungen Menschen, die die gemeinsame Leidenschaft für die Musik zu einem friedlichen Miteinander erzieht.

Sie alle müssen sie sich auch extrem konzentrieren. Der so gelassen freundliche Lev Loftus wirkt nun wie ein schwarzer Panther vor dem Sprung. Der blonde Pianist Denis Kozhukhin vor ihm zündet Klangraketen. Musik-Verrückte sind hier am Werk und produzieren ein Feuerwerk von auflodernden, mal auch leicht glimmenden Flammen.

Ein ungemein faszinierendes Stück, höchst versiert verwirklicht und von meinem Platz aus auch facettenreich zu hören. Das Publikum jubelt ausdauernd. Die neue „Spreephilharmonie“ hat ihre Feuertaufe bestens bestanden. Auch der Chef kann zufrieden sein. Durch die Gründung der Barenboim-Said-Akademie und den Bau des Pierre Boulez Saals erfüllt sich für ihn ein lang gehegter und beherzt vorangetriebener Lebenstraum.    

Die gesamte Konzertsaison ist unter www.boulezsaal.de zu finden. Das kleine Café steht auch allen offen und ist täglich von 11 – 18 Uhr geöffnet.

Ursula Wiegand

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